Forschung: Was psychosoziale Probleme bei Kindern und Jugendlichen auslösen kann

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Medizin Doc Redaktion, aktualisiert am 02.06.2023, Lesezeit: 11 Minuten

Zu den möglichen Ursachen für psychische (seelische) Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen gehören unter anderem Missbrauchs- und Gewalterfahrungen, Vernachlässigung, fehlende elterliche Fürsorge (Liebe), mangelnde Zuwendung durch die Eltern/Bezugspersonen oder der Verlust der Eltern oder anderer wichtiger Bezugspersonen.

Wissenschaftler haben in einer Studie herausgefunden, dass auch der Konsum von stark verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken bei Jugendlichen zu vermehrten psychosozialen Problemen Gesundheitsproblemen führt.

Ebenso kann ein geringes Selbstwertgefühl und ein schlechtes Körperbild bei Jugendlichen zu einem höheren Körpergewicht und einer schlechteren psychischen Gesundheit führen, wie Forschende in einer weiteren Studie herausfanden.

Was sind psychosoziale Probleme und welche Symptome treten auf?

Im Jugendalter treten psychische und soziale (psychosoziale) Probleme, insbesondere Verhaltens- und Schulprobleme, häufiger auf als in der Kindheit.

Die Symptome sind vielfältig und können sich beispielsweise in Hoffnungslosigkeit, Ratlosigkeit, Verzweiflung, Überforderung oder Aufmerksamkeitsproblemen äußern.

Auch Angstzustände, Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen bis hin zu Suizidgedanken oder -handlungen, psychosomatische Beschwerden, posttraumatische Symptome, Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch, präpsychotische Symptome können auftreten.

Größere psychische Probleme durch stark verarbeitete Lebensmittel

Jugendliche, die größere Mengen an stark verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken zu sich nehmen, haben größere Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit.

  • Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Umweltwissenschaften und -technologie der Universitat Autònoma de Barcelona (ICTA-UAB) und des Biomedizinischen Forschungsinstituts von Girona (IDIBGI), in der die Gewohnheiten von 500 spanischen Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren analysiert wurden.

Der Verkauf von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken hat sich in Spanien in den letzten Jahrzehnten verdreifacht, und Jugendliche sind die größten Konsumenten dieser Art von Industrieprodukten.

Diese Produkte zeichnen sich durch einen geringen Nährstoffgehalt (wie Proteine und Ballaststoffe), eine hohe Energiedichte (wie gesättigte Fette und zugesetzter Zucker) und Zusatzstoffe (wie Farbstoffe und Geschmacksverstärker) aus, was sie sehr verlockend, geschmacksintensiv und süchtig machend macht.

Die Studie, an der auch die Medizinische Fakultät und das Institut für Neurowissenschaften der UAB sowie die Gesundheitsbehörde von Barcelona beteiligt waren, untersuchte den Zusammenhang zwischen dem Verzehr von ultraverarbeiteten Lebensmitteln und psychosozialen Problemen wie schlechter Stimmung, Angstgefühlen, Aufmerksamkeitsproblemen und anderen Verhaltenssymptomen.

  • Berücksichtigt wurden auch der tägliche Verzehr von Obst und Gemüse sowie die wöchentliche körperliche Aktivität der Studienteilnehmer – Faktoren, die sich nachweislich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken.

Emotionaler Stress und Verhaltensprobleme

Die Forschungsergebnisse zeigten einen direkten Zusammenhang zwischen einem hohen Konsum von stark verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken, emotionaler Belastung und Verhaltensproblemen.

  • Am deutlichsten war der von den teilnehmenden Jugendlichen berichtete Zusammenhang mit schlechter Stimmung.

Im Durchschnitt gaben die Jugendlichen an, am Vortag 7,7 ultraverarbeitete Lebensmittel konsumiert zu haben, wobei der Konsum bei den männlichen Jugendlichen höher war (8,6 ultraverarbeitete Lebensmittel bei den Jungen im Vergleich zu 7 ultraverarbeiteten Lebensmitteln bei den Mädchen).

