Diabetes: Beeinflussen Kartoffeln den Blutzuckerspiegel positiv oder negativ?

American Heart Association, Diabetes-Forschung 2024, Harvard University

Medizin Doc Redaktion, aktualisiert am 20. März 2024, Lesezeit: 9 Minuten

Sind Kartoffeln für Diabetiker geeignet? Kartoffeln stehen im Ruf, zur Gewichtszunahme beizutragen und das Risiko für Typ-2-Diabetes zu erhöhen.

  • Deshalb stehen sie oft auf der Liste der Lebensmittel, die zu meiden sind, vor allem bei Menschen mit Insulinresistenz.

Eine Studie des Pennington Biomedical Research Center, die im Journal of Medicinal Food veröffentlicht wurde, zeigt jedoch, dass Kartoffeln dieses Risiko nicht erhöhen, viele wichtige Nährstoffe enthalten und zahlreiche gesundheitliche Vorteile bieten.

  • Dr. Candida Rebello, Assistant Professor am Pennington Biomedical Research Center der Louisiana State University, war Mitautorin der Studie, in der die Auswirkungen einer kartoffelreichen Ernährung auf wichtige Gesundheitsfaktoren untersucht wurden.

Laut Rebello, die auch als Ernährungswissenschaftlerin arbeitet, hat die Studie gezeigt, dass Kartoffeln entgegen der landläufigen Meinung keinen negativen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel haben und somit auch für Diabetiker geeignet sind.

  • Tatsächlich hätten die Studienteilnehmer sogar Gewicht verloren, erklärte die Wissenschaftlerin.

Menschen neigen dazu, die gleiche Menge an Nahrung zu essen, um sich satt zu fühlen, unabhängig vom Kaloriengehalt, so die Wissenschaftlerin.

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Kartoffeln statt Fleisch

Durch den Verzehr von Lebensmitteln mit einem höheren Gewicht, die wenig Kalorien enthalten, kann die Anzahl der aufgenommenen Kalorien leicht reduziert werden.

Entscheidend bei dieser Studie ist, dass nicht die Portionsgröße der Mahlzeiten reduziert wurde, sondern der Kaloriengehalt durch den Zusatz von Kartoffeln. Jeder Studienteilnehmer erhielt eine Mahlzeit, die auf seinen persönlichen Kalorienbedarf abgestimmt war.

Durch den Ersatz von Fleisch durch Kartoffeln wurden die Probanden jedoch schneller satt und beendeten ihre Mahlzeit oft gar nicht erst. Abnehmen ist also mit wenig Aufwand möglich.

An der Untersuchung nahmen 36 Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren teil, die übergewichtig waren, an Fettleibigkeit (Adipositas) oder Insulinresistenz litten. Insulinresistenz wird mit Fettleibigkeit, Bluthochdruck, hohem Cholesterinspiegel und Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.

  • Die Teilnehmer/innen bekamen eine genau kontrollierte Ernährung mit weit verbreiteten Lebensmitteln, darunter entweder Bohnen, Erbsen und Fleisch oder Fisch oder weiße Kartoffeln mit Fleisch oder Fisch.

Beide Ernährungsformen enthielten viel Obst und Gemüse und ersetzten schätzungsweise 40 Prozent des typischen Fleischkonsums durch Bohnen und Erbsen oder Kartoffeln.

Vorangegangene wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der Verzehr von Bohnen und Erbsen den Blutzuckerspiegel bei Personen mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes verbessert.

  • Um den Ballaststoffgehalt der Kartoffeln zu erhöhen, wurden sie mit Schale gekocht und anschließend 12 bis 24 Stunden gekühlt.

Die Kartoffeln wurden in die Hauptgerichte des Mittag- und Abendessens integriert, wie z.B. Shepherd’s Pie und Creamy Shrimp and Potatoes, und zusammen mit Beilagen wie Kartoffelpüree, gebackenen Kartoffelecken, Kartoffelsalat und überbackenen Kartoffeln zum Mittag- und Abendessen serviert.

Die Kartoffeln wurden so zubereitet, dass sie möglichst viele Ballaststoffe enthielten. Beim Vergleich der Kartoffeldiät mit einer Diät mit Bohnen und Erbsen stellte sich heraus, dass beide Diäten die gleichen gesundheitlichen Vorteile hatten, so Rebello.

