Studie: Diabetes-Remission durch bessere Leberfettwerte – unabhängig vom BMI

Diabetes-Forschung 2022, Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Medizin Doc Redaktion, Beitrag vom 23. September 2022

Diabetes Typ 2 wird nicht durch einen zu hohen Body-Mass-Index (BMI) „verursacht“, sondern durch die Einlagerung von zu viel Fett in der Leber und der Bauchspeicheldrüse, unabhängig vom Gewicht der Betroffenen.

Forschungsergebnisse der University of Glasgow und der University Newcastle haben gezeigt, dass die Menge des in der Leber gespeicherten Fetts bei Menschen mit Typ-2-Diabetes höher ist, unabhängig vom Body Mass Index (BMI).

Auch bei Menschen mit einem normalen Körpergewicht gibt es eine „persönliche Fettschwelle“, bei deren Überschreitung sich Typ-2-Diabetes entwickeln kann.

Eine Remission von Typ-2-Diabetes ist demnach auch bei Menschen mit normalem Körpergewicht möglich, was die These von der „persönlichen Fettschwelle“ bestätigt, so eine Studie von Forschern der University Newcastle.

Was bedeutet Remission bei Diabetes?

Als Remission bei Diabetes mellitus Typ 2 gilt ein HbA1c-Wert (durchschnittlicher Blutzuckerspiegel) von weniger als 48 mmol/mol über einem Zeitraum von mindestens sechs Monaten und das Absetzen aller Arzneimittel.

Wie Diabetiker eine Remission erreichen können – unabhängig vom BMI

Übergewichtige Menschen mit einem Bodymass-Index (BMI) von über 30 haben ein höheres Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken.

Eine Studie der University Newcastle hat bereits gezeigt, wie und warum ein Abnehmprogramm bei Menschen mit Fettleibigkeit oder Übergewicht Diabetes Typ 2 in Remission bringen kann. Doch nicht alle Menschen mit Typ-2-Diabetes sind übergewichtig.

Etwa 15 Prozent der Diagnosen von Diabetes Typ 2 betreffen Menschen mit normalem Gewicht und es wird vermutet, dass die Krankheit in diesen Fällen eine andere Ursache hat.

  • In der neuen Studie wurde untersucht, ob eine Gewichtsabnahme auch bei Menschen mit einem Body Mass Index (BMI) im oder knapp über dem „normalen“ Bereich (BMI unter 27 kg/m2) die Krankheit umkehren kann.

800 Kalorien pro Tag

An der Studie nahmen zwanzig Männer und Frauen mit Diabetes Typ 2 (durchschnittlicher BMI 24,8 kg/m2, Durchschnittsalter 59,0 Jahre) teil.

Die Teilnehmer nahmen an einem Abnehmprogramm teil, bei dem sie zwei Wochen lang täglich 800 Kalorien (aus kalorienarmen Suppen und Shakes sowie nicht-stärkehaltigem Gemüse) zu sich nahmen und anschließend vier bis sechs Wochen lang ihr neues Gewicht hielten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchliefen bis zu drei Runden dieses Diät-/Gewichtserhaltungszyklus, bis sie etwa 10 bis 15 Prozent ihres Körpergewichts verloren hatten.

70 Prozent der Diabetiker erreichten eine Remission

Nach Abschluss der Studie wurden ihre Ergebnisse mit denen einer Kontrollgruppe verglichen – 20 Personen ohne Diabetes, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und Body-Mass-Index identisch waren.

Bei vierzehn der 20 Studienteilnehmer (70 Prozent) mit Diabetes Typ 2 kam es zu einer Remission, ein ähnlicher Anteil wie bei früheren Studien mit Teilnehmern, die mit Diabetes Typ 2 und Übergewicht oder Adipositas leben.

  • Als Remission gilt ein HbA1c-Wert (durchschnittlicher Blutzuckerspiegel) von weniger als 48 mmol/mol für mindestens 6 Monate und das Absetzen aller Medikamente.

Zum Zeitpunkt der Remission hatten die Teilnehmer durchschnittlich 7,7 kg abgenommen (10,7 Prozent des Ausgangsgewichts).

Im Zeitraum von 6 bis 12 Monaten blieb das Körpergewicht stabil.

Gesamtkörperfett-Werte

Der durchschnittliche Body-Mass-Index (BMI) verringerte sich von 24,8 auf 22,4 und das Gesamtkörperfett sank von 32,1 Prozent auf 27,7 Prozent – im Vergleich zur Kontrollgruppe von Menschen ohne Diabetes, die einen durchschnittlichen Body-Mass-Index von 21,5 und 24,6 Prozent Gesamtkörperfett aufwiesen.

