Demenzrisiko vorbeugen und senken – Was hilft aus wissenschaftlicher Sicht?

Alzheimer-Demenz-Forschung, Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Torsten Lorenz, Veröffentlicht am: 17.07.2023, Lesezeit: 10 Minuten

Was kann man tun um Demenz vorzubeugen?

Schach, Computer, Malen und/oder soziale Kontakte?

Computer, Kreuzworträtsel und Spiele wie Schach sind bei älteren Menschen stärker mit der Vorbeugung von Demenz verbunden als Stricken, Malen oder soziale Kontakte.

  • Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschenden der Monash University in Australien.

Die in der Fachzeitschrift JAMA Network Open veröffentlichten Forschungsergebnisse könnten älteren Menschen und Fachkräften in der Altenpflege helfen, gezieltere Maßnahmen zur Verringerung des Demenzrisikos zu entwickeln.

  • Für die Studie wurden Forschungsdaten von 10.318 Australiern und Australierinnen im Alter von 70 Jahren und älter ausgewertet.

1. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass diejenigen, die regelmäßig an Lese- und Schreibübungen für Erwachsene und an geistigen (kognitiven) Aktivitäten wie Bildungskursen, dem Führen eines Tagebuchs oder dem Lösen von Kreuzworträtseln teilnahmen, ein um 9 bis 11 Prozent geringeres Risiko hatten, an Demenz zu erkranken, als ihre Altersgenossen.

2. Kreative Hobbys wie Basteln, Stricken und Malen sowie eher passive Tätigkeiten wie Lesen verringerten das Risiko um 7 Prozent.

3. Die Größe des sozialen Netzwerks einer Person und die Häufigkeit von Kino- oder Restaurantbesuchen waren dagegen nicht mit einer Verringerung des Demenzrisikos verbunden.

4. Die Ergebnisse blieben auch dann statistisch signifikant, wenn das frühere Bildungsniveau und der sozioökonomische Status berücksichtigt wurden.

5. Zwischen Männern und Frauen konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden.

Im Jahr 2022 lebten weltweit rund 55 Millionen Menschen mit Demenz, und jedes Jahr kommen 10 Millionen neue Fälle hinzu.

Laut der Hauptautorin der Studie, Associate Professor Joanne Ryan von der School of Public Health and Preventive Medicine, ist die Identifizierung von Strategien zur Vorbeugung oder Verzögerung von Demenz weltweit von großer Bedeutung.

Die Forscherin ist der Ansicht, dass die Ergebnisse der Studie auf eine aktive Verarbeitung von bereits gespeichertem Wissen hindeuten, die eine größere Rolle bei der Verringerung des Demenzrisikos spielen könnte als passive Freizeitaktivitäten. Es könnte besonders wichtig sein, den Geist aktiv und gefordert zu halten.

Die untersuchten Freizeitaktivitäten umfassten:

  • Aktivitäten der Erwachsenenbildung wie Volkshochschulkurse, Computernutzung, Tagebuchführung,
  • geistige Aktivitäten wie das Lösen von Quiz- und Kreuzworträtseln, Karten-/Schachspielen,
  • kreative Hobbys wie Holzarbeiten, Stricken oder Malen,
  • eher passive Tätigkeiten wie Nachrichten lesen oder Musik hören,
  • Aktivitäten in sozialen Netzwerken wie Treffen und Austausch mit Freunden
    geplante Aktivitäten wie Restaurant-, Museums- oder Kinobesuche.

Die Forschungsergebnisse schließen nicht aus, dass Menschen, die sich von Natur aus zu Freizeitaktivitäten hingezogen fühlen, die mit kognitiver Gesundheit in Verbindung gebracht werden, auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, die auf andere Weise vorteilhaft sind, oder dass sie generell ein besseres Gesundheitsverhalten haben, so Joanne Ryan.

Auch wenn die Teilnahme an Aktivitäten zur Förderung der Lese- und Schreibfähigkeit und der geistigen Schärfe keine Wunderpille zur Vorbeugung von Demenz sei, deuteten die Forschungsergebnisse doch darauf hin, dass diese Aktivitäten am ehesten zu einer anhaltend guten kognitiven Gesundheit beitrügen, so die Wissenschaftlerin.

  • Joanne Ryan ist der Ansicht, dass soziale Bindungen auch für die kognitive Gesundheit und das psychische Wohlbefinden wichtig sind, obwohl die Studie keinen eindeutigen Zusammenhang mit dem Demenzrisiko feststellen konnte.

