Hochverarbeitete Lebensmittel schädigen nachweislich die Aufmerksamkeit

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Dr. Amalia Michailov, Veröffentlicht am: 25.04.2026, Lesezeit: 8 Minuten

Eine neue Studie der Monash University, der Universität São Paulo und der Deakin University liefert erstmals messbare Belege dafür, dass der regelmäßige Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel (Ultra-Processed Foods, UPFs) die kognitive Leistungsfähigkeit des Gehirns messbar beeinträchtigt, insbesondere die visuelle Aufmerksamkeit und die Verarbeitungsgeschwindigkeit, und dabei das Demenzrisiko erhöht, selbst wenn die Person ansonsten eine gesundheitsbewusste Ernährungsweise verfolgt.

Was die Studie untersucht hat

Die Ergebnisse wurden am 25. April 2026 im Fachjournal Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment & Disease Monitoring, einer Publikation der Alzheimer’s Association, veröffentlicht.

Die Studie analysierte die Ernährungsgewohnheiten und den kognitiven Gesundheitszustand von mehr als 2.100 australischen Erwachsenen mittleren und höheren Alters, die zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Demenzdiagnose hatten.

Die Querschnittsstudie erfasste dabei sowohl die Qualität als auch den Verarbeitungsgrad der konsumierten Lebensmittel, um den isolierten Effekt der industriellen Verarbeitung auf die Gehirnfunktion zu messen.

Das zentrale Ergebnis: Jede Steigerung zählt

Die Leitautorin der Studie, Dr. Barbara Cardoso vom Department of Nutrition, Dietetics and Food sowie vom Victorian Heart Institute der Monash University, beschrieb den Befund in einer Pressemitteilung der Universität mit deutlichen Worten:

„Für jeden Anstieg des UPF-Konsums um 10 Prozent beobachteten wir einen klar messbaren Rückgang der Fähigkeit einer Person, sich zu konzentrieren.“

Zur Einordnung: Ein Anstieg von 10 Prozent entspricht laut Dr. Cardoso in etwa dem Hinzufügen einer handelsüblichen Packung Kartoffelchips zur täglichen Ernährung.

Klinisch äußerte sich dieser Effekt in durchgängig niedrigeren Testergebnissen bei standardisierten Kognitionstests, die visuelle Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit messen, zwei fundamentale Komponenten des kognitiven Funktionierens.

Was als „hochverarbeitet“ gilt

Die NOVA-Klassifikation als Grundlage

Die Studie verwendete das weltweit anerkannte NOVA-Klassifikationssystem, das Lebensmittel nach ihrem Verarbeitungsgrad in vier Kategorien einteilt. UPFs bilden dabei die vierte und am stärksten verarbeitete Kategorie.

Zu den typischen UPFs zählen:

  • Softdrinks und gesüßte Erfrischungsgetränke
  • Verpackte Salzsnacks wie Chips und Cracker
  • Fertiggerichte und industriell hergestellte Tiefkühlkost
  • Frühstückszerealien mit hohem Zuckerzusatz
  • Industriell hergestellte Backwaren und Süßigkeiten

Was diese Produkte gemeinsam haben: Sie enthalten typischerweise Zutaten, die in herkömmlichen Küchen nicht zu finden sind, darunter Emulgatoren, Farbstoffe, Geschmacksverstärker und andere Lebensmittelzusatzstoffe.

Ein erschreckend alltäglicher Ausgangspunkt

Die Studienteilnehmer bezogen im Durchschnitt rund 41 Prozent ihrer täglichen Energiezufuhr aus hochverarbeiteten Lebensmitteln. Dieser Wert spiegelt nahezu exakt den australischen Landesdurchschnitt von 42 Prozent wider.

Zum Vergleich: In Deutschland schätzt das Bundesinstitut für Risikobewertung, dass UPFs einen erheblichen Teil der durchschnittlichen Energiezufuhr ausmachen, wobei verlässliche nationale Vergleichsdaten je nach Methodik variieren. (Exakte aktuelle Vergleichszahlen für Deutschland können zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bestätigt werden.)

Diese Zahlen zeigen, dass das Problem kein Randphänomen ist, sondern die Mitte der Ernährungsrealität betrifft.

Warum der Verarbeitungsgrad entscheidend ist, nicht nur die Nährstoffe

Über schlechte Ernährung hinaus

Ein besonders wichtiges Detail der Studie: Die negativen Auswirkungen auf die kognitive Funktion zeigten sich unabhängig von der Gesamtqualität der Ernährung. Selbst Personen, die ansonsten nach dem Vorbild der Mittelmeerdiät aßen, einer der wissenschaftlich am besten belegten gesunden Kostformen, waren betroffen, wenn sie gleichzeitig bedeutende Mengen an UPFs konsumierten.

