Was ist Neurotizismus?

Psychische Gesundheit

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 21. August 2023, Lesezeit: 10 Minuten

Neurotizismus gilt in der Psychologie als ein grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal. Personen mit hohen Werten für Neurotizismus neigen dazu, überdurchschnittlich häufig launisch zu sein und Gefühle wie Angst, Ärger, Neid, Eifersucht, Pessimismus, Schuldgefühle und depressive Stimmungen zu erleben.

Es wird angenommen, dass solche Menschen schlechter auf stressige Situationen reagieren und gewöhnliche Herausforderungen als übermäßig schwierig empfinden. Als Reaktion darauf können sie maladaptives Verhalten wie Dissoziation, Aufschieben von Aufgaben und Substanzkonsum entwickeln, um negative Emotionen zu lindern und positive Emotionen zu erzeugen.

Was ist Neurotizismus?

Menschen mit hohen Werten auf dem Neurotizismus-Index haben ein erhöhtes Risiko, häufige psychische Störungen wie affektive Störungen, Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen zu entwickeln. Diese Symptome werden traditionell als „Neurosen“ bezeichnet. Es gibt jedoch unterschiedliche Definitionen von Neurotizismus in verschiedenen Persönlichkeitstheorien, was zu Meinungsverschiedenheiten führt.

Manchmal wird Neurotizismus als schnelle Erregbarkeit in negativen emotionalen Situationen und langsame Entspannung danach definiert. Eine andere Definition bezieht sich auf emotionale Instabilität und Negativität im Gegensatz zu emotionaler Stabilität und Positivität. Es wurde auch als Mangel an Selbstkontrolle, Schwierigkeiten bei der Bewältigung von psychischem Stress und Neigung zur Verbitterung beschrieben.

Unterschiedliche Persönlichkeitstests liefern numerische Werte für Neurotizismus, was in der wissenschaftlichen Literatur zu Verwirrung führt, insbesondere im Hinblick auf Untermerkmale oder „Facetten“.

Menschen mit niedrigen Werten für Neurotizismus neigen dazu, emotional stabiler zu sein und weniger auf Stress zu reagieren. Sie sind in der Regel ruhiger und ausgeglichener und verspüren seltener Anspannung oder Ambivalenz. Obwohl sie weniger negative Emotionen haben, bedeutet das nicht unbedingt, dass sie viele positive Emotionen haben. Ein breites Spektrum an positiven Emotionen ist eher typisch für extravertierte Personen.

  • Neurotische Extravertierte können beispielsweise sowohl euphorische als auch dysphorische emotionale Zustände intensiv erleben, ähnlich wie bei einer emotionalen Achterbahnfahrt.

Messung und Diagnose

Neurotizismus wird im Allgemeinen als ein kontinuierliches Persönlichkeitsmerkmal betrachtet und nicht als ein klar abgegrenzter Zustand. Es gibt verschiedene Methoden zur Messung von Neurotizismus. Eine häufig verwendete Methode ist die Selbstberichtsmethode. Dabei beantworten die Teilnehmer Fragen zu neurotischen Eigenschaften, zum Beispiel zu Ängstlichkeit oder Launenhaftigkeit.

Es gibt lexikalische Maße, bei denen bestimmte Adjektive verwendet werden, um Neurotizismus zu erfassen. Diese Maße sind effizient, da sie kurze Fragebögen verwenden. Es gibt auch aussagebasierte Maße, bei denen die Teilnehmer ihre Zustimmung zu bestimmten Aussagen angeben. Diese Maße erfordern mehr Zeit und bieten detailliertere Informationen über das Verhalten einer Person.

Neben Selbstberichten können auch Berichte von Peers und Beobachtungen von unabhängigen Beobachtern verwendet werden, um Neurotizismus zu bewerten und ein umfassenderes Bild zu erhalten. Es ist wichtig, die psychometrischen Eigenschaften der verwendeten Messinstrumente zu berücksichtigen, um deren Zuverlässigkeit und Validität sicherzustellen. Ein Beispiel für ein zuverlässiges Instrument ist der International English Mini-Markers, der eine hohe interne Konsistenz aufweist.

