Ein Drittel der Normalgewichtigen ist fettleibig – BMI vs. Körperfettanteil

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Medizin Doc Redaktion, aktualisiert am 13. Juli 2023, Lesezeit: 9 Minuten

Übergewicht und Fettleibigkeit:

Forscher der Universität Tel Aviv haben herausgefunden, dass der weit verbreitete Body-Mass-Index (BMI) zur Bestimmung von Fettleibigkeit (Adipositas) weniger aussagekräftig ist als bisher angenommen.

  • Die Wissenschaftler empfehlen, Kliniken mit Geräten zur Messung des Körperfettanteils auszustatten und diesen Index schließlich in Israel und weltweit zum Goldstandard für Fettleibigkeit (Adipositas) zu machen.
  • Ab einem Body Mass Index von 25 spricht man von Übergewicht. Ab einem BMI von 30 spricht man von Fettleibigkeit. Ab einem Body-Mass-Index von 30 liegt Adipositas Grad I vor, Adipositas Grad 2 beginnt ab einem BMI von 35.
  • Fettleibigkeit (Adipositas) wird mit schlechter Lebensqualität und vorzeitigem Tod durch chronische Krankheiten in Verbindung gebracht.

Körperfettanteil vs. Body Mass Index

Anhand der anthropometrischen Daten von rund 3.000 Frauen und Männern in Israel kamen Forschende der School of Public Health an der Medizinischen Fakultät der TAU zu dem Schluss, dass der Körperfettanteil ein wesentlich zuverlässigerer Anhaltspunkt (Indikator) für den allgemeinen Gesundheitszustand und das kardiometabolische Risiko einer Person ist als der derzeit in Kliniken häufig verwendete Body Mass Index (BMI).

  • Kardiometabolische Erkrankungen sind Krankheitsbilder, die das Herz-Kreislauf-System und/oder Stoffwechselprozesse betreffen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen, dass der Körperfettanteil zum Goldstandard in diesem Bereich werden sollte und dass Kliniken in ganz Israel mit entsprechenden Geräten ausgestattet werden sollten.

  • Die Studie wurde von Prof. Yftach Gepner und dem Doktoranden Yair Lahavvon der Universität Tel Aviv in Zusammenarbeit mit Aviv Kfir geleitet. Als Grundlage dienten Daten des Yair Lahav Nutrition Center in Tel Aviv. Die Arbeit wurde in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Frontiers in Nutrition veröffentlicht.

Laut Prof. Gepner ist Israel führend bei der Fettleibigkeit von Kindern, und mehr als 60 Prozent der Erwachsenen im Land gelten als übergewichtig.

Der am weitesten verbreitete diesbezügliche Messwert ist der Body-Mass-Index, der auf Gewichts- und Größenmessungen basiert und als Standardindikator für den allgemeinen Gesundheitszustand einer Person gilt.

Trotz der offensichtlichen intuitiven Verbindung zwischen Übergewicht und Fettleibigkeit ist das eigentliche Maß für Adipositas (Fettleibigkeit) der Körperfettanteil.

  • Für Männer liegt der Normalwert des Körperfettanteils bei 25 Prozent, für Frauen bei 35 Prozent.
  • Ein höherer Körperfettanteil wird als Adipositas definiert und kann zu einer Reihe lebensbedrohlicher kardiometabolischer Erkrankungen führen: Herzerkrankungen, Diabetes, Fettleber, Nierenfunktionsstörungen und mehr.

Die Unterschiede zwischen den beiden Indizes haben zu einem Phänomen geführt, das als „Paradoxon der Adipositas bei Normalgewichtigen“ bezeichnet wird – ein höherer Körperfettanteil als normal bei normalgewichtigen Personen.

  • In dieser Studie untersuchten die Forscher die Prävalenz (Verbreitung) dieses Phänomens in der erwachsenen Bevölkerung Israels.

Dazu analysierten sie die über mehrere Jahre gesammelten anthropometrischen Daten von 3.000 israelischen Frauen und Männern: BMI-Werte, DXA-Scans (mit Hilfe von Röntgenstrahlen wird die Körperzusammensetzung einschließlich des Fettanteils gemessen) und kardiometabolische Blutmarker.

