Zunehmende Pilzinfektionen: Was sind die häufigsten und wie werden Sie behandelt?

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Dirk de Pol, aktualisiert am 14. Juli 2023, Lesezeit: 10 Minuten

Pilzinfektionen sind häufig auftretende Erkrankungen, die durch eine Überwucherung von Pilzen in oder auf dem Körper verursacht werden.

Diese Infektionen können verschiedene Körperregionen betreffen und von unterschiedlichen Erregern verursacht werden.

Was sind Pilzinfektionen?

Pilzinfektionen, auch als Mykosen bekannt, sind Infektionen, die durch das Eindringen von Pilzen in den menschlichen Körper entstehen. Pilze sind Mikroorganismen, die in der Natur weit verbreitet sind. Einige von ihnen können jedoch opportunistische Pathogene sein und Infektionen verursachen, insbesondere wenn das Immunsystem geschwächt ist oder andere Faktoren das Gleichgewicht der Haut oder Schleimhäute stören.

Pilzinfektionen eingeteilt nach dem Ort des Auftretens

Pilzinfektionen können an verschiedenen Körperstellen auftreten und verursachen unterschiedliche Symptome. Hier sind einige der häufigsten Arten von Pilzinfektionen nach dem Ort des Auftretens:

Haut- und Nagelpilzinfektionen

Diese Art von Infektion betrifft die Haut und Nägel. Hautpilzinfektionen können zu Rötung, Juckreiz, Schuppenbildung und Veränderungen der Nagelstruktur führen. Nägel können verdickt, brüchig oder verfärbt sein. Diese Infektionen treten oft an den Füßen, zwischen den Zehen, an den Händen oder an anderen Hautpartien auf.

Mundsoor

Mundsoor tritt in der Regel bei Säuglingen, älteren Menschen oder Personen mit geschwächtem Immunsystem auf. Es wird durch eine Überwucherung des Hefepilzes Candida albicans in der Mundhöhle verursacht. Mundsoor führt zum Auftreten von weißen, cremigen Belägen auf der Zunge, dem Gaumen, den Wangen oder anderen Bereichen im Mund. Diese Beläge können Schmerzen und Unwohlsein verursachen, insbesondere beim Essen oder Schlucken.

Vaginalpilzinfektion

Vaginalpilzinfektionen, auch als Vaginalmykosen bezeichnet, sind häufig bei Frauen. Sie werden hauptsächlich durch den Hefepilz Candida albicans verursacht. Vaginalpilzinfektionen können zu Symptomen wie Juckreiz, Brennen, Ausfluss (meist weiß und käsig) und Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs führen. Einige Frauen erleben auch Schmerzen oder Beschwerden beim Wasserlassen.

Fußpilz

Fußpilz ist eine sehr verbreitete Pilzinfektion, die die Zehenzwischenräume, Fußsohlen und manchmal auch die Nägel betrifft. Es wird oft durch Dermatophyten, eine Gruppe von Pilzen, verursacht. Fußpilz verursacht unangenehmen Juckreiz, Rötung, Schuppung und manchmal auch Blasenbildung an den betroffenen Stellen. Es kann sich auch auf andere Bereiche des Fußes ausbreiten, wie z.B. die Fußsohlen oder die Nägel.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese aufgeführten Pilzinfektionen nur einige Beispiele sind und dass Pilzinfektionen auch an anderen Körperstellen auftreten können, wie z.B. im Bereich der Leistengegend (Leistenpilz), der Kopfhaut (Tinea capitis) oder der Nägel (Nagelpilz). Wenn Symptome einer Pilzinfektion auftreten, ist es ratsam, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen, um eine genaue Diagnose und angemessene Behandlung zu erhalten.