Bei der Messung von Neurotizismus gibt es jedoch auch Herausforderungen. Manche Aussagen können für Nicht-Muttersprachler schwer zu interpretieren sein, insbesondere wenn sie in umgangssprachlichem Englisch verfasst sind. Zudem besteht das Risiko von Verzerrungen in den Ergebnissen, wenn die Stichprobe aus bestimmten Bevölkerungsgruppen stammt.

Neurotizismus wurde auch im Rahmen der biopsychologischen Persönlichkeitstheorie untersucht, insbesondere in Bezug auf Grays Theorie. Diese Theorie betrachtet die Persönlichkeit entlang zweier Dimensionen, dem Verhaltenshemmungssystem (BIS) und dem Verhaltensaktivierungssystem (BAS). Untersuchungen haben gezeigt, dass Neurotizismus positiv mit dem BIS korreliert und negativ mit dem BAS.

In der Forschung wurde Neurotizismus auch als eine zentrale Komponente der selbstbezogenen Einschätzungen betrachtet, die auch Aspekte wie Locus of Control und Selbstwertgefühl umfassen. Diese selbstbezogenen Einschätzungen können wichtige Arbeitsergebnisse wie Arbeitszufriedenheit und Leistung vorhersagen. Es gibt auch interessante Zusammenhänge zwischen Neurotizismus und physiologischen Reaktionen. Zum Beispiel korreliert Neurotizismus stark mit der Schreckreaktion auf Angstzustände. Diese Schreckreaktion kann auch verwendet werden, um Neurotizismus und andere Persönlichkeitsmerkmale vorherzusagen.

Wie hängt Neurotizismus mit anderen psychischen Störungen zusammen?

Neurotizismus, ein Persönlichkeitsmerkmal, das durch erhöhte Emotionalität und Reaktivität auf Stress gekennzeichnet ist, zeigt eine erhebliche Überschneidung mit verschiedenen psychischen Störungen. Es zeigt eine erhebliche Überschneidung mit verschiedenen psychischen Störungen.

  1. Neurotizismus und seine Beziehung zu Angst- und Stimmungsstörungen

Die Fragen, die in vielen Neurotizismus-Skalen verwendet werden, weisen Ähnlichkeiten mit Instrumenten zur Bewertung von Angst- und Stimmungsstörungen auf. Diese Überschneidungen können die Interpretation von Neurotizismus-Werten erschweren. Es stellt sich die Frage: Ist der erhöhte Neurotizismus-Wert eine Folge der Störung oder sind beide voneinander unabhängig? Einige Studien, darunter eine Metaanalyse aus dem Jahr 2013, deuten darauf hin, dass klinische psychische Störungen oft mit einem erhöhten Neurotizismus-Niveau einhergehen.

  1. Neurotizismus als Prädiktor für psychische Erkrankungen

Ein hoher Neurotizismus kann als Vorhersage für die Entwicklung von Störungen wie Angst, Depression, Psychose und Schizophrenie dienen. Allerdings ist Neurotizismus weniger prädiktiv für Substanzmissbrauch und unspezifische psychische Belastungen. Es ist wichtig zu betonen, dass diese Zusammenhänge abnehmen, wenn Faktoren wie bestehende Symptome und psychiatrische Vorgeschichte berücksichtigt werden.

  1. Alter und seine Rolle im Kontext von Neurotizismus

Mit zunehmendem Alter kann sich auch der Grad des Neurotizismus verändern. Untersuchungen aus dem Jahr 2007 haben gezeigt, dass bei älteren Männern ein Anstieg des Neurotizismus sowie generell ein höherer Neurotizismus mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate in Verbindung gebracht werden können.

