Tinnitus: Forscher entwickeln neue Therapie zur Heilung von Tinnitus

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Torsten Lorenz, Beitrag vom 12. August 2022

Was hilft gegen Tinnitus? Auf der Suche nach einer Möglichkeit, Tinnitus zu heilen, ist Wissenschaftlern der Universität Auckland in Neuseeland nach 20 Jahren ein Durchbruch gelungen.

Laut den Forschern zeigen die Ergebnisse einer klinischen Studie über eine neue Tinnitus-Behandlung mit einem Smartphone äußerst vielversprechende Ergebnisse. 65 Prozent der Studienteilnehmer berichteten von einer Verbesserung

Digitale Polytherapie gegen Tinnitus

An der Studie nahmen 61 Patientinnen und Patienten teil, die nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Behandlungen zugeteilt wurden: dem Prototyp des neuen digitalen Polytherapie (digital polytherapeutic) zur Behandlung von Tinnitus oder einer beliebten Selbsthilfe-App, die weißes Rauschen wiedergibt.

Tinnitus-Behandlung zeigt signifikante Verbesserungen

In der Gruppe, die an der neuen digitalen Tinnitus-Polytherapie (31 Personen) teilnahmen, zeigten sich nach 12 Wochen im Durchschnitt klinisch signifikante Verbesserungen, in der anderen Gruppe (30 Personen) dagegen nicht.

Diese Resultate sind laut Grant Searchfield, Associate Professor für Audiologie von der University of Auckland, aussagekräftiger als einige der früheren Forschungsarbeiten und werden sich wahrscheinlich direkt auf die zukünftige Behandlung von Tinnitus auswirken.

Entscheidend für die neue Behandlungsmethode ist eine Erstuntersuchung durch einen Audiologen, der auf der Grundlage der individuellen Tinnitus-Erfahrungen einen individuellen Behandlungsplan entwickelt, der eine Reihe digitaler Hilfsmittel kombiniert.

  • Laut Dr. Grant D. Searchfield, Audiologe und Neurowissenschaftler an der University of Auckland in Neuseeland, haben frühere Studien gezeigt, dass weißes Rauschen, zielgerichtete Beratung, zielgerichtete Spiele und andere technologiebasierte Therapien bei einigen Menschen eine gewisse Wirkung zeigen.

Schnelle und effektive Tinnitus-Therapie

Die neue Therapie ist schneller und effektiver, denn sie dauert 12 Wochen und nicht 12 Monate, damit mehr Menschen eine gewisse Kontrolle erlangen.

Funktionsweise: Mit dem neuen Therapieverfahren wird das Gehirn so umprogrammiert, dass der Tinnitus zu einem Hintergrundgeräusch degradiert wird, das für den Hörer keine Bedeutung hat, sagt Dr. Searchfield.

65 Prozent der Studienteilnehmer berichteten von einer Verbesserung. Für einige war es lebensverändernd, da der Tinnitus ihr Leben und ihre Konzentration in Mitleidenschaft gezogen hatte.

Bei einigen Teilnehmern stellte sich keine Verbesserung ein und ihr Feedback und ihre Erfahrungen mit der neuen Tinnitus-Behandlung wird in die weitere Personalisierung der digitalen Polytherapie zur Heilung von Tinnitus einfließen, so die Wissenschaftler.

Zulassung durch Gesundheitsbehörde geplant

Tinnitus ist ein sogenanntes Phantomgeräusch und seine Ursachen sind komplex. Bislang konnte er nicht erfolgreich behandelt werden.

Während die meisten Menschen nur gelegentlich unter Tinnitus oder einem Ohrensausen leiden, ist es bei etwa fünf Prozent der Menschen ein belastender Zustand.

Zu den gesundheitsschädlichen Auswirkungen gehören Schlafstörungen, Schwierigkeiten bei der Erledigung alltäglicher Aufgaben und Depressionen.

Als nächstes soll der Prototyp verfeinert und in größeren lokalen und internationalen Studien erprobt werden, um die Zulassung durch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA zu erhalten.

Die Wissenschaftler rechnen damit, dass die neue Smartphone-App in etwa sechs Monaten klinisch verfügbar sein wird.