Die Teilnehmenden waren kognitiv gesund und führten wahrscheinlich bereits ein sozial aktives Leben, so dass die kognitiven Vorteile starker sozialer Netzwerke in dieser Gruppe im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung weniger offensichtlich sein könnten, so die Forscherin.

Auswirkungen kognitiver, körperlicher und sozialer Aktivitäten auf das Demenzrisiko

Eine Meta-Analyse, die in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht wurde, zeigt, dass Freizeitaktivitäten wie das Lesen von Büchern, Yoga und das Zusammensein mit Familie und Freunden das Demenzrisiko senken können.

  • In der Meta-Analyse wurden verfügbare Studien zu den Auswirkungen kognitiver, körperlicher und sozialer Aktivitäten auf das Demenzrisiko ausgewertet (Eine Metaanalyse ist eine Zusammenfassung von Primärstudien zu Metadaten, die mit quantitativen und statistischen Mitteln arbeitet. Dabei wird versucht, frühere Forschungsarbeiten quantitativ/statistisch zusammenzufassen und darzustellen).

Frühere Studien haben gezeigt, dass Freizeitaktivitäten mit verschiedenen gesundheitlichen Vorteilen verbunden sind, wie zum Beispiel einem geringeren Krebsrisiko, weniger Vorhofflimmern und einer besseren Wahrnehmung des eigenen Wohlbefindens, sagte Studienautor Lin Lu, Ph.D., vom Peking University Sixth Hospital.

Allerdings gab es widersprüchliche Erkenntnisse über die Rolle von Freizeitaktivitäten bei der Vorbeugung von Demenz.

  • Die Studie ergab, dass Freizeitaktivitäten wie Basteln, Sport oder ehrenamtliche Tätigkeiten mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden sind.

Für die Metaanalyse wurden insgesamt 38 Studien ausgewertet, an denen mehr als 2 Millionen Menschen teilnahmen, die nicht an Demenz erkrankt waren. Die Teilnehmenden wurden über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren beobachtet.

  • In Fragebögen oder Interviews machten die Befragten Angaben zu ihren Freizeitaktivitäten.

Freizeitaktivitäten wurden als Aktivitäten definiert, die zum Vergnügen oder Wohlbefinden ausgeübt werden, und wurden in geistige, körperliche und soziale Aktivitäten unterteilt.

  • Im Verlauf der Studie erkrankten 74.700 Menschen an Demenz.

Nach Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Geschlecht und Bildung stellten die Forscher fest, dass Freizeitaktivitäten insgesamt mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden waren.

Diejenigen, die in ihrer Freizeit aktiv waren, hatten ein um 17 Prozent geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken, als diejenigen, die in ihrer Freizeit nicht aktiv waren.

Zu den geistigen Aktivitäten zählten vor allem intellektuelle Tätigkeiten wie Lesen oder Schreiben zum Vergnügen, Fernsehen, Radio hören, Spiele oder Musikinstrumente spielen, Computer benutzen und Basteln.

  • Die Forscher stellten fest, dass Menschen, die an diesen Aktivitäten teilnahmen, ein um 23 Prozent geringeres Risiko hatten, an Demenz zu erkranken.

Zu den körperlichen Aktivitäten gehörten Gehen, Laufen (Ausdauertraining), Schwimmen, Radfahren, Fitnessgeräte, Gymnastik, Yoga und Tanzen. Die Forscher fanden heraus, dass Menschen, die an diesen Aktivitäten teilnahmen, ein um 17 Prozent geringeres Risiko hatten, an Demenz zu erkranken.

Soziale Aktivitäten bezogen sich hauptsächlich auf Aktivitäten, bei denen es um die Kommunikation mit anderen geht, wie zum Beispiel der Besuch eines Kurses, die Mitgliedschaft in einem sozialen Verein, ehrenamtliche Tätigkeiten, Besuche bei Verwandten oder Freunden oder die Teilnahme an religiösen Aktivitäten.

  • Die Forscher stellten fest, dass Menschen, die an diesen Aktivitäten teilnahmen, ein um 7 Prozent geringeres Risiko hatten, an Demenz zu erkranken.

Laut Lu deutet diese Meta-Analyse darauf hin, dass ein aktives Leben Vorteile hat und dass es viele Aktivitäten gibt, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen und für das Gehirn von Nutzen sein können.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Freizeitaktivitäten das Risiko, an Demenz zu erkranken, verringern können. Zukünftige Studien sollten größere Stichproben und eine längere Nachbeobachtungszeit umfassen, um weitere Zusammenhänge zwischen Freizeitaktivitäten und Demenz aufzudecken.

