Hypochondrie: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Gesundheitstipps, Krankheiten und Krankheitsbilder, Psychische Gesundheit

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 13.08.2023, Lesezeit: 9 Minuten

Im Alltag wird der Begriff oft unscharf verwendet und hat eine negative Konnotation. Eine „Hypochonder“ wird abfällig als jemand bezeichnet, der überempfindlich oder übermäßig besorgt um seine Gesundheit ist. Diese Personen achten verstärkt auf Veränderungen in ihrem Körper und interpretieren selbst geringfügige körperliche Signale als mögliche Anzeichen schwerer Krankheiten.

Man verwendet umgangssprachlich auch den Ausdruck „eingebildete Krankheit“. Dies kann problematisch sein, insbesondere für Menschen, die tatsächlich unter klinischer Hypochondrie leiden, da sie nicht überempfindlich sind, sondern an einer ernsthaften psychischen Erkrankung leiden. Sie können auch erheblich belastende Symptome erleben.

Was ist Hypochondrie?

Hypochondrie, auch als Krankheitsangststörung oder somatoforme Störung bezeichnet, ist eine psychische Erkrankung, bei der eine übermäßige und anhaltende Besorgnis über die Vorstellung besteht, eine schwerwiegende Krankheit zu haben, obwohl keine medizinischen Befunde dies unterstützen. Menschen mit Hypochondrie interpretieren gewöhnliche körperliche Symptome als Anzeichen für eine ernsthafte Krankheit und sind stark davon überzeugt, dass sie krank sind, selbst wenn Ärzte ihnen versichern, dass sie gesund sind.

Selbst bei psychisch gesunden Menschen kann eine übermäßige Selbstbeobachtung zu fehlerhaften Wahrnehmungen und häufigen Arztbesuchen führen, obwohl umfangreiche und wiederholte Untersuchungen keine körperliche Ursache für die Beschwerden finden. Durch die leicht zugänglichen Informationen über Krankheitssymptome im Internet entstehen neue Formen von Krankheitsangst, wie beispielsweise die „Cyberchondrie“. Betroffene erleben oft eine Verschlimmerung ihrer Symptome durch intensives Recherchieren im Internet, weshalb der Begriff „Morbus Google“ im medizinischen Fachjargon verwendet wird.

Wenn harmlose Erscheinungen von Dritten fälschlicherweise als Krankheit diagnostiziert werden, häufig aus eigennützigen oder geschäftlichen Interessen, wird dies als „Disease Mongering“ (Krankheitserfindung) oder Pathologisierung bezeichnet.

Klassifizierung der Hypochondrie

Im medizinischen Kontext hat die Begrifflichkeit „Hypochondrie“ eine präzise Definition, die sich von der umgangssprachlichen Nutzung unterscheidet. Laut der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD-10) wird dieses Krankheitsbild als hypochondrische Störung kategorisiert. Im US-amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5, welches seit Mai 2013 Anwendung findet, wurde die hypochondrische Störung durch die Bezeichnungen „Somatic Symptom Disorder“ (Körpersymptomstörung) und „Illness Anxiety Disorder“ (Krankheitsangststörung) substituiert. Diese Kategorien reflektieren zwei distinkte Aspekte der hypochondrischen Symptomatik: unerklärliche physische Symptome (somatoforme Komponente) und die Angst vor Krankheiten (Angstkomponente). Bei der hypochondrischen Störung gemäß ICD-10 befürchtet der Betroffene, an einer spezifischen Erkrankung, wie beispielsweise Krebs, zu erkranken. Das Beklagen physischer Symptome ist nicht primär.

Charakteristischerweise haben diese Patienten oft mehrere medizinische Diagnostiken durchlaufen und tendieren dazu, regelmäßig den behandelnden Arzt zu wechseln, was als „Doctor Hopping“ oder „Doctor Shopping“ bezeichnet wird. Abhängig vom Schweregrad der Symptomatik kann der Betroffene in unterschiedlichem Maße davon überzeugt sein, dass seine Befürchtungen unbegründet sind. In gravierenden Fällen können übersteigerte Vorstellungen und hypochondrischer Wahn auftreten.

