Neue Forschungsergebnisse, veröffentlicht im Mai 2026 in der Fachzeitschrift Nutrients, zeigen erstmals, dass die sogenannte „Fear of Missing Out“ (FoMO) — also die Angst, etwas zu verpassen — mit zwanghaftem, suchtartigem Essverhalten in Verbindung steht und dabei maßgeblich durch belohnungsgesteuertes Essen sowie erhöhte Angstsymptome vermittelt wird, was weitreichende Implikationen für die Prävention und Behandlung von Essstörungen und kardiometabolischen Erkrankungen haben könnte.
ÜBERSICHT
- 1 Was ist Suchtessen, und warum ist es medizinisch relevant?
- 2 FoMO: Ein digitales Phänomen mit körperlichen Folgen
- 3 Die neue Studie: Methoden und Stichprobe
- 4 Belohnungsgesteuertes Essen als Bindeglied
- 5 Neurobiologische Grundlagen: Das Belohnungssystem im Fokus
- 6 Angst als modulierender Faktor
- 7 Psychologische Zusammenhänge: Ein Netz aus Risikofaktoren
- 8 Soziale Einflüsse: Essen als soziales Erlebnis
- 9 Limitationen der Studie
- 10 Klinische Relevanz und Perspektiven
- 11 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was ist Suchtessen, und warum ist es medizinisch relevant?
Suchtessen, international auch als „food addiction“ bezeichnet, beschreibt den chronisch übermäßigen und dysregulierten Konsum von hochschmackhaften, energiedichten, ultra-verarbeiteten Lebensmitteln. Betroffene verlieren zunehmend die Kontrolle über ihr Essverhalten, verspüren anhaltende Gelüste nach bestimmten Nahrungsmitteln und essen kompulsiv weiter — selbst wenn negative gesundheitliche Folgen bereits eingetreten sind.
Zu diesen Folgen zählen kardiometabolische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Adipositas, aber auch ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen und chronischen Stress. Frauen sind dabei häufiger und schwerwiegender betroffen als Männer — sie reagieren nachweislich stärker auf nahrungsbezogene Belohnungsreize, was die Symptomatik verstärkt.
FoMO: Ein digitales Phänomen mit körperlichen Folgen
FoMO wurde ursprünglich im Kontext sozialer Medien beschrieben: Es ist das unangenehme, angstbesetzte Gefühl, möglicherweise ein lohnenswertes Erlebnis zu verpassen, das andere gerade teilen. Dieses Phänomen veranlasst Betroffene zu impulsiven, kompensatorischen Verhaltensweisen — zum Beispiel zwanghaftem Scrollen, übertriebenem sozialen Vergleichen oder eben exzessivem Essen.
Jüngere Forschung legt nahe, dass FoMO nicht auf soziale Medien beschränkt ist, sondern auf Esssituationen übertragbar ist. Für manche Menschen bietet Essen Stimulation und emotionale Linderung — eine kurzfristige Ablenkung von FoMO-bedingtem Unbehagen. Wenn dieses Verhalten zur Gewohnheit wird, kann daraus ein chronischer Bewältigungsmechanismus entstehen, der letztlich in eine Suchtdynamik mündet.
Die neue Studie: Methoden und Stichprobe
Die explorative Querschnittsstudie, durchgeführt von Skinner, Collins, Duncanson und Kollegen (2026), untersuchte systematisch, ob FoMO als Risikofaktor für Suchtessen fungiert und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen. Die Stichprobe umfasste 227 Teilnehmende mit einem Durchschnittsalter von 49 Jahren und einem mittleren Body-Mass-Index (BMI) von 28,5 kg/m².
Die Ergebnisse im Überblick:
- Etwa 78 % der Teilnehmenden zeigten kein oder minimales suchtartiges Essverhalten.
- 16 % wiesen es in schwerer Form auf.
- 51 % hatten Angstsymptome über dem Schwellenwert für leichte Angst.
- 34 % lagen bei Depressionswerten über dem Schwellenwert für leichte Depression.
Die Stichprobe bestand überwiegend aus Frauen und entstammt einer australischen Population, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere demografische Gruppen einschränkt.
Belohnungsgesteuertes Essen als Bindeglied
Ein zentrales Konzept der Studie ist das sogenannte belohnungsgesteuerte Essen („reward-related eating“): Essen, das nicht durch physiologischen Hunger, sondern durch die angenehmen und erleichternden Aspekte von Nahrung motiviert wird — etwa bei Langeweile, Stress oder emotionaler Erschöpfung.
