Universität von Toronto: Forschern gelingt es den Ausbruch von Amyotrophen Lateralsklerose zu verzögern

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Medizin Doc Redaktion, aktualisiert am 18. November 2020, Lesezeit: 5 Minuten

ALS-Behandlungsansatz: Wissenschaftlern ist es gelungen, den Ausbruch von Amyotropher Lateralsklerose – einer bislang nicht heilbaren degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems – bei Mäusen zu verzögern.

Das Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Forschern der Universität von Toronto ist optimistisch, dass die erzielten Resultate in Verbindung mit anderen klinischen Fortschritten auf eine mögliche Behandlung von Amyotropher Lateralsklerose beim Menschen hindeutet.

ALS wird durch die Degeneration und den Verlust von Nervenzellen verursacht, die die Muskeln kontrollieren. Derzeit gibt es keine Heilung für Amyotropher Lateralsklerose, von der in Deutschland circa 8.000 Menschen betroffen sind.

In dem Experiment konnten die Forscher die Krankheit stark verzögern, indem sie die Degeneration von Neuronen im Kortex des Gehirns verhindert haben.

Dadurch wurden typische Symptome von Amyotropher Lateralsklerose (ALS) wie die Verschlechterung der motorischen Fähigkeiten und Gewichtsabnahme verzögert. Außerdem erhöhte sich dadurch die Überlebensrate.

Die beschriebenen Ergebnisse wurden bei Mäusen erzielt, die dieselbe Genmutation (SOD1) besaßen, die auch bei einigen menschlichen Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose gefunden wurde. Die Wissenschaftler zielten auf Neuronen im motorischen Kortex – der Region des Gehirns, die die Muskeln steuert – mit einem manipulierten Protein ab, das ein Ungleichgewicht in den Neuronen korrigieren soll, das als Übererregbarkeit bezeichnet wird.

Die Neuronen kommunizieren miteinander durch synaptische Übertragung, die sowohl die Freisetzung chemischer Neurotransmitter als auch elektrische Aktivität einschließt, so die Autoren der Studie. Diese Kommunikation kann entweder stimulierend (erregend) oder hemmend sein.

Bei einem gesunden Gehirn sorgt ein Gleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung für eine einwandfreie Gehirnfunktion – so können Menschen mathematische Probleme lösen, Erinnerungen abrufen und Emotionen empfinden. Zu viel Erregung in den Nervenzellen des Gehirns kann jedoch zu neurologischen Störungen wie Anfällen, Epilepsie, neuropathischen Schmerzen, Störungen des Autismus-Spektrums, Schizophrenie und Amyotropher Lateralsklerose führen.

Während menschliche SOD1-Genmutationsträger in den zehn Jahren vor dem Ausbruch von Amyotropher Lateralsklerose eine ausgeprägte kortikale Übererregbarkeit aufweisen, war nicht klar, ob dies eine Ursache für die neuronale Degeneration ist.

Den Forschern war schon vorher bewusst, dass es ein sehr tiefgreifendes Ungleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung in der Region des Gehirns gibt, die die Bewegungen steuert und kontrolliert.

Es war allerdings nicht klar, ob diese Übererregbarkeit den Ausbruch von Symptomen verursacht hat. Nunmehr besteht den Forschern zufolge Gewissheit, dass bei den ALS-Mäusen mit einer SOD1-Mutation die Übererregbarkeit im motorischen Kortex eine Ursache für den Ausbruch der Krankheit ist.

Ein Weg zu einer möglichen Behandlung beim Menschen mit ALS

Das Ergebnis ist wichtig, denn es zeigt einen Weg für eine mögliche Behandlung beim Menschen auf, so Melanie Woodin, Professorin an der Universität von Toronto und Mitautorin der Studie. Die Zuversicht, dass das die Ergebnisse und Erkenntnisse der vorliegenden Studie schließlich zu einer Behandlung für Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) führen könnte, wird durch den Umstand untermauert, dass sie Fortschritte enthält, die bisher noch nicht gemeinsam genutzt werden konnten, aber für sich allein nachgewiesen sind.

