Europäische Krebssterblichkeit 2026: Lungenkrebs bei Frauen stagniert

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M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 21. Mai 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Nach mehr als 25 Jahren kontinuierlichen Anstiegs deutet sich in der europäischen Krebsforschung eine folgenreiche Trendwende an: Die altersbereinigten Sterblichkeitsraten bei Lungenkrebs unter Frauen in der Europäischen Union stabilisieren sich laut einer im Januar 2026 in der Fachzeitschrift Annals of Oncology veröffentlichten Prognosestudie erstmals auf einem Niveau von rund 12,5 Todesfällen pro 100.000 Frauen, was gegenüber dem Zeitraum 2020 bis 2022 einem Rückgang von knapp über 5 Prozent entspricht und auf jahrzehntelange Tabakkontrollpolitik sowie veränderte Rauchgewohnheiten zurückzuführen ist.

Gesamtbild: Krebssterblichkeit in der EU auf dem Rückzug

Zentrale Prognosedaten für 2026

Für das Jahr 2026 schätzen die Forscher unter der Leitung von Prof. Carlo La Vecchia, Lehrstuhlinhaber für Medizinische Statistik und Epidemiologie an der Universität Mailand, rund 1.230.000 Krebstodesfälle in der Europäischen Union.

Die altersstandardisierten Sterblichkeitsraten (ASR) entwickeln sich dabei wie folgt:

  • Männer: 114,1 pro 100.000, ein Rückgang von 7,8 % gegenüber 2020–2022
  • Frauen: 74,7 pro 100.000, ein Rückgang von 5,9 % gegenüber 2020–2022

Für das Vereinigte Königreich werden rund 172.000 Krebstodesfälle prognostiziert, mit ASR-Werten von 98 pro 100.000 bei Männern (Rückgang: 11,25 %) und 80 pro 100.000 bei Frauen (Rückgang: 7,25 %).

Warum die absolute Zahl der Todesfälle dennoch steigt

Obwohl die Raten sinken, steigt die absolute Zahl der Krebstodesfälle. Die Ursache liegt in der demographischen Alterung der europäischen Bevölkerung. Bei EU-Männern werden 684.600 Todesfälle erwartet, gegenüber 666.924 im Zeitraum 2020–2022. Bei EU-Frauen steigt die Zahl von 534.988 auf 544.900. Im Vereinigten Königreich bleibt die absolute Zahl der Todesfälle hingegen weitgehend stabil: rund 91.400 bei Männern und 80.500 bei Frauen.

Lungenkrebs bei Frauen: Historische Trendwende mit regionalen Ausnahmen

Der Wendepunkt nach über 25 Jahren

Lungenkrebs ist nach wie vor die häufigste Krebstodesursache beider Geschlechter in der EU. Bei Männern ist die Sterblichkeit seit Jahrzehnten rückläufig. Bei Frauen hingegen war sie seit den späten 1990er-Jahren kontinuierlich gestiegen, bis sich nun eine Stabilisierung abzeichnet.

Die Studie prognostiziert für 2026 eine Stagnation der weiblichen Lungenkrebssterblichkeit in der EU bei ca. 12,5 Todesfällen pro 100.000 Frauen, gegenüber einem Anstieg in den Vorjahren. Im Vereinigten Königreich ist die Entwicklung deutlich günstiger: Die ASR fällt dort auf 14,85 pro 100.000 Frauen, was einem Rückgang von 13,4 % gegenüber 2020–2022 entspricht.

Spanien als einzige negative Ausnahme

Die einzige EU-Ausnahme ist Spanien. Dort wird die weibliche Lungenkrebssterblichkeit bis 2026 weiter um 2,4 % steigen, mit etwa 10 Todesfällen pro 100.000 Frauen. Prof. La Vecchia erklärt dies mit historischen Unterschieden im Rauchverhalten: Spanische und französische Frauen begannen später mit dem Rauchen als Frauen in anderen EU-Ländern, hörten aber auch später wieder damit auf.

Altersgruppen: Günstig unter 65, ungünstig darüber

Die positive Entwicklung ist nicht gleichmäßig verteilt. Für Frauen unter 65 Jahren werden günstige Trends bei der Lungenkrebssterblichkeit prognostiziert. Bei älteren Frauen hingegen steigen die Raten weiterhin an. Diese Diskrepanz spiegelt generationsspezifische Rauchkarrieren wider.