Im englischsprachigen wissenschaftlichen Diskurs wird die Hypochondrie oder spezifische Ausprägungen dieser Krankheit, im Gegensatz zur konventionellen Klassifikation als somatoforme Störung, dem sogenannten „Zwangsspektrum“ (engl.: „OCD Spectrum Disorders“) zugeordnet. Dies trifft besonders zu, wenn nicht die Wahrnehmung körperlicher Signale im Mittelpunkt steht, sondern eine obsessive Furcht vor einer Erkrankung. In solchen Fällen manifestieren sich oft auch für Zwangserkrankungen charakteristische Zweifel, beispielsweise hinsichtlich der Fachkompetenz des Mediziners oder der korrekten Interpretation medizinischer Daten. Die Zuordnung bestimmter hypochondrischer Symptomatiken zum Spektrum der Zwangserkrankungen ist primär von wissenschaftlichem Interesse, da beide Krankheitsbilder mit identischen verhaltenstherapeutischen Ansätzen und Medikamenten, insbesondere SSRI, therapiert werden können.

Ursachen der Hypochondrie

Die genauen Ursachen der Hypochondrie sind nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren dazu beitragen. Zu den möglichen Ursachen gehören genetische Veranlagung, frühere traumatische Erfahrungen, hoher Stress und eine erhöhte Aufmerksamkeit auf körperliche Empfindungen. Menschen mit Hypochondrie haben oft eine stark ausgeprägte Gesundheitsangst und neigen dazu, körperliche Symptome überzubewerten.

Menschen, die unter Hypochondrie leiden, nehmen interozeptive Signale ihres Körpers überproportional wahr. Es besteht eine Tendenz, solche Empfindungen fehlerhaft zu deuten, ähnlich wie bei der Panikstörung, und sie als potenziell gefährlich zu betrachten. Durch diese Störung erhöht sich die Fokussierung auf den eigenen Körper und potenzielle Symptome von Krankheiten. Dies kann zu physiologischen Reaktionen führen, die ihrerseits als bedrohlich interpretiert werden können. Ein solches Phänomen kann in einen Zyklus der Rückkopplung münden, der von kognitiven Verzerrungen oder Beschränkungen begleitet wird.

Ein ähnlicher Prozess kann temporär in der Allgemeinbevölkerung beobachtet werden: Erhöhte Informationsvermittlung oder Sensibilisierung für eine Krankheit, etwa durch gesundheitliche Aufklärungskampagnen oder medizinische Ausbildung, kann dazu führen, dass Individuen intensiver nach Symptomen dieser Krankheit Ausschau halten und verstärkt darüber reflektieren, ob sie möglicherweise betroffen sind.

Symptome der Hypochondrie

Die Symptome der Hypochondrie umfassen eine übermäßige Angst vor Krankheiten, ständige Gedanken an die eigene Gesundheit, häufige Arztbesuche und medizinische Untersuchungen, die keine organischen Ursachen für die Symptome ergeben, sowie eine Beeinträchtigung des täglichen Lebens aufgrund der starken Sorge um die Gesundheit. Die Symptome können zu erheblichem Leiden führen und die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen.

Wie sieht die Diagnose aus?

Gemäß dem Diagnosehandbuch ICD-10 ist das dominante Merkmal der Hypochondrie eine beständige Auseinandersetzung mit der potenziellen Gefahr, an einer oder mehreren schwerwiegenden und sich entwickelnden physischen Erkrankungen zu erkranken. Gewöhnliche oder allgemeine körperliche Empfindungen und Anzeichen werden von den Betroffenen häufig als ungewöhnlich und riskant gedeutet. In der Regel sind ein oder zwei Organe oder Organsysteme besonders betroffen. Begleitsymptome von Depression und Angst sind nicht selten und können zusätzliche diagnostische Klassifizierungen begründen.

Diagnostische Anforderungen

Um die Diagnose einer hypochondrischen Störung zu bestätigen, müssen folgende Kriterien (A bis D) erfüllt sein:

  1. Eine Überzeugung, die mindestens sechs Monate andauert, an bis zu zwei ernsthaften körperlichen Krankheiten zu leiden, wobei mindestens eine Krankheit spezifisch vom Patienten identifiziert werden muss oder
  2. Beständige Präokkupation mit einer vom Patienten angenommenen körperlichen Anomalie oder Deformation.
  3. Die anhaltende Sorge um diese Überzeugung und Symptome verursacht fortwährendes Leid oder Beeinträchtigungen im täglichen Leben und motiviert die Betroffenen, medizinische Interventionen oder Untersuchungen zu suchen.
  4. Stetige Ablehnung, die medizinische Einschätzung zu akzeptieren, dass es keine ausreichende physische Grundlage für die Symptome gibt. Ein vorübergehendes Einverständnis mit der medizinischen Bewertung, das nur kurze Zeit oder unmittelbar nach einer Untersuchung andauert, widerspricht dieser Diagnose nicht.
  5. Ausnahmeregel: Die Störung manifestiert sich nicht ausschließlich während einer Schizophrenie oder einer ähnlichen Erkrankung oder einer affektiven Störung.