Die Wissenschaftler kombinierten Fortschritte in der Virustechnologie mit einer revolutionären Technik in den Neurowissenschaften, der so genannten Chemogenetik. Dabei werden Proteine, deren Struktur verändert wurde, über ein Virus in Mäuse eingeschleust und an Neuronen im primären motorischen Kortex abgegeben.

Dort angelangt, wurden sie mit einem pharmazeutischen Medikament aktiviert – allerdings einem, das für den Einsatz beim Menschen nicht zugelassen ist. Andere Wissenschaftler zeigten jedoch, dass ein Arzneimittelwirkstoff, das für die Behandlung bestimmter psychiatrischer Störungen beim Menschen zugelassen ist, das Protein ebenfalls aktivieren kann.

Die Entdeckung dieses Arzneimittelwirkstoffs hat die Arbeit der Forscher grundlegend verändert und letztlich hat diese Entdeckung einen Weg für die klinische Anwendung aufgezeigt, der zuvor nicht vorhanden war, als die Forscher ihre Hypothese entwickelten.

Die in der aktuellen Studie eingesetzte Chemogenetik, wird zwar derzeit nicht bei menschlichen Patienten verwendet, zum Teil wegen der Herausforderung, das chemogenetische „Werkzeug“ den richtigen Neuronen zuzuführen. Aber eine Innovation, die von Dr. Lorne Zinman und Dr. Agessandro Abrahao für den Einsatz beim Menschen entwickelt wurde, bietet eine vielversprechende Alternative.

Zinman und Abrahao testen ein nicht-invasives Verfahren zur Verabreichung therapeutischer Wirkstoffe an den motorischen Kortex von Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose. Das Gehirn wird dabei durch eine natürliche Barriere geschützt, die Krankheitserreger wie Bakterien und Viren fernhält – aber auch Therapeutika wie Medikamente und Proteine. Mit der neuen Technik kann die Blut-Hirn-Schranke vorübergehend und sicher geöffnet werden, um ein Protein in die Zielregionen des Gehirns zu bringen. Die Ergebnisse der Studie wurden in der wissenschaftlichen Zeitschrift Brain veröffentlicht.

(Quellen: University of Toronto / Brain)

