Forschung: Psychosen bei Kindern können genetische Ursache haben

Genetik, Gesundheitsnews, Medizin und Forschung, Psychische Gesundheit

Torsten Lorenz, Beitrag vom 29. August 2022

Was kann bei Kindern eine Psychose auslösen? Dr. Joseph Gonzalez-Heydrich, Psychiater am Boston Children’s Hospital berichtet von einem Fall, bei dem ein 6-jähriger Junge anfing, Stimmen aus den Wänden und der Schulsprechanlage zu hören, die ihm sagten, er solle sich und anderen etwas antun.

Der Junge sah Geister, Außerirdische in Bäumen und farbige Fußabdrücke. Dr. Joseph Gonzalez-Heydrich verabreichte dem Jungen antipsychotische Medikamente und die beängstigenden Halluzinationen hörten auf.

Ein anderes Kind im Alter von vier Jahren hatte Halluzinationen in denen Monster, ein großer schwarzer Wolf, Spinnen und ein Mann mit Blut im Gesicht vorkamen.

Auch wenn Kinder für ihre lebhafte Fantasie bekannt sind, ist es extrem selten, dass sie echte psychotische Symptome haben.

Kopienzahlvarianten und das Risiko für psychiatrische Erkrankungen

Bei der Untersuchung der Chromosomen stellten Wissenschaftler bei beiden Kindern sogenannte Kopienzahlvarianten (CNVs) fest, was bedeutet, dass Teile ihrer DNA gelöscht oder dupliziert wurden.

Die Forscher Gonzalez-Heydrich, Dr. David Glahn und Dr. Catherine Brownstein hatten am Children’s Hospital Boston 137 Kinder und Jugendliche mit einer so genannten früh einsetzenden Psychose (psychotischen Symptomen) die vor dem Erreichen des Alters von 18 Jahren auftreten, genetisch untersucht.

Die Ergebnisse, die im American Journal of Psychiatry veröffentlicht wurden, legen nahe, dass bei jedem Kind mit psychotischen Symptomen ein Chromosomen-Mikroarray-Test durchgeführt werden sollte.

Genetische Ursache für Psychosen

Über 70 Prozent der untersuchten Kinder hatten vor dem 13. Lebensjahr eine Psychose entwickelt. 28 Prozent erfüllten die formalen Kriterien für Schizophrenie, das heißt, sie hatten anhaltende und unablässige Symptome.

Alle Kinder wurden systematisch auf DNA-Verdoppelungen und -Löschungen, auch Kopienzahlvarianten (CNV) genannt, getestet – und 40 Prozent davon waren positiv.

Kopienzahlvarianten traten bei ihnen genauso häufig auf wie bei Kindern mit Autismus, die in der Klinik oft auf Kopienzahlvarianten untersucht werden. In zahlreichen Fällen wurden die identifizierten Kopienzahlvarianten auch mit anderen psychiatrischen und neurologischen Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht.

Die Ergebnisse der Studie sprechen nach Ansicht von Dr. Catherine Brownstein, die die Studie gemeinsam mit Elise Douard von der Universität Montreal geleitet hat, für einen Chromosomen-Mikroarray-Test bei allen Kindern und Jugendlichen, bei denen eine Psychose diagnostiziert wurde.

Die Tests helfen den Familien oft weiter und könnten die Forschung voranbringen, so die Wissenschaftlerin.

Ungewissheit in Bezug auf die Ursachen beenden

Häufig sind die Familien erleichtert, wenn sie erfahren, dass die psychotischen Symptome ihres Kindes eine biologische Komponente haben.

Möglicherweise wurde die Psychose des Kindes fehldiagnostiziert, als normale Entwicklungsphase abgetan, auf Stressfaktoren wie Mobbing zurückgeführt oder sogar auf schlechte Erziehung geschoben.

Laut Gonzalez-Heydrich haben viele Eltern das Gefühl, dass sie unter Beobachtung stehen oder sogar beschuldigt werden, die Symptome ihres Kindes ausgelöst zu haben. Das ist vergleichbar mit dem, was vor einer Generation mit der Krankheit Autismus passierte.