  1. Verschiedene Störungen und ihre Beziehung zu Neurotizismus

Neben Stimmungsstörungen korrelieren auch Angststörungen, Essstörungen und Schizophrenie mit einem erhöhten Neurotizismus. Interessanterweise zeigt sich eine stärkere Verbindung zwischen Neurotizismus und Stimmungsstörungen im Vergleich zu vielen anderen Störungen.

  1. Kulturelle Unterschiede im Zusammenhang mit Neurotizismus

Die Interpretation von Neurotizismus kann je nach kulturellem Kontext unterschiedlich sein. Zum Beispiel wurde bei amerikanischen Teenagermädchen aus der Oberschicht festgestellt, dass ein hoher Neurotizismus mit Essstörungen und Selbstverletzung verbunden ist.

  1. Neurotizismus und Persönlichkeitsstörungen

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2004 versuchte, Persönlichkeitsstörungen im Kontext der Fünf-Faktoren-Persönlichkeitstheorie zu analysieren. Es wurde festgestellt, dass ein erhöhter Neurotizismus mit vielen Persönlichkeitsstörungen korreliert.

Welche Erklärungsansätze zum Neurotizismus bestehen?

Welche genetischen und Umwelteinflüsse und welche weiteren Erklärungsansätze bestehen für Neurotizismus?

Die Hypothese des mentalen Lärms

Forschungen zeigen, dass obwohl sich die durchschnittlichen Reaktionszeiten zwischen Personen mit hohem und niedrigem Neurotizismus nicht wesentlich unterscheiden, die Varianz bei hoch neurotischen Personen deutlich höher ist. Dies äußert sich in den Abweichungen der Reaktionszeiten. Bei einigen Tests reagieren diese Individuen schneller als der Durchschnitt, während sie bei anderen langsamer sind. Es wird angenommen, dass diese Varianz Störungen in den Informationsverarbeitungssystemen oder Instabilitäten grundlegender kognitiver Prozesse widerspiegelt.

Die Rolle des mentalen Rauschens im Alltag

Flehmig und seine Kollegen (2007) haben das mentale Rauschen im Zusammenhang mit alltäglichem Verhalten analysiert. Sie verwendeten den Cognitive Failures Questionnaire, um die Häufigkeit von Fehlern und Unaufmerksamkeiten zu messen. Es stellte sich heraus, dass der CFQ-UA (Cognitive Failures Questionnaire – Unintended Activation) am stärksten mit Neurotizismus korrelierte. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass mentales Rauschen eng mit Aufmerksamkeitsverlusten verknüpft ist, die durch das assoziative Gedächtnis ausgelöst werden.

Evolutionspsychologie und Persönlichkeitsunterschiede

Die Evolutionstheorie kann Unterschiede in der Persönlichkeit und insbesondere im Neurotizismus erklären. Ein evolutionärer Ansatz zur Depression konzentriert sich auf Neurotizismus und legt nahe, dass eine erhöhte Reaktivität auf negative Ergebnisse evolutionäre Vorteile gehabt haben könnte.

Genetik, Umwelt und ihre Auswirkungen auf Neurotizismus

Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2013 deuten darauf hin, dass Neurotizismus das Ergebnis einer Kombination aus genetischen und Umwelteinflüssen ist. Während genetische Einflüsse während der Entwicklung konstant bleiben, zeigen Umweltfaktoren wie emotionale Vernachlässigung in der Kindheit einen positiven Zusammenhang mit Neurotizismus. Es wurde auch festgestellt, dass Neurotizismus im Laufe des Lebens aufgrund von Genexpression und Umwelteinflüssen variieren kann.

Die Verbindung von Neurotizismus und Gehirnaktivität

Neuroimaging-Studien haben gezeigt, dass bestimmte Bereiche des Gehirns, insbesondere die Amygdala und der anteriore cinguläre Kortex, bei Personen mit hohen Neurotizismuswerten stärker aktiviert sind. Einige Gene, die mit Neurotizismus in Verbindung stehen, wie das 5-HTTLPR-Gen, wurden ebenfalls untersucht, wobei gemischte Ergebnisse erzielt wurden.