Klassifizierung von Pilzinfektionen nach Erregern

Pilzinfektionen können nach den Erregern, die sie verursachen, klassifiziert werden. Hier sind einige der häufigsten Erreger von Pilzinfektionen:

  1. Candida: Candida ist eine Gattung von Hefepilzen, die verschiedene Pilzinfektionen verursachen kann, wie z.B. Mundsoor, Vaginalpilzinfektionen und Windelausschlag bei Säuglingen.
  2. Dermatophyten: Dermatophyten sind Pilze, die Haut, Nägel und Haare befallen können. Sie verursachen Haut- und Nagelpilzinfektionen, wie z.B. Fußpilz und Ringelflechte.
  3. Hefepilze: Neben Candida können auch andere Hefepilze, wie z.B. Malassezia, Pilzinfektionen verursachen. Malassezia ist bekannt für seine Rolle bei der Entstehung von Schuppen und seborrhoischer Dermatitis.

Was sind die Ursachen einer Pilzinfektion?

Pilzinfektionen treten auf, wenn Pilze in den Körper eindringen und sich dort vermehren. Es gibt verschiedene Gründe, warum dies geschehen kann:

Geschwächtes Immunsystem

Ein geschwächtes Immunsystem kann die Abwehrkräfte des Körpers gegen Pilzinfektionen beeinträchtigen. Das Immunsystem spielt eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Pilzen und anderen Krankheitserregern. Wenn das Immunsystem geschwächt ist, beispielsweise durch Krankheiten wie HIV/AIDS, die Einnahme von Immunsuppressiva oder durch bestimmte Erkrankungen, besteht ein erhöhtes Risiko für Pilzinfektionen.

Feuchtigkeit und Wärme

Pilze gedeihen in feuchten und warmen Umgebungen. Wenn bestimmte Körperbereiche feucht gehalten werden, zum Beispiel durch Schweiß, Hautfalten oder schlechte Belüftung, können Pilze dort wachsen und Infektionen verursachen. Dies ist besonders häufig in Bereichen wie den Zehenzwischenräumen, Leistenfalten oder Achselhöhlen.

Verletzungen der Haut

Verletzungen oder Hautirritationen können den Pilzen den Eintritt in den Körper erleichtern. Offene Wunden, Kratzer, Scheuerstellen oder Hautreizungen können eine Eintrittspforte für Pilze sein. Durch diese Verletzungen können Pilze leichter in die Haut eindringen und Infektionen verursachen.

Antibiotika oder Kortikosteroide

Die Einnahme von Antibiotika oder Kortikosteroiden kann das natürliche Gleichgewicht der Mikroorganismen auf der Haut oder Schleimhäuten stören. Antibiotika können nützliche Bakterien abtöten, die normalerweise das Wachstum von Pilzen kontrollieren. Dadurch können Pilze die Gelegenheit nutzen, sich unkontrolliert zu vermehren und Infektionen zu verursachen. Kortikosteroide können ebenfalls das Immunsystem schwächen und das Wachstum von Pilzen begünstigen.

Risikofaktoren für eine Pilzinfektion

Es gibt bestimmte Faktoren, die das Risiko einer Pilzinfektion erhöhen können. Dazu gehören:

  • Diabetes: Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Pilzinfektionen, insbesondere Fußpilz und Vaginalmykosen.
  • Schwangerschaft: Hormonelle Veränderungen während der Schwangerschaft können das Wachstum von Hefepilzen begünstigen und das Risiko von Vaginalpilzinfektionen erhöhen.
  • Geschwächtes Immunsystem: Personen mit geschwächtem Immunsystem, wie z.B. Patienten mit HIV/AIDS oder Personen, die Immunsuppressiva einnehmen, haben ein höheres Risiko für Pilzinfektionen.
  • Eng anliegende Kleidung: Das Tragen enger Kleidung und synthetischer Stoffe kann die Luftzirkulation behindern und das Wachstum von Pilzen begünstigen.
  • Gemeinschaftseinrichtungen: Der Aufenthalt in Gemeinschaftseinrichtungen wie Schwimmbädern, Spas oder Umkleideräumen kann das Risiko einer Pilzinfektion erhöhen, da Pilze dort leicht von Person zu Person übertragen werden können.