Bei anderen Kindern kann eine Psychose übersehen werden, weil das Kind auch Autismus oder eine andere Entwicklungsstörung hat. Über ein Drittel der Kinder in dieser Studie hatte eine Autismus-Spektrum-Störung als Diagnose, 12 Prozent hatten eine geistige Behinderung und 18 Prozent hatten eine Vorgeschichte mit Krampfanfällen.

Auch wohlmeinende Ärzte und Ärztinnen zögern eventuell, ein Kind zu stigmatisieren, indem sie eine Psychose diagnostizieren, und ziehen es vor, zu beobachten und abzuwarten.

Die Diagnose einer Kopienzahlvariante (copy number variations) könnte jedoch einen Versuch mit antipsychotischen Medikamenten rechtfertigen, um zu sehen, ob sie helfen.

Laut Glahn ist es umso schwieriger, eine Psychose später zu behandeln, je länger sie unbehandelt bleibt. Wenn es gelingt, die Psychose früher und angemessen zu behandeln, wird es dem Kind im Laufe seines Lebens wahrscheinlich besser gehen.

Wie erkennen Eltern eine Psychose?

Wie äußern sich Psychosen bei Kindern? Die Verhaltensweisen vieler Kinder können einer Psychose ähneln, wie zum Beispiel, dass sie einen imaginären Freund haben. Eine echte Psychose ist für Kinder jedoch sehr belastend und liegt außerhalb ihrer Kontrolle, so die Forscher.

Es gibt Kinder, bei denen die psychotischen Symptome kommen und gehen. Psychosen können auftreten, wenn ein Kind unter Stress steht, wütend oder sehr deprimiert ist oder Stimmungsschwankungen hat. Bei Kindern mit einer echten Schizophrenie sind die Symptome jedoch anhaltend und extrem.

Erste Anzeichen einer psychotischen Erkrankung können ganz allgemeiner Natur sein. Das betroffene Kind zieht sich dann möglicherweise zurück.

Die Leistungsfähigkeit im Alltag kann sich teilweise dramatisch verschlechtern, was sich auf die Schule und Beziehungen auswirkt. Es kann auch zu Gefühlsausbrüchen kommen, die es vorher nicht hatte.

Im späteren Verlauf können Halluzinationen und Paranoia auftreten, die dazu führen, dass das Kind Dinge sieht und hört, die nicht da sind und die sich oft bedrohlich anfühlen.

Hinweis auf medizinische Komplikationen

Die Entdeckung einer Kopienzahlvariante bei einem Kind mit Psychose ist nicht nur hilfreich für die Behandlung, sondern ermöglicht es auch, andere Familienmitglieder zu testen, um festzustellen, ob sie ebenfalls gefährdet sind.

Einige Kopienzahlvarianten können auch medizinische Komplikationen wie Krampfanfälle, Herzprobleme oder geschwächte Blutgefäße verursachen, die beobachtet und behandelt werden können.

Auch Familienmitglieder, bei denen Kopienzahlvarianten gefunden werden, können ein Risiko für solche gesundheitlichen Probleme haben, selbst wenn bei ihnen keine Verhaltenssymptome auftreten.

Dr. Catherine Brownstein, wissenschaftliche Leiterin des Manton Center for Orphan Disease Research am Boston Children’s und Mitglied der Abteilung für Genetik und Genomik, leitete die Tests.

Die Forscherin weist darauf hin, dass die Entdeckung von Kopienzahlvarianten den Eltern helfen können, sich mit anderen Familien auszutauschen, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu beruhigen.

Wenn eine Kopienzahlvariante gefunden wurde, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler außerdem untersuchen, was die verlorenen oder verdoppelten Gene bewirken.

Auf diese Weise könnte man die Ursachen der frühen Psychose besser verstehen und möglicherweise bessere antipsychotische Medikamente entwickeln, die sich seit den 1950er Jahren kaum verändert haben.

Angstzustände bei Kindern und Jugendlichen können zu Psychosen bei jungen Erwachsenen führen

Einer anderen wissenschaftlichen Studie der University of Birmingham zufolge ist es wahrscheinlicher, dass Kinder und Jugendliche, die anhaltend große Angstzustände haben, mit Anfang 20 psychotisch werden.

Eine Behandlung von Ängsten im Kindes- und Jugendalter, die auf Stresshormone und nicht auflösbare Entzündungen abzielt, könnte jedoch dazu beitragen, das Risiko zu verringern, dass junge Erwachsene später eine Psychose entwickeln.

