M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 3. April 2024, Lesezeit: 10 Minuten

Psychosomatische Erkrankungen sind ein Thema, das in der Medizin kontrovers diskutiert wird. Insbesondere Frauen sind von dieser Art der Diagnose überdurchschnittlich oft betroffen. Doch was bedeutet es, wenn eine Erkrankung als „psychosomatisch“ abgetan wird? Warum wird diese Diagnose vor allem bei Frauen gestellt?

Auf der Suche nach einer Diagnose

Für Menschen, die unter unerklärlichen Beschwerden leiden, für die auch bei verschiedenen Fachärzten keine organische Ursache gefunden wird, ist es oft eine große Belastung, wenn auch nach langer Zeit keine konkrete Ursache gefunden wird. Die Ungewissheit und das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, können die physische und psychische Gesundheit zusätzlich beeinträchtigen. In solchen Fällen kann es vorkommen, dass Ärzte die Diagnose „psychosomatisch“ stellen.

Was bedeutet „psychosomatisch“?

Der Begriff „psychosomatisch“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „psyche“ (Seele) und „soma“ (Körper) zusammen und beschreibt eine Verbindung zwischen psychischen und körperlichen Symptomen. Bei einer psychosomatischen Erkrankung liegen keine eindeutigen organischen Ursachen vor, sondern die Beschwerden werden auf psychische Faktoren zurückgeführt.

Bei den sogenannten somatoformen Störungen handelte es körperliche Leiden, die nicht oder nicht ausreichend auf eine organische Krankheit zurückgeführt werden können (nach der klassischen medizinischen Definition der ICD-10: F45.0 bis F45.9). Typisch ist eine starke Fokussierung auf bestimmte körperliche (somatische) Symptome, die beträchtliches Leiden verursachen und die tägliche Lebensweise beeinflussen.

Neben allgemeinen Symptomen wie Müdigkeit und Erschöpfung sind Schmerzsymptome am häufigsten, gefolgt von Herz-Kreislauf-Problemen, Magen-Darm-Beschwerden sowie sexuellen und neurologischen Symptomen. Somatoforme Symptome treten bei ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung zumindest zeitweise auf, verschwinden in der Regel von alleine und werden oft nicht weiter beachtet. Bei einigen Menschen (die Angaben über die Häufigkeit variieren zwischen 4 und 20 Prozent) können sich diese Beschwerden jedoch chronifizieren und eine wesentliche Rolle im Leben einnehmen.

Somatoforme Störungen zählen zu den häufigsten Beschwerden bei Patienten in allgemeinmedizinischen Praxen und Allgemeinkrankenhäusern. Mindestens 20 Prozent aller, die einen Hausarzt konsultieren, leiden darunter. Aus stationären Einrichtungen wird eine Prävalenz von 10 bis zu 40 Prozent berichtet. Patienten mit somatoformen Störungen gelten beim Hausarzt oft als problematisch. Die Betroffenen selbst sind wiederum häufig von ihren Ärzten enttäuscht, was einerseits zu häufigem Arztwechsel führen kann. Häufig wird die Erkrankung erst nach langer Zeit erkannt und es kann viele Jahre dauern, bis der Patient an einen Psychotherapeuten überwiesen wird oder bereit ist, sich mit anderen Ursachen als den rein körperlichen auseinanderzusetzen.

Die Diagnose „Medizinisch unklare Erkrankung“ 

Die Diagnose „Medizinisch unklare Erkrankung“ existiert nicht im internationalen Krankheitsverzeichnis der WHO, dem ICD, obwohl dort über 69.000 medizinische Diagnosen aufgeführt sind. Stattdessen bietet sich die somatoforme Störung als idealer Lückenfüller an.

Professor Peter Henningsen, Direktor der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der TU München, meint, diese Verlegenheitsdiagnose habe auch ganz praktische Ursachen. Man müsse eigentlich in der Lage sein, Diagnosen offenzulassen, wenn man sie erst mal noch nicht klären könne. Aber wenn einem dann aus Abrechnungsgründen aufgezwungen werde, irgendeine Diagnose zu stellen, erhöhe das die Wahrscheinlichkeit, dass dann zum Beispiel so eine F 45-Diagnose viel zu ungeprüft gestellt werde. Das sehe er auch als ein echtes Problem. Die Stellung dieser Diagnose müsse auf einer adäquaten Diagnostik beruhen und die könne nicht nur im Nichtfinden einer organischen Erklärung bestehen.

Deshalb sei auch die bisherige ICD-Definition für psychosomatische Störungen problematisch, meint Henningsen. Es gebe ganz klare Faktoren, zum Beispiel die Tatsache, dass jemand mehrere solcher unklaren Beschwerden gleichzeitig habe. Wenn es biografische und andere Belastungsfaktoren wie Traumatisierungen in der Vorgeschichte gebe, erhöhe das auch die Wahrscheinlichkeit. Ebenso wenn begleitend eine erhöhte Depressivität und Angst bestehe. Es gebe also viele Faktoren, die diese Diagnose absicherten.

