Lärmbelastung: Welche Krankheiten durch Lärm entstehen können

Herzerkrankungen & Gefäßkrankheiten, HNO - Hals- Nasen- und Ohrenkrankheiten, Psychische Gesundheit

Torsten Lorenz, aktualisiert am 12. Januar 2023, Lesezeit: 10 Minuten

Lärm gefährdet nachweislich die Gesundheit.

Es ist wissenschaftlich hinreichend belegt, dass Lärmbelastung zu Hörschäden, Bluthochdruck und ischämischen Herzkrankheiten, Belästigung, Schlafstörungen und Leistungsabfall in der Schule führen kann.

  • Sowohl in den Industrieländern als auch in den Entwicklungsländern nimmt die Lärmbelastung, insbesondere in der allgemeinen Wohnumgebung, zu.

Lärmbelastungen an Arbeitsplatz, in Freizeit und Nachbarschaft

Ein internationales Forscherteam kommt in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet zu dem Schluss, dass die Summe der Lärmbelastungen am Arbeitsplatz, in der Freizeit und Umgebungslärm (durch Straßen-, Schienen- und Flugverkehr) eine ernsthafte Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellt, die weit über Gehörschäden hinausgeht.

Das Team von Wissenschaftler untersuchte die verfügbaren Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen von Lärm auf eine Reihe von Gesundheitsindikatoren – Hörverlust, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kognitive Leistung und geistige Gesundheit sowie Schlafstörungen.

  • In einer Gesellschaft, die rund um die Uhr aktiv ist, ist Lärm allgegenwärtig, und es gibt immer weniger Orte, an denen Ruhe herrscht, erklärt Dr. med. Mathias Basner, Assistant Professor für Schlaf- und Chronobiologie an der Perelman School of Medicine der University of Pennsylvania und Hauptautor der Studie.

Deshalb ist es wichtig, dass wir die Auswirkungen dieser ständigen Lärmbelastung auf unsere Gesundheit besser verstehen, so der Wissenschaftler.

  • Die am häufigsten erforschte Art der Lärmbelastung ist der Lärm am Arbeitsplatz und seine negativen Auswirkungen auf das Gehör.

In den letzten Jahren hat sich die Forschung jedoch auch auf sozialen Lärm, wie beispielsweise Lärm, den man in Kneipen, Bars oder über private/persönliche Musikgeräte hört, sowie auf Umweltlärm durch Straßen-, Schienen- und Flugverkehr ausgeweitet.

Laut Basner wächst das Wissen darüber, wie sich verschiedene Arten von Lärm auf andere Gesundheitsaspekte als Hörverlust auswirken, darunter Schlaf, Herz-Kreislauf-Funktion, Belästigung in der Nachbarschaft und sogar die Beeinflussung der Heilung von Patientinnen und Patienten in einer Krankenhausumgebung.

Mit Blick sowohl auf lärmbedingte Hörprobleme (auditiv) als auch auf allgemeinere schädliche Auswirkungen von Lärm auf das körperliche und geistige Wohlbefinden (nicht auditiv) hat sich das Forschungsteam – bestehend aus Mitgliedern der International Commission on Biological Effects of Noise (ICBEN) – zusammengetan, um die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse in Bezug auf Lärmbelastung und allgemeine Gesundheit zusammenzufassen.

  • Das Team konzentrierte sich auf Studien, die in den Bereichen HNO-Heilkunde, Herz-Kreislauf-Medizin, Schlafmedizin, Psychologie und Krankenhausmedizin veröffentlicht wurden, um den Stand der Erkenntnisse über die Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit zu ermitteln.

Grundsätzlich gilt in der medizinischen Fachwelt, dass hohe Lärmpegel zu Hörverlusten führen können, da lärmbedingter Hörverlust die häufigste Berufskrankheit in den Vereinigten Staaten ist.

Nach Aussage von Basner sind allein in den USA ungefähr 22 Millionen Arbeitnehmer bei der Arbeit gefährlichen Lärmpegeln ausgesetzt, und jährlich werden schätzungsweise 242 Millionen Dollar für die Entschädigung von Gehörverlust ausgegeben.

Was die Auswirkungen auf das Gehör anbelangt, so kommen die Studienautoren zu dem Schluss, dass die Auswirkungen von Umgebungslärm und sozialem Lärm auf die Gesundheit von Menschen leicht unterschätzt werden, da sie allgegenwärtig sind.

Die Forscherinnen und Forscher fanden Anhaltspunkte dafür, dass eine langfristige Belastung durch Umgebungslärm das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigt und mit Bluthochdruck, ischämischen Herzerkrankungen und Schlaganfällen in Verbindung gebracht wird.

Außerdem wiesen zahlreiche wissenschaftliche Studien auf Zusammenhänge zwischen Umgebungslärmbelastung und Schlafstörungen, der kognitiven Entwicklung von Kindern sowie negativen Auswirkungen auf Patienten und Personal in Krankenhäusern hin.