Diese Pilzinfektionen treten am häufigsten auf

Einige Pilzinfektionen treten häufiger auf als andere. Hier sind einige der am häufigsten vorkommenden Pilzinfektionen:

  1. Fußpilz: Fußpilz ist eine weit verbreitete Pilzinfektion, die die Zehenzwischenräume und Fußsohlen betrifft.
  2. Vaginalpilzinfektion: Vaginalpilzinfektionen sind häufig bei Frauen und können zu Symptomen wie Juckreiz, Brennen und Ausfluss führen.
  3. Hautpilzinfektionen: Hautpilzinfektionen, wie z.B. Ringelflechte, können an verschiedenen Körperstellen auftreten und verursachen Rötungen, Juckreiz und Schuppung.
  4. Mundsoor: Mundsoor tritt häufig bei Säuglingen, älteren Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem auf und führt zur Bildung von weißen Belägen in der Mundhöhle.

Wie erfolgt die Diagnose einer Pilzinfektion?

Die Diagnose einer Pilzinfektion wird in der Regel durch eine körperliche Untersuchung und das Sammeln von Symptomen und Krankheitsgeschichte gestellt. Ein Arzt oder eine Ärztin kann auch eine Probe des betroffenen Gewebes nehmen, um sie unter dem Mikroskop zu untersuchen oder kulturell anzuzüchten, um den Erreger zu identifizieren.

Wie sieht die Behandlung einer Pilzinfektion aus?

Die Behandlung von Pilzinfektionen umfasst in der Regel den Einsatz von Antipilzmitteln, auch als Antimykotika bezeichnet. Antimykotika können in Form von Cremes, Salben, Lotionen, Tabletten oder Kapseln zur äußerlichen oder innerlichen Anwendung verabreicht werden.

So beugen Sie einer Pilzerkrankung wirksam vor

Es gibt verschiedene Maßnahmen, die Sie ergreifen können, um Pilzinfektionen vorzubeugen. Hier sind einige Tipps:

  • Halten Sie die Haut sauber und trocken: Eine gute Hygiene, insbesondere in feuchten Bereichen wie den Zehenzwischenräumen oder der Leistengegend, kann helfen, das Wachstum von Pilzen zu verhindern.
  • Vermeiden Sie das Teilen von persönlichen Gegenständen: Vermeiden Sie es, Handtücher, Kleidung oder andere persönliche Gegenstände mit anderen Personen zu teilen, um eine Übertragung von Pilzen zu vermeiden.
  • Tragen Sie luftdurchlässige Kleidung: Wählen Sie Kleidung aus natürlichen, atmungsaktiven Stoffen, um eine übermäßige Schweißbildung und Feuchtigkeit zu vermeiden.
  • Vermeiden Sie übermäßigen Gebrauch von Antibiotika: Nehmen Sie Antibiotika nur nach Anweisung Ihres Arztes oder Ihrer Ärztin ein und vermeiden Sie den übermäßigen Gebrauch, da dies das Gleichgewicht der natürlichen Mikroorganismen stören kann.
  • Stärken Sie Ihr Immunsystem: Eine gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, regelmäßige körperliche Aktivität und der Umgang mit Stress können dazu beitragen, Ihr Immunsystem zu stärken und das Risiko von Pilzinfektionen zu verringern.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Pilzinfektionen?

Der Klimawandel hat weitreichende Auswirkungen auf unsere Umwelt und Gesundheit. Während bisher vor allem Bakterien und Viren als Verursacher von Infektionen und Krankheiten bekannt waren, zeigt eine neue Studie, dass auch pathogene Pilze durch steigende Temperaturen gefährlicher werden können. Bisher haben solche Pilze nur geringfügige Probleme für gesunde Menschen verursacht, da die Körpertemperatur in der Regel zu heiß für infektiöse Pilze ist. Doch dies könnte sich bald ändern, warnen Forscher der Duke University in North Carolina [4].

Veränderte Lebensbedingungen für Pilze

Die steigenden Temperaturen durch den Klimawandel verändern die Umweltbedingungen, denen Pilze ausgesetzt sind. Pilze sind auf bestimmte Temperaturbereiche angewiesen, um zu wachsen und zu überleben. Durch die Erwärmung könnten sich diese Bereiche verlagern oder erweitern, was potenziell pathogene Pilze begünstigen könnte.