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# Genetik und Lebenserwartung Bis zu 50 Prozent durch Erbfaktoren bestimmt Eine bahnbrechende Studie, im Januar 2026 im Fachjournal Science veröffentlicht, zeigt, dass die genetische Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne bei über 50 Prozent liegt, wenn äußere Todesursachen wie Unfälle oder Infektionskrankheiten aus der Berechnung herausgerechnet werden – ein Befund, der bisherige Schätzungen grundlegend korrigiert und neue Perspektiven für die Erforschung von Alterungsprozessen und Langlebigkeit eröffnet. --- ## Bisherige Schätzungen deutlich zu niedrig Jahrzehntelang galt in der Wissenschaft eine vergleichsweise bescheidene Zahl Zwillingsstudien schätzten die Erblichkeit der menschlichen Lebensspanne auf lediglich 20 bis 25 Prozent. Neuere Stammbaumanalysen mit großen Datensätzen hatten diesen Wert sogar auf unter 6 Prozent gedrückt. Diese niedrigen Zahlen führten zu einem wissenschaftlichen Widerspruch Warum sollte die menschliche Lebensspanne weitaus weniger genetisch beeinflusst sein als fast alle anderen komplexen menschlichen Merkmale, von der Körpergröße über den Intelligenzquotienten bis hin zur Herzgesundheit --- ## Die methodische Schwäche Extrinsische Sterblichkeit Forscherinnen und Forscher des Weizmann Institute of Science in Rehovot (Israel), des Karolinska Institutet in Stockholm und des Leiden University Medical Center haben nun eine entscheidende methodische Schwachstelle in den bisherigen Studien identifiziert. Das Problem Frühere Berechnungen bezogen alle Todesursachen ein, also auch solche, die nichts mit dem biologischen Alterungsprozess des Körpers zu tun haben. Unfälle im Straßenverkehr, Tötungsdelikte, Ertrinken oder tödliche Infektionskrankheiten – all das sind sogenannte extrinsische Todesursachen. Sie sind vom Zufall oder von äußeren Umständen abhängig, nicht von der genetischen Konstitution eines Menschen. Wird dieser Störfaktor nicht bereinigt, verzerrt er die statistische Schätzung der Erblichkeit erheblich nach unten. --- ## Methodik Mathematische Modellierung und Zwillingsstudien Das Forschungsteam um Ben Shenhar und Uri Alon entwickelte ein mathematisches Modell, das zwischen intrinsischer Sterblichkeit (also dem biologisch bedingten Altern) und extrinsischer Sterblichkeit unterscheidet. Anschließend wurden zwei Arten von Zwillingskohorten analysiert - Zusammen aufgewachsene Zwillinge, die ähnliche Umwelteinflüsse teilten - Getrennt aufgewachsene Zwillinge, bei denen Umwelteinflüsse stärker abweichen Durch den Vergleich dieser Gruppen und die Bereinigung um extrinsische Todesursachen gelangten die Forschenden zu einer neuen Schätzung Die Erblichkeit der intrinsischen menschlichen Lebensspanne liegt bei über 50 Prozent. --- ## Was bedeutet „Erblichkeit von 50 Prozent Ein häufiges Missverständnis muss hier ausgeräumt werden Eine Erblichkeit von 50 Prozent bedeutet nicht, dass die Hälfte des eigenen Lebens von den Genen „vorprogrammiert ist. Der Begriff beschreibt vielmehr, wie viel der Variation in der Lebensspanne innerhalb einer Population auf genetische Unterschiede zwischen Individuen zurückzuführen ist. ### Vergleichbare Werte bei anderen Merkmalen Ein Erblichkeitswert von etwa 50 Prozent gilt in der Genetik als substanziell. Zum Vergleich - Körpergröße ca. 80 Prozent - Body-Mass-Index (BMI) ca. 40–70 Prozent - Blutdruck ca. 30–50 Prozent - Typ-2-Diabetes ca. 25–50 Prozent Die neue Studie ordnet die menschliche Lebensspanne damit in die gleiche Kategorie wie viele andere medizinisch relevante komplexe Merkmale ein. Dieser Befund steht auch im Einklang mit der Erblichkeit der Lebensspanne bei anderen Spezies. --- ## Warum dieser Befund für die Medizin bedeutsam ist ### Longevity-Gene als Schlüssel zum Altern Eine hohe genetische Erblichkeit der Lebensspanne hat direkte Konsequenzen für die biomedizinische Forschung. Je stärker ein Merkmal genetisch verankert ist, desto aussagekräftiger sind genomweite Assoziationsstudien (GWAS), die nach spezifischen Genvarianten suchen. Identifizierte Langlebigkeitsgene können biologische Mechanismen des Alterns aufdecken, etwa in Bezug auf - DNA-Reparatursysteme - Entzündungsregulation (Inflammaging) - Mitochondriale