Typ-1-Diabetes bei Jugendlichen: Fitness erhalten, Sauerstoffnutzung verändert

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Stephanie Rataj, Ernährungs- und Diabetesberaterin (DDG), aktualisiert am 26. April 2026, Lesezeit: 9 Minuten

Eine neue Studie aus Ljubljana zeigt, dass jugendliche Patienten mit Typ-1-Diabetes trotz vergleichbarer körperlicher Leistungsfähigkeit bereits frühe, messbare Veränderungen in der Sauerstoffverwertung und der peripheren Mikrozirkulation aufweisen, die auf eine subklinische vaskuläre Dysfunktion hindeuten, noch bevor klinisch manifeste Komplikationen auftreten.

Was die Forschung zeigt: Normale Leistung, gestörte Physiologie

Wenn ein Jugendlicher mit Typ-1-Diabetes auf dem Fahrradergometer die gleiche Wattzahl erreicht wie sein gesunder Altersgenosse, sieht das auf dem Papier nach Gleichheit aus. Doch unter der Oberfläche verlaufen physiologische Prozesse anders als erwartet.

Genau das belegt eine im April 2026 in der Fachzeitschrift Frontiers in Endocrinology veröffentlichte Pilotstudie der Universität Ljubljana (Slowenien). Die Forschenden verglichen kardiovaskuläre, respiratorische, metabolische und mikrovaskuläre Reaktionen auf ein standardisiertes kardiopulmonales Belastungstest-Protokoll (CPET, engl. Cardiopulmonary Exercise Testing) bei acht Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes und acht gesunden Kontrollprobanden.

Hintergrund: Typ-1-Diabetes und seine globale Dimension

Typ-1-Diabetes ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Die Erkrankung manifestiert sich häufig im Kindes- und Jugendalter; weltweit sind nach aktuellen Schätzungen rund 9,5 Millionen Menschen betroffen.

Ohne lebenslange Insulintherapie führt die chronische Hyperglykämie, also dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte, zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen:

  • Kardiovaskuläre Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall)
  • Nephropathie (Nierenerkrankung)
  • Retinopathie (Netzhautschäden)
  • Periphere Neuropathie (Nervenschäden an Extremitäten)

Trotz moderner Insulintherapie zeigen Studien, dass Jugendliche mit Typ-1-Diabetes bereits frühe Zeichen vaskulärer Dysfunktion und Atherosklerose aufweisen können, lange bevor klinische Symptome sichtbar werden.

Studiendesign: Belastungstest auf dem Ergometer

Die Forscher aus Ljubljana setzten auf den kardiopulmonalen Belastungstest (CPET), ein in der Sportmedizin etabliertes Verfahren zur präzisen Erfassung physiologischer Reaktionen auf kurzzeitige Maximalbelastung. Das Protokoll bestand aus einer stufenweise gesteigerten Belastung auf einem Fahrradergometer, gefolgt von einer zehnminütigen Erholungsphase.

Was gemessen wurde

Zu drei Zeitpunkten wurden umfangreiche Parameter erhoben:

  1. Vor der Belastung (Ruhemessung)
  2. Während der Belastung (stufenweise bis zur maximalen Erschöpfung)
  3. Nach der Belastung (Erholung über 10 Minuten)

Die erfassten Parameter umfassten: Sauerstoffaufnahme (VO₂), Atemminutenvolumen (VE), Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität, maximale Leistungsabgabe in Watt, Hautdurchblutung an Fingerkuppe und Unterarm sowie die kutane vaskuläre Leitfähigkeit.

Kernergebnisse: Sauerstoffeffizienz sinkt, Herzfunktion bleibt stabil

Vergleichbare Maximalleistung

Das vielleicht überraschendste Ergebnis: Jugendliche mit Typ-1-Diabetes erzielten im CPET keine signifikant geringere maximale Leistungsabgabe (peak workload in Watt) als ihre gesunden Altersgenossen. Auch die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) unterschied sich zwischen den Gruppen nicht wesentlich.

Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität blieben während des gesamten Belastungstests in beiden Gruppen vergleichbar. Diese Befunde deuten darauf hin, dass die kardiovaskuläre autonome Funktion bei diesen Jugendlichen noch weitgehend erhalten ist.