Die Resultate der vorliegenden Studie wurden in der Fachzeitschrift Frontiers in Neurology veröffentlicht.

Kopfhörer können genauso gefährlich sein wie der Lärm von Düsentriebwerken

Wenn man die Lautstärke seiner Kopfhörer zu sehr aufdreht, kann die Schutzschicht der Nervenzellen beschädigen, was zu vorübergehender Taubheit führen kann; das haben Forscher der University of Leicester erstmals nachgewiesen.

Den Wissenschaftlern zufolge können Ohrhörer oder Kopfhörer von tragbaren Abspielgeräten Lärmpegel erreichen, die denen von Düsentriebwerken ähneln.

Dass Lärm, der lauter als 110 Dezibel ist, Hörprobleme wie vorübergehende Taubheit und Tinnitus (Ohrensausen) verursacht, ist bekannt, aber in der Studie der Universität Leicester wurde zum ersten Mal der zugrunde liegende Zellschaden beobachtet.

Laut der Forscherin Dr. Martine Hamann von der Abteilung für Zellphysiologie und Pharmakologie der Universität Leicester ermöglichen es diese Forschungsergebnisse zu verstehen, wie der Weg von der Lärmbelastung zum Hörverlust verläuft.

Die Entschlüsselung der zellulären Mechanismen, die diesem Krankheitszustand zugrunde liegen, wird voraussichtlich einen sehr großen Nutzen für die Gesundheitsversorgung einer breiten Bevölkerung bringen. Die Ergebnisse werden sowohl zur Verhinderung als auch zur Heilung von Hörverlust beitragen, so die Forscher.

Nervenzellen, die elektrische Signale von den Ohren zum Gehirn leiten, haben eine Ummantelung, die Myelinscheide, die den elektrischen Signalen hilft, sich entlang der Zelle zu bewegen.

Durch laute Geräusche – mehr als 110 Dezibel – können die Zellen diese Hülle verlieren, wodurch die elektrischen Signale gestört werden. Dadurch werden die Nervenzellen nicht mehr in der Lage sein, Informationen von den Ohren zum Gehirn zu übertragen.

Allerdings kann sich die Beschichtung, die die Nervenzellen umgibt, wieder regenerieren, so dass die Zellen wieder normal funktionieren können. Das heißt, dass der Hörverlust nur vorübergehend sein kann und das volle Hörvermögen zurückkehren kann, so die Wissenschaftler.

Die Forscher verstehen nun, warum Hörverlust in bestimmten Fällen reversibel sein kann.

Es hat sich gezeigt, dass die Ummantelung des Hörnervs bei etwa der Hälfte der Zellen, die die Forscherinnen und Forscher untersucht haben, verloren gegangen ist, ungefähr so, als würde man das Stromkabel zwischen Verstärker und Lautsprecher abisolieren.

Die Schädigung ist reversibel und nach drei Monaten hat sich das Gehör erholt, ebenso wie die Hülle um den Hörnerv.

Die Forschungsergebnisse sind Teil fortlaufender Untersuchungen zu den Auswirkungen von lautem Lärm auf einen Teil des Gehirns, den so genannten dorsalen Cochlear Nucleus, der Signale von den Nervenzellen im Ohr an die Teile des Gehirns weiterleitet, die Geräusche entschlüsseln und ihnen einen Sinn geben.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten bereits nachweisen, dass eine Schädigung der Zellen in diesem Bereich Tinnitus verursachen kann – das Gefühl von „Phantomgeräuschen“ wie Brummen oder Klingeln.

Die Ergebnisse dieser Studie wurden in dem Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Häufigkeit von Tinnitus weltweit bei über 14 Prozent

Die weltweite Prävalenz von Tinnitus liegt bei 14,4 Prozent. Das geht aus einer Studie hervor, die in dem Fachmagazin JAMA Neurology veröffentlicht wurde.

