Genetik und Lebenserwartung: Bis zu 50 Prozent durch Erbfaktoren bestimmt

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 22. Mai 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine bahnbrechende Studie, im Januar 2026 im Fachjournal Science veröffentlicht, zeigt, dass die genetische Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne bei über 50 Prozent liegt, wenn äußere Todesursachen wie Unfälle oder Infektionskrankheiten aus der Berechnung herausgerechnet werden – ein Befund, der bisherige Schätzungen grundlegend korrigiert und neue Perspektiven für die Erforschung von Alterungsprozessen und Langlebigkeit eröffnet.

Bisherige Schätzungen deutlich zu niedrig

Jahrzehntelang galt in der Wissenschaft eine vergleichsweise bescheidene Zahl: Zwillingsstudien schätzten die Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne auf lediglich 20 bis 25 Prozent. Neuere Stammbaumanalysen mit großen Datensätzen hatten diesen Wert sogar auf unter 6 Prozent gedrückt.

Diese niedrigen Zahlen führten zu einem wissenschaftlichen Widerspruch: Warum sollte die menschliche Lebensspanne weitaus weniger genetisch beeinflusst sein als fast alle anderen komplexen menschlichen Merkmale, von der Körpergröße über den Intelligenzquotienten bis hin zur Herzgesundheit?

Die methodische Schwäche: Extrinsische Sterblichkeit

Forscherinnen und Forscher des Weizmann Institute of Science in Rehovot (Israel), des Karolinska Institutet in Stockholm und des Leiden University Medical Center haben nun eine entscheidende methodische Schwachstelle in den bisherigen Studien identifiziert.

Das Problem: Frühere Berechnungen bezogen alle Todesursachen ein, also auch solche, die nichts mit dem biologischen Alterungsprozess des Körpers zu tun haben. Unfälle im Straßenverkehr, Tötungsdelikte, Ertrinken oder tödliche Infektionskrankheiten – all das sind sogenannte extrinsische Todesursachen. Sie sind vom Zufall oder von äußeren Umständen abhängig, nicht von der genetischen Konstitution eines Menschen.

Wird dieser Störfaktor nicht bereinigt, verzerrt er die statistische Schätzung der Erblichkeit erheblich nach unten.

Methodik: Mathematische Modellierung und Zwillingsstudien

Das Forschungsteam um Ben Shenhar und Uri Alon entwickelte ein mathematisches Modell, das zwischen intrinsischer Sterblichkeit (also dem biologisch bedingten Altern) und extrinsischer Sterblichkeit unterscheidet.

Anschließend wurden zwei Arten von Zwillingskohorten analysiert:

  • Zusammen aufgewachsene Zwillinge, die ähnliche Umwelteinflüsse teilten
  • Getrennt aufgewachsene Zwillinge, bei denen Umwelteinflüsse stärker abweichen

Durch den Vergleich dieser Gruppen und die Bereinigung um extrinsische Todesursachen gelangten die Forschenden zu einer neuen Schätzung: Die Erblichkeit der intrinsischen menschlichen Lebensspanne liegt bei über 50 Prozent.

Was bedeutet „Erblichkeit von 50 Prozent“?

Ein häufiges Missverständnis muss hier ausgeräumt werden: Eine Erblichkeit von 50 Prozent bedeutet nicht, dass die Hälfte des eigenen Lebens von den Genen „vorprogrammiert“ ist. Der Begriff beschreibt vielmehr, wie viel der Variation in der Lebensspanne innerhalb einer Population auf genetische Unterschiede zwischen Individuen zurückzuführen ist.

Vergleichbare Werte bei anderen Merkmalen

Ein Erblichkeitswert von etwa 50 Prozent gilt in der Genetik als substanziell. Zum Vergleich:

  • Körpergröße: ca. 80 Prozent
  • Body-Mass-Index (BMI): ca. 40–70 Prozent
  • Blutdruck: ca. 30–50 Prozent
  • Typ-2-Diabetes: ca. 25–50 Prozent

Die neue Studie ordnet die menschliche Lebensspanne damit in die gleiche Kategorie wie viele andere medizinisch relevante komplexe Merkmale ein. Dieser Befund steht auch im Einklang mit der Erblichkeit der Lebensspanne bei anderen Spezies.

Warum dieser Befund für die Medizin bedeutsam ist

Longevity-Gene als Schlüssel zum Altern

Eine hohe genetische Erblichkeit der Lebensspanne hat direkte Konsequenzen für die biomedizinische Forschung. Je stärker ein Merkmal genetisch verankert ist, desto aussagekräftiger sind genomweite Assoziationsstudien (GWAS), die nach spezifischen Genvarianten suchen.

Identifizierte Langlebigkeitsgene können biologische Mechanismen des Alterns aufdecken, etwa in Bezug auf:

  • DNA-Reparatursysteme
  • Entzündungsregulation (Inflammaging)
  • Mitochondriale Funktion
  • Telomerlänge und -stabilität

Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit

Die Erkenntnis, dass rund die Hälfte der Variation in der intrinsischen Lebensspanne genetisch bedingt ist, bedeutet gleichzeitig, dass die andere Hälfte durch Umwelt- und Verhaltensfaktoren beeinflusst wird. Dazu gehören:

  • Ernährungsweise und körperliche Aktivität
  • Sozioökonomischer Status und Bildung
  • Zugang zu Gesundheitsversorgung
  • Exposition gegenüber Schadstoffen und chronischem Stress

Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung sowohl der Präzisionsmedizin als auch der Public-Health-Interventionen.