Etwa ein Drittel der Probanden, das entspricht 1.000 Personen, lag im Normalgewichtsbereich. Davon wurden 38,5 Prozent der Frauen und 26,5 Prozent der Männer als „adipös mit Normalgewicht“ eingestuft, d.h. sie hatten trotz Normalgewicht einen überhöhten Anteil an Körperfett.

Beim Vergleich des Körperfettanteils mit Blutmarkern für jede dieser Personen ergab die Studie eine signifikante Korrelation (Zusammenhang) zwischen „Adipositas mit Normalgewicht“ und hohen Blutzuckerwerten, hohen Blutfettwerten und hohen Cholesterinwerten – wichtige Risikofaktoren für eine Reihe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

  • Gleichzeitig hatten 30 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen, die als übergewichtig eingestuft wurden, einen normalen Körperfettanteil.

Für Prof. Gepner sind diese Forschungsergebnisse alarmierend und deuten darauf hin, dass Adipositas bei Normalgewicht in Israel viel häufiger vorkommt als bisher angenommen.

Hinzu kommt, dass diese Menschen, die nach dem vorherrschenden BMI-Index im Normbereich liegen, in der Regel „unter dem Radar“ bleiben.

Im Gegensatz zu Menschen, die als übergewichtig identifiziert werden, erhalten sie keine Behandlung oder Anweisungen zur Änderung ihrer Ernährung oder ihres Lebensstils, wodurch sie einem noch höheren Risiko für kardiometabolische Erkrankungen ausgesetzt sind, so die Forscher.

Aufgrund ihrer Untersuchungsergebnisse kommen die Forschenden zu dem Schluss, dass der Körperfettanteil ein zuverlässigerer Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand einer Person ist als der BMI.

Daher schlagen sie vor, dass der Körperfettanteil zum vorherrschenden medizinischen Standard-Messwert werden sollte, und empfehlen zu diesem Zweck einige praktische und leicht zugängliche Instrumente:

Hautfaltenmessungen, die das Körperfett anhand der Dicke der Fettschicht unter der Haut schätzen, und ein benutzerfreundliches Gerät, das die elektrische Leitfähigkeit des Körpers misst und bereits in vielen Fitnessstudios eingesetzt wird.

Laut Prof. Gepner hat die Studie gezeigt, dass Fettleibigkeit bei Normalgewichtigen in Israel sehr häufig ist – viel häufiger als bisher angenommen – und mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden ist.

Dennoch werden Menschen, die ‚fettleibig mit Normalgewicht‘ sind, durch den heute vorherrschenden Index, den BMI, nicht identifiziert.

Es zeigte sich zudem, dass der Körperfettanteil ein wesentlich zuverlässigerer Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand ist als der Body-Mass-Index (BMI).

Die Autoren der Studie empfehlen daher, alle Kliniken mit geeigneten Geräten zur Messung des Körperfettanteils auszustatten und diese Methode in Israel und weltweit schrittweise zum Goldstandard zu machen, um Krankheiten und vorzeitige Sterblichkeit zu verhindern.

Forscher entwickeln genauere Körperfettmessung

Forscher des Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles haben eine einfache und genauere Methode zur Schätzung des Körperfettanteils als den weit verbreiteten Body-Mass-Index (BMI) entwickelt, um Fettleibigkeit (Adipositas) besser zu verstehen.

  • Laut Dr. Orison Woolcott vom Cedars-Sinai wollten die Forscher eine zuverlässigere, einfachere und kostengünstigere Methode zur Bestimmung des Körperfettanteils finden, die ohne komplizierte Geräte auskommt.

Obwohl der Body-Mass-Index (BMI) allgemein anerkannt ist, halten ihn viele Experten auf dem Gebiet der Adipositas (Fettleibigkeit) für ungenau, da er nicht zwischen Knochenmasse, Muskelmasse und überschüssigem Fett unterscheiden kann.

Der Body-Mass-Index berücksichtigt auch nicht den Einfluss des Geschlechts – Frauen haben in der Regel mehr Körperfett als Männer.

Die Formel, die in Cedars-Sinai entwickelt wurde, wird als relativer Body-Mass-Index (RFM) bezeichnet und verwendet nur Messungen der Körpergröße und des Taillenumfangs.