Das Team der Wissenschaftlerin Carlotta M. Jarach vom Istituto di Ricerche Farmacologiche Mario Negri in Mailand führte eine systematische Übersichtsarbeit durch, um die Häufigkeit von Tinnitus weltweit zu ermitteln. Insgesamt wurde eine Auswahl von 113 in Frage kommenden wissenschaftlichen Publikationen aus den Jahren 1972 bis 2021 getroffen und Prävalenz- und Inzidenzschätzungen aus 83 beziehungsweise 12 Veröffentlichungen extrahiert.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden heraus, dass die gepoolte Prävalenz von Tinnitus bei Erwachsenen bei rund 14,4 Prozent lag.

Nach Geschlecht gab es keine signifikanten Unterschiede, aber die Häufigkeit stieg mit dem Alter (10, 14 und 24 Prozent bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 44, 45 bis 64 bzw. 65 Jahren und älter).

Die gepoolte Prävalenz von schwerem Tinnitus lag bei 2,3 Prozent, während die gepoolte Prävalenz von chronischem Tinnitus 9,8 Prozent betrug.

Überträgt man diese Schätzungen auf die gesamte Weltbevölkerung, ergibt sich, dass weltweit mehr als 740 Millionen Menschen unter Tinnitus leiden und mehr als 120 Millionen Menschen eine schwere Form von Tinnitus haben, schreiben die Autoren der Studie.

Diese Schätzungen rücken Tinnitus in eine ähnliche Größenordnung wie die führenden Ursachen für gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Hörverlust, gefolgt von Migräne, Rückenschmerzen und Nackenschmerzen, so die Forscher.

In der EU leidet jeder siebte Mensch an Tinnitus

Eine weitere Studie unter Leitung von Forschern der Universität Nottingham hat ergeben, dass etwa 65 Millionen Erwachsene in der EU an Tinnitus leiden. In den nächsten zehn Jahren wird diese Zahl deutlich ansteigen.

Die Forschungsergebnisse, die in der Zeitschrift The Lancet Regional Health-Europe veröffentlicht wurden, basieren auf der ersten Studie, die die Prävalenz von Tinnitus in den 12 EU-Mitgliedsstaaten unter die Lupe genommen hat.

Für die Europäische Tinnitus-Umfrage wurden zwischen 2017 und 2018 in 12 EU-Ländern (Bulgarien, England, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Lettland, Polen, Portugal, Rumänien und Spanien) fast 11,5 Tausend Menschen rekrutiert, die eine Reihe von Fragen und Antwortmöglichkeiten zum Thema Tinnitus beantworten sollten.

Die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage:

  • Die Häufigkeit jeglicher Art von Tinnitus lag bei 14 Prozent (bei Frauen 1,2 Prozent höher als bei Männern).
  • Schwerer Tinnitus wurde bei 1,2 Prozent der Befragten festgestellt.
  • Die Tinnitus-Prävalenz stieg mit dem Alter und der Verschlechterung des Hörvermögens deutlich an.
  • Die Nutzung von medizinischen Leistungen aufgrund von Tinnitus stieg mit dem Schweregrad der Tinnitus-Symptome.

Geleitet wurde die Untersuchung von Roshni Biswas von der School of Medicine der University of Nottingham, die mit einem Expertenteam von der University of Nottingham, dem Istituto di Ricerche Farmologiche Mario Negri IRCCS in Mailand, der Herriot-Watt University in Malaysia und der Universität Regensburg in Deutschland zusammenarbeitete.

Was sind die Ursachen von Tinnitus?

Tinnitus ist im Grunde keine eigenständige Erkrankung. Er ist vielmehr ein Symptom dafür, dass irgendetwas mit dem Hörsystem nicht in Ordnung ist. Zu diesem System gehören das Ohr, der Hörnerv, der das Innenohr mit dem Gehirn verbindet, und die Bereiche des Gehirns, die den Schall verarbeiten.

Tinnitus kann schon durch ein Stück Ohrenschmalz verursacht werden, das den Gehörgang blockiert. Er kann aber auch das Ergebnis einer Reihe von gesundheitlichen Störungen sein, wie zum Beispiel: lärminduzierter Hörverlust, Ohrinfektionen, Nebenhöhleninfektionen, Hirntumore, Ménière-Krankheit, Schilddrüsenprobleme, Erkrankungen des Herzens oder der Blutgefäße oder auch hormonell bedingte Veränderungen bei Frauen.

Quellen

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