Forschung: Wirkung von erregungsbasierter Meditation im Vergleich zu Achtsamkeitsmeditation

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung, Meditation

Torsten Lorenz, aktualisiert am 8. Oktober 2022, Lesezeit: 10 Minuten

Das Verständnis der Gehirnforschung von Meditation wird seit langem von Studien zur Achtsamkeit geprägt.

  • Wer Achtsamkeitsmeditation praktiziert, lernt, auf seine Gedanken zu achten, um Entspannung und Stressabbau zu erfahren und seine Aufmerksamkeit (Mindfulness) und Konzentration zu verbessern.

Den Stresszustand regulieren anstatt ihn zu reduzieren

In einer Studie unter der Leitung von Maria Kozhevnikov, Associate Professor an der National University of Singapore, wurde eine weitere Art von Meditationspraktiken erforscht, die darauf abzielt, den Stresszustand, den eine Person erlebt, zu nutzen und zu regulieren, anstatt ihn zu reduzieren, um einen noch besseren Zustand der Konzentration und Aufmerksamkeit zu erreichen.

  • Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit wurden in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Current Research in Neurobiology veröffentlicht.

Mit der Studie wird erstmals eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme meditativer Praktiken vorgestellt, die nicht nur achtsamkeitsbasierte Meditationen berücksichtigt, sondern auch diese neue Kategorie meditativer Praktiken, die durch die Stimulierung des Gehirns ein erhöhtes Gefühl der Wachsamkeit erzeugen und von den Praktizierenden als „erregungsbasierte“ Meditationen bezeichnet werden.

Meditation, die das Gehirn stimuliert, anstatt es zu entspannen

Dabei wird deutlich, dass letztere eigentlich eine große Gruppe von Meditationstechniken umfasst, wie die des Vajrayana (tantrischer Buddhismus), der Sufis der islamischen Tradition („kreisende Derwische“) und vieler anderer Traditionen, einschließlich des hinduistischen Tantra und der ostasiatischen Kampfkünste. Die Funktionsweise dieser Techniken waren bis dato unbekannt.

Kontrolle von Stress- oder „Kampf-oder-Flucht“-Reaktionen

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen laut Prof. Maria Kozhevnikov von der National University of Singapore auch zum ersten Mal, dass es möglich ist, das Gehirn zu stimulieren, anstatt es zu entspannen, um eine bewusste Kontrolle über die Stress- oder „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion zu erlangen und die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit zu maximieren.

Diese Übungen bringen die Übenden an ihre Grenzen, so dass sie sich selbst in schwierigen Situationen auf die Aufgabe konzentrieren können und frei von ablenkenden Gedanken sind, erklärt die Wissenschaftlerin.

Die Forschungsergebnisse eröffnen ein breites Spektrum an potenziellen medizinischen und verhaltenstherapeutischen Interventionen, die es Meditierenden nicht nur ermöglichen, Stress zu regulieren.

  • Die Resultate dieser Studie zeigen auch, dass sich die körperliche Leistungsfähigkeit und die Aufmerksamkeit im Bedarfsfall steigern lässt und darüber hinaus auf verborgene Gehirnressourcen zuzugreifen werden kann, um einen kognitiven Leistungsabfall zu verhindern.

Körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit zu maximieren

An der Studie nahmen 16 Nonnen und Mönche teil, die sehr erfahrene Vajrayana-Praktizierende aus Langzeit-Retreat-Zentren im östlichen Bhutan sind.

Unter ihnen waren auch zehn Praktizierende der berühmten Tummo-Praxis („Innere Hitze“), die dafür bekannt ist, dass sie in der eisigen Kälte des Himalayas erhebliche Körperwärme erzeugen kann.

Die Wissenschaftler sammelten und verglichen elektrokardiografische und elektroenzephalografische Daten der Praktizierenden, während sie eine nicht-tantrische Mahamudra-Praxis (Mahamudra nach der Ruhephase) und eine tantrische Mahamudra-Praxis (Mahamudra nach der Selbstvisualisierung als Gottheit) ausübten. Zehn von ihnen führten auch Tummo durch.

  • Dabei stellte sich heraus, dass die nicht-tantrische Mahamudra ähnlich wie die Achtsamkeitspraxis zu Entspannung, Wachsamkeit und Kontrolle der Gedanken führt.

Die Praxis der Selbstvisualisierung als Gottheit und Tummo, bei der emotionsgeladene Konzentration und Visualisierung zusammen mit spezifischen Atemtechniken eingesetzt wurden, ermöglichten es den Praktizierenden jedoch, einen Zustand der Hirnstimulation zu erreichen, der zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Aufmerksamkeitsressourcen führte.