Fettmenge in Leber und Bauchspeicheldrüse

Anhand spezieller MRT-Scans konnte gezeigt werden, dass die Fettmenge in der Leber und der Bauchspeicheldrüse deutlich zurückging.

Obwohl die durchschnittliche Fettmenge in der Leber der Studienteilnehmer/innen mit 4,1 Prozent als unauffällig gelten würde, war sie etwa dreimal so hoch wie bei gesunden Menschen mit gleichem Gewicht und sank auf 1,4 Prozent, also fast auf den Wert der gesunden Kontrollgruppe.

Der Fettanteil in der Bauchspeicheldrüse sank von durchschnittlich 5,8 Prozent auf 4,3 Prozent und die Aktivität der insulinproduzierenden Zellen kehrte in den Normalbereich zurück.

  • Nach Ansicht der Forscher/innen zeigen diese Ergebnisse sehr deutlich, dass Diabetes Typ 2 in der Bauchspeicheldrüse bei normalgewichtigen Menschen durch die gleichen Faktoren verursacht wird wie bei Menschen mit Übergewicht oder Adipositas.

Diese Erkenntnis ist wichtig, denn Ärzte neigen zu der Annahme, dass bei Menschen mit geringerem Körpergewicht Diabetes Typ 2 eine andere Ursache hat, weshalb ihnen in der Regel nicht dazu geraten wird, abzunehmen, bevor sie mit Diabetes-Medikamenten und schließlich einer Inselhormon-Behandlung beginnen.

Persönlichen Fettschwelle genetisch bedingt

Wenn diese Menschen etwa 10 Prozent ihres Gewichts verlieren würden, hätten sie eine sehr gute Chance, ihre Typ-2-Diabetes-Erkrankung in Remission zu bringen, erklärt Professor Roy Taylor von der Newcastle University in Großbritannien, der die Studie federführend leitete.

Laut Professor Taylor unterstützen diese Forschungsergebnisse die These von der persönlichen Fettschwelle, die besagt, dass jeder Mensch mit Typ-2-Diabetes etwas mehr Fett gespeichert hat, als er individuell vertragen kann

Dieser Wert ist von den Genen abhängig. Jede Person hat einen Schwellenwert, bis zu dem sie sicher Fett speichern kann, und das hat wenig mit dem Body-Mass-Index zu tun.

Wenn man an Typ-2-Diabetes erkrankt, hat man einfach mehr Fett im Körper, als man verarbeiten kann, auch wenn man scheinbar schlank ist.

Der Fettüberschuss gelangt in die Leber und die Bauchspeicheldrüse, wodurch die normale Funktion gestört wird und Typ-2-Diabetes entsteht.

Schon ein halbes Gramm zusätzliches Fett in der Bauchspeicheldrüse reicht aus, um die normale Insulinproduktion zu verhindern.

Diabetes wird nicht durch einen zu hohen Body-Mass-Index „verursacht“, sondern durch die Einlagerung von zu viel Fett in Leber und Bauchspeicheldrüse, unabhängig vom Gewicht.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen, dass Menschen, in dessen Familie jemand an Typ-2-Diabetes erkrankt ist, seinen Blutzucker jedes Jahr überprüfen lassen sollte, unabhängig von seinem Gewicht.

Die Ergebnisse dieser Studie wurden auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Stockholm (Schweden) vorgestellt.

Scheinbar gesunde Leberfettwerte können Typ-2-Diabetes auslösen

Weitere Forschungsergebnisse der University of Glasgow und der University Newcastle hatten zuvor bereits gezeigt, dass die Menge des in der Leber gespeicherten Fetts bei Menschen mit Typ-2-Diabetes höher ist, unabhängig vom Body Mass Index (BMI).

Die Ergebnisse der Studie zeigen auch, dass die Leberfettmenge, die derzeit als gesund gilt, bei Menschen mit einem normalen Body-Mass-Index (BMI) für den Stoffwechsel schädlich sein und Diabetes mellitus Typ 2 verursachen kann.

Bereits zuvor hatte die Studie Diabetes Remission Clinical Trial (DiRECT) der University of Glasgow und der University Newcastle gezeigt, dass ein intensives Abnehmprogramm, das von Allgemeinmedizinern begleitet wird, bei übergewichtigen Menschen zu einer Remission von Diabetes Typ 2 führen kann.

Nach den Ergebnissen dieser Studie ist überschüssiges Fett in der Leber und der Bauchspeicheldrüse der Grund für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 – und der Abbau dieses intra-organischen Fetts ist der Schlüssel zur erfolgreichen Remission.