  • Eine Einschränkung der Studie war, dass die Teilnehmer ihre eigenen körperlichen und geistigen Aktivitäten angaben, so dass es möglich ist, dass sie sich nicht an die Aktivitäten erinnerten oder diese nicht korrekt wiedergaben.

Was das Demenzrisiko erhöht

Erwachsene im Alter von 60 Jahren und älter, die viel Zeit sitzend vor dem Fernseher verbringen oder anderen passiven, sitzenden Tätigkeiten nachgehen, haben möglicherweise ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken.

  • Zu diesem Ergebnis kam eine Studie von Forscherinnen und Forschern des USC Dornsife College of Letters, Arts and Sciences und der University of Arizona.

Die Forschungsergebnisse zeigten auch, dass das Risiko für diejenigen geringer ist, die eine sitzende Tätigkeit ausüben, wie zum Beispiel Lesen oder Computer benutzen.

  • Darüber hinaus zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen sitzender Tätigkeit und Demenzrisiko auch bei körperlich aktiven Personen bestehen blieb.

Die Ergebnisse wurden in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Laut Studienautor David Raichlen, Professor für Biowissenschaften und Anthropologie am USC Dornsife College of Letters, Arts and Sciences, ist es nicht die Zeit, die man im Sitzen verbringt, die das Demenzrisiko beeinflusst, sondern die Art der sitzenden Tätigkeit in der Freizeit.

Aus früheren Studien wisse man, dass Fernsehen im Vergleich zur Computernutzung oder zum Lesen zu einer geringeren Muskelaktivität und einem geringeren Energieverbrauch führe, so die Forschenden.

Und während die Wissenschaft gezeigt hat, dass langes, ununterbrochenes Sitzen mit einer verminderten Durchblutung des Gehirns einhergeht, könnte die relativ höhere geistige Stimulation, die bei der Computernutzung auftritt, den negativen Auswirkungen des Sitzens entgegenwirken.

  • Die Forscher nutzten Selbstauskünfte aus der British Biobank, einer groß angelegten biomedizinischen Langzeituntersuchung mit mehr als 500.000 Teilnehmenden aus dem Vereinigten Königreich, um mögliche Zusammenhänge zwischen sitzender Freizeitaktivität und Demenz bei älteren Erwachsenen zu untersuchen.
  • Nach einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von fast 12 Jahren ermittelten die Forscher anhand der Krankenhausakten die Demenzdiagnosen. Sie fanden 3.507 positive Fälle.

Anschließend wurden bestimmte demografische Merkmale (z. B. Alter, Geschlecht, Rasse/ethnische Zugehörigkeit, Art der Beschäftigung) und Merkmale des Lebensstils (z. B. körperliche Aktivität, Rauchen und Alkoholkonsum, Zeit für Schlaf und soziale Kontakte) berücksichtigt, die die Gesundheit des Gehirns beeinflussen können.

Einfluss von körperlicher und geistiger Aktivität auf das Demenzrisiko

Die Ergebnisse änderten sich auch nicht, als die Wissenschaftler das Ausmaß der körperlichen Aktivität berücksichtigten.

Selbst bei körperlich sehr aktiven Personen war die Zeit, die sie vor dem Fernseher verbrachten, mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden, während die Zeit, die sie vor dem Computer verbrachten, mit einem geringeren Demenzrisiko in Verbindung stand.

Obwohl bekannt ist, dass körperliche Aktivität gut für die Gesundheit des Gehirns ist, glauben viele Menschen, dass wir den negativen Auswirkungen des Sitzens entgegenwirken können, indem wir uns während des Tages einfach mehr bewegen, sagte Studienautor Gene Alexander, Professor für Psychologie am Evelyn F. McKnight Brain Institute der Universität von Arizona.

Laut Alexander deuten die Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Auswirkungen des Sitzens in der Freizeit auf das Gehirn unabhängig davon sind, wie aktiv wir körperlich sind, und dass mehr geistige Aktivität, zum Beispiel bei der Computernutzung, eine wichtige Maßnahme sein könnte, um dem erhöhten Demenzrisiko entgegenzuwirken, das mit passivem Sitzen wie Fernsehen verbunden ist.

  • Das Wissen darüber, wie sich sitzende Tätigkeiten auf die menschliche Gesundheit auswirken, könnte zu einigen Verbesserungen führen.

Dieses Wissen ist von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung zielgerichteter Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die darauf abzielen, das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen im Zusammenhang mit sitzenden Tätigkeiten durch positive Verhaltensänderungen zu verringern.