Es wurde deutlich, dass diese meditativen Praktiken als Methoden angesehen werden können, um die normalen Grenzen des menschlichen Zustands zu überwinden und insbesondere ein höheres Niveau an Leistung und kognitiven Fähigkeiten zu erreichen, als es normalerweise möglich ist.

Darüber hinaus führte die Tummo-Praxis zu einem gewissen Grad an freiwilliger Kontrolle über das sympathische Nervensystem (ein Netzwerk von Nerven im Körper, das die Stress- bzw. „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion aktiviert) – etwas, das die medizinische Wissenschaft bisher für unmöglich hielt.

Durch die Kontrolle des sympathischen Nervensystems (Sympathikus) konnten die Praktizierenden nicht nur die Höhe ihrer Aufmerksamkeitsressourcen beeinflussen, sondern auch den Zustand der geistigen Ausgeglichenheit (Geistesleere) während der letzten Praxis des tantrischen Mahamudra erreichen.

  • Prof. Maria Kozhevnikov zufolge ist diese Kontrolle des sympathischen Nervensystems (Sympathikus) wahrscheinlich die Erklärung für die erstaunliche Fähigkeit von Tummo-Praktizierenden, Körperwärme zu erzeugen und ihre Körperkerntemperatur auf fiebrige Werte zu erhöhen.

Die Wissenschaftlerin und ihr Team an der National University of Singapore beabsichtigen, die Ergebnisse zu nutzen, um die verschiedenen Reaktionen des Körpers auf verschiedene Meditationspraktiken für medizinische und verhaltensbezogene Interventionen zu verstehen.

Dies beinhaltet den Einsatz von Meditation, um zum einen einen Zustand erhöhter Wachsamkeit zur Vorbeugung verschiedener kognitiver Beeinträchtigungen und des altersbedingten kognitiven Verfalls zu erreichen, der mit dem Verlust von Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen einhergeht (z. B. Alzheimer, Multiple Sklerose und Demenz).

Und zum anderen auf das Training von Angehörigen kreativer Berufe (Kunst, Wissenschaft und Musik), um ein hohes Maß an Kreativität in ihren jeweiligen Disziplinen zu erreichen, indem sie lernen, auf den Erregungszustand des Gehirns zuzugreifen und ihre körperlichen und aufmerksamkeitsbezogenen Ressourcen bei Bedarf zu steigern.

Bangor University: Sechs häufige Missverständnisse über Meditation

Meditieren wird als eine Möglichkeit angesehen, die geistige Gesundheit zu fördern, chronische Schmerzen zu lindern, Stress abzubauen und ein neues Verständnis für die Welt um uns herum zu entwickeln.

Allerdings gibt es trotz des großen Interesses immer noch falsche Vorstellungen darüber, was das Meditieren für die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen tun kann.

Die Universität Bangor (Centre for Mindfulness Research and Practice) hat deshalb sechs gängige Missverständnisse über Meditation und Meditieren näher beleuchtet.

„Es gibt nur eine Art der Meditation“

Nur einige Formen der Meditation erfordern ein stilles Sitzen mit gekreuzten Beinen.

Hierbei werden ein entspannter, aber wacher Geisteszustand mit langsamen Bewegungen und sanfter Atmung kombiniert. Bei anderen Meditationsformen, wie der tibetisch-buddhistischen Meditation, werden Visualisierungen und/oder Mantras verwendet.

  • Es gibt auch die sogenannte „Denkmeditation“, bei der man über Themen wie beispielsweise die Vergänglichkeit nachdenkt, während man entspannt, aber konzentriert und nachdenklich bleibt.

Bei vielen Meditationsarten wird die Meditation auch in die alltäglichen Aktivitäten integriert, wie zum Beispiel beim bewussten Geschirrspülen, bei dem man auf die Empfindungen des Wassers und der Handbewegungen achtet.

Genauso gibt es die Essensmeditation, bei der man seine Dankbarkeit für das Essen und seine Wünsche für andere, die weniger Glück haben, zum Ausdruck bringt.

„Still und ruhig sein ist das Wichtigste“

Eine stabile, nicht-reaktive Aufmerksamkeit wird bei allen Meditationsarten entwickelt, aber sie wird besonders bei Achtsamkeitsübungen angestrebt. Andere Meditationsarten kultivieren Qualitäten wie Mitgefühl, Großzügigkeit oder Vergebung.

Eine weitere Form – manchmal als dekonstruktive Meditation bezeichnet – entwickelt speziell kontemplative Einsichten in die Funktionsweise und die Natur unseres Geistes.

Der typische Verlauf eines Meditationstrainings reicht von Übungen zur Stabilisierung der Aufmerksamkeit über die Kultivierung von Mitgefühl und anderen verwandten Eigenschaften bis hin zur Einsicht.