Subtile Veränderungen in der Sauerstoffverwertung

Dennoch zeigten sich relevante Unterschiede auf biochemisch-physiologischer Ebene:

  • Die Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes wiesen eine niedrigere VO₂/PO-Steigung auf, also einen geringeren Sauerstoffverbrauch pro Watt geleisteter Arbeit.
  • Das ventilatorische Äquivalent für Sauerstoff (VE/VO₂) war erhöht, was bedeutet: Für dieselbe Menge aufgenommenen Sauerstoffs muss mehr Atemluft bewegt werden, ein Zeichen verminderter respiratorischer Effizienz.
  • Die Sauerstoffaufnahme-Effizienz-Steigung (OUES) unterschied sich hingegen nicht signifikant zwischen den Gruppen.

Diese Befunde legen nahe, dass die Sauerstoffnutzung während körperlicher Belastung bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes verändert ist, auch wenn die absolute Leistungsfähigkeit erhalten scheint.

Mikrovaskuläre Funktion: Frühe Auffälligkeiten an der Fingerkuppe

Besonders aufschlussreich waren die Messungen der peripheren Mikrozirkulation. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede am Unterarm, jedoch deutliche Abweichungen an der Fingerkuppe:

  • Niedrigerer Hautblutfluss an der Fingerkuppe in Ruhe und während der Erholungsphase
  • Reduzierte kutane vaskuläre Leitfähigkeit ebenfalls nur fingerkuppenspezifisch
  • Niedrigere Hauttemperatur an der Fingerkuppe bei Diabetikern

Die Fingerkuppe besteht aus sogenannter glabraler Haut (glabrous skin), also haarloser, glatter Haut, wie sie auch an Handflächen und Fußsohlen vorkommt. Dieses Gewebe ist dicht mit sympathischen Nervenfasern innerviert und verfügt über zahlreiche arteriovenöse Anastomosen, die eine schnelle Anpassung der Hautdurchblutung zur Thermoregulation ermöglichen.

Dass die Veränderungen gerade hier auftraten, interpretieren die Forscher als Hinweis auf eine frühe mikrovaskuläre Dysfunktion oder endotheliale Beeinträchtigung in glabous skin, noch bevor klinisch erkennbare Komplikationen vorliegen.

Periphere Mechanismen im Fokus

Die Ergebnisse legen nahe, dass die beobachteten Unterschiede nicht auf zentralkardiovaskuläre Einschränkungen zurückzuführen sind, sondern auf periphere Mechanismen: veränderte Mikrozirkulation, gestörte endotheliale Funktion und möglicherweise beeinträchtigte thermoregulatorische Kapazität.

Dies steht im Einklang mit der wissenschaftlichen Literatur, die zeigt, dass bei Typ-1-Diabetes vaskuläre Schäden häufig peripher beginnen, lange bevor das Herz oder die Nieren klinisch auffällig werden. Frühere Studien berichteten über gemischte Befunde zur kardiovaskulären Belastungsreaktion bei Typ-1-Diabetes: Einige zeigten reduzierte Reaktionen, andere keine Unterschiede. Die Variabilität könnte durch Krankheitsdauer, Qualität der Glukosekontrolle, individuelles Fitnessniveau und spezifische Belastungsbedingungen bedingt sein.

Bedeutung für Praxis und Prävention

Warum körperliche Aktivität trotzdem entscheidend bleibt

Körperliche Aktivität gilt als eine der wirksamsten nicht-pharmakologischen Interventionen für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Dokumentierte Vorteile umfassen:

  • Verbesserung des Blutlipidprofils
  • Förderung des Glukosestoffwechsels
  • Unterstützung der endothelialen Funktion
  • Positive Wirkungen auf Gewicht und kardiovaskuläre Gesundheit

Die neue Studie widerlegt nicht den Nutzen von Sport, sondern schärft das Verständnis dafür, dass die physiologischen Antworten auf Belastung sich von denen gesunder Gleichaltriger unterscheiden können, selbst wenn die äußerlich messbare Leistungsfähigkeit vergleichbar ist.