Nach Ansicht der beteiligten Wissenschaftler bestätigen die vorliegenden Forschungsergebnisse den Wert dieser Formel bei einer großen Anzahl von Probanden:

  • Die relative Fettmasse ist ein besseres Maß für den Körperfettanteil als viele Indizes, die derzeit in Medizin und Wissenschaft verwendet werden, einschließlich des BMI, kommentiert Woolcott.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten insgesamt mehr als 300 mögliche Formeln zur Schätzung des Körperfettanteils anhand einer großen Datenbank mit 12.000 Erwachsenen, die an einer Gesundheits- und Ernährungsumfrage der Centers for Disease Control and Prevention teilnahmen.

Anschließend berechneten die Forschenden die relative Fettmasse von 3.500 Patienten und verglichen die Ergebnisse mit einem speziellen Hightech-Körperscan namens DXA, der als eine der genauesten Methoden zur Messung von Körpergewebe, Knochen, Muskeln und Fett gilt. Die RFM-Ergebnisse der Patienten stimmten am besten mit der Genauigkeit des DXA-Körperscans überein.

  • Die Formel für die relative Fettmasse wurde anhand einer großen Datenbasis validiert (bestätigt).

Es handelt sich um einen leicht zugänglichen Index zur Messung des Körperfettanteils für Ärzte, die übergewichtige Patienten behandeln, die oft mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen wie etwa Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Herzerkrankungen konfrontiert sind, erklärte Dr. Richard Bergman, Hauptautor der Studie und Direktor des Cedars-Sinai Sports Spectacular Diabetes and Obesity Wellness and Research Center.

RFM – Berechnung der relativen Körperfettmasse

Um die relative Fettmasse einer Person zu bestimmen, benötigt man keine Personenwaage, sondern nur ein Maßband.

Um die relative Körperfettmasse (RFM) selbst zu bestimmen, müssen sowohl die Körpergröße als auch der Taillenumfang gemessen werden.

Zur Messung des Taillenumfangs wird das Maßband am Ende des Hüftknochens angesetzt und um den Körper gelegt, um ein möglichst zuverlässiges Ergebnis zu erhalten.

Diese Werte werden dann in die Gleichung für die relative Körperfettmasse eingesetzt, indem das Verhältnis zwischen Körpergröße und Taillenumfang gebildet wird.

Die Formel wird geschlechtsspezifisch angepasst:

RFM – Formel für die relative Körperfettmasse

MÄNNER: 64 – (20 x Körpergröße / Taillenumfang) = RFM

FRAUEN: 76 – (20 x Körpergröße/ Taillenumfang) = RFM

  • Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um den Kategorien „Untergewicht/Normalgewicht/Adipositas“ einen RFM zuzuordnen.

Die RFM-Formel muss in Langzeitstudien angewendet werden, um festzustellen, welches RFM-Maß ein gesundes und welches ein ungesundes Körpergewicht darstellt.

Laut Woolcott müssen die RFM-Formeln noch in Längsschnittstudien mit großen Bevölkerungsgruppen getestet werden, um herauszufinden, welche Bereiche des Körperfettanteils als normal oder abnormal im Hinblick auf ernsthafte Gesundheitsprobleme im Zusammenhang mit Adipositas gelten.

  • Die Methode der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Cedars-Sinai Medical Center wurde in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Ursachen für Übergewicht

Übergewicht ist die Folge einer zu hohen Kalorienzufuhr, die vom Körper in Fett umgewandelt wird.

  • Die Ursachen für das Missverhältnis zwischen Kalorienzufuhr und Kalorienverbrauch sind vielfältig.
  • Neben sozialen, psychologischen, biologischen und genetischen Faktoren spielt auch der persönliche Lebensstil (ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, etc.) eine entscheidende Rolle.

Quellen

  • Cedars-Sinai Medical Center
  • Lahav Y, Kfir A, Gepner Y. The paradox of obesity with normal weight; a cross-sectional study. Front Nutr. 2023 Jun 9;10:1173488. doi: 10.3389/fnut.2023.1173488. PMID: 37360304; PMCID: PMC10287971.
  • Orison O. Woolcott et al, Relative fat mass (RFM) as a new estimator of whole-body fat percentage ─ A cross-sectional study in American adult individuals, Scientific Reports (2018). DOI: 10.1038/s41598-018-29362-1

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 Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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