Wissenschaftler der University of Birmingham untersuchten den Zusammenhang zwischen anhaltenden Ängsten in der Kindheit und Jugend und Personen mit psychotischen Erfahrungen (PE) oder psychotischen Störungen (PD) im Alter von 24 Jahren.

Dazu werteten die Forscherinnen und Forscher Daten aus der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) aus, um einen Überblick über die psychische Gesundheit von knapp 4.000 Kindern im Alter von 8, 10, 13 und 24 Jahren zu erhalten.

Die Forscherinnen und Forscher stellen fest, dass Personen mit anhaltend starken Angstzuständen im Alter von 24 Jahren mit größerer Wahrscheinlichkeit eine psychische Störung entwickeln.

Laut der Erstautorin Isabel Morales-Muñoz vom Institut für Psychische Gesundheit der Universität sind anhaltend starke Ängste in der Kindheit und Jugend mit späteren Psychosen verbunden, aber durch gezielte und frühzeitige Behandlung von Ängsten können Psychosen wahrscheinlich verhindert werden.

Eine möglichst frühzeitige Diagnose und Behandlung von Ängsten bei Jugendlichen und gegebenenfalls neuartige Behandlungen, die auf Entzündungen abzielen, könnten wichtige Maßnahmen sein, um Behandlungsstrategien zu entwickeln, die das Risiko von Kindern und Jugendlichen, später eine Psychose zu entwickeln, verringern.

Psychotische Störungen gehören zu den häufigsten Ursachen für gesundheitliche Beeinträchtigungen und betreffen rund 31 Prozent der Menschen in England.

Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass sowohl genetische als auch umweltbedingte Risikofaktoren, wie zum Beispiel Benachteiligung, Kindheitstraumata und Minderheitenstatus, zu deren Entwicklung beitragen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die eine Psychose entwickeln, in der Kindheit sozio-emotionale Probleme und Verhaltensauffälligkeiten zeigen, ist höher, aber ob Ängste in der Kindheit mit späteren Psychosen zusammenhängen, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Rachel Upthegrove, Hauptautorin der Studie, erklärte, dass Kindheit und Jugend die zentrale Risikophase für die Entwicklung von Angststörungen sind, die im Erwachsenenalter zu Risikofaktoren für allgemeine psychische Störungen werden.

Bei Kindern und Jugendlichen mit anhaltend hohen Angstwerten haben wir eine bestimmte Gruppe identifiziert, die ein höheres Risiko für spätere psychische Störungen, einschließlich Psychosen, haben könnte.

Die Forscherinnen und Forscher der der University of Birmingham fanden einen stärkeren Zusammenhang zwischen anhaltend hohen Angstwerten und psychischen Störungen als bei psychischen Störungen.

Demnach könnten anhaltende Ängste in der Kindheit und Jugend ein besserer Indikator für die Entwicklung einer späteren formellen psychotischen Störung sein, während psychotischen Erfahrungen (PE), die in der Bevölkerung viel häufiger vorkommen als psychotischen Störungen (PD), eine vielfältigere Gruppe darstellen.

Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte eine psychotische Erfahrung (PE) mit einer größeren Bandbreite potenzieller Risikofaktoren im jungen Erwachsenenalter zusammenhängen, zum Beispiel mit dem Sexualverhalten und dem Cannabiskonsum.

Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die Zusammenhänge zwischen anhaltend hohen Angstwerten und Psychosen im Alter von 24 Jahren spezifisch für diese psychische Störung sein könnten, da keine Zusammenhänge mit anderen relevanten Störungen wie Hypomanie, Phobien oder Drogenmissbrauch gefunden wurden.

Die Ergebnisse der Studie wurden in dem wissenschaftlichen Fachblatt Biological Psychiatry veröffentlicht.

Quellen

  • Children’s Hospital Boston
  • University of Birmingham
  • American Journal of Psychiatry (2022), Similar Rates of Deleterious Copy Number Variants in Early-Onset Psychosis and Autism Spectrum Disorder, https://doi.org/10.1176/appi.ajp.21111175
  • Isabel Morales-Muñoz et al, Persistent childhood and adolescence anxiety and risk for psychosis: a longitudinal birth cohort study, Biological Psychiatry (2021). DOI: 10.1016/j.biopsych.2021.12.003

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