Eine umfangreiche neue Studie, die Daten von 2.700 Patientinnen und Patienten aus elf europäischen Ländern ausgewertet hat, zeigt, dass nahezu alle Menschen mit schwerem Asthma gleichzeitig an mindestens einer weiteren ernsthaften Erkrankung leiden – und dass diese Begleiterkrankungen nicht zufällig auftreten, sondern sich in klar erkennbaren Mustern gruppieren, die unmittelbaren Einfluss auf die Behandlung, die Häufigkeit von Anfällen und die Lebensqualität der Betroffenen haben.
ÜBERSICHT
- 1 Schweres Asthma ist selten eine Einzeldiagnose
- 2 Die Studie: Methodik und Reichweite
- 3 Drei klinische Profile: Welche Erkrankungen treten gemeinsam auf?
- 4 Warum diese Muster bislang übersehen wurden
- 5 Klinische Relevanz: Was bedeuten diese Befunde für die Behandlung?
- 6 Der globale Kontext: Schweres Asthma als unterschätzte Belastung
- 7 Was Betroffene jetzt tun können
- 8 Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Schweres Asthma ist selten eine Einzeldiagnose
Asthma gilt in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als isolierte Atemwegserkrankung. Doch für Menschen mit schwerem Asthma ist diese Sichtweise medizinisch unvollständig und klinisch gefährlich.
Die im Mai 2026 in The Lancet Regional Health – Europe veröffentlichte Studie, geleitet von Forschern der University of Southampton, des University Hospital Southampton sowie des National Institute for Health and Care Research (NIHR) Southampton Biomedical Research Centre (BRC), belegt: Die überwiegende Mehrheit der betroffenen Patientinnen und Patienten leidet gleichzeitig an mehreren chronischen Erkrankungen. Die Mehrzahl weist sogar drei oder mehr Komorbiditäten auf.
Die Studie: Methodik und Reichweite
Die Untersuchung entstand im Rahmen von SHARP – der Severe Heterogeneous Asthma Research collaboration: Patient centred – einer klinischen Forschungskooperation der European Respiratory Society (ERS).
- Stichprobengröße: 2.700 Patientinnen und Patienten
- Geografische Abdeckung: 11 europäische Länder
- Fokus: Identifikation von Multimorbidität bei schwerem Asthma sowie deren Zusammenhang mit Krankheitskontrolle, Exazerbationsrate und Therapiebedarf
Studienleiter Prof. Dr. Ramesh Kurukulaaratchy, Professor für Atemwegsmedizin und Allergologie an der University of Southampton sowie Honorarkonsultant am University Hospital Southampton, betonte, dass die entdeckten Komorbiditätsmuster direkt mit dem Grad der Asthma-Kontrolle, der Häufigkeit von Asthmaanfällen und der benötigten Medikation zusammenhängen.
Drei klinische Profile: Welche Erkrankungen treten gemeinsam auf?
Die Forschenden identifizierten drei distinkte Phänotypen, die sich konsistent durch die gesamte Patientenpopulation zogen:
1. Hoher Steroidbedarf mit metabolischen Folgen
Patientinnen und Patienten in dieser Gruppe weisen einen besonders hohen Bedarf an systemischen Kortikosteroiden auf. Die Langzeitanwendung dieser Medikamente ist medizinisch mit zwei schwerwiegenden Begleitfolgen verbunden:
- Osteoporose: Steroide hemmen die Knochenbildung und beschleunigen den Knochenabbau; Langzeitanwender haben ein signifikant erhöhtes Frakturrisiko.
- Gewichtszunahme und Adipositas: Steroide fördern die Fetteinlagerung, insbesondere im Bauchbereich, und können einen Teufelskreis aus Gewichtszunahme, verschlechterter Lungenfunktion und erhöhtem Asthmarisiko auslösen.