Nur wenn solche Kriterien erfüllt seien, sei es legitim, die Psyche des Patienten als Ursache mit ins Spiel zu bringen. Psychosomatische Diagnosen beanspruchten zudem keinen Absolutheitsanspruch. Bei den sogenannten funktionellen Erkrankungen halte man sich immer offen, ob sich nicht doch irgendein therapierelevanter, biologischer Befund, eine Entzündung oder irgendetwas finde. Gleichzeitig behandle man die Patienten aber psychotherapeutisch, körperlich aktivierend und insgesamt psychosomatisch und erreiche damit auch deutliche Besserungen, aber in einem biopsychosozialen Gesamtverständnis.

Fünf Jahre dauert die Ausbildung zum Facharzt für psychosomatische Medizin, von denen es rund 2300 in Deutschland gibt. Ihre Diagnosen seien zuverlässig, was zahlreiche Studien belegen. Das Problem sei jedoch, dass die überwiegende Zahl der psychosomatischen Diagnosen nicht von Fachleuten, sondern von Hausärzten, Orthopäden oder Gynäkologen gestellt werde. Denn in Deutschland könne jeder Arzt, egal wie qualifiziert, eine psychosomatische Diagnose stellen. Die Abklärung durch einen Facharzt für Psychosomatik, so Henningsen, sei nicht notwendig.

Eine Studie aus dem Jahr 2003 belegt die meist mangelhafte Qualität dieser Befunde. Die Ergebnisse sprächen für eine dringend erforderliche bessere Ausbildung in der Diagnostik von niedergelassenen nicht-psychiatrischen Fachärzten. Zwischen den Krankenschein-Diagnosen und den Fach-Diagnosen habe nur eine geringe Übereinstimmung bestanden. Die diagnostizierenden Ärzte seien in der Regel Allgemeinmediziner und Gynäkologen gewesen, die nicht auf psychische Störungen spezialisiert waren. Am häufigsten seien somatoforme Störungen genannt worden, doch genau diese Diagnose sei in sechs von sieben Fällen falsch gewesen.

Häufigkeit bei Frauen

Durchbruch bei der Erkennung von Endometriumkrebs
Frauengesundheit auf dem Vormarsch. Symbolbild/Foto: Unsplash

Psychosomatische Diagnosen werden mit Abstand am häufigsten bei Frauen gestellt, wofür es offiziell keine schlüssige Erklärung gibt. Die amerikanische Feministin Maya Dusenbery sieht hier unbewusst diskriminierende Denkschemata am Werk. In ihrem Buch Doing Harm, das in den USA ein enormes Medienecho ausgelöst hat, vertritt sie die Ansicht, dass die Medizin Frauen generell und systematisch benachteilige. Bei dieser Voreingenommenheit gehe es nicht um bewusste Vorurteile oder böswillige Absichten, sondern um unbewusste Denkmuster. Es sei eben nicht egal, ob ein Mann oder eine Frau über Beschwerden klage.

Gerade bei Frauen gebe es eine Tendenz zur Psychologisierung, wenn sie über ihre Symptome berichten. Ihnen werde seltener geglaubt und sie müssten beweisen, dass ihnen wirklich etwas fehle. Das gehe auf das althergebrachte Konzept der Hysterie zurück, nach dem Motto: Symptome, die sich nicht körperlich erklären ließen, müssten eben eine psychische Ursache haben.

Dusenbery untermauert ihre Thesen mit Dutzenden von klinischen Studien, die genau diese Voreingenommenheit gegenüber weiblichen Patienten dokumentieren, besonders eindrucksvoll bei der Diagnostik von Hirntumoren. Eine Studie aus dem Vereinigten Königreich habe bei Hirntumorpatienten die geschlechtsspezifische Diagnoseverzögerung analysiert, wie viele Arztbesuche zur Diagnosestellung notwendig gewesen seien. Es habe sich gezeigt, dass Frauen mehr Ärzte aufsuchen mussten und dass ihnen oft gesagt wurde, es sei nur Stress oder sie seien einfach müde.

Hirntumore wurden bei Männern nach höchstens einem Jahr, bei Frauen dagegen erst nach bis zu drei Jahren entdeckt, mit erheblichen Konsequenzen für die Prognose.

Aber auch beim Herzinfarkt, bei Krebsleiden und selbst bei Corona lässt sich laut Dusenbery die systematische Benachteiligung von Frauen klar belegen. Um diese Diskriminierung zu umgehen, entwickelten Frauen eine Gegenstrategie: In Interviews hätten Frauen ihr erzählt, dass sie beim Arzt ihre Symptome bewusst zurückhaltend schildern, um ja nicht als hysterisch abgestempelt zu werden. Aber das sei natürlich zwiespältig – wenn jemand zu gleichmütig sei, dächten die Ärzte, es sei nichts wirklich Ernsthaftes.