Nach Ansicht der Forscher könnten sich die Bemühungen um eine Verringerung der Lärmbelastung letztendlich in einer geringeren Lärmbelästigung, einem besseren Lernumfeld für Kinder, einem besseren Schlaf, einer geringeren Inzidenz (Zahl der neu auftretende Fälle) von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und – im Falle der Lärmbelastung in Krankenhäusern – in besseren Ergebnissen für die Patienten und kürzeren Krankenhausaufenthalten niederschlagen.

Lärmbelastung kann zu Bluthochdruck sowie zu DNA-Schäden im Zusammenhang mit Krebs führen

Wie Lärmbelastung (Lärmbelästigung) der Gesundheit schadet: Zwei Studien an Mäusen geben Aufschluss darüber, wie diese Art von Lärmbelastung zu hohem Blutdruck und krebsbedingten DNA-Schäden führen kann.

  • Die gewonnenen Forschungsdaten liefern den Wissenschaftlern zusätzliche Erkenntnisse über die Mechanismen dieser negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, insbesondere in Bezug auf Bluthochdruck und die mögliche Entstehung von Krebs, beides führende Todesursachen weltweit.

Die Forschenden der Universitätsmedizin Mainz fanden heraus, dass gesunde Mäuse, die vier Tage lang Fluglärm ausgesetzt waren, mit größerer Wahrscheinlichkeit einen hohen Blutdruck entwickelten.

Bei den bereits mit Bluthochdruck belasteten Tieren verschlimmerte die Lärmbelastung die Schädigung des Herzens aufgrund eines synergistischen (zusammenwirkenden) Anstiegs von oxidativem Stress und Entzündungen im Herz-Kreislauf-System und im Nervensystem.

  • In einer weiteren Studie stellten die Wissenschaftler fest, dass dieselbe Lärmbelastung bei Mäusen oxidative DNA-Schäden auslöste.

Diese Schädigung führte zu einer hochgradig mutagenen DNA-Läsion (Schädigung), die bereits in anderen Zusammenhängen mit der Entstehung von Krebs in Verbindung gebracht wurde.

  • Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift The FASEB Journal veröffentlicht.

Die kognitive Entwicklung von Kindern, die Schulen mit mehr Verkehrslärm besuchen, ist deutlich beeinträchtigt

Straßenverkehrslärm ist ein weit verbreitetes Großstadtproblem, dessen Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern noch wenig bekannt sind.

  • Eine Studie, die an 38 Schulen in Barcelona durchgeführt wurde, legt die Schlussfolgerung nahe, dass sich Verkehrslärm an Schulen negativ auf die Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses und der Aufmerksamkeit von Grundschülern auswirkt.
  • Das vom Barcelona Institute for Global Health (ISGlobal) geleitete Projekt wurde in der Zeitschrift PLoS Medicine veröffentlicht.
  • An der Untersuchung, die von den Forschern Maria Foraster und Jordi Sunyer von ISGlobal geleitet wurde, nahmen insgesamt 2.680 Kinder im Alter von 7 bis 10 Jahren teil.

Zur Bewertung der möglichen schädigenden Auswirkungen von Verkehrslärm auf die kognitive Entwicklung haben die Forscher sich auf zwei Fähigkeiten konzentriert, die sich in der Vorpubertät rasch entwickeln und für das Lernen und den Schulerfolg von entscheidender Bedeutung sind: Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis.

Unter Aufmerksamkeit versteht man Prozesse wie die selektive Aufmerksamkeit für bestimmte Reize oder die Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe über einen längeren Zeitraum hinweg.

  • Beim Arbeitsgedächtnis handelt es sich um das System, das es uns ermöglicht, Informationen im Gedächtnis zu behalten und sie über einen kurzen Zeitraum zu verarbeiten.

Wenn Informationen, die im Arbeitsgedächtnis gespeichert sind, kontinuierlich und effektiv verarbeitet werden müssen, wird das sogenannte komplexe Arbeitsgedächtnis verwendet.

  • Die Feldforschung für die Studie wurde über einen Zeitraum von 12 Monaten in den Jahren 2012 und 2013 durchgeführt, in denen die Teilnehmenden Kinder die kognitiven Tests viermal absolvierten.

Mit den Tests sollten nicht nur das Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeit bewertet, sondern auch deren Entwicklung im Laufe der Zeit untersucht werden.

  • Gleichzeitig wurden vor den 38 teilnehmenden Schulen, auf den Schulhöfen und in den Klassenzimmern Lärmmessungen durchgeführt.

Am Ende der einjährigen Studiendauer zeigten die Forschungsergebnisse, dass die Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses, des komplexen Arbeitsgedächtnisses und der Aufmerksamkeit bei Schülern, die Schulen mit einem höheren Verkehrslärmpegel besuchten, langsamer verlief.

Eine Erhöhung des Außenlärmpegels um 5 dB führte beispielsweise zu einer um 11 Prozent langsameren Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses und einer um 24 Prozent langsameren Entwicklung des komplexen Arbeitsgedächtnisses als im Durchschnitt.

  • Auch die Entwicklung der Aufmerksamkeitskapazität war um 5 Prozent langsamer als im Durchschnitt, wenn der Verkehrslärm im Freien um 5 dB zunahm.