2. Schwere allergische Multimorbidität
Dieser Phänotyp umfasst Patientinnen und Patienten, bei denen schweres Asthma mit ausgeprägten allergischen Erkrankungen kombiniert auftritt:
- Atopische Dermatitis (Neurodermitis): Eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die denselben immunologischen Grundmechanismus teilt wie allergisches Asthma.
- Allergische Rhinitis (Heuschnupfen): Betrifft nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 400 Millionen Menschen weltweit und gilt als bedeutender Risikofaktor für die Entstehung und Verschlechterung von Asthma.
3. Chronische Rhinosinusitis mit Nasenpolypen
Die dritte Gruppe ist gekennzeichnet durch das gleichzeitige Auftreten von:
- Chronischer Sinusitis: Anhaltende Entzündung der Nasennebenhöhlen, die die Atemwegsobstruktion verstärkt.
- Nasalen Polyposis: Gutartige Schleimhautwucherungen in der Nase, die den Atemfluss behindern und die Asthmakontrolle erheblich erschweren.
Warum diese Muster bislang übersehen wurden
Die traditionelle medizinische Versorgung von Asthmapatientinnen und -patienten konzentriert sich häufig auf die Lunge als primäres Organ. Spezialistinnen und Spezialisten für Pneumologie, Allergologie und Hals-Nasen-Ohrenheilkunde arbeiten vielfach getrennt voneinander, ohne die Gesamtheit der Beschwerdelast eines Patienten zu erfassen.
Hinzu kommt: Komorbiditäten wie Osteoporose oder Adipositas werden von Betroffenen und manchmal auch von Behandelnden als therapiebedingte Nebeneffekte eingestuft – nicht als eigenständige, behandlungsbedürftige Erkrankungen.
Dr. Anna Freeman, Mitautorin der Studie und Fachärztin für Atemwegsmedizin am University Hospital Southampton, erklärte: Menschen mit schwerem Asthma trügen häufig eine schwere Last weiterer Erkrankungen – doch bislang sei nicht vollständig verstanden worden, wie diese Erkrankungen miteinander zusammenhängen. Die neuen Erkenntnisse böten die Möglichkeit, die Lebensqualität von Millionen Menschen in Europa zu verbessern, die derzeit Schwierigkeiten haben, ihr schweres Asthma unter Kontrolle zu halten.
Klinische Relevanz: Was bedeuten diese Befunde für die Behandlung?
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass eine effektive Behandlung von schwerem Asthma nicht ohne gleichzeitige Berücksichtigung der Komorbiditäten möglich ist. Konkret bedeutet dies:
- Systematisches Screening: Patientinnen und Patienten mit schwerem Asthma sollten regelmäßig auf Osteoporose, Adipositas, Rhinitis und Sinusitis untersucht werden.
- Interdisziplinäre Behandlungsteams: Pneumologen, Allergologen, Endokrinologen und HNO-Ärzte sollten ihre Behandlungsstrategien koordinieren.
- Phänotyp-basierte Therapie: Statt eines Einheitsansatzes sollten Therapiepläne auf den jeweiligen Komorbiditätsmuster des Patienten zugeschnitten sein.
- Langzeitmonitoring von Steroidnebenwirkungen: Patientinnen und Patienten mit hohem Steroidbedarf benötigen ein engmaschiges Monitoring auf Knochendichtemessung und Stoffwechselparameter.
Der globale Kontext: Schweres Asthma als unterschätzte Belastung
Asthma betrifft laut WHO weltweit schätzungsweise 262 Millionen Menschen. Davon gelten nach klinischen Schätzungen etwa 5 bis 10 Prozent als schwere Fälle – also jene Patientinnen und Patienten, deren Erkrankung trotz maximaler Standardtherapie nicht ausreichend kontrolliert werden kann.
In Deutschland sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) rund 4 Millionen Erwachsene an Asthma erkrankt. Die Gruppe der Schwerkranken, die von den Befunden der aktuellen Studie am unmittelbarsten betroffen ist, umfasst damit eine klinisch bedeutende Population, deren Versorgungsbedarf bislang systematisch unterschätzt wurde.