Quelle

  • American Academy of Neurology
  • USC Dornsife College of Letters, Arts and Sciences
  • Zimu Wu et al, Lifestyle Enrichment in Later Life and Its Association With Dementia Risk, JAMA Network Open (2023). DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2023.23690
  • Sizhen Su et al, Leisure Activities and the Risk of Dementia: A Systematic Review and Meta-Analysis, Neurology (2022). DOI: 10.1212/WNL.0000000000200929, n.neurology.org/lookup/doi/10. … WNL.0000000000200929
  • David A. Raichlen et al, Leisure-time sedentary behaviors are differentially associated with all-cause dementia regardless of engagement in physical activity, Proceedings of the National Academy of Sciences (2022). DOI: 10.1073/pnas.2206931119

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 Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

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# Genetik und Lebenserwartung Bis zu 50 Prozent durch Erbfaktoren bestimmt Eine bahnbrechende Studie, im Januar 2026 im Fachjournal Science veröffentlicht, zeigt, dass die genetische Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne bei über 50 Prozent liegt, wenn äußere Todesursachen wie Unfälle oder Infektionskrankheiten aus der Berechnung herausgerechnet werden – ein Befund, der bisherige Schätzungen grundlegend korrigiert und neue Perspektiven für die Erforschung von Alterungsprozessen und Langlebigkeit eröffnet. --- ## Bisherige Schätzungen deutlich zu niedrig Jahrzehntelang galt in der Wissenschaft eine vergleichsweise bescheidene Zahl Zwillingsstudien schätzten die Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne auf lediglich 20 bis 25 Prozent. Neuere Stammbaumanalysen mit großen Datensätzen hatten diesen Wert sogar auf unter 6 Prozent gedrückt. Diese niedrigen Zahlen führten zu einem wissenschaftlichen Widerspruch Warum sollte die menschliche Lebensspanne weitaus weniger genetisch beeinflusst sein als fast alle anderen komplexen menschlichen Merkmale, von der Körpergröße über den Intelligenzquotienten bis hin zur Herzgesundheit --- ## Die methodische Schwäche Extrinsische Sterblichkeit Forscherinnen und Forscher des Weizmann Institute of Science in Rehovot (Israel), des Karolinska Institutet in Stockholm und des Leiden University Medical Center haben nun eine entscheidende methodische Schwachstelle in den bisherigen Studien identifiziert. Das Problem Frühere Berechnungen bezogen alle Todesursachen ein, also auch solche, die nichts mit dem biologischen Alterungsprozess des Körpers zu tun haben. Unfälle im Straßenverkehr, Tötungsdelikte, Ertrinken oder tödliche Infektionskrankheiten – all das sind sogenannte extrinsische Todesursachen. Sie sind vom Zufall oder von äußeren Umständen abhängig, nicht von der genetischen Konstitution eines Menschen. Wird dieser Störfaktor nicht bereinigt, verzerrt er die statistische Schätzung der Erblichkeit erheblich nach unten. --- ## Methodik Mathematische Modellierung und Zwillingsstudien Das Forschungsteam um Ben Shenhar und Uri Alon entwickelte ein mathematisches Modell, das zwischen intrinsischer Sterblichkeit (also dem biologisch bedingten Altern) und extrinsischer Sterblichkeit unterscheidet. Anschließend wurden zwei Arten von Zwillingskohorten analysiert - Zusammen aufgewachsene Zwillinge, die ähnliche Umwelteinflüsse teilten - Getrennt aufgewachsene Zwillinge, bei denen Umwelteinflüsse stärker abweichen Durch den Vergleich dieser Gruppen und die Bereinigung um extrinsische Todesursachen gelangten die Forschenden zu einer neuen Schätzung Die Erblichkeit der intrinsischen menschlichen Lebensspanne liegt bei über 50 Prozent. --- ## Was bedeutet „Erblichkeit von 50 Prozent Ein häufiges Missverständnis muss hier ausgeräumt werden Eine Erblichkeit von 50 Prozent bedeutet nicht, dass die Hälfte des eigenen Lebens von den Genen „vorprogrammiert ist. Der Begriff beschreibt vielmehr, wie viel der Variation in der Lebensspanne innerhalb einer Population auf genetische Unterschiede zwischen Individuen zurückzuführen ist. ### Vergleichbare Werte bei anderen Merkmalen Ein Erblichkeitswert von etwa 50 Prozent gilt in der Genetik als substanziell. Zum