Forschung: Wie gesundheitsschädlich sind Kunststoffe und Mikroplastik?

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung, Karolinska Institutet

Torsten Lorenz, aktualisiert am 9. Januar 2021, Lesezeit: 5 Minuten

Wie wirkt sich Plastik auf die Gesundheit von Menschen aus? Kunststoffe enthalten und setzen gefährliche Chemikalien frei, inklusive endokrin wirksamer Chemikalien (EDCs), die die Gesundheit des Menschen bedrohen.

Der Bericht „Plastics, EDCs, & Health“ von der Endocrine Society und dem IPEN (International Pollutants Elimination Network), liefert eine Zusammenfassung der internationalen Forschung über die gesundheitlichen Auswirkungen von sogenannten EDCs (endokrin wirksamen Chemikalien) und beschreibt die alarmierenden gesundheitlichen Auswirkungen der weit verbreiteten Schadstoffbelastung durch endokrin wirksame Chemikalien (EDCs) in Plastik und Kunststoffen.

Plastik: Störung des Hormonsystem des Körpers

EDCs sind Chemikalien, die das Hormonsystem des Körpers stören und dadurch unter anderem Krebs, Diabetes, Fortpflanzungsstörungen und neurologische Beeinträchtigungen bei sich entwickelnden Föten und Kindern verursachen können.

Der vorliegende Bericht beschreibt eine Fülle von Befunden, die direkte Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zwischen den giftigen chemischen Zusätzen in Kunststoffen (Plastik, Mikroplastik) und spezifischen gesundheitlichen Auswirkungen auf das Hormonsystem belegen.

Nach vorsichtigen Schätzungen sind heute mehr als tausend hergestellte Chemikalien in Gebrauch, die als endokrin wirksame Chemikalien (EDCs) gelten. Zu den bekannten EDCs, die von Plastik, Mikroplastik und Kunststoffen freigesetzt werden und die Gesundheit von Menschen gefährden, gehören Bisphenol A und verwandte Chemikalien, Flammschutzmittel, Phthalate, Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS), Dioxine, UV-Stabilisatoren und toxische Metalle wie Blei und Cadmium.

Endokrin wirksame Chemikalien in Plastik und Kunststoffen

Kunststoffe, die endokrin wirksame Chemikalien enthalten, werden in großem Umfang in Verpackungsmaterialien, im Bauwesen, in Bodenbelägen, in der Lebensmittelproduktion und -verpackung, in Kochgeschirr, im Gesundheitswesen, in Kinderspielzeug, in Freizeitartikeln, in Möbeln, in der Heimelektronik, in Textilien, in Automobilen und in Kosmetika verwendet.

144 gefährliche Chemikalien oder chemische Gruppen in Kunststoff

144 Chemikalien oder chemische Gruppen, die als gefährlich für die menschliche Gesundheit gelten, werden aktiv in Kunststoffen für Funktionen verwendet, die von antimikrobieller Aktivität über Farbstoffe, Flammschutzmittel, Lösungsmittel, UV-Stabilisatoren und Weichmacher reichen.

Eine Belastung durch endokrin wirksame Chemikalien kann während der gesamten Lebensdauer von Kunststoffprodukten auftreten, vom Herstellungsprozess über den Kontakt mit dem Verbraucher und das Recycling bis hin zur Abfallentsorgung.

Die Gefährdung durch EDC ist ein universelles Problem. Tests von menschlichen Proben zeigen immer wieder, dass fast alle Menschen EDCs in ihrem Körper haben.

Mikroplastik ist mit chemischen Zusätzen versetzt, die aus dem Mikroplastik austreten und so die Menschen belasten können. Es kann außerdem giftige Chemikalien aus der Umgebung, wie Meerwasser und Sediment, binden und anreichern und so als Träger für toxische Verbindungen dienen.

