Atemtherapie: Heilung durch den Atem

Medizinische Verfahren und Medizintechnik

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 28. Juli 2023, Lesezeit: 10 Minuten

Wussten Sie, dass die Atmung auch bei therapeutischen Verfahren eine entscheidende Rolle spielt?

Die Therapie, bei der die Atmung als Schlüsselinstrument zur Verbesserung der körperlichen und seelischen Gesundheit eingesetzt wird, ist als Atemtherapie bekannt.

Doch was genau versteht man unter Atemtherapie? Wann kommt sie zum Einsatz? Und was ist nach einer solchen Behandlung zu beachten?

Was ist eine Atemtherapie?

Die Atemtherapie umfasst Übungen und Techniken, die darauf abzielen, dem Patienten die Atmung zu erleichtern und die bewusste Körperwahrnehmung zu intensivieren. Sie ist ein Spezialgebiet innerhalb der Physiotherapie und wird zum Beispiel bei Patienten mit Asthma  oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) eingesetzt.

Die Atemtherapie, oft auch als Atemgymnastik bezeichnet, ist ein Teilbereich der Physiotherapie. Sie verfolgt das Ziel, den Patienten durch verschiedene Techniken (z. B. Kräftigung der Atemmuskulatur oder eine spezielle Körperhaltung) die Atmung zu erleichtern. Eine korrekte Atmung fördert zudem das Körperbewusstsein des Patienten. Aus diesem Grund wird die Atemtherapie auch gerne zur Geburtsvorbereitung bei Schwangeren eingesetzt.

Wann ist eine Atemtherapie angezeigt?

Typische Beschwerden, die eine physiotherapeutische Atemtherapie erfordern, können plötzlicher oder anhaltender Atemnot, Auswurf, Husten und Atemfunktionsstörungen sein. Diese Beschwerden treten zum Beispiel auf bei:

In diesen Fällen stellt die Atemtherapie eine essenzielle Rehabilitationsmaßnahme dar. Sie ist generell empfehlenswert, wenn eine Person über einen längeren Zeitraum künstlich beatmet werden musste, oder wenn die Lungenfunktion nach einer akuten Krankheitsphase, wie bei Long-Covid nach Covid-19, weiterhin beeinträchtigt ist.

Welche Methoden kommen in der Atemtherapie zum Einsatz?

Der Ablauf einer Atemtherapie richtet sich nach den individuellen Zielen und der Verfassung des Patienten, die der Atemtherapeut berücksichtigt. Grundsätzlich werden die Übungen zunächst vom Therapeuten erklärt und ggf. vorgeführt, bevor sie vom Patienten nachgeahmt werden, wobei der Therapeut ggf. Hilfestellung gibt. Sollte der Patient während der Therapie Schmerzen bei einer bestimmten Bewegung verspüren, kann er diese in abgeschwächter Form ausführen.

Verbesserung der Beweglichkeit

Um die Beweglichkeit der Patienten zu verbessern, setzen Therapeuten häufig spezielle Dreh- und Dehnpositionen ein. Dabei liegt der Patient in Rückenlage auf einer Matte und konzentriert sich auf bestimmte Körperregionen, die direkt auf der Matte aufliegen, z. B. den Rücken oder das Gesäß.

Der Patient soll sich völlig entspannen und bewusst „fallen lassen“. Anschließend führt der Therapeut die „untere Drehposition“ ein: Der Patient stellt sich mit den Knien auf und lässt die Füße zur Seite fallen.

Die Arme werden U-förmig über dem Kopf angewinkelt, während der Kopf in die den Beinen entgegengesetzte Richtung gedreht wird. Nun werden die Beine abwechselnd nach rechts und links gekippt, was zu einer Streckung des Rumpfes entlang der Oberschenkelachse führt.

Eine weitere Methode ist der Vierfüßlerstand. Der Patient positioniert sich auf Händen und Knien auf dem Boden (die Knie direkt unter den Hüftgelenken und die Hände direkt unter den Schultern). Dann wird der Rücken wie bei einer Katze gerundet, die Wirbelsäule nach oben gebogen und das Kinn zur Brust gesenkt. Es folgt die umgekehrte Bewegung: Der Patient senkt bewusst und langsam das Brustbein und geht in ein Hohlkreuz. Dabei wird der Kopf leicht in den Nacken gelegt. Die Übung kann mehrmals wiederholt werden.

Auch Abwandlungen sind möglich. Beispielsweise können die Hände nicht direkt unter den Schultern, sondern mit den Fingerspitzen direkt vor den auf dem Boden abgestützten Knien positioniert werden. Auf diese Weise wird bei der Beugung und Streckung des Rückens gezielt der Brustwirbelsäulenbereich trainiert.