In jeder dieser Phasen ist es wichtig, dass die Meditierenden über ihre Motivation und ihre Absichten für die Praxis nachdenken, was sich wahrscheinlich auch auf die Ergebnisse auswirkt. Während einige vielleicht meditieren, um Ängste oder Rückenschmerzen zu lindern, suchen andere zum Beispiel spirituelles Erwachen.

„Man muss in der Lage sein, seinen Geist zu leeren“

Beim Meditieren kommt der Geist zwar oft zur Ruhe, aber das bedeutet nicht, dass er komplett leer wird.

Beim Meditieren geht es vielmehr darum, die Fähigkeit zu entwickeln, die eigenen Gedanken, Emotionen und Empfindungen mit der Qualität der Nicht-Reaktivität zu beobachten – das bedeutet, dass man in der Lage ist, zu bemerken und innezuhalten, anstatt zu reagieren – und eine umfassendere, mitfühlende Perspektive zu entwickeln.

  • Die Annahme, dass man seinen Geist leeren muss, stammt wahrscheinlich aus Missverständnissen über einige fortgeschrittene Meditationsarten wie meditative Absorption, Achtsamkeitspraktiken oder einige Dzogchen-Meditationen.

Diese Praktiken werden von sehr wenigen gewöhnlichen Gedanken, Empfindungen und Emotionen begleitet.

Doch selbst mit eingeschränktem Denken haben diese meditativen Zustände Qualitäten wie Leichtigkeit, Klarheit, Mitgefühl, Achtsamkeit und reflektierendes Gewahrsein.

Zu versuchen, das Denken mit Zwang einzuschränken, wäre in jedem Stadium der Meditationsausbildung nicht förderlich.

„Durch Meditation wird man vom ersten Tag an entspannt sein“

Beim Meditieren geht es nicht nur darum, seinen Geist zur Ruhe zu bringen. Am Anfang der Praxis und während des Übergangs zu fortgeschritteneren Meditationsphasen wird man sich häufig ungesunder geistiger Gewohnheiten und Verhaltensweisen bewusst.

Diese Herausforderungen können sogar negative Auswirkungen haben, wie etwa erhöhte Angstzustände oder Orientierungslosigkeit.

  • Aus diesem Grunde ist es wichtig, unter der Anleitung eines erfahrenen und qualifizierten Meditationslehrers zu praktizieren, der einen Ratschlag geben kann, wie man mit solchen Erfahrungen umgehen kann.

„Alle Fakten über die Wirkung von Meditation sind bekannt“

Wissenschaftliche Studien haben bereits die positiven Auswirkungen einiger Meditationsarten, wie zum Beispiel auf Depressionen und in gewissem Maße auf den Stressabbau, belegt.

Allerdings sind einige andere Behauptungen nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt. Es gibt unterschiedliche oder unzureichende Beweise für die Auswirkungen der Meditation auf die Verringerung des Stresshormonspiegels und auf die Alterung.

Es wird zwar weiter erforscht, wie sich Meditation auf das menschliche Gehirn auswirkt, aber gegenwärtig ist das Wissen über die langfristigen Auswirkungen der Meditation sehr begrenzt.

Meist werden die Wirkungen der Meditation vor und nach einem achtwöchigen Kurs oder einem einmonatigen Retreat untersucht und nicht über Jahre oder möglicherweise ein ganzes Leben lang.

Ebenso wenig wurde der Nutzen nach der Art der Meditation definiert. Verschiedene Meditationsstile – und sogar verschiedene Arten von Achtsamkeit – haben unterschiedliche Ausprägungen und Ziele und könnten daher unterschiedliche Auswirkungen auf die menschliche Psychologie und Physiologie haben.

„Meditation dient nur dazu, Schmerzen, Stress oder Ängste abzubauen“

In seinem traditionellen Kontext – auch über den Buddhismus hinaus – ist das Ziel der Meditation die Erforschung von Sinn und Zweck des Lebens und die Verbindung mit einem tieferen existenziellen Bewusstsein.

Dieser zentrale Aspekt wird in der heutigen Lehre oft vernachlässigt. Die Wissenschaft konzentriert sich meist – aber nicht immer – auf die unmittelbaren gesundheitlichen Vorteile der Meditation und nicht auf das existenzielle Wohlbefinden.

Dabei ist die Dimension des existenziellen Bewusstseins der Meditationspraxis eng mit der Motivation und den Absichten verbunden, die hinter der Meditationspraxis stehen.

Um Meditation wirklich zu verstehen, müssen wir uns also vielleicht stärker auf diesen wesentlichen Aspekt konzentrieren. Wenn wir mehr darüber erfahren, könnte dies auch dazu beitragen, einige aktuelle Bedenken hinsichtlich der Verwendung von Meditationstechniken außerhalb des traditionellen Kontextes als Mittel zur Steigerung der Produktivität und zum Stressabbau auszuräumen.

Quellen

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