Biokunststoffe/biologisch abbaubare Kunststoffe, die zwar als umweltfreundlicher angepriesen werden, enthalten ähnliche chemische Zusätze wie herkömmliche Kunststoffe und haben ebenfalls endokrinschädigende Wirkungen.

Viele der Kunststoffe, mit denen Menschen täglich zu Hause und bei der Arbeit in Kontakt kommen, setzen ihn einem schädlichen Cocktail aus endokrin wirksamen Chemikalien aus, so Dr. Jodi Flaws von der University of Illinois at Urbana-Champaign in Urbana, Illinois. Nach Meinung der Autoren des Berichts sind entschiedene Maßnahmen auf globaler Ebene erforderlich, um die menschliche Gesundheit und unsere Umwelt vor diesen Bedrohungen zu schützen.

Die Schweizer Regierung hat einen Vorschlag für die Listung des ersten Ultraviolett (UV)-Stabilisators, des Kunststoffadditivs UV-328, unter der Stockholmer Konvention eingereicht. UV-Stabilisatoren sind ein verbreiteter Zusatzstoff für Kunststoffe und gehören zu einer Untergruppe der in diesem Bericht beschriebenen endokrin wirksamen Chemikalien. Die Stockholmer Konvention ist das maßgebliche globale Instrument zur Bewertung, Identifizierung und Kontrolle der gefährlichsten chemischen Substanzen auf unserem Planeten.

Verringerung der Schadstoffbelastung durch Plastik und Kunststoffe

In Anbetracht der dramatischen Wachstumsprognosen der Kunststoffindustrie ist eine wirksame öffentliche Politik zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vor endokrin wirksamen Chemikalien in Kunststoffen umso dringlicher.

Der vorliegende Bericht verdeutlicht nach Meinung der IPEN Co-Vorsitzenden Pamela Miller, dass die derzeitige Wachstumsrate der Kunststoffproduktion, die in den nächsten sechs Jahren voraussichtlich um 30-36 Prozent zunehmen wird. Die Belastung mit endokrin wirksamen Chemikalien und die weltweit steigenden Raten von endokrinen Erkrankungen werden sich dadurch erheblich verschärfen.

Weltweite Maßnahmen zur Reduzierung und Eliminierung von endokrin wirksamen Chemikalien aus Kunststoffen und zur Verringerung der Schadstoffbelastung durch Kunststoffrecycling, Kunststoffabfälle und Verbrennung sind zwingend erforderlich.

Die Belastung mit endokrin wirksamen Chemikalien ist nicht nur heute ein globales Problem, sondern stellt auch eine ernsthafte Bedrohung für zukünftige Generationen dar, so Dr. Pauliina Damdimopoulou vom Karolinska Institutet in Stockholm, Schweden. Wenn eine schwangere Frau diesen Stoffen ausgesetzt ist, können endokrin wirksame Chemikalien (EDCs) die Gesundheit ihres Kindes und eventueller Enkelkinder beeinträchtigen. Studien an Tieren haben zudem gezeigt, dass EDCs DNA-Veränderungen verursachen können, die sich über mehrere Generationen hinweg auswirken.

Der vorliegende Bericht der Endocrine Society, der größten internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, Ärzten und Akademikern, die auf dem Gebiet der Endokrinologie arbeiten, wurde in Zusammenarbeit mit chemisch-technischen Experten des globalen Umweltgesundheitsnetzwerks IPEN (International Pollutants Elimination Network) erstellt.

Die internationale Gruppe von Autoren umfasst Top-Experten auf diesem Gebiet: Dr. Jodi Flaws (University of Illinois at Urbana-Champaign, USA), Dr. Pauliina Damdimopoulou (Karolinska Institutet, Schweden), Dr. Heather B. Patisaul (North Carolina State University, USA), Dr. Andrea Gore (University of Texas at Austin, USA), Dr. Lori Raetzman, (University of Illinois at Urbana-Champaign, USA), und Dr. Laura N. Vandenberg, (University of Massachusetts Amherst, USA).

(Quelle: The Endocrine Society)

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