In einer weiteren Variante werden nicht die Handflächen, sondern die Unterarme direkt unter den Schultern auf den Boden gelegt. Diese Übungsfolge konzentriert sich vor allem auf das Training der Lendenwirbelsäule.

Atemtherapie geregelten Atemrhythmus

Um ein ausgeglichenes Atemmuster zu kultivieren, können Dehnübungen, wie sie auch im Sport durchgeführt werden, hilfreich sein, z. B. das freie Dehnen des Körpers im Stehen. Während des Dehnens und Entspannens ist es wichtig, eine Atemfrequenz beizubehalten, die eine flüssige Atmung während der gesamten Übungssequenz ermöglicht.

Unter Anleitung eines Therapeuten können auch passive Dehnübungen durchgeführt werden: Der Patient liegt z. B. seitlich auf einer Behandlungsliege und winkelt das untere Bein an. Das obere Bein liegt gerade auf einem Stützkissen. Der Therapeut legt eine Hand an die Innenseite des Knies, die andere Hand hält das Sprunggelenk.

Während der Patient einatmet, dehnt der Therapeut die Wadenmuskulatur (der Patient sollte völlig entspannt sein). Beim Ausatmen löst der Therapeut die Dehnung wieder. Ähnliche Behandlungen können auch an Armen, Füßen oder Händen durchgeführt werden.

Verbesserung der Atembewegung

Zur Anregung der Atembewegung unterstützt der Therapeut den Patienten bei der bewussten Erkennung und Kontrolle seiner Atemzüge. Der Patient wird ebenfalls dazu angehalten, seine Einatmung aktiv zu üben. Dies kann umgesetzt werden durch:

  • Langsames, tiefes Einatmen und ein kurzes Verweilen beim Luftanhalten
  • Wiederholtes, schnelles Einatmen während der Phase des Luftholens
  • Das Verschließen einer Nasenöffnung beim Einatmen durch die Nase

Die Atmungsgymnastik kann auch einen positiven Einfluss auf die Ausatmung haben. Eine Methode, um dies zu erreichen, besteht darin, das Ausatmen sichtbar zu machen, etwa durch Atmen gegen einen Spiegel.

Die Ausatmung wird auch passiv durch die so genannte manuelle Thoraxkompression gefördert. Bei diesem Verfahren liegt der Patient auf dem Rücken, mit seitlich angehobenen Beinen auf einer Therapiebank. Der Therapeut platziert seine Hände auf dem Brustkorb des Patienten und drückt ihn während der Ausatmung sanft, aber merklich zusammen. Der Patient sollte diesen Druck wahrnehmen, ihn jedoch nicht als anstrengend oder beengend empfinden..

Kräftigung der Atemmuskulatur

Es ist allgemein bekannt, dass eine gute Atmung zu einem gesünderen Leben führt. Ein Schlüssel zur Verbesserung dieser lebenswichtigen Funktion ist die Stärkung der spezifischen Muskelgruppen, die an der Atmung beteiligt sind.

Bauchlage zur Verbesserung der Einatmung

Eine der effektivsten Methoden zur Stärkung der an der Atmung beteiligten Muskelgruppen ist die Bauchlage. Dabei liegt der Patient bewusst auf dem Bauch. Dies hat einen bemerkenswerten Effekt auf die Atmung. Der Druck, den die Bauchorgane auf das Zwerchfell ausüben, erhöht die Anstrengung beim Einatmen. Dadurch werden die beteiligten Muskeln stärker beansprucht und mit der Zeit gestärkt. Dies kann zu einer effizienteren und tieferen Atmung führen.

Lockerungsübungen für die Bauchmuskulatur zur Erleichterung der Ausatmung

Für eine optimale Atmung ist es ebenso wichtig, die Ausatmung zu erleichtern. Eine bewährte Methode zur Verbesserung dieser Funktion ist das Training der Bauchmuskulatur. Regelmäßige Übungen wie Bauchmuskeltraining oder einfaches Anspannen der Bauchmuskulatur im Stehen können die Bauchmuskulatur stärken und so die Ausatmung erleichtern. Es ist wichtig, diese Übungen regelmäßig und in einer entspannten, stressfreien Umgebung durchzuführen, um die besten Ergebnisse zu erzielen.