In der Regel halten sich die Menschen nicht an eine Diät, die sie nicht mögen oder die nicht abwechslungsreich genug ist. Die Ernährungspläne boten daher eine große Auswahl an Gerichten und zeigten, dass ein gesunder Ernährungsplan viele Möglichkeiten für Menschen bietet, die sich gesund ernähren möchten.

Was ist an Kartoffeln so gesund? – Nährstoffe und Vitamine

Kartoffeln (Erdäpfel) enthalten kaum Fett, dafür aber Stärke, Ballaststoffe, Eiweiß, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe:

  • Kartoffeln haben einen hohen Nährwert und sind reich an Eiweiß, Kohlenhydraten, Magnesium, Kalium und Eisen.
  • Da sie zu 80 Prozent aus Wasser bestehen, sind sie kalorienarm.
  • Die Knolle ist außerdem reich an den Vitaminen B1, B2 und Vitamin C.

Pellkartoffeln haben einen höheren Kaliumgehalt als zum Beispiel gekochte Möhren oder Kürbisse.

Die Zubereitung ist entscheidend für einen hohen Vitamin- und Mineralstoffgehalt.

  • Beim Kochen von geschälten Speisekartoffeln gehen beispielsweise 16 Prozent des Vitamin C verloren, beim Druckgaren sogar 27 Prozent, beim Dünsten dagegen sind es nur sieben Prozent.

Bratkartoffeln aus rohen Kartoffeln enthalten die meisten Nährstoffe. Anders als bei gekochten Kartoffeln bleiben die Inhaltsstoffe in der Pfanne erhalten, da durch die plötzlich einsetzende hohe Hitze die Wirkung der Enzyme, die für den Abbau der Vitamine verantwortlich sind, gestoppt wird.

Ketogene Diät, Paleo-Diät: Welche Ernährung das Diabetes-Risiko senkt und welche es erhöht

Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass eine kohlenhydratarme, tierische Ernährung mit einem höheren Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden ist, während eine kohlenhydratarme, pflanzliche Ernährung mit einem geringeren Diabetesrisiko einhergeht.

Laut Studienautorin Yeli Wang, die an der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston forscht, ist die Menge der Kohlenhydrate weniger wichtig als die Qualität der Proteine, Fette und Kohlenhydrate, um das Risiko für Typ-2-Diabetes bei allgemein gesunden Menschen ohne Prädiabetes oder Diabetes zu senken.

Kohlenhydratarme Diäten und Ernährungsformen wie die ketogene Diät oder die Paleo-Diät sind beliebt, da sie Studien zufolge zu einem schnellen Gewichtsverlust innerhalb von sechs bis zwölf Monaten führen können.

  • Unklar ist jedoch, warum sie so effektiv beim Abnehmen sind und wie sie sich langfristig auf die Gesundheit auswirken.

Eine Theorie besagt, dass eine kohlenhydratreduzierte Ernährung zu einer Erhöhung des Fett- und Eiweißanteils führt, was wiederum das Hungergefühl reduziert.

Eine andere Theorie besagt, dass die Beschränkung von Kohlenhydraten den Stoffwechsel des Körpers erhöht und hilft, Kalorien zu verbrennen.

Auswirkung auf Blutzucker- und Cholesterinspiegel bei kohlenhydratarmer Diät

Es gibt mehr als ein Dutzend gängiger kohlenhydratarmer Diäten, darunter die ketogene Diät, bei der Kohlenhydrate stark eingeschränkt werden, und die Paleo-Diät, bei der Obst, Gemüse und mageres Fleisch im Vordergrund stehen und die sich an der Ernährung der Menschen in der Altsteinzeit orientiert.

Es gibt wissenschaftliche Studien, die darauf hindeuten, dass eine sehr kohlenhydratarme Ernährung den Blutzuckerspiegel von Menschen mit Prädiabetes oder Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) verbessern kann.

  • Allerdings variiert die Anzahl der Kohlenhydrate, die bei diesen Diäten verzehrt werden, und die Betonung des Fettkonsums gibt Anlass zu Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen dieser Diäten auf den Cholesterinspiegel und die Herzgesundheit.

Laut Kristina Petersen, Assistant Professor in der Abteilung für Ernährung an der Texas Tech University in Lubbock, zeigt diese Studie, dass einige kohlenhydratarme Diäten oder Ernährungsweisen besser sind als andere.

Die Forscher untersuchten den Zusammenhang zwischen einer kohlenhydratarmen Ernährung und der Wahrscheinlichkeit, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken, einem wichtigen Risikofaktor für Herzerkrankungen und Schlaganfälle.

