Studie: Ursache für Reizdarmsyndrom entschlüsselt

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Torsten Lorenz, aktualisiert am 3. September 2023, Lesezeit: 5 Minuten

Ursache des Reizdarmsyndroms (RDS):

Wissenschaftlern an der Katholieke Universiteit Leuven in Belgien ist es gelungen, den biologischen Mechanismus zu identifizieren, der erklärt, warum manche Menschen Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung bekommen, wenn sie bestimmte Lebensmittel essen.

Die Entdeckung der Ursache für Reizdarmsyndrom ermöglicht den Forschern zufolge eine wirkungsvollere Behandlung des Reizdarmsyndroms und anderer Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

  • Die Studie, die an Mäusen und Menschen durchgeführt wurde, wurde in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Weltweit leiden bis zu 20 Prozent der Menschen unter dem Reizdarmsyndrom, bei dem es zu Bachschmerzen (Magenschmerzen) und/oder starkem Unwohlsein nach dem Essen kommt und damit die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann.

Glutenfreie Ernährung und andere spezielle Ernährungsweisen können eine gewisse Linderung der Symptome und Beschwerden bewirken, aber es ist bislang ein Rätsel, warum das funktioniert, da die Patienten weder allergisch auf die betreffenden Nahrungsmittel reagieren, noch an bekannten Krankheiten wie Zöliakie leiden.

Histamin und Reizdarmsyndrom

Die Laboruntersuchungen und klinischen Studien von Professor Guy Boeckxstaens, Gastroenterologe an der Katholische Universität Löwen und Hauptautor der Studie und seines Forscherteams offenbaren einen Mechanismus, der bestimmte Lebensmittel mit der Aktivierung von Zellen, die Histamin freisetzen (sogenannte Mastzellen) und den daraus resultierenden Schmerzen und Beschwerden in Verbindung bringt.

  • Schon frühere Arbeiten von Professor Boeckxstaens und seinen Kollegen an der Katholischen Universität Löwen haben gezeigt, dass die Blockierung von Histamin den Gesundheitszustand von Menschen mit Reizdarmsyndrom verbessert.

Bei einem gesunden Darm reagiert das Immunsystem nicht auf Lebensmittel, weshalb der erste Schritt für die Wissenschaftler darin bestand, herauszufinden, was diese Toleranz beeinträchtigen könnte.

Da Menschen mit Reizdarmsyndrom oft davon berichten, dass ihre Symptome nach einer Magen-Darm-Infektion, wie zum Beispiel einer Lebensmittelvergiftung, begannen, gingen die Wissenschaftler von der Annahme aus, dass eine Infektion, bei der ein bestimmtes Lebensmittel im Darm zu finden ist, das Immunsystem für dieses Lebensmittel sensibilisieren könnte.

Dazu infizierten die Wissenschaftler Mäuse mit einem Magen-Darm-Infekt und fütterten sie gleichzeitig mit Ovalbumin, einem Protein, das in Eiklar vorkommt und in Experimenten häufig als Modell-Nahrungsantigen eingesetzt wird. Ein Antigen ist jedes Molekül, das eine Immunreaktion hervorruft.

  • Nach dem Abklingen der Infektion wurde den Mäusen erneut Ovalbumin verabreicht, um zu sehen, ob sich das Immunsystem dafür sensibilisiert hatte.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Das Ovalbumin allein provozierte eine Aktivierung der Mastzellen, eine Histaminfreisetzung und eine Verdauungsintoleranz mit verstärkten Magenschmerzen. Bei Mäusen, die mit dem Erreger nicht infiziert worden waren und Ovalbumin erhielten, war dies nicht der Fall.

Ein breites Spektrum an lebensmittelbedingten Immunerkrankungen

Den Forschern der der Katholischen Universität Löwen gelang es anschließend, die Abfolge der Vorgänge in der Immunantwort zu entschlüsseln, die die Aufnahme von Ovalbumin mit der Aktivierung der Mastzellen verband.

Diese Immunantwort trat bezeichnenderweise nur in dem Teil des Darms auf, der von den störenden Bakterien befallen war. Sie führte nicht zu allgemeineren Symptomen einer Lebensmittelallergie.

Laut Professor Boeckxstaens deutet dies auf ein Spektrum von lebensmittelbedingten Immunkrankheiten hin: An dem einen Ende des Spektrums ist die Immunantwort auf ein Lebensmittelantigen sehr lokal, wie bei dem Reizdarmsyndrom. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich die Lebensmittelallergie, die einen generalisierten Zustand schwerer Mastzellenaktivierung mit Auswirkungen auf Atmung, Blutdruck und ähnlichem umfasst.

Behandlung von Patienten mit Reizdarmsyndrom

Anschließend untersuchten die Forscher, ob Menschen mit Reizdarmsyndrom in gleicher Weise reagierten. Als Lebensmittelantigene, die mit dem Reizdarmsyndrom in Verbindung gebracht werden (Gluten, Weizen, Kuhmilch und Soja), in die Darmwand von 12 Reizdarmpatienten injiziert wurden, lösten sie lokalisierte Immunreaktionen aus, die denen bei den Mäusen ähnlich waren.

  • Bei gesunden Testpersonen wurde dagegen keine Reaktion beobachtet.

Die relativ kleine Anzahl der teilnehmenden Personen bedeutet, dass dieses Ergebnis noch weiter bestätigt werden muss, aber es erscheint aussagekräftig, wenn man es zusammen mit der früheren klinischen Studie betrachtet, die eine Verbesserung bei der Behandlung von Patienten mit Reizdarmsyndrom mit Antihistaminika zeigte.

  • Nach Ansicht von Professor Boeckxstaens ist dies ein weiterer Beweis dafür, dass der Mechanismus, den die Forscher entschlüsselt haben, klinische Relevanz hat.

Aktuell läuft eine größere klinische Studie mit der Antihistaminika-Behandlung. Das Wissen um den Mechanismus, der zur Aktivierung der Mastzellen führt, ist laut Professor Boeckxstaens entscheidend und wird zu neuen Therapien für diese Patienten führen.

Mastzellen setzen viel mehr Verbindungen und Mediatoren als nur Histamin frei. Wenn es gelingt, die Aktivierung dieser Zellen zu blockieren, könnten weitaus effizientere Therapien entwickelt werden, so die Forscher.

Reizdarmsyndrom Symptome

Wie äußert sich ein nervöser Darm? Als Reizdarmsyndrom wird eine Reihe von Symptomen bezeichnet, die gemeinsam auftreten, darunter wiederholte Schmerzen im Bereich des Magen- und Darmtraktes und Veränderungen im Stuhlgang, die sich in Durchfall, Verstopfung oder beidem äußern können.

Diese Symptome treten beim Reizdarm auf, ohne dass es sichtbare Anzeichen für eine Schädigung oder Erkrankung des Verdauungstrakts gibt.

Quellen

vgt


Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

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