Wie belohnungsgesteuertes Essen zur Sucht werden kann
Belohnungsgesteuertes Essen teilt viele Merkmale mit Suchtessen, wenngleich in der Regel in geringerer Ausprägung. Menschen mit hoher Neigung dazu:
- sind häufig gedanklich mit Essen beschäftigt,
- haben geringe Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme,
- erleben reduzierte Sättigungsgefühle,
- essen weiter, obwohl sie satt sind — getrieben vom sofortigen Genussversprechen.
Wiederholtes belohnungsgesteuertes Essen kann über Konditionierungsprozesse in zwanghaftes Überessen übergehen, das durch die unmittelbare Befriedigung des Essens verstärkt wird.
Neurobiologische Grundlagen: Das Belohnungssystem im Fokus
Die Neurowissenschaft hinter FoMO ist noch wenig erforscht. Die Studienautoren hypothetisieren jedoch, dass FoMO das mesolimbische Dopaminsystem aktivieren könnte — jenes Belohnungsnetzwerk im Gehirn, das Dopamin als Reaktion auf angstreduzierende Verhaltensweisen ausschüttet. Im Kontext von Suchtessen wäre das konkret: das Essen des ersehnten Lebensmittels.
Frühere Studien haben gezeigt, dass ultra-verarbeitete Lebensmittel (UVL) — also industriell hergestellte Produkte mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt — die mesolimbischen Belohnungspfade in ähnlicher Weise aktivieren wie bekannte Suchtsubstanzen. Die Kombination aus FoMO-bedingter Angst und dem Belohnungsversprechen von UVL könnte daher eine besonders starke Verstärkungsschleife erzeugen.
Angst als modulierender Faktor
Der statistische Befund
Die Studie ergab, dass Angst die Verbindung zwischen belohnungsgesteuertem Essen und Suchtessen moderiert: Bei höheren Angstwerten war der Zusammenhang zwischen den beiden Variablen stärker ausgeprägt. Dieser Effekt war statistisch signifikant, jedoch in seiner Größenordnung moderat.
Die Autoren betonen daher, dass Angst wahrscheinlich einer unter mehreren psychologischen, verhaltensbezogenen und umweltbedingten Faktoren ist, die das Suchtessen beeinflussen.
Was Angst nicht beeinflusst
Bemerkenswert ist, dass Angst keinen direkten Einfluss auf die Beziehung zwischen FoMO und belohnungsgesteuertem Essen hatte — und auch nicht direkt auf den Zusammenhang zwischen FoMO und Suchtessen. Die modulierende Wirkung zeigt sich spezifisch an der Schnittstelle zwischen belohnungsgesteuertem Essen und dem Übergang zu suchtartigem Verhalten.
Psychologische Zusammenhänge: Ein Netz aus Risikofaktoren
Die Analyse offenbarte ein Cluster untereinander verbundener psychologischer Muster:
- Höhere Werte für Angst, Stress und Depression waren mit stärkerem FoMO assoziiert.
- Stärkeres FoMO ging mit einer höheren Neigung zu belohnungsgesteuertem Essen einher.
- Belohnungsgesteuertes Essen war wiederum mit ausgeprägterem Suchtessen verbunden.
- Auch höheres Alter war — entgegen intuitiven Erwartungen — mit stärkeren FoMO-, Angst- und Depressionswerten assoziiert.
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass FoMO mit einer höheren Mahlzeitenhäufigkeit pro Tag assoziiert ist, wenn auch mit kleinem Effekt. Ähnliche Muster wurden für FoMO und Alkoholkonsum berichtet.
Soziale Einflüsse: Essen als soziales Erlebnis
Die Autoren diskutieren mehrere mögliche soziale Mechanismen, über die FoMO mit Suchtessen verknüpft sein könnte:
- Soziales Essen: Die Angst, gesellige Mahlzeiten oder Restaurantbesuche zu verpassen, kann zu impulsiven Konsumentscheidungen führen.
- Social-Media-Exposition: Die Dauerpräsenz von Essensbildern und Food-Content auf Plattformen wie Instagram kann Verlangen und FOMO-Reaktionen verstärken.
- Peer-Einfluss und Imitationsverhalten: Das Nachahmen von Essgewohnheiten der sozialen Gruppe als Reaktion auf Ausgrenzungsangst.