Die meisten Jugendlichen gaben an, Wurstwaren und verarbeitetes Fleisch (50 bis 60 Prozent), Kekse, Gebäck, Snacks, Schokoladenprodukte, Schokoladengetränke und -saucen (40 bis 50 Prozent) sowie aromatisierte Joghurts, verarbeitetes Brot und gezuckerte Cerealien, Erfrischungsgetränke (Softdrinks), verpackte Fruchtsäfte und verarbeitete Kartoffelchips (30 bis 40 Prozent) zu konsumieren.

Zu wenig Obst und Gemüse

Der durchschnittliche Obst- und Gemüseverzehr der Jugendlichen lag mit 1,93 Portionen pro Tag weit unter den empfohlenen fünf Portionen pro Tag, und die Jugendlichen gaben an, sich im Durchschnitt an 2,9 Tagen pro Woche körperlich zu betätigen.

Während die Mädchen mehr Obst und Gemüse verzehrten (2 Portionen gegenüber 1,7 Portionen bei den Jungen), gaben die Jungen ein höheres Maß an körperlicher Aktivität an (3,6 Tage gegenüber 2,3 Tagen bei den Mädchen).

Darüber hinaus hatten 26 Prozent der Teilnehmenden irgendeine Art von psychosozialem Problem, 34 Prozent im Zusammenhang mit emotionalem Stress, hauptsächlich Depressionen oder Angstzuständen, 10 Prozent hatten Aufmerksamkeitsprobleme und 4 Prozent Verhaltensauffälligkeiten.

Was das Geschlecht der Befragten betrifft, so wiesen Mädchen in allen Bereichen mehr psychosoziale Probleme auf (26 Prozent gegenüber 22 Prozent), insbesondere in Bezug auf Stimmungsschwankungen und Angstzustände, mit Ausnahme von Verhaltensproblemen, die bei beiden Geschlechtern ähnlich waren.

Laut Pietro Tonini, Forscher an der Universitat Autònoma de Barcelona, deckt sich der Zusammenhang zwischen dem Verzehr von stark verarbeiteten Lebensmitteln (ultra-processed foods) und Stimmungsschwankungen und/oder Angstzuständen bei Jugendlichen mit anderen Untersuchungen, die an ähnlichen Bevölkerungsgruppen durchgeführt wurden.

Darüber hinaus weisen die Ergebnisse der vorliegenden Studie darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen dem Konsum dieser Produkte und Aufmerksamkeits- und Verhaltensproblemen weiter untersucht werden sollte.

Der Zusammenhang zwischen dem Konsum von hochverarbeiteten Getränken und Lebensmitteln und psychosozialen Problemen ist bei heranwachsenden Jungen stärker ausgeprägt.

Dies könnte laut Pietro Tonini darauf zurückzuführen sein, dass sie größere Mengen bestimmter Arten ultraverarbeiteter Produkte konsumieren, wie zuckerhaltige und gesüßte Getränke (Softdrinks, Energydrinks und abgepackte Fruchtsäfte) und verarbeitetes Fleisch, und dass sie weniger Obst und Gemüse zu sich nehmen.

  • Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nutrients veröffentlicht.

Schlechtes Selbstwertgefühl und Körperbild erhöhen Körpergewicht und schlechte psychische Gesundheit bei Jugendlichen

Die Vermittlung eines positiven Körperbildes und Selbstwertgefühls bei Kindern könnte dazu beitragen, die schlechte psychische Gesundheit zu verbessern, die mit einem höheren Körpergewicht in der Adoleszenz (Jugend) einhergeht.

  • Zu diesem Ergebnis gelangte eine britische Forschungsstudie mit mehr als 12.000 Kindern, in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Imperial College London den Einfluss psychologischer und sozialer Einflussfaktoren auf den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und Body-Mass-Index (BMI) im Jugendalter untersuchten.