Vergleich - Körpergröße ca. 80 Prozent - Body-Mass-Index (BMI) ca. 40–70 Prozent - Blutdruck ca. 30–50 Prozent - Typ-2-Diabetes ca. 25–50 Prozent Die neue Studie ordnet die menschliche Lebensspanne damit in die gleiche Kategorie wie viele andere medizinisch relevante komplexe Merkmale ein. Dieser Befund steht auch im Einklang mit der Erblichkeit der Lebensspanne bei anderen Spezies. --- ## Warum dieser Befund für die Medizin bedeutsam ist ### Longevity-Gene als Schlüssel zum Altern Eine hohe genetische Erblichkeit der Lebensspanne hat direkte Konsequenzen für die biomedizinische Forschung. Je stärker ein Merkmal genetisch verankert ist, desto aussagekräftiger sind genomweite Assoziationsstudien (GWAS), die nach spezifischen Genvarianten suchen. Identifizierte Langlebigkeitsgene können biologische Mechanismen des Alterns aufdecken, etwa in Bezug auf - DNA-Reparatursysteme - Entzündungsregulation (Inflammaging) - Mitochondriale Funktion - Telomerlänge und -stabilität ### Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit Die Erkenntnis, dass rund die Hälfte der Variation in der intrinsischen Lebensspanne genetisch bedingt ist, bedeutet gleichzeitig, dass die andere Hälfte durch Umwelt- und Verhaltensfaktoren beeinflusst wird. Dazu gehören - Ernährungsweise und körperliche Aktivität - Sozioökonomischer Status und Bildung - Zugang zu Gesundheitsversorgung - Exposition gegenüber Schadstoffen und chronischem Stress Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung sowohl der Präzisionsmedizin als auch der Public-Health-Interventionen. --- ## Kontext Wo die Forschung steht Die Studie erschien am 29. Januar 2026 in Science (DOI 10.1126science.adz1187, Band 391, Heft 6784, Seiten 504–510) und wurde von Forschenden des Weizmann Institute, des Karolinska Institutet, der Westlake University in Hangzhou sowie des Leiden University Medical Center verfasst. Die Arbeit ist eine Zwillingsstudie, klassifiziert im Rahmen der standardisierten MeSH-Terminologie der US-amerikanischen National Library of Medicine. Frühere Schätzwerte auf Basis ähnlicher Zwillingsdaten, jedoch ohne Bereinigung um extrinsische Sterblichkeit, lagen laut dem Abstract bei 20 bis 25 Prozent. Stammbaum-basierte Großstudien hatten zuletzt Werte von nur 6 Prozent gemeldet. --- ## Was bleibt offen Die Studie liefert eine methodisch fundierte Neubewertung der Erblichkeitsschätzungen. Dennoch bestehen offene Fragen - Welche spezifischen Genvarianten tragen am stärksten zur intrinsischen Lebensspanne bei - Wie interagieren genetische und epigenetische Faktoren im Alterungsprozess - Lassen sich die Befunde auf verschiedene Ethnizitäten und geographische Populationen übertragen Diese Fragen werden die Forschung in den kommenden Jahren beschäftigen. Die vorliegende Studie legt dafür ein wichtiges methodisches Fundament. --- ## Häufig gestellte Fragen (FAQs) Bedeutet eine Erblichkeit von 50 Prozent, dass mein Lebensalter zur Hälfte feststeht Nein. Erblichkeit ist ein statistisches Konzept, das die Variation innerhalb einer Population beschreibt, nicht ein Schicksal des Einzelnen. Lebensstil, Umwelt und medizinische Versorgung spielen weiterhin eine erhebliche Rolle. Warum haben frühere Studien so viel niedrigere Werte gefunden Frühere Zwillings- und Stammbaumstudien berücksichtigten keine Trennung zwischen biologisch bedingtem Altern und äußeren Todesursachen wie Unfällen. Diese Vermischung führte systematisch zu einer Unterschätzung der genetischen Erblichkeit. Was sind extrinsische Todesursachen Damit sind Todesfälle gemeint, die nicht auf das biologische Altern zurückzuführen sind Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen, Ertrinken oder akute Infektionskrankheiten. Diese Ereignisse hängen primär von äußeren Umständen ab, nicht von der genetischen Konstitution. Hat die Studie praktische Bedeutung für die Langlebigkeitsforschung Ja, erheblich. Ein hoher Erblichkeitswert legitimiert genomweite Studien zur Suche nach Langlebigkeitsgenen. Solche Gene können Aufschluss über Alterungsmechanismen geben und als Angriffspunkte für medizinische Interventionen dienen. 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