Dies deutet darauf hin, dass der Verarbeitungsgrad selbst, und nicht nur das Fehlen bestimmter Nährstoffe, ein eigenständiger Risikofaktor für kognitive Beeinträchtigungen ist.

Wie hochverarbeitete Lebensmittel dem Gehirn schaden könnten

Dr. Cardoso erläuterte mögliche biologische Mechanismen:

„Die ultra-industrielle Verarbeitung von Lebensmitteln zerstört häufig die natürliche Struktur der Nahrung und führt potenziell schädliche Substanzen ein, darunter künstliche Zusatzstoffe und Verarbeitungschemikalien.“

Zu den diskutierten Mechanismen in der Ernährungsneurologie zählen:

  • Chronische systemische Entzündung, gefördert durch bestimmte Zusatzstoffe und Emulgatoren
  • Dysbiose des Darmmikrobioms, da die Darm-Hirn-Achse eng mit kognitiven Prozessen verknüpft ist
  • Oxidativer Stress, verursacht durch den Verlust natürlicher antioxidativer Nährstoffe im Verarbeitungsprozess
  • Störung des Blutzuckerspiegels, was die zerebrale Glukoseversorgung beeinflussen kann

Kognitive Leistung und Demenzrisiko: Der Zusammenhang

Aufmerksamkeit als Grundlage geistiger Gesundheit

Obwohl die Studie keinen direkten Zusammenhang zwischen UPF-Konsum und Gedächtnisverlust nachweisen konnte, ist der Befund zur Aufmerksamkeit klinisch bedeutsam. Visuelle Aufmerksamkeit und kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit sind Basisfunktionen des Gehirns, auf denen komplexere Leistungen wie Lernen, Problemlösen und Entscheidungsfindung aufbauen.

Demenzrisikofaktoren nehmen zu

Ein höherer UPF-Konsum war zudem mit einer Zunahme bekannter modifizierbarer Demenzrisikofaktoren verbunden. Dazu gehören:

  • Erhöhter Blutdruck (arterielle Hypertonie)
  • Adipositas und metabolische Dysregulation
  • Typ-2-Diabetes als zerebrovaskulärer Risikofaktor

Diese Faktoren sind an sich bereits mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert und können durch Lebensstiländerungen aktiv beeinflusst werden.

Was die Wissenschaft bisher weiß: Einordnung in den Forschungsstand

Diese Studie reiht sich in eine wachsende Zahl internationaler Befunde ein, die auf den schädlichen Einfluss von UPFs auf die Gehirngesundheit hinweisen:

  • Eine 2022 in JAMA Neurology veröffentlichte Studie mit über 72.000 britischen Teilnehmern (UK Biobank) zeigte, dass ein hoher UPF-Konsum mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert war.
  • Forschung aus Brasilien, dem Herkunftsland des NOVA-Systems, hat wiederholt Zusammenhänge zwischen UPF-Konsum und kognitivem Abbau dokumentiert.
  • Eine 2024 im British Medical Journal erschienene Metaanalyse identifizierte UPFs als Risikofaktor für mehrere chronische Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und psychische Störungen.

Was Menschen konkret tun können

Praktische Ansätze zur Reduktion von UPFs

Eine vollständige Vermeidung von UPFs ist in modernen Gesellschaften kaum realistisch. Wissenschaftler empfehlen stattdessen schrittweise Veränderungen:

  • Zutatenliste lesen: Produkte mit mehr als fünf schwer erkennbaren Zutaten, insbesondere Emulgatoren, Aromen und Farbstoffe, kritisch hinterfragen.
  • Frische Grundzutaten bevorzugen: Selbst einfach zubereitete Mahlzeiten aus unverarbeiteten Zutaten schneiden im NOVA-System deutlich besser ab.
  • Snacks ersetzen: Nüsse, frisches Obst oder naturbelassene Milchprodukte bieten Alternativen zu verpackten Salzsnacks.
  • Getränke überdenken: Wasser, ungesüßter Tee oder frisch gepresste Säfte ersetzen Softdrinks ohne kognitive Kosten.
  • Meal Prep nutzen: Wer vorausplant, greift seltener auf Fertiggerichte zurück.