Die Rolle der Geschlechterstereotype

Ein möglicher Grund für die Häufigkeit von psychosomatischen Diagnosen bei Frauen könnte in Geschlechterstereotypen liegen. Frauen werden oft als emotionaler und sensibler wahrgenommen, was dazu führen kann, dass ihre körperlichen Beschwerden als psychisch bedingt abgetan werden. Es ist wichtig, dass Ärzte ihre eigenen Vorurteile und Stereotype reflektieren und sich bewusst machen, dass psychosomatische Erkrankungen bei beiden Geschlechtern auftreten können.

Die Problematik der Fehldiagnose psychosomatisch

Die Diagnose „psychosomatisch“ kann für Betroffene eine große Herausforderung darstellen. Oftmals werden sie nicht ernst genommen und ihre Beschwerden als rein psychisch abgetan. Dies kann zu Frustration, Verzweiflung und einem Verlust des Vertrauens in das medizinische System führen. Es ist wichtig, dass Ärzte sensibel mit solchen Diagnosen umgehen und den Patienten ernst nehmen.

Kein Befund? Die Rolle von Nährstoffanalysen, Mundbelag- und Stuhluntersuchungen

Nährstoffanalysen, Mundbelag- und Stuhluntersuchungen können in einigen Fällen bei der Diagnose oder dem Ausschluss vermeintlich psychosomatischer Erkrankungen eine Rolle spielen, indem sie helfen, Ursachen für die Symptome auszuschließen oder welche zu finden, die in den Standarduntersuchungen unentdeckt blieben. Diese Untersuchungen können Informationen über den Nährstoffstatus, das Vorhandensein von Bakterien oder Pilzen im Mund oder Darm sowie andere mögliche Störungen im Verdauungssystem liefern.

Eine gründliche Nährstoffanalyse kann Aufschluss darüber geben, ob ein Mangel oder Ungleichgewicht bestimmter Nährstoffe vorliegt, die sich auf die körperliche und geistige Gesundheit auswirken können. Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen kann zu Symptomen führen, die psychosomatischen Beschwerden ähneln.

Mundbelag- und Stuhluntersuchungen können helfen, Infektionen, Entzündungen oder andere Störungen im Verdauungssystem zu identifizieren. Diese können sowohl körperliche als auch psychische Symptome verursachen oder verstärken. Durch den Ausschluss organischer Ursachen können diese Untersuchungen dazu beitragen, eine psychosomatische Fehldiagnose zu vermeiden.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Untersuchungen allein nicht ausreichen, um eine psychosomatische Erkrankung zu diagnostizieren oder auszuschließen. Eine umfassende Bewertung der Symptome, eine gründliche Anamnese und möglicherweise weitere Untersuchungen sind erforderlich, um eine fundierte Diagnose zu stellen. Es ist ratsam, sich an qualifizierte Ärzte oder Fachleute im Gesundheitswesen zu wenden, um eine angemessene Diagnostik und Behandlung zu erhalten.

Die Bedeutung einer ganzheitlichen Betrachtung

Beim Ausschluss oder der Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen ist es wichtig, den Menschen als Ganzes zu betrachten und nicht nur die körperlichen oder psychischen Symptome isoliert zu betrachten. Eine ganzheitliche Therapie, die sowohl körperliche als auch psychische Aspekte berücksichtigt, kann zu einer besseren Genesung führen. Dazu gehören beispielsweise Entspannungstechniken, Psychotherapie und eine gesunde Lebensweise.

Fazit

Die Fehldiagnose „psychosomatisch“ kann für Betroffene eine große Belastung darstellen. Es ist wichtig, dass Ärzte sensibel mit solchen Diagnosen umgehen und den Patienten ernst nehmen. Eine ganzheitliche Betrachtung von Körper und Psyche sowie eine individuell angepasste Therapie können zu einer Besserung der Beschwerden führen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Ulrich Lamparter, Professor Hans-Ulrich Schmidt: Wirklich psychisch bedingt?: Somatische Differenzialdiagnosen in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Schattauer, 2018, Google Books
  2. Sauer, W. Eich: Somatoforme Störungen und Funktionsstörungen.In: Deutsches Ärzteblatt. 104(1–2), 2007, S. A45–A53. (PDF)
  3. Fehldiagnose “psychosomatisch“ – Die spinnen doch nur! DLF, 2022.
  4. Wenn man auf Anhieb nichts findet, ist es nicht immer die Psyche. DAZ, Januar 2022
  5. Sarah Troke: Authors of our own misfortune? The problems with psychogenic explanations for physical illnesses. In: Disability & Society. Band32,  6, 3. Juli 2017, doi:10.1080/09687599.2017.1321239
  6. Somatoforme Störung, Wikipedia 2024.

ddp


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Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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