Limitationen der Studie
Die Autoren benennen mehrere wichtige Einschränkungen:
- Querschnittsdesign: Kausale Schlussfolgerungen sind nicht möglich; die Richtung der Zusammenhänge bleibt unklar.
- Selbstberichtsdaten: Alle Messinstrumente basieren auf subjektiven Angaben der Teilnehmenden.
- Stichprobengröße: Die geringe Fallzahl limitiert die statistische Power für die Detektion kleinerer Effekte.
- FoMO-Skala: Das verwendete Messinstrument wurde ursprünglich für soziale Erfahrungen und Social-Media-Nutzung entwickelt — nicht spezifisch für nahrungsbezogene FoMO.
- Generalisierbarkeit: Die überwiegend weibliche, australische Stichprobe erlaubt keine Verallgemeinerung auf andere Bevölkerungsgruppen.
Klinische Relevanz und Perspektiven
Trotz der methodischen Grenzen liefert diese explorative Studie wertvolle Hypothesen für die klinische Praxis und zukünftige Forschung. Die Autoren empfehlen, Interventionen zu untersuchen, die auf maladaptive Denkmuster und dysfunktionale Bewältigungsstrategien abzielen — darunter:
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Zur Modifikation automatischer Gedanken rund um Essen, Belohnung und soziale Vergleiche.
- Achtsamkeitsbasierte Ansätze: Zur Erhöhung der interozeptiven Wahrnehmung und zur Unterbrechung automatischer Essreaktionen.
- Psychoedukation zu FoMO: Bewusstsein für den eigenen FoMO-Mechanismus als erster Schritt zur Verhaltensänderung.
Längere Längsschnittstudien mit größeren und diverseren Stichproben sowie verfeinerten Messinstrumenten sind notwendig, um diese Befunde zu replizieren und zu vertiefen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was bedeutet FoMO genau, und wann wird es zum Problem? FoMO steht für „Fear of Missing Out“ und bezeichnet die anhaltende Sorge, bedeutsame Erlebnisse anderer zu verpassen. Zum Problem wird es, wenn dieses Gefühl zu impulsiven Verhaltensweisen führt — etwa exzessivem Konsum oder Überessen — die kurzfristig Erleichterung, langfristig aber Kontrollverlust erzeugen.
Sind ultra-verarbeitete Lebensmittel tatsächlich suchtauslösend? Mehrere Studien haben gezeigt, dass ultra-verarbeitete Lebensmittel mit hohem Zucker- und Fettgehalt dieselben Belohnungsschaltkreise im Gehirn aktivieren wie Suchtsubstanzen. Ein wissenschaftlicher Konsens über den Begriff „Nahrungsmittelsucht“ besteht jedoch noch nicht; die Debatte ist in der Fachwelt aktiv.
Warum sind Frauen stärker von Suchtessen betroffen als Männer? Studien zeigen, dass Frauen empfindlicher auf nahrungsbezogene Belohnungsreize reagieren, was möglicherweise auf hormonelle, neurobiologische und soziokulturelle Faktoren zurückzuführen ist. Dies erklärt auch die häufigere und schwerere Ausprägung von Suchtessen bei Frauen.
Kann Social-Media-Nutzung das Risiko für Suchtessen erhöhen? Es gibt Hinweise darauf, dass der dauerhafte Kontakt mit Food-Content auf sozialen Medien FoMO verstärken und Essverlangen triggern kann. Direkte Kausalbelege fehlen jedoch bislang; longitudinale Studien sind erforderlich.
Welche ersten Schritte können Betroffene selbst unternehmen? Ein bewussterer Umgang mit der eigenen Social-Media-Nutzung, die Entwicklung alternativer Stressbewältigungsstrategien und das frühzeitige Aufsuchen psychotherapeutischer Unterstützung bei anhaltenden Ess- und Angstsymptomen sind sinnvolle Ausgangspunkte — ohne dass kommerzielle Produkte oder Selbsthilfebücher notwendig wären.
Gibt es bereits spezifische Therapien für FoMO-bedingtes Suchtessen? Nein. Die vorliegende Forschung befindet sich in einem frühen Stadium. Die Autoren der Studie empfehlen, bestehende therapeutische Ansätze — insbesondere kognitive Verhaltenstherapie — auf ihre Wirksamkeit bei dieser spezifischen Symptomkonstellation zu untersuchen.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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