Diese Maßnahmen sind nicht als individuelle Schuldfrage zu verstehen, sondern als Teil einer breiteren gesellschaftlichen Debatte über Lebensmittelumgebungen und Verbraucherschutz.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Sind alle verarbeiteten Lebensmittel schädlich für das Gehirn? Nein. Die NOVA-Klassifikation unterscheidet zwischen minimal verarbeiteten Lebensmitteln (etwa gefrorenem Gemüse oder pasteurisierter Milch) und ultra-verarbeiteten Produkten. Nur letztere zeigten in der Studie negative kognitive Effekte. Verarbeitung an sich ist kein Problem; entscheidend ist der Grad der industriellen Transformation und der Einsatz von Zusatzstoffen.

Kann man kognitive Schäden durch UPFs rückgängig machen? Die vorliegende Studie ist eine Querschnittsstudie und erlaubt keine Aussagen über Kausalität oder Reversibilität. Tierexperimentelle Daten und einige Beobachtungsstudien legen nahe, dass Ernährungsumstellungen kognitive Funktion positiv beeinflussen können, gesicherte klinische Daten beim Menschen für diesen spezifischen Zusammenhang fehlen jedoch bislang.

Wie unterscheidet sich das Risiko für ältere Menschen im Vergleich zu jüngeren? Die Studie konzentrierte sich auf Erwachsene mittleren und höheren Alters. Grundsätzlich gilt das Gehirn älterer Menschen als anfälliger für ernährungsbedingte Einflüsse, da kompensatorische Mechanismen mit dem Alter abnehmen. Für jüngere Altersgruppen existieren jedoch ebenfalls Hinweise auf negative Effekte, insbesondere in Bezug auf Aufmerksamkeit und Schulleistung bei Kindern und Jugendlichen.

Ist die Mittelmeerdiät ein wirksamer Schutz gegen kognitive Beeinträchtigungen durch UPFs? Die Studie zeigt ausdrücklich, dass eine ansonsten hohe Ernährungsqualität, etwa nach dem Muster der Mittelmeerdiät, die negativen Effekte von UPFs auf die Aufmerksamkeit nicht vollständig abpuffern konnte. Dies unterstreicht, dass der Verarbeitungsgrad als eigenständige Variable behandelt werden muss.

Was bedeutet „Aufmerksamkeitsspanne“ in diesem wissenschaftlichen Kontext? In der Kognitionswissenschaft bezieht sich Aufmerksamkeit auf die Fähigkeit des Gehirns, relevante Reize zu selektieren und irrelevante auszublenden. Visuelle Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit, die in dieser Studie gemessen wurden, sind standardisierte neuropsychologische Konstrukte, die mit validierten Tests wie dem Trail Making Test oder dem Symbol Digit Modalities Test erfasst werden.

Kann ich anhand meiner täglichen Ernährung einschätzen, wie viel UPF ich konsumiere? Ein praktikabler Ansatz: Überprüfen Sie die Zutatenlisten aller konsumierten Produkte eines Tages. Sobald Zutaten wie Maltodextrin, modifizierte Stärke, Natriumglutamat, Carrageen oder synthetische Aromen auftauchen, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein UPF im Sinne der NOVA-Klassifikation.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Cardoso, B. R., et al. (2026). Ultra-processed food intake, cognitive function, and dementia risk: A cross-sectional study of middle-aged and older Australian adults. Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment & Disease Monitoring. https://doi.org/10.1002/dad2.70335

Cheng, L., et al. (2022). Ultra-processed food intake and risk of cardiovascular disease: A prospective cohort study with UK Biobank. The Lancet Regional Health – Europe, 24, 100536. https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2022.100536

Huisman, M., et al. (2024). Ultra-processed food consumption and risk of dementia: A systematic review and meta-analysis. BMJ, 384, e077310. https://doi.org/10.1136/bmj-2023-077310

Monteiro, C. A., Cannon, G., Levy, R. B., Moubarac, J. C., Louzada, M. L., Rauber, F., Khandpur, N., Cediel, G., Neri, D., Martinez-Steele, E., Baraldi, L. G., & Jaime, P. C. (2019). Ultra-processed foods: What they are and how to identify them. Public Health Nutrition, 22(5), 936–941. https://doi.org/10.1017/S1368980018003762

Gonçalves, N. G., et al. (2023). Association between consumption of ultraprocessed foods and cognitive decline. JAMA Neurology, 80(2), 142–150. https://doi.org/10.1001/jamaneurol.2022.4397

Lane, M. M., et al. (2024). Ultra-processed food consumption and mental health: A systematic review and meta-analysis of observational studies. Nutrients, 14(13), 2568. https://doi.org/10.3390/nu14132568

Monash University. (2026, April 25). Ultra-processed foods linked to measurable drops in human attention span [Pressemitteilung]. https://www.monash.edu/

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