Rauchen als entscheidender historischer Faktor

Warum Männer früher profitierten

Prof. La Vecchia fasst die Ursache präzise zusammen: Männer in Europa begannen überall früher mit dem Rauchen und hörten früher damit auf. In den USA und im Vereinigten Königreich folgten Frauen diesem Muster früher als in den meisten EU-Ländern, weshalb die Sterblichkeitsraten dort bereits seit Jahren sinken.

Rauchprävalenz heute

Die aktuelle Rauchprävalenz beider Geschlechter liegt in den USA und dem Vereinigten Königreich unter 10 %, während sie in der EU insgesamt höher bleibt. Diese historische Verzögerung im Rauchausstieg erklärt den verzögerten Rückgang der weiblichen Lungenkrebssterblichkeit in der EU.

Vermiedene Todesfälle: Ein eindrucksvolles Fazit

Prof. Eva Negri von der Universität Bologna, Co-Leiterin der Studie, beziffert die positiven Auswirkungen früherer Präventionsbemühungen: Seit dem Mortalitätsgipfel im Jahr 1988 wurden in der EU insgesamt rund 7,3 Millionen Krebstodesfälle vermieden, im Vereinigten Königreich rund 1,5 Millionen. Allein bei Männern wurden EU-weit 1,8 Millionen Todesfälle durch Lungenkrebs verhindert. Bei Frauen hingegen konnten durch Präventionsmaßnahmen bisher keine Todesfälle im Lungenkrebs vermieden werden, da die Sterblichkeit in diesem Zeitraum stieg.

Andere Krebsarten: Differenziertes Bild

Positive Trends bei den meisten Krebsarten

Die Sterblichkeitsraten sinken für die meisten Krebsarten in der EU und im Vereinigten Königreich. Die Forscher analysierten Daten zu Magen-, Darm-, Pankreas-, Lungen-, Brust-, Gebärmutter-, Eierstock-, Prostata- und Blasenkrebs sowie zu Leukämien.

Negative Ausnahmen im Fokus

Zwei Entwicklungen bereiten den Forschern Sorge:

  • Bauchspeicheldrüsenkrebs bei EU-Frauen: Die Sterblichkeit steigt um 1 %. Prof. La Vecchia deutet dies als mögliches Zeichen für Verbesserungen bei beruflichen und umweltbedingten Karzinogenen, da die Steigerungsrate nachlässt.
  • Darmkrebs bei Frauen im Vereinigten Königreich: Die ASR steigt um 3,7 %. Besonders besorgniserregend ist der Anstieg bei Menschen unter 50 Jahren, der wahrscheinlich mit Übergewicht, Adipositas und Diabetes in Zusammenhang steht.

Disparitäten zwischen Ländern und Regionen

Prof. La Vecchia betont: Zwischen verschiedenen Ländern und Geschlechtern bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede in der Krebssterblichkeit. Besonders in mittel- und osteuropäischen EU-Ländern besteht Nachholbedarf bei Screening-Programmen, Diagnose und Therapie.

Methodik und Verlässlichkeit der Studie

Die Studie basiert auf amtlichen WHO-Daten zur Todesursachenstatistik sowie auf UN-Bevölkerungsdaten aus den Jahren 1970 bis 2022. Für die Prognosen wurden lineare Regressionsmodelle eingesetzt, gestützt auf altersgruppen- und länderspezifische Trendanalysen mittels Poisson-Joinpoint-Regression.

Es handelt sich um die 16. Ausgabe dieser jährlichen Prognosereihe, die sich über die Jahre als zuverlässig erwiesen hat. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Prognosen unter der Annahme erstellt wurden, dass die treibenden Faktoren des jüngsten Trends kurzfristig unverändert bleiben.