Entspannungsübungen

Um eine tiefe Entspannung zu erreichen und das Atemtempo zu verringern, wird der Patient dazu angehalten, sich rücklings niederzulegen und seine Hände behaglich auf seinem Unterleib zu positionieren. Während der Atemvorgänge lässt er seine Hände sanft über die Oberfläche seines Bauches gleiten. Ein ähnlicher Effekt kann auch im Sitzen erreicht werden, wobei die Hände dann auf den Rippenbögen ruhen sollten. Diese Methode ist unkompliziert und kann eigenständig ausgeführt werden.

Therapeutische Übungen, die als Unterstützung dienen können, beinhalten zum Beispiel leichtes Schütteln. In diesem Szenario ergreift der Therapeut den Arm des Patienten und hebt diesen in einer lockeren Position an. Danach übt er wiederholte, sanfte Ziehbewegungen aus und lässt dann wieder nach.

Reinigen und Weithalten der Atemwege

Bei Erkrankungen wie Pneumonie oder Mukoviszidose, auch als zystische Fibrose bekannt, tendieren Sekrete und Schleim dazu, sich in den Atemwegen anzuhäufen und diese zu blockieren. Atemtherapie kann durch eine Reihe von Übungen, die darauf abzielen, den Schleim zu lösen, wirksam sein. Beispielsweise kann ein „M“-Summen beim Ausatmen oder das kräftige Ausstoßen von „P, T, K“-Lauten dazu führen, dass der Brustkorb vibriert und der Schleim gelöst wird.

Ähnliche Wirkungen können erzielt werden, indem man mit den Fingern fest auf die von der Lunge betroffenen Bereiche klopft. Eine geeignete Körperposition allein kann oft ausreichen, um die Atemwege offen zu halten und somit einen effektiven Gasaustausch zu gewährleisten. Folgende Positionen können hilfreich sein:

  • Kutscherhaltung (sitzend, Oberkörper nach vorne geneigt, Arme auf den Oberschenkeln abgestützt)
  • Torhüterhaltung (stehend, mit den Händen auf den Oberschenkeln gestützt)
  • Stehposition mit Armen, die sich an einem Objekt (z.B. einem Tisch) oder an der Wand abstützen

Reflektorische Atemtherapie

Innerhalb der sogenannten Therapie durch reflektierte Atmung, nutzt der Behandler die körperliche Reaktion auf Atemübungen als therapeutisches Instrument. Diese umfassende Behandlungsmethode kombiniert drei wesentliche Elemente:

  • Anwendung von intensiver Wärme
  • Atemtraining und therapeutische Körperpositionen
  • manuelle Therapie

Zunächst wickelt der Therapeut die Arme oder Beine des Patienten in warme Tücher ein. Dadurch können die Muskeln sich entspannen und auf die bevorstehende manuelle Behandlung vorbereiten. Zusätzlich wird die Durchblutung gesteigert und die Atmung angeregt. Danach kommen spezifische physiotherapeutische Techniken zum Einsatz, die vergleichbar mit einer Massage, die Muskulatur dehnen und das Bindegewebe lockern. Dies mündet in atemtherapeutischen Übungen, die den Abschluss der Therapieeinheit bilden.

Risiken der Atemtherapie

Die Atemtherapie stellt eine sichere Methode dar, vorausgesetzt, sie wird von einem fachkundigen Therapeuten begleitet. Eine unsachgemäße Durchführung der Atemtherapie kann allerdings zu gesundheitlichen Schwierigkeiten führen: Etwa kann eine unnatürlich tiefe und rasche Atmung (Hyperventilation) zu einer unzureichenden Sauerstoffversorgung führen.

Daraus resultierende Symptome könnten Muskelkrämpfe, Sinnesstörungen, Schmerzen in der Brust und Schwindel sein. Für das Atemtraining existieren keine spezifischen Verhaltensvorschriften. Sollten Sie mit Ihrem Therapeuten darüber einig sein, können Sie die Übungen auch zu Hause in regelmäßigen Intervallen durchführen. Falls eine der in der Atemtherapie erlernten Übungen einmal Schmerzen verursachen sollte, unterbrechen Sie bitte die Übung und teilen Sie es Ihrem Hausarzt oder Ihrem Atemtherapeuten mit.

Quellen

  • Ehrmann: Handbuch der Atemtherapie. param-Verlag, Ahlstedt 2004.
  • Fischer und E. Kemmann-Huber: Der bewusste zugelassene Atem. Theorie und Praxis der Atemlehre. Urban & Fischer bei Elsevier, München 1999.
  • Göhring: Atemtherapie – Therapie mit dem Atem. Thieme Verlag, Stuttgart 2001.
  • Atemtherapie, Wikipedia, 2023

Dieser Beitrag wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Fachliteratur und fundierter empirischer Studien und Quellen erstellt und in einem mehrstufigen Prozess überprüft.

Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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