Monitoring auch ohne Symptome

Die Befunde unterstreichen die Notwendigkeit, die Gefäßfunktion auch bei jungen Diabetespatienten ohne klinisch manifeste Komplikationen kontinuierlich zu überwachen. Mikrovaskuläre Dysfunktion entwickelt sich schleichend; frühzeitig erkannt, lässt sie sich möglicherweise durch konsequentes Glukosemanagement und körperliche Aktivität verlangsamen.

Einschränkungen und Ausblick

Die Forscher betonen ausdrücklich, dass es sich um eine Pilotstudie mit kleiner Stichprobe handelt: acht Jugendliche pro Gruppe. Die Ergebnisse sind daher als Vorabhinweise zu verstehen, die in größeren, repräsentativen Kohortenstudien bestätigt werden müssen.

Zudem wurden keine systematischen Daten erhoben zu:

  • Mahlzeitinhalt und Zeitpunkt vor dem Test
  • Blutzuckerverläufen während des Tests
  • Insulindosierung im Vorfeld

Diese Faktoren können die physiologischen Antworten auf Belastung erheblich beeinflussen und sollten in Folgestudien als individuelle Einflussvariablen berücksichtigt werden.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was ist der Unterschied zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes im Hinblick auf körperliche Belastbarkeit? Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung mit vollständigem Insulinmangel, Typ-2-Diabetes ist meist mit Insulinresistenz verbunden und tritt häufiger im Erwachsenenalter auf. Studien zeigen, dass bei Typ-2-Diabetes die kardiovaskuläre Belastbarkeit oft stärker eingeschränkt ist als bei gut eingestelltem Typ-1-Diabetes, da metabolische Komorbiditäten wie Übergewicht und Bluthochdruck häufiger vorliegen.

Was bedeutet VO₂/PO-Steigung in der Praxis? Die VO₂/PO-Steigung beschreibt, wie viel Sauerstoff der Körper pro Watt geleisteter mechanischer Arbeit verbraucht. Eine niedrigere Steigung deutet darauf hin, dass die Muskeln Sauerstoff weniger effizient nutzen oder dass weniger Sauerstoff pro Arbeitseinheit geliefert wird. Dies kann ein frühes Zeichen peripherer vaskulärer oder mitochondrialer Veränderungen sein.

Ab welchem Alter können bei Typ-1-Diabetes vaskuläre Veränderungen auftreten? Forschungsbefunde zeigen, dass funktionelle Veränderungen der Mikrozirkulation und erste Zeichen endothelialer Dysfunktion bereits im Jugendalter nachweisbar sein können, insbesondere bei langfristig schlechter Glukosekontrolle. Strukturelle Schäden wie Atherosklerose entwickeln sich typischerweise über Jahre bis Jahrzehnte.

Ist der kardiopulmonale Belastungstest (CPET) für Jugendliche mit Typ-1-Diabetes sicher? CPET ist ein etabliertes und sicheres Verfahren, das in der Sportmedizin und Kardiologie weit verbreitet ist. Bei Diabetespatienten ist eine sorgfältige Vorbereitung, insbesondere hinsichtlich Blutzuckerkontrolle und Insulinanpassung, erforderlich. Der Test sollte unter ärztlicher Aufsicht und mit Bereitschaft zur Hypoglykämiebehandlung durchgeführt werden.

Kann regelmäßiger Sport die mikrovaskulären Veränderungen bei Typ-1-Diabetes verhindern? Körperliche Aktivität hat nachweislich positive Effekte auf die Endothelfunktion und die periphere Durchblutung. Ob Sport mikrovaskuläre Veränderungen bei Typ-1-Diabetes vollständig verhindern oder signifikant verzögern kann, ist noch nicht abschließend belegt. Die vorliegende Studie liefert jedoch ein Argument dafür, Bewegung frühzeitig und regelmäßig in das Therapiemanagement zu integrieren.

Was ist glabrale Haut und warum ist sie für diese Forschung relevant? Glabrale Haut ist die haarlose Haut an Handflächen, Fußsohlen und Fingerkuppen. Sie ist besonders reich an sympathischen Nervenfasern und arteriovenösen Anastomosen und spielt eine zentrale Rolle bei der Thermoregulation des Körpers. Weil sie sehr empfindlich auf sympathische Signale reagiert, eignet sie sich als frühes Messfeld für autonome und mikrovaskuläre Dysfunktionen, wie diese Studie zeigt.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

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