Theorie des Terrormanagements

Die Terror-Management-Theorie (TMT) besagt, dass Neurotizismus hauptsächlich durch unzureichende Bewältigungsmechanismen gegenüber der unbewussten Angst vor dem Tod verursacht wird. Diese Mechanismen können kulturelle Weltanschauungen oder ein Gefühl des Selbstwerts sein.

Wie kommt es zu fehlangepasstem und riskantem Verhalten?

Neurotizismus ist ein komplexes Persönlichkeitsmerkmal, das weitreichende Auswirkungen auf das individuelle Verhalten hat. Es beschäftigt Wissenschaftler und Forscher seit vielen Jahren, da es sowohl positive als auch negative Aspekte aufweist.

Emotionale Instabilität und Neurotizismus

Neurotizismus wird oft als ein Zeichen von emotionaler Instabilität betrachtet. Es beeinflusst das emotionale Gleichgewicht einer Person und geht häufig mit Emotionen wie Angst, übermäßigem Nachdenken, Reizbarkeit und Impulsivität einher. Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit hohem Neurotizismus eher maladaptive Verhaltensweisen aufweisen, um ihre Emotionen zu regulieren.

Negative Konsequenzen von Neurotizismus

Menschen mit einem hohen Grad an Neurotizismus neigen dazu, negative Lebensergebnisse zu erleben. Sie haben beispielsweise eine kürzere Lebenserwartung, ein höheres Risiko für Scheidungen und häufig ein niedrigeres Bildungsniveau. Diese negativen Ergebnisse können auf die Schwierigkeiten zurückgeführt werden, die sie bei der Regulation ihrer Emotionen haben. Dies kann wiederum zu abweichendem und riskantem Verhalten führen.

Bewältigungsmechanismen und Neurotizismus

Um mit ihren negativen Emotionen umzugehen, greifen Menschen mit hohem Neurotizismus oft zu maladaptiven Bewältigungsmechanismen. Dazu gehören Strategien wie Aufschieben oder Dissoziation. Solche Bewältigungsmechanismen können zwar kurzfristige Erleichterung bringen, haben jedoch oft langfristig negative Konsequenzen.

Neurotizismus im Vergleich zu Extraversion

Ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal, das oft mit riskantem Verhalten in Verbindung gebracht wird, ist Extraversion. Menschen, die als extrovertiert beschrieben werden, sind oft abenteuerlustig, enthusiastisch und gesellig. Während diese Eigenschaften es ihnen ermöglichen, positive Emotionen zu erleben, können sie auch zu riskantem Verhalten führen.

Angst als Facette des Neurotizismus

Eine der zentralen Facetten des Neurotizismus ist Angst. Diese Angst kann Menschen dazu veranlassen, sich riskantem Verhalten hinzugeben, insbesondere wenn sie versuchen, angstbedingte Fehlanpassungen zu vermeiden.

Impulsivität und Dringlichkeit

Eine weitere Eigenschaft, die oft mit Neurotizismus in Verbindung gebracht wird, ist Impulsivität. Ein Merkmal der Impulsivität ist die sogenannte Dringlichkeit, bei der Individuen einen starken Drang verspüren, impulsiv zu handeln, insbesondere wenn sie mit negativen Emotionen konfrontiert sind.

Fazit

Obwohl Neurotizismus oft mit negativen Emotionen assoziiert wird, ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle Aspekte dieses Persönlichkeitsmerkmals negativ sind. Es gibt eine komplexe Wechselwirkung zwischen den negativen und positiven Emotionen, die bei Menschen mit hohem Neurotizismus auftreten. Daher ist es wichtig, dieses Persönlichkeitsmerkmal im Gesamtkontext zu betrachten und zu verstehen.

Quellen und weiterführende Literatur


Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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