Dass Kinder mit höherem Gewicht eher eine schlechte psychische Gesundheit haben, ist bekannt. Bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen ist der Anteil derjenigen, die unter emotionalen Problemen wie einer Depression und Angstzuständen leiden, etwa doppelt so hoch wie bei Kindern und Jugendlichen mit einem gesunden Body-Mass-Index (19 Prozent gegenüber 10 Prozent).

Was Kinder vor psychischen Störungen schützen kann

Die Studie fand jedoch heraus, dass eine Verbesserung der Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und des Selbstwertgefühls bereits im frühen Jugendalter dazu beitragen könnte, Kinder vor den negativen Auswirkungen eines höheren Gewichts auf ihre psychische Gesundheit zu schützen.

Anhand von Daten, die bei Jugendlichen im Alter von 11, 14 und 17 Jahren erhoben wurden, wurde eine Reihe von Einflussfaktoren gemessen, darunter die Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Aussehen, ihr Selbstwertgefühl, Erfahrungen mit Mobbing und Diäten sowie der BMI und psychische Probleme.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass auf Bevölkerungsebene die Zufriedenheit der Kinder mit ihrem Aussehen und ihr Selbstwertgefühl den größten Einfluss auf den Zusammenhang zwischen Body Mass Index (BMI) und psychischer Gesundheit haben.

Die Studie ergab, dass 11-jährige Kinder, die als Jugendliche übergewichtig waren, eher ein schlechtes Körperbild und ein geringeres Selbstwertgefühl hatten als Kinder mit durchschnittlichem Gewicht.

Mädchen und Jungen, die im Alter von 14 Jahren mit ihrem Aussehen unzufrieden waren und ein niedriges Selbstwertgefühl hatten, wiesen im Alter von 17 Jahren häufiger psychische Probleme wie Angstzustände, depressive Symptome, Aggressivität und Impulsivität auf und hatten einen höheren BMI als Kinder mit einem positiveren Selbstbild.

  • Die Studie, die in der Fachzeitschrift eClinicalMedicine veröffentlicht wurde, bietet den Autoren zufolge eine repräsentative Momentaufnahme dieser bevölkerungsweiten Trends bei psychosozialen Faktoren unter britischen Kindern.

Der Zusammenhang zwischen geistiger und körperlicher Gesundheit ist bekannt, und man weiß, dass Kinder, die übergewichtig oder fettleibig sind, häufiger an sozialen und emotionalen Problemen wie Depressionen und Angstzuständen leiden.

Die Entschlüsselung der verschiedenen Ursachen, die zu diesen Ergebnissen führen, stellt jedoch eine Herausforderung dar, wie etwa die komplexe wechselseitige Beziehung zwischen psychischer Gesundheit und Körpergewicht.

Körperbild und Selbstwertgefühl

Die Auswertung ergab, dass die Zufriedenheit der Kinder mit ihrem Aussehen und ihr Selbstwertgefühl den Einfluss eines höheren Gewichts auf das Risiko psychischer Probleme erklären können.

Ein Anstieg des BMI-Z-Scores im Alter von 11 Jahren war mit einem Anstieg der Unzufriedenheit mit dem Aussehen (0,12 bei Jungen, 0,19 bei Mädchen) und einem Anstieg der Wahrscheinlichkeit eines niedrigen Selbstwertgefühls (16 Prozent bei Jungen, 22 Prozent bei Mädchen) im Alter von 14 Jahren verbunden.

Mädchen und Jungen, die im Alter von 14 Jahren mit ihrem Aussehen unzufrieden waren und ein niedriges Selbstwertgefühl hatten, wiesen im Alter von 17 Jahren häufiger emotionale und soziale Symptome wie Angst, depressive Symptome, Aggressivität und Impulsivität auf.

Fettleibigkeit, Diäten und Mobbing

Die Studie zeigte einen Zusammenhang zwischen erhöhtem Körpergewicht (BMI) und psychischer Gesundheit.

