Statine: Klinische Studie zu den Nebenwirkungen des cholesterinsenkenden Wirkstoffs

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Torsten Lorenz, aktualisiert am 15. November 2020, Lesezeit: 6 Minuten

Senkung des Cholesterinspiegels: Eine von Forschern des Imperial College London und Klinikern des Imperial College Healthcare NHS Trust geleitete klinische Studie mit 60 Patienten zeigte, dass 90 Prozent der Symptome, die Patienten während der Einnahme von Statinen verspürten, gleichzeitig auch bei der Einnahme von Placebo-Pillen auftraten.

Statine sind eines der am häufigsten verschriebenen Mittel in England. Etwa sieben oder acht Millionen Erwachsene in Großbritannien nehmen Statine. Sie unterstützen die Senkung des Cholesterinspiegels im Blut. Ein zu hoher Cholesterinspiegel ist potenziell gefährlich, da er zur Verhärtung und Verengung der Arterien und damit zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann.

Vorangegangene Studien haben ergeben, dass Statine bei bestimmten Menschen das Risiko von Herzinfarkt, Schlaganfall und sogar Tod durch Herzerkrankungen um etwa 25 bis 35 Prozent senken. Obwohl die meisten Menschen Statine vertragen, wird davon ausgegangen, dass etwa ein Fünftel der Patienten aufgrund von berichteten (angeblichen) Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen, Müdigkeit oder Gelenkschmerzen die Einnahme beenden oder das Medikament ablehnen.

Die Forscher der vorliegenden Studie gehen davon aus, dass diese Nebenwirkungen meist durch den sogenannten Nocebo-Effekt verursacht werden. Der Nocebo-Effekt ist ein Effekt, bei dem Menschen aufgrund einer negativen Assoziation mit einem Medikament Nebenwirkungen verspüren und nicht durch eine tatsächliche pharmakologische Wirkung des Medikaments.

Das Forscherteam schlägt vor, dass die Ärzte bei der Verschreibung von Statinen die Patienten über die Nocebo-Wirkung informieren und ihre Erwartungen an die Einnahme der Statine steuern sollten. Dadurch sollen die Menschen dazu ermutigt werden, das Medikament zu nehmen oder weiter einzunehmen.

Statine gehören zu den lebensrettenden Behandlungen, die dazu beitragen können, das Risiko von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern, so die Autoren der Studie.

Aus früheren Untersuchungen geht hervor, dass Statine sicher und wirksam bei der Vorbeugung schwerer gesundheitlicher Erkrankungen sind. Doch einige Patienten stoppen die Einnahme oder lehnen die Behandlung aufgrund berichteter Nebenwirkungen ab, was langfristig das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen kann.

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen den Forschern zufolge nahe, dass die berichteten Nebenwirkungen von Statinen nicht durch Statin selbst, sondern durch die Wirkung der Einnahme einer Tablette verursacht werden. Einige der unerwünschten Nebenwirkungen könnten auch von den typischen Schmerzen des Älterwerdens herrühren.

Die Ergebnisse sind den Forschern zufolge signifikant und ein weiterer Beweis dafür, dass die Nebenwirkungen von Statinen minimal sind. Diese Wirkstoffe spielen eine wichtige Rolle bei der Gesunderhaltung von Patienten, die ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Ein Weg, Patienten dazu zu ermutigen, ihre Medikamente einzunehmen oder die Einnahme beizubehalten, könnte darin bestehen, dass Ärzte mit ihren Patienten über den Nocebo-Effekt sprechen.

Nach Ansicht des Forschungsteams sind die Symptome, die die Patienten erleben, möglicherweise die psychosomatische Wirkung der Pilleneinnahme oder manchmal auch nur die typischen Schmerzen des Älterwerdens.

Für die Studie rekrutierten die Forscher 60 Patienten im Alter zwischen 37 und 79 Jahren, die Statine eingenommen haben, aber ihre Behandlung aufgrund von abgebrochen hatten. Während der Studie, die im Hammersmith-Krankenhaus stattfand, erhielten die Patienten vier Fläschchen mit einem Statin, vier Fläschchen mit einem Placebo und vier leere Fläschchen zur Einnahme über einen Zeitraum von einem Jahr.

Die Patientinnen und Patienten nahmen identische Tabletten ein, waren acht Monate lang gegenüber Statin oder Placebo verblindet und nahmen vier Monate lang nichts ein. Die Patienten nahmen diese Tabletten in einer zufälligen Reihenfolge ein und mussten auf einem Smartphone von 0 – keine Symptome – bis 100 – schlimmste vorstellbare Symptome – alle täglich auftretenden Nebenwirkungen bewerten. 49 der 60 Patienten schlossen die vollen 12 Monate der Studie ab.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass 90 Prozent der Symptome, die die Patienten unter Statinen erlebten, auch dann vorhanden waren, wenn sie Placebo-Tabletten einnahmen. Sie fanden auch heraus, dass unter den 60 Patienten die durchschnittliche Symptomintensität während der Monate ohne Tabletten bei acht, während der Placebo-Monate bei 15,4 und während der Statin-Monate bei 16,3 lag.

Ein halbes Jahr nach Abschluss der Studie hatten 30 der Patienten die Statine erfolgreich wieder eingenommen, und vier hatten dies geplant. Fünfundzwanzig der Patienten erhielten keine Statine und hatten nicht vor, erneut mit Statinen zu beginnen.

Der Vorteil dieser Studie liegt nach Aussage der Forscher darin, dass sie individuell gestaltet ist. Erstmals konnten sich die Patienten selbst davon überzeugen, dass die Statine nicht ihre Nebenwirkungen verursachten, sondern der physische Akt der Pilleneinnahme.

Aus den vorliegenden Ergebnissen dieser Untersuchung geht unbestreitbar hervor, dass Statine für viele der ihnen zugeschriebenen Nebenwirkungen nicht die Ursache sind, so die Autoren der Studie. Seit Jahrzehnten ist erwiesen, dass Statine Leben retten und sie sollten für Personen mit hohem Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko die erste Wahl sein.

Durch diese Studie wurden viele der Teilnehmer ermutigt, wieder auf Statine zurückzugreifen, was zweifellos ihr Risiko, einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, senken wird, so die Forscher. Es ist zu hoffen, dass diese Ergebnisse weiterhin mehr Menschen dazu bringen, Statine unvoreingenommen in Betracht zu ziehen und den Fachleuten im Gesundheitswesen helfen, evidenzbasierte Gespräche mit ihren Patienten zu führen, um sicherzustellen, dass sie die für sie richtige Behandlung erhalten.

Die Forscher werden nun eine weitere Studie durchführen, um die Symptome zu untersuchen, die durch Betablocker – Medikamente, die den Blutdruck senken – bei Herzinsuffizienz verursacht werden.

Die von der British Heart Foundation finanzierte Studie wurde im New England Journal of Medicine veröffentlicht und auf der Konferenz der American Heart Association vorgestellt.

(Quellen: Imperial College London / New England Journal of Medicine)
vgt

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