Kontext: Wo die Forschung steht

Die Studie erschien am 29. Januar 2026 in Science (DOI: 10.1126/science.adz1187, Band 391, Heft 6784, Seiten 504–510) und wurde von Forschenden des Weizmann Institute, des Karolinska Institutet, der Westlake University in Hangzhou sowie des Leiden University Medical Center verfasst.

Die Arbeit ist eine Zwillingsstudie, klassifiziert im Rahmen der standardisierten MeSH-Terminologie der US-amerikanischen National Library of Medicine. Frühere Schätzwerte auf Basis ähnlicher Zwillingsdaten, jedoch ohne Bereinigung um extrinsische Sterblichkeit, lagen laut dem Abstract bei 20 bis 25 Prozent. Stammbaum-basierte Großstudien hatten zuletzt Werte von nur 6 Prozent gemeldet.

Was bleibt offen?

Die Studie liefert eine methodisch fundierte Neubewertung der Erblichkeitsschätzungen. Dennoch bestehen offene Fragen:

  • Welche spezifischen Genvarianten tragen am stärksten zur intrinsischen Lebensspanne bei?
  • Wie interagieren genetische und epigenetische Faktoren im Alterungsprozess?
  • Lassen sich die Befunde auf verschiedene Ethnizitäten und geographische Populationen übertragen?

Diese Fragen werden die Forschung in den kommenden Jahren beschäftigen. Die vorliegende Studie legt dafür ein wichtiges methodisches Fundament.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Bedeutet eine Erblichkeit von 50 Prozent, dass mein Lebensalter zur Hälfte feststeht? Nein. Erblichkeit ist ein statistisches Konzept, das die Variation innerhalb einer Population beschreibt, nicht ein Schicksal des Einzelnen. Lebensstil, Umwelt und medizinische Versorgung spielen weiterhin eine erhebliche Rolle.

Warum haben frühere Studien so viel niedrigere Werte gefunden? Frühere Zwillings- und Stammbaumstudien berücksichtigten keine Trennung zwischen biologisch bedingtem Altern und äußeren Todesursachen wie Unfällen. Diese Vermischung führte systematisch zu einer Unterschätzung der genetischen Erblichkeit.

Was sind extrinsische Todesursachen? Damit sind Todesfälle gemeint, die nicht auf das biologische Altern zurückzuführen sind: Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen, Ertrinken oder akute Infektionskrankheiten. Diese Ereignisse hängen primär von äußeren Umständen ab, nicht von der genetischen Konstitution.

Hat die Studie praktische Bedeutung für die Langlebigkeitsforschung? Ja, erheblich. Ein hoher Erblichkeitswert legitimiert genomweite Studien zur Suche nach Langlebigkeitsgenen. Solche Gene können Aufschluss über Alterungsmechanismen geben und als Angriffspunkte für medizinische Interventionen dienen.

Gilt dieses Ergebnis nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen? Die analysierten Zwillingskohorten stammen aus spezifischen Studienpopulationen. Die Autoren selbst stellen offen, ob die Ergebnisse vollständig auf alle ethnischen Gruppen und Weltregionen übertragbar sind, was in weiteren Studien untersucht werden muss.

Wie unterscheidet sich die neue Schätzung von bisherigen Werten? Bisherige Schätzungen lagen bei 6 bis 25 Prozent. Die neue Studie kommt auf über 50 Prozent, wenn ausschließlich intrinsische, also biologisch-genetisch bedingte Sterblichkeit betrachtet wird.

Können Menschen durch bewusste Lebensstilentscheidungen ihre genetische Veranlagung zur kürzeren Lebensspanne ausgleichen? Teilweise ja. Die Forschung zeigt, dass Faktoren wie regelmäßige körperliche Aktivität, mediterrane Ernährung, Nichtrauchen und ein stabiles soziales Umfeld mit einer verlängerten Lebensspanne assoziiert sind – unabhängig von der genetischen Ausgangslage. Da rund die Hälfte der Variation in der intrinsischen Lebensspanne nicht genetisch bedingt ist, besteht ein erheblicher Spielraum für modifizierbare Einflüsse.

Warum liefern Stammbaum-Studien mit Millionen von Datenpunkten niedrigere Erblichkeitswerte als Zwillingsstudien? Stammbaum-Studien erfassen die genetische Ähnlichkeit zwischen weitläufigeren Verwandten, die in der Regel sehr unterschiedliche Lebensumstände hatten. Da diese Studien extrinsische Todesursachen nicht herausrechnen und die gemeinsame Umwelt kaum kontrollieren können, unterschätzen sie systematisch den genetischen Anteil. Zwillingsstudien ermöglichen eine bessere Trennung von genetischen und Umwelteinflüssen, insbesondere wenn getrennt aufgewachsene Paare einbezogen werden.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Shenhar, B., Pridham, G., De Oliveira, T. L., Raz, N., Yang, Y., Deelen, J., Hägg, S., & Alon, U. (2026). Heritability of intrinsic human life span is about 50% when confounding factors are addressed. Science, 391(6784), 504–510. https://doi.org/10.1126/science.adz1187

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