Übergewichtige Kinder hatten im Alter von 11 Jahren häufiger emotionale Probleme als Kinder mit gesundem Gewicht (18,9 Prozent gegenüber 10,3 Prozent bei Jungen; 18,7 Prozent gegenüber 10,8 Prozent bei Mädchen).

Ein höheres Körpergewicht ist nachweislich eine häufige Ursache für Mobbing in der Kindheit, und die Auswertung ergab, dass Kinder, die über häufiges Mobbing berichteten, im Jugendalter eher eine schlechte psychische Gesundheit aufwiesen als Kinder, die nicht gemobbt wurden.

Es wurde jedoch kein signifikanter Zusammenhang zwischen höherem Gewicht und häufigem Mobbing oder dem Einfluss von Mobbing auf den späteren Gewichtsstatus festgestellt. Ferner ergab die Studie, dass die Ernährungsgewohnheiten zwar mit einem höheren Körpergewicht, nicht aber mit einem schlechteren psychischen Gesundheitszustand in Verbindung standen.

Was kann getan werden, damit Kinder psychisch gesund bleiben?

  • Maßnahmen zur Entstigmatisierung von Gewicht:

Den Autorinnen und Autoren der Studie zufolge gibt es eine Reihe etablierter Maßnahmen, um Adipositas (Fettleibigkeit) zu reduzieren und die psychische Gesundheit junger Menschen zu verbessern – etwa Kampagnen zur Förderung gesunder Ernährung zu Hause und in der Schule sowie Apps und Telefonhotlines, die Kinder ermutigen sollen, Unterstützung für ihre psychische Gesundheit in Anspruch zu nehmen.

Die Vermittlung eines positiven Körperbildes und Selbstwertgefühls an junge Menschen im Unterricht und in den Medien würde jedoch sowohl der körperlichen als auch der psychischen Gesundheit der britischen Bevölkerung zugute kommen.

Beispielsweise sollte der Zugang von Kindern zu sozialen Medien, die ein unrealistisches oder ungesundes Körperbild vermitteln, eingeschränkt werden, und in der Schule sollte ein positives Körperbild vermittelt werden.

Laut Dr. Dougal Hargreaves von der School of Public Health am Imperial College London und Hauptautor der Studie ist die Adoleszenz eine wichtige Entwicklungsphase, in der die Grundlagen für lebenslange Muster in Bezug auf psychische Gesundheit und Gewicht gelegt werden.

  • Die vorliegende Studie legt nahe, dass die Verringerung der Stigmatisierung des Gewichts in der Jugend ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der langfristigen Ergebnisse sein könnte.
  • Man darf nicht vergessen, dass die Kinder von heute nicht mehr in derselben Welt aufwachsen wie ihre Großeltern oder sogar ihre Eltern und dass sie einem neuen und stärkeren sozialen Druck ausgesetzt sind.

Laut Dr. Dasha Nicholls, Kinderpsychiaterin und Expertin für Essstörungen am Imperial College London, haben Kinder mit höherem Gewicht ein höheres Risiko für psychische Gesundheitsprobleme, einschließlich Essstörungen, für die eine geringe Körperzufriedenheit und Diäten bekannte Risikofaktoren sind.

Diese Forschungsergebnisse zeigen, dass die Förderung eines positiven Körperbildes und die Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl sowohl für die psychische als auch für die physische Gesundheit junger Menschen langfristig wichtig sind.

Quellen

  • Imperial College London
  • Marta Reales-Moreno et al, Ultra-Processed Foods and Drinks Consumption Is Associated with Psychosocial Functioning in Adolescents, Nutrients (2022). DOI: 10.3390/nu14224831
  • Hanna Creese et al, The role of dieting, happiness with appearance, self-esteem, and bullying in the relationship between mental health and body-mass index among UK adolescents: a longitudinal analysis of the Millennium Cohort Study, eClinicalMedicine (2023). DOI: 10.1016/j.eclinm.2023.101992

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 Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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