Die Studie von Professor Roy Taylor und Kollegen von der Universität Newcastle untersuchte, ob das intra-organische Fett auch bei normalgewichtigen Menschen mit Diabetes Typ 2 erhöht ist.

Ferner wurde überprüft, wie sich der Fettgehalt in den Organen nach einer Gewichtsreduktion verändert.

Dabei wurden Daten aus zwei BMI-Gruppen verwendet. Die erste bestand aus 56 Teilnehmern der Diabetes-Studie DiRECT.

Der durchschnittliche Body-Mass-Index (BMI) der Teilnehmer lag bei 35,1, also im adipösen Bereich, und das Durchschnittsalter der Probanden betrug 53 Jahre.

Bei der zweiten Studiengruppe handelte es sich um 15 Teilnehmer/innen der Studie Reversal of Type 2 Diabetes upon Normalisation of Energy Intake in the Non-obese (ReTUNE).

  • In der ReTUNE-Studie wird untersucht, ob eine Gewichtsabnahme bei normalgewichtigen Menschen Diabetes Type 2 (T2D) in Remission bringen kann.

Die Teilnehmer hatten einen durchschnittlichen BMI von 24,3, was im Normalbereich liegt, und ein Durchschnittsalter von 58 Jahren.

In beiden Gruppen wurde ein Programm zur Gewichtsregulierung durchgeführt, das durch eine Gewichtsabnahme von mindestens 10 bis 15 Prozent eine Remission von Diabetes Typ 2 herbeiführen sollte.

Das Programm sah vor, dass die Teilnehmer/innen täglich 800 Kalorien (aus Suppen und Shakes mit niedrigem Kaloriengehalt) zu sich nahmen, um abzunehmen, und anschließend dabei unterstützt wurden, ihr neues Gewicht zu halten.

Vor und nach der Gewichtsabnahme wurde der Fettgehalt in der Leber und der Bauchspeicheldrüse mit Hilfe von Scans gemessen.

Anschließend wurden die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe verglichen – Menschen ohne Diabetes, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und Body-Mass-Index übereinstimmten.

Das Leber- und Bauchspeicheldrüsenfett war bei den Diabetikern unabhängig von ihrem persönlichen Body-Mass-Index (BMI) höher als bei den Kontrollpersonen und sank mit der Gewichtsabnahme.

Das Leberfett ging bei den Teilnehmern der DiRECT-Studie stark zurück: von durchschnittlich über 16 Prozent auf 3 Prozent. Bei den Kontrollpersonen, die übergewichtig waren, lag der Wert bei 5,5 Prozent.

Bei den ReTUNE-Teilnehmern sank das Leberfett von 4,7 Prozent auf 1,4 Prozent. Bei den normalgewichtigen Kontrollpersonen lag der Wert bei 1,9 Prozent.

Auch die Werte für das Fett in der Bauchspeicheldrüse gingen zurück. Sie sanken bei den DiRECT-Teilnehmern von 8,5 Prozent auf 7,6 Prozent (Kontrolle, 6,8 Prozent) und bei den ReTUNE-Teilnehmern von 5 Prozent auf 4,5 Prozent (Kontrolle, 3,4 Prozent).

Ein ähnlicher Anteil der Menschen in beiden Kohorten – 60 Prozent der DiRECT-Teilnehmer und 67 Prozent der ReTUNE-Teilnehmer – erreichten eine Remission ihrer Diabeteserkrankung.

Als Remission (Nachlassen) wurde ein HbA1c-Wert (durchschnittlicher Blutzuckerspiegel) von weniger als 48 mmol/mol und das Absetzen aller bisherigen Arzneimittel definiert.

Laut den Autoren der Studie zeigen die Forschungsergebnisse, dass der Leberfettgehalt vom Gewicht abhängt und dass der Schwellenwert für einen gesunden Leberfettgehalt den persönlichen Body-Mass-Index einer Person berücksichtigen sollte.

  • Derzeitig geht man davon aus, dass ein Leberfettgehalt von weniger als 5,5 Prozent unabhängig vom BMI einer Person gesund ist.

Es ist klar, so Professor Taylor, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes mehr Fett in ihrem Körper haben, als sie verkraften können, auch wenn sie schlank zu sein scheinen.

Die Ergebnisse zeigen laut Taylor auch, dass der Leberfettgehalt vom Gewicht abhängt und dass die derzeit als gesund geltenden Werte bei Menschen mit einem geringeren Gewicht durchaus gesundheitsschädlich sein können.

Quellen

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Werden Typ-2-Diabetes-Patientinnen und Patienten falsch behandelt?


Quelle: ZS Verlag

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