Funktion - Telomerlänge und -stabilität ### Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit Die Erkenntnis, dass rund die Hälfte der Variation in der intrinsischen Lebensspanne genetisch bedingt ist, bedeutet gleichzeitig, dass die andere Hälfte durch Umwelt- und Verhaltensfaktoren beeinflusst wird. Dazu gehören - Ernährungsweise und körperliche Aktivität - Sozioökonomischer Status und Bildung - Zugang zu Gesundheitsversorgung - Exposition gegenüber Schadstoffen und chronischem Stress Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung sowohl der Präzisionsmedizin als auch der Public-Health-Interventionen. --- ## Kontext Wo die Forschung steht Die Studie erschien am 29. Januar 2026 in Science (DOI 10.1126science.adz1187, Band 391, Heft 6784, Seiten 504–510) und wurde von Forschenden des Weizmann Institute, des Karolinska Institutet, der Westlake University in Hangzhou sowie des Leiden University Medical Center verfasst. Die Arbeit ist eine Zwillingsstudie, klassifiziert im Rahmen der standardisierten MeSH-Terminologie der US-amerikanischen National Library of Medicine. Frühere Schätzwerte auf Basis ähnlicher Zwillingsdaten, jedoch ohne Bereinigung um extrinsische Sterblichkeit, lagen laut dem Abstract bei 20 bis 25 Prozent. Stammbaum-basierte Großstudien hatten zuletzt Werte von nur 6 Prozent gemeldet. --- ## Was bleibt offen Die Studie liefert eine methodisch fundierte Neubewertung der Erblichkeitsschätzungen. Dennoch bestehen offene Fragen - Welche spezifischen Genvarianten tragen am stärksten zur intrinsischen Lebensspanne bei - Wie interagieren genetische und epigenetische Faktoren im Alterungsprozess - Lassen sich die Befunde auf verschiedene Ethnizitäten und geographische Populationen übertragen Diese Fragen werden die Forschung in den kommenden Jahren beschäftigen. Die vorliegende Studie legt dafür ein wichtiges methodisches Fundament. --- ## Häufig gestellte Fragen (FAQs) Bedeutet eine Erblichkeit von 50 Prozent, dass mein Lebensalter zur Hälfte feststeht Nein. Erblichkeit ist ein statistisches Konzept, das die Variation innerhalb einer Population beschreibt, nicht ein Schicksal des Einzelnen. Lebensstil, Umwelt und medizinische Versorgung spielen weiterhin eine erhebliche Rolle. Warum haben frühere Studien so viel niedrigere Werte gefunden Frühere Zwillings- und Stammbaumstudien berücksichtigten keine Trennung zwischen biologisch bedingtem Altern und äußeren Todesursachen wie Unfällen. Diese Vermischung führte systematisch zu einer Unterschätzung der genetischen Erblichkeit. Was sind extrinsische Todesursachen Damit sind Todesfälle gemeint, die nicht auf das biologische Altern zurückzuführen sind Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen, Ertrinken oder akute Infektionskrankheiten. Diese Ereignisse hängen primär von äußeren Umständen ab, nicht von der genetischen Konstitution. Hat die Studie praktische Bedeutung für die Langlebigkeitsforschung Ja, erheblich. Ein hoher Erblichkeitswert legitimiert genomweite Studien zur Suche nach Langlebigkeitsgenen. Solche Gene können Aufschluss über Alterungsmechanismen geben und als Angriffspunkte für medizinische Interventionen dienen. Gilt dieses Ergebnis nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen Die analysierten Zwillingskohorten stammen aus spezifischen Studienpopulationen. Die Autoren selbst stellen offen, ob die Ergebnisse vollständig auf alle ethnischen Gruppen und Weltregionen übertragbar sind, was in weiteren Studien untersucht werden muss. Wie unterscheidet sich die neue Schätzung von bisherigen Werten Bisherige Schätzungen lagen bei 6 bis 25 Prozent. Die neue Studie kommt auf über 50 Prozent, wenn ausschließlich intrinsische, also biologisch-genetisch bedingte Sterblichkeit betrachtet wird. --- ## Quellen Shenhar, B., Pridham, G., De Oliveira, T. L., Raz, N., Yang, Y., Deelen, J., Hägg, S., & Alon, U. (2026). Heritability of intrinsic human life span is about 50% when confounding factors are addressed. Science, 391(6784), 504–510. httpsdoi.org10.1126science.adz1187 Hjelmborg, J. V., Iachine, I., Skytthe, A., Vaupel, J. W., McGue, M., Koskenvuo, M., Kaprio, J., Pedersen, N. L., & Christensen, K. (2006). 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