Individuen mit Hypochondrie, im Vergleich zu anderen Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen, zeigen eine erhöhte Angst und fehlerhafte Überzeugungen bezüglich Krankheiten, eine gesteigerte Fokussierung auf körperliche Empfindungen, vermehrte Todesängste und ein erhöhtes Misstrauen gegenüber ärztlichen Meinungen, trotz häufigerer medizinischer Konsultationen.

Die Hypochondrie kann überdies durch drei Dimensionen charakterisiert werden:

  1. Verhalten: Fokussierung auf den eigenen Körper.
  2. Emotion: Angst vor Krankheiten.
  3. Kognition: Die Überzeugung, krank zu sein, auch wenn medizinische Rückversicherungen bezüglich der eigenen Gesundheit vorliegen.

Spezifische Ausprägungen der Hypochondrie beinhalten:

  • Bromosis: Die Überzeugung, einen unangenehmen Geruch auszustrahlen.
  • Parasitosis: Die Annahme, von Parasiten befallen zu sein.
  • Dysmorphophobie: Die Überzeugung, verformt oder extrem unattraktiv zu sein.
  • Nosophobie: Hier steht die generalisierte Krankheitsangst im Mittelpunkt, losgelöst von tatsächlichen Symptomen.

Im Umgang mit ihren Gesundheitssorgen zeigen sich zwei Hauptverhaltensmuster: Einige Patienten konsultieren überproportional häufig Ärzte, während andere diese meiden oder eine regelrechte Arztphobie entwickeln.

Differentialdiagnosen

Es ist wichtig, eine genaue Diagnose zu stellen, da andere psychische Erkrankungen Symptome zeigen können, die der Hypochondrie ähneln. Es muss daher festgestellt werden, ob nicht andere Störungen vorliegen, die die Symptome besser erklären oder ob Komorbiditäten vorhanden sind. Hypochondrische Symptome können beispielsweise im Kontext von Depressionen, Wahnstörungen, Zwangsstörungen, Schizophrenie, Angststörungen und Konversionsstörungen auftreten.

Die Behandlung der Hypochondrie

Die Behandlung der Hypochondrie beinhaltet in der Regel eine Kombination aus Psychotherapie und gegebenenfalls medikamentöser Unterstützung. Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist eine häufig verwendete Therapiemethode, bei der die Gedanken und Überzeugungen, die der Hypochondrie zugrunde liegen, identifiziert und herausgefordert werden. Das Ziel ist es, die Sorge um die Gesundheit zu reduzieren und gesündere Denkmuster und Verhaltensweisen zu entwickeln. Eine andere Form der Psychotherapie, die bei Hypochondrie helfen kann, ist die Psychodynamische Psychotherapie, bei der unbewusste Konflikte und emotionale Ursachen der Hypochondrie erforscht werden.

In einigen Fällen kann die medikamentöse Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) oder anderen angstlösenden Medikamenten erwogen werden, um die Angstsymptome zu reduzieren.

Es ist wichtig anzumerken, dass die Diagnose und Behandlung der Hypochondrie von einem qualifizierten Facharzt oder Therapeuten durchgeführt werden sollte. Eine angemessene Diagnosestellung und individuell angepasste Behandlungsansätze können dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Hypochondriasis, English Wikipedia, 2023
  2. Illness anxiety disorder, MedlinePlus, July 2022.
  3. Ricarda Mewes, Winfried Rief: Somatoforme Störungen und Hypochondrie. In: Psychiatrie und Psychotherapie Up2date. Band 2(3). Georg Thieme, Stuttgart / New York 2008, S. 189–200, doi:1055/s-2007-986338.
  4. Steven Taylor, Gordon J. G. Asmundson, Michael J. Coons: Current Directions in the Treatment of Hypochondriasis. In: Journal of Cognitive Psychotherapy. Band 19, Nr. 3, 2005, doi:1891/jcop.2005.19.3.285.

Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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