Für diese Patientinnen und Patienten bedeutet eine unbehandelte Multimorbidität nicht nur schlechtere Krankheitsverläufe, sondern auch häufigere Krankenhausaufenthalte, höhere Medikamentenlast und eine massiv eingeschränkte Lebensqualität.
Was Betroffene jetzt tun können
Auch wenn Behandlungsentscheidungen immer in Absprache mit Fachärztinnen und -ärzten getroffen werden müssen, gibt es klare Schritte, die Menschen mit schwerem Asthma gemeinsam mit ihrem medizinischen Team in Betracht ziehen sollten:
- Umfassende Anamnese: Alle Beschwerden, auch scheinbar unabhängige wie Rückenschmerzen oder Hautprobleme, aktiv ansprechen.
- Knochendichtemessung (DXA-Scan): Insbesondere für Patientinnen und Patienten mit Langzeit-Steroidtherapie empfehlenswert.
- Gewichtsmanagement: Bei Adipositas als Komorbidität kann eine gezielte Gewichtsreduktion die Asthma-Symptome nachweislich verbessern.
- HNO-Abklärung: Bei chronischen Nasenbeschwerden sollte ein Spezialist konsultiert werden, da unbehandelte Sinusitis die Asthma-Kontrolle erheblich beeinträchtigt.
- Allergologische Testung: Um das allergische Profil vollständig zu erfassen und ggf. eine Immuntherapie zu evaluieren.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was versteht man unter schwerem Asthma? Schweres Asthma bezeichnet eine Form der Erkrankung, die trotz maximaler Standardtherapie nicht ausreichend kontrolliert werden kann. Betroffene haben häufige Exazerbationen, eine eingeschränkte Lungenfunktion und sind auf intensive medizinische Betreuung angewiesen.
Wie häufig sind Komorbiditäten bei schwerem Asthma wirklich? Laut der vorliegenden Studie der University of Southampton aus dem Jahr 2026 leidet nahezu jede Patientin und jeder Patient mit schwerem Asthma an mindestens einer weiteren Erkrankung, die Mehrzahl sogar an drei oder mehr Begleiterkrankungen gleichzeitig.
Verursacht die Asthmamedikation selbst die Begleiterkrankungen? Zum Teil ja. Systemische Kortikosteroide, die bei schwerem Asthma regelmäßig eingesetzt werden, sind bekannte Risikofaktoren für Osteoporose und Gewichtszunahme. Dies macht regelmäßige Kontrolluntersuchungen bei Langzeitanwendung besonders wichtig.
Kann eine bessere Behandlung der Komorbiditäten das Asthma selbst verbessern? Die Studienergebnisse legen dies nahe. Eine effektive Behandlung von Begleiterkrankungen wie chronischer Sinusitis oder allergischer Rhinitis kann die Asthmakontrolle verbessern und die Häufigkeit von Anfällen reduzieren. Die genauen kausalen Zusammenhänge sind Gegenstand weiterer Forschung.
Sollte ich als Asthmapatient mehrere Fachärzte aufsuchen? Bei schwerem Asthma ist ein interdisziplinärer Ansatz empfehlenswert. Neben dem Pneumologen können Allergologen, HNO-Ärzte und je nach Komorbiditätsprofil auch Endokrinologen oder Rheumatologen zur Behandlung beitragen. Fragen Sie Ihren Arzt gezielt nach einem koordinierten Versorgungsplan.
Was ist der Unterschied zwischen Asthma und schwerem Asthma in der Behandlung? Leichtes bis mittelschweres Asthma lässt sich in der Regel mit inhalativen Therapien und Kontrollmedikamenten gut steuern. Bei schwerem Asthma reichen diese Maßnahmen nicht aus; es kommen weiterführende Therapieformen zum Einsatz, darunter zielgerichtete biologische Behandlungen sowie systemische Kortikoidtherapien, die ihrerseits mit spezifischen Risiken und Nebenwirkungen verbunden sind.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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