Unterschiede zwischen innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers

Bei der Analyse des Außenlärms an Schulen waren sowohl ein höherer durchschnittlicher Lärmpegel als auch größere Schwankungen des Lärmpegels mit schlechteren Schülerleistungen bei allen Tests verbunden.

  • Auch innerhalb der Klassenzimmer wurde eine stärkere Fluktuation des Lärmpegels mit einem langsameren Fortschritt im Laufe des Jahres bei allen kognitiven Tests in Verbindung gebracht.

Kinder, die über das Jahr hinweg einem höheren durchschnittlichen Lärmpegel im Klassenzimmer ausgesetzt waren, schnitten jedoch nur beim Aufmerksamkeitstest schlechter ab als Schüler in ruhigeren Klassenzimmern, nicht aber bei den Tests zum Arbeitsgedächtnis.

Diese Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass Lärmspitzen im Klassenzimmer die neurologische Entwicklung stärker beeinträchtigen als der durchschnittliche Dezibelpegel, kommentierte Maria Foraster vom Barcelona Institute for Global Health und Hauptautorin der Studie die Forschungsergebnisse.

Diese Erkenntnis ist insofern von Bedeutung, als sie die Hypothese stützt, dass bestimmte Lärmcharakteristika möglicherweise einen größeren Einfluss haben als der durchschnittliche Lärmpegel, obwohl die derzeitigen Richtlinien ausschließlich auf durchschnittlichen Dezibelwerten beruhen.

Nach Auffassung von Jordi Sunyer vom Barcelona Institute for Global Health stützt diese Studie die Hypothese, dass die Kindheit ein empfindlicher Zeitraum ist, in dem äußere Reize wie Lärm den raschen Prozess der kognitiven Entwicklung vor der Pubertät beeinflussen können.

Durch die vorliegende Studie werden die bisherigen Erkenntnisse über die Auswirkungen von Verkehrslärm auf die kognitive Entwicklung von Kindern ergänzt, die sowohl an Schulen, die Fluglärm ausgesetzt sind, als auch an Schulen, die der verkehrsbedingten Luftverschmutzung ausgesetzt sind, beobachtet wurden.

60 Millionen Erwachsene ungesunden Lärmpegeln sind ausgesetzt

In einer weiteren Untersuchung haben Forscher des Barcelona Institute for Global Health (ISGlobal) die Lärmbelastung durch den Straßenverkehr und deren Auswirkungen auf die Gesundheit in 749 europäischen Städten untersucht.

Aus den in der Zeitschrift Environment International veröffentlichten Ergebnissen geht hervor, dass fast 60 Millionen Erwachsene ungesunden Lärmpegeln durch Fahrzeuge ausgesetzt sind.

  • Die Einhaltung der Lärmrichtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnte jährlich 3.600 Todesfälle allein durch ischämische Herzkrankheiten verhindern.

Nächtlicher Fluglärm kann zu kardiovaskulärem Todesfällen führen

Eine von Forschern des Swiss TPH geleitete Studie ergab, dass akuter nächtlicher Fluglärm innerhalb von zwei Stunden nach der Fluglärmbelastung zu kardiovaskulären Todesfällen führen kann.

Die in der Fachzeitschrift European Heart Journal veröffentlichte Studie ergab, dass das Risiko eines Todes durch Herz-Kreislauf-Beschwerden bei nächtlichen Lärmpegeln zwischen 40 und 50 Dezibel um 33 Prozent und bei Pegeln über 55 Dezibel um 44 Prozent ansteigt.

Laut Martin Röösli, korrespondierender Autor der Studie und Leiter der Abteilung Umweltexposition und Gesundheit am Swiss TPH sind die Ergebnisse vergleichbar mit den Auswirkungen, die emotionale Zustände wie Wut oder Erregung auf die kardiovaskuläre Sterblichkeit haben.

Quellen

  • TNO Prevention and Health, Passchier-Vermeer W, Passchier WF. Noise exposure and public health. Environ Health Perspect. 2000 Mar;108 Suppl 1(Suppl 1):123-31. doi: 10.1289/ehp.00108s1123
  • The Lancet / University of Pennsylvania School of Medicine
  • Biochemistry and Molecular Biology / Matthias Walter Oelze, Katie Frenis, Swenja Kröller-Schön, Sanela Kalinović et al.; Prolonged exposure to noise pollution causes an increase in inflammatory signaling in the setting of hypertension; https://doi.org/10.1096/fasebj.2020.34.s1.04149; Federation of American Societies for Experimental Biology (FASEB)
  • Barcelona Institute for Global Health – https://www.isglobal.org/en
  • Exposure to road traffic noise and cognitive development in schoolchildren in Barcelona, Spain: A population-based cohort study, PLoS Medicine (2022). 10.1371/journal.pmed.1004001
  • Sasha Khomenko et al, Impact of road traffic noise on annoyance and preventable mortality in European cities: A health impact assessment, Environment International (2022). DOI: 10.1016/j.envint.2022.107160
  • Apolline Saucy et al, Does night-time aircraft noise trigger mortality? A case-crossover study on 24 886 cardiovascular deaths, European Heart Journal (2020). DOI: 10.1093/eurheartj/ehaa957

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