Prävention als Schlüsselaufgabe: Was die Forschenden fordern

Die Autoren der Studie benennen konkrete politische Maßnahmen, um die erzielten Fortschritte zu sichern und auszubauen:

Tabakkontrolle

  • Erhöhung der Tabaksteuern
  • Werbeverbote für Tabakprodukte
  • Schaffung rauchfreier Umgebungen
  • Ausbau von Entwöhnungsangeboten

Lebensstil und Früherkennung

  • Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas
  • Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten
  • Reduktion des Alkoholkonsums
  • Ausweitung der Bevölkerungsscreening-Programme für Gebärmutterhals-, Brust- und Darmkrebs

Prof. La Vecchia unterstreicht: Tabakkontrolle bleibe der Eckpfeiler der Lungenkrebsprävention und spiele auch bei anderen Krebserkrankungen wie dem Pankreaskarzinom eine entscheidende Rolle.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet die Stagnation der Lungenkrebssterblichkeit bei EU-Frauen konkret? Sie zeigt, dass nach mehr als 25 Jahren Anstieg die altersbereinigte Sterblichkeitsrate nicht weiter zunimmt. Das ist ein erster positiver Wendepunkt, aber noch kein Rückgang. Im Vergleich: Bei britischen Frauen sinkt die Rate bereits seit mehreren Jahren aktiv.

Warum ist Spanien die einzige Ausnahme unter den EU-Ländern? Spanische Frauen begannen im europäischen Vergleich relativ spät mit dem Rauchen und haben dieses Verhalten auch später reduziert. Die negativen gesundheitlichen Folgen langjähriger Rauchgewohnheiten zeigen sich dementsprechend zeitverzögert in der Sterblichkeitsstatistik.

Welche Altersgruppen bei Frauen sind am stärksten betroffen? Frauen über 65 Jahre weisen weiterhin steigende Lungenkrebssterblichkeitsraten auf, während bei Frauen unter 65 Jahren günstigere Trends zu beobachten sind. Diese Differenz erklärt sich durch generationsspezifische Rauchbiographien.

Wie viele Krebstodesfälle werden 2026 in der EU erwartet? Die Studie prognostiziert rund 1.230.000 Krebstodesfälle in der EU, davon etwa 684.600 bei Männern und 544.900 bei Frauen. Trotz sinkender altersbereinigter Raten steigt die absolute Zahl aufgrund der demographischen Alterung.

Welche Krebsarten entwickeln sich entgegen dem allgemeinen Trend negativ? Besorgniserregend sind der Anstieg der Bauchspeicheldrüsenkrebssterblichkeit bei EU-Frauen (plus 1 %) sowie der Anstieg der Darmkrebssterblichkeit bei Frauen im Vereinigten Königreich (plus 3,7 %), insbesondere bei unter 50-Jährigen.

Wie werden die Prognosedaten der Studie erhoben? Die Forscher nutzen offizielle WHO-Sterberegisterdaten und UN-Bevölkerungsstatistiken ab 1970. Die Prognosen basieren auf altersgruppen- und länderspezifischen Trendmodellen (Poisson-Joinpoint-Regression). Die Studie wird seit 16 Jahren jährlich veröffentlicht und hat sich als zuverlässig erwiesen.

Was können Einzelpersonen zur Senkung ihres Krebsrisikos tun? Tabakabstinenz hat das höchste Präventionspotenzial. Darüber hinaus tragen Normalgewicht, ausgewogene Ernährung, moderater Alkoholkonsum und die Teilnahme an Krebsfrüherkennungsprogrammen (z. B. für Brust-, Darm- und Gebärmutterhalskrebs) wesentlich zur Risikoreduktion bei.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Santucci, C., Negri, E., Bertuccio, P., Malvezzi, M., Boffetta, P., Levi, F., & La Vecchia, C. (2026). European cancer mortality predictions for the year 2026: the levelling of female lung cancer mortality. Annals of Oncology, advance online publication. https://doi.org/10.1016/j.annonc.2025.12.005

European Society for Medical Oncology. (2026, January 18). Lung cancer death rates among women in Europe are finally levelling off. EurekAlert! https://www.eurekalert.org/news-releases/1112790

World Health Organization. (2024). WHO mortality database. https://www.who.int/data/data-collection-tools/who-mortality-database

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Bray, F., Laversanne, M., Sung, H., Ferlay, J., Siegel, R. L., Soerjomataram, I., & Jemal, A. (2024). Global cancer statistics 2022: GLOBOCAN estimates of incidence and mortality worldwide for 36 cancers in 185 countries. CA: A Cancer Journal for Clinicians, 74(3), 229–263. https://doi.org/10.3322/caac.21834

Malvezzi, M., Santucci, C., Boffetta, P., Levi, F., La Vecchia, C., & Negri, E. (2023). European cancer mortality predictions for the year 2023 with focus on lung cancer. Annals of Oncology, 34(4), 410–419. https://doi.org/10.1016/j.annonc.2023.01.010

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