  • Die Analyse umfasste Ernährungs- und Gesundheitsdaten von mehr als 200.000 Erwachsenen aus drei großen nationalen Studien. Alle Studien erstreckten sich über einen Zeitraum von 1984 bis 2017.

Die Teilnehmenden füllten alle vier Jahre Fragebögen zu ihrer Ernährung aus und wurden bis zu 30 Jahre lang beobachtet. Keiner der Teilnehmenden litt zu Beginn der Studie an Diabetes.

  • Ob sich jemand kohlenhydratarm ernährt, wurde in der Studie nicht anhand der genauen Menge der täglich aufgenommenen Kohlenhydrate definiert.

Stattdessen errechneten die Forscherinnen und Forscher einen Score, der auf dem prozentualen Anteil der Gesamtenergie aus der täglichen Aufnahme von Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten basiert.

Anhand dieser Punktzahl wurden die teilnehmenden Frauen und Männer in fünf gleich große Gruppen eingeteilt.

In der Gruppe mit dem niedrigsten Kohlenhydratanteil stammten etwa 40 Prozent der täglichen Energie aus Kohlenhydraten, so Wang.

  • Die US-Ernährungsrichtlinien empfehlen dagegen, dass Kohlenhydrate 45 bis 65 Prozent der Energiezufuhr ausmachen sollten.

Um die Qualität der Ernährung zu bewerten, wurden die verzehrten Lebensmittel in 18 Gruppen eingeteilt: Vollkornprodukte, Obst, Gemüse, Nüsse, Hülsenfrüchte, pflanzliche Öle, Tee und Kaffee, Fruchtsäfte, raffiniertes Getreide, Kartoffeln, zuckergesüßte Getränke, Süßigkeiten und Desserts, tierische Fette, Milchprodukte, Eier, Fisch oder Meeresfrüchte, Fleisch und verschiedene tierische Lebensmittel.

Erste Studiendaten zeigen, dass Menschen in der Gruppe mit der niedrigsten Kohlenhydrataufnahme, die mehr Proteine und Fette aus pflanzlichen Quellen zu sich nahmen, ein um 6 Prozent geringeres Risiko hatten, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken – und wenn ihre Ernährung zusätzlich Zucker und andere raffinierte Kohlenhydrate minimierte, war das Risiko um 15 Prozent geringer.

Im Gegensatz dazu hatte die Gruppe, die am wenigsten Kohlenhydrate zu sich nahm und sich hauptsächlich von tierischen Proteinen und Fetten ernährte, ein um 35 Prozent höheres Risiko, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken – und ein um 39 Prozent höheres Risiko, wenn die Ernährung zusätzlich einen geringen Anteil an Vollkornprodukten enthielt.

  • Ein Schwachpunkt der Studie ist nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiß waren. Es stellt sich daher die Frage, ob die Ergebnisse auf andere ethnische Gruppen übertragbar sind.

Die Ergebnisse dieser Studie, die in Chicago auf der Scientific Sessions Konferenz der American Heart Association vorgestellt wurde, gelten als vorläufig, bis sie in einer von Experten begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht werden.

Die American Heart Association empfiehlt eine Ernährung, die eine große Vielfalt an Obst (Äpfel, Birnen, Pflaumen, Weintrauben, Heidelbeeren/Blaubeeren, Himbeeren, etc.) und Gemüse (Spinat, Pak Choy, Rosenkohl, Grünkohl, Brokkoli, Feldsalat, Rucola, Avocados etc.) sowie gesunde Eiweißquellen wie Fisch (Lachs, Thunfisch, etc.) und Meeresfrüchte, Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen, etc.) und Nüsse (Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse, etc.), fettarme oder fettfreie Milchprodukte und mageres Fleisch enthält. 

  • Ferner empfiehlt die American Heart Association, minimal industriell verarbeitete Nahrungsmittel gegenüber extrem industriell verarbeiteten Lebensmitteln zu bevorzugen und Zucker, Salz (Natrium) sowie den Konsum von Alkohol einzuschränken.

Quellen

  • Louisiana State University, Pennington Biomedical Research Center
  • Candida J. Rebello et al, Low-Energy Dense Potato- and Bean-Based Diets Reduce Body Weight and Insulin Resistance: A Randomized, Feeding, Equivalence Trial, Journal of Medicinal Food (2022). DOI: 10.1089/jmf.2022.0072

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Werden Typ-2-Diabetes-Patientinnen und Patienten falsch behandelt?


Quelle: ZS Verlag

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