Ausbreitung von Pilzinfektionen

Mit der Veränderung der Lebensbedingungen könnten sich auch die Verbreitungsgebiete von Pilzen verändern. Gebiete, die bisher für Pilze zu kalt waren, könnten nun für sie geeignete Bedingungen bieten. Dies könnte dazu führen, dass sich Pilzinfektionen auf neue Regionen ausbreiten, in denen die Menschen weniger immun gegen diese Arten von Pilzen sind.

Resistenz gegenüber medizinischen Behandlungen

Eine weitere mögliche Auswirkung des Klimawandels auf pathogene Pilze besteht darin, dass sie resistenter gegenüber medizinischen Behandlungen werden könnten. Wärmeangepasste Pilze könnten möglicherweise Mechanismen entwickeln, um den therapeutischen Wirkungen von Antimykotika zu entgehen. Dies würde die Behandlung von Pilzinfektionen erschweren und die Gesundheitsrisiken erhöhen.

Veränderungen im Ökosystem

Pilze spielen eine wichtige Rolle in verschiedenen Ökosystemen. Wenn sich das Gleichgewicht der Pilze durch den Klimawandel verändert, kann dies auch Auswirkungen auf andere Organismen haben. Dies könnte zu einer Störung der Nahrungsketten führen und die ökologische Gesundheit gefährden.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf pathogene Pilze sind ein neues und besorgniserregendes Forschungsgebiet. Die steigenden Temperaturen könnten dazu führen, dass diese Pilze gefährlicher werden und neue gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung darstellen. Es ist von großer Bedeutung, die Entwicklungen auf diesem Gebiet weiter zu erforschen und angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um mögliche Gefahren zu minimieren. Der Klimawandel erfordert ein umfassendes und koordiniertes Vorgehen, um unsere Umwelt und unsere Gesundheit zu schützen.

Fazit

Pilzinfektionen sind häufige Erkrankungen, die verschiedene Körperbereiche betreffen können. Sie werden durch das Eindringen und Wachstum von Pilzen in oder auf dem Körper verursacht. Durch das Verständnis der Definition, Klassifizierung, Ursachen, Risikofaktoren, Diagnose und Behandlung von Pilzinfektionen können Sie mögliche Infektionen besser erkennen, behandeln und vorbeugen. Bei Verdacht auf eine Pilzinfektion ist es immer ratsam, einen Facharzt oder eine Fachärztin für Dermatologie oder Gynäkologie aufzusuchen, um eine genaue Diagnose und angemessene Behandlung zu erhalten.

Quellen

  1. Fungal Infection (Mycosis): Types, Causes & Treatments. Cleveland Clinic, Oct. 2022
  2. Who Gets Fungal Infections? Centers for Disease Control and Prevention.  August, 2021
  3. Fungal_infection Wikipedia, 2023.
  4. Genome-wide analysis of heat stress-stimulated transposon mobility in the human fungal pathogen Cryptococcus deneoformans. Asiya Gusa, Vikas Yadav, Cullen Roth, and Sue Jinks-Robertson, January 20, 2023, 120 (4) e2209831120, https://doi.org/10.1073/pnas.2209831120

Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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Sie sind vom Zufall oder von äußeren Umständen abhängig, nicht von der genetischen Konstitution eines Menschen. Wird dieser Störfaktor nicht bereinigt, verzerrt er die statistische Schätzung der Erblichkeit erheblich nach unten. --- ## Methodik Mathematische Modellierung und Zwillingsstudien Das Forschungsteam um Ben Shenhar und Uri Alon entwickelte ein mathematisches Modell, das zwischen intrinsischer Sterblichkeit (also dem biologisch bedingten Altern) und extrinsischer Sterblichkeit unterscheidet. Anschließend wurden zwei Arten von Zwillingskohorten analysiert - Zusammen aufgewachsene Zwillinge, die ähnliche Umwelteinflüsse teilten - Getrennt aufgewachsene Zwillinge, bei denen Umwelteinflüsse stärker abweichen Durch den Vergleich dieser Gruppen und die Bereinigung um extrinsische Todesursachen gelangten die Forschenden zu einer neuen Schätzung Die Erblichkeit der intrinsischen menschlichen Lebensspanne liegt bei über 50 Prozent. --- ## Was bedeutet „Erblichkeit von 50 Prozent Ein häufiges Missverständnis muss hier ausgeräumt werden Eine Erblichkeit von 50 Prozent bedeutet nicht, dass die Hälfte des eigenen Lebens von den Genen „vorprogrammiert ist. Der Begriff beschreibt vielmehr, wie viel der Variation in der Lebensspanne innerhalb einer Population auf genetische Unterschiede zwischen Individuen zurückzuführen ist. ### Vergleichbare Werte bei anderen Merkmalen Ein Erblichkeitswert von etwa 50 Prozent gilt in der Genetik als substanziell. Zum Vergleich - Körpergröße ca. 80 Prozent - Body-Mass-Index (BMI) ca. 40–70 Prozent - Blutdruck ca. 30–50 Prozent - Typ-2-Diabetes ca. 25–50 Prozent Die neue Studie ordnet die menschliche Lebensspanne damit in die gleiche Kategorie wie viele andere medizinisch relevante komplexe Merkmale ein. Dieser Befund steht auch im Einklang mit der Erblichkeit der Lebensspanne bei anderen Spezies. --- ## Warum dieser Befund für die Medizin bedeutsam ist ### Longevity-Gene als Schlüssel zum Altern Eine hohe genetische Erblichkeit der Lebensspanne hat direkte Konsequenzen für die biomedizinische Forschung. Je stärker ein Merkmal genetisch verankert ist, desto aussagekräftiger sind genomweite Assoziationsstudien (GWAS), die nach spezifischen Genvarianten suchen. Identifizierte Langlebigkeitsgene können biologische Mechanismen des Alterns aufdecken, etwa in Bezug auf - DNA-Reparatursysteme - Entzündungsregulation (Inflammaging) - Mitochondriale Funktion - Telomerlänge und -stabilität ### Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit Die Erkenntnis, dass rund die Hälfte der Variation in der intrinsischen Lebensspanne genetisch bedingt ist, bedeutet gleichzeitig, dass die andere Hälfte durch Umwelt- und Verhaltensfaktoren beeinflusst wird. Dazu gehören - Ernährungsweise und körperliche Aktivität - Sozioökonomischer Status und Bildung - Zugang zu Gesundheitsversorgung - Exposition gegenüber Schadstoffen und chronischem Stress Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung sowohl der Präzisionsmedizin als auch der Public-Health-Interventionen. --- ## Kontext Wo die Forschung steht Die Studie erschien am 29. Januar 2026 in Science (DOI 10.1126science.adz1187, Band 391, Heft 6784, Seiten 504–510) und wurde von Forschenden des Weizmann Institute, des Karolinska Institutet, der Westlake University in Hangzhou sowie des Leiden University Medical Center verfasst. Die Arbeit ist eine Zwillingsstudie, klassifiziert im Rahmen der standardisierten MeSH-Terminologie der US-amerikanischen National Library of Medicine. Frühere Schätzwerte auf Basis ähnlicher Zwillingsdaten, jedoch ohne Bereinigung um extrinsische Sterblichkeit, lagen laut dem Abstract bei 20 bis 25 Prozent. Stammbaum-basierte Großstudien hatten zuletzt Werte von nur 6 Prozent gemeldet. --- ## Was bleibt offen Die Studie liefert eine methodisch fundierte Neubewertung der Erblichkeitsschätzungen. Dennoch bestehen offene Fragen - Welche spezifischen Genvarianten tragen am stärksten zur intrinsischen Lebensspanne bei - Wie interagieren genetische und epigenetische Faktoren im Alterungsprozess - Lassen sich die Befunde auf verschiedene Ethnizitäten und geographische Populationen übertragen Diese Fragen werden die Forschung in den kommenden Jahren beschäftigen. Die vorliegende Studie legt dafür ein wichtiges methodisches Fundament. --- ## Häufig gestellte Fragen (FAQs) Bedeutet eine Erblichkeit von 50 Prozent, dass mein Lebensalter zur Hälfte feststeht Nein. Erblichkeit ist ein statistisches Konzept, das die Variation innerhalb einer Population beschreibt, nicht ein Schicksal des Einzelnen. Lebensstil, Umwelt und medizinische Versorgung spielen weiterhin eine erhebliche Rolle. 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