Forschung: Was gegen Gedächtnisverlust im Alter hilft

Alzheimer-Demenz, Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Torsten Lorenz, aktualisiert am 28. Oktober 2022, Lesezeit: 10 Minuten

Gedächtnistraining, Neurofeedback, Kreuzworträtsel, Sprachen lernen: Was tun gegen Gedächtnisverlust im Alter – was hilft?

Kreuzworträtsel verhindern Gedächtnisverlust besser als Computer-Videospiele

Neurodegeneration entgegenwirken: Eine Studie von Forschern der Columbia University und der Duke University hat gezeigt, dass das Lösen von Kreuzworträtseln die Gedächtnisleistung älterer Erwachsener mit leichter kognitiver Beeinträchtigung besser fördert als Computer-Videospiele.

  • In einer randomisierten, kontrollierten Studie stellten die Wissenschaftler fest, dass sich bei den Teilnehmenden (Durchschnittsalter 71 Jahre), die in webbasierten Kreuzworträtseln trainiert wurden, die kognitiven Fähigkeiten stärker verbesserten als bei denen, die mit kognitiven Videospielen trainiert wurden.

Es handelt sich um die erste Studie, die sowohl kurzfristige als auch längerfristige Vorteile für das Lösen von Kreuzworträtseln zu Hause im Vergleich zu einer anderen Trainingsmethode belegt, so Dr. Devanand, der an der Columbia University für die Erforschung des Alterns des Gehirns und der psychischen Gesundheit zuständig ist.

Die vorliegenden Forschungsergebnisse sind den Studienautoren zufolge wichtig, da es schwierig ist, bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen eine Verbesserung durch entsprechende Maßnahmen nachzuweisen.

Kreuzworträtsel sind weit verbreitet, wurden aber nach Aussage der Forschenden im Zusammenhang mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, die mit einem hohen Risiko für Demenz, einschließlich Alzheimer, verbunden ist, noch nicht systematisch untersucht.

Für ihre Studie wiesen Forscher an der Columbia University und der Duke University 107 Teilnehmer/innen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) nach dem Zufallsprinzip entweder einem Kreuzworträtseltraining oder einem Training mit kognitiven Videospielen zu.

  • Das jeweilige kognitive Training wurde 12 Wochen lang intensiv durchgeführt, gefolgt von Auffrischungssitzungen bis zu 78 Wochen.

Beide Maßnahmen wurden über eine computergestützte Plattform durchgeführt und wöchentlich auf ihre Einhaltung überprüft.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie waren:

Sowohl nach 12 als auch nach 78 Wochen waren Kreuzworträtsel den kognitiven Computerspielen bei der wichtigsten kognitiven Messgröße, dem ADAS-Cog (Alzheimer’s Disease Assessment Scale-Cognitive Subscale), überlegen.

Bei der Alzheimer’s Disease Assessment Scale – Cognitive Subscale handelt es sich um einen kurzen neuropsychologischen Test, mit dem der Schweregrad der kognitiven Symptome einer Demenzerkrankung beurteilt werden kann.

  • Kreuzworträtsel waren nach 78 Wochen auch bei FAQ (Functional Activities Questionnaire), einem Maß für das tägliche Funktionieren, überlegen.

Der Fragebogen zu den funktionellen Aktivitäten (FAQ) ist ein diagnostisches Screening-Instrument, mit dem die Unabhängigkeit bei den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) bewertet werden kann. Er wurde entwickelt, um in bevölkerungsbasierten Studien über leichte Altersdemenz und normales Altern eingesetzt zu werden.

Kreuzworträtsel waren den Teilnehmenden in einem späteren Krankheitsstadium überlegen, aber beide Formen des Trainings waren in einem früheren Stadium gleich effektiv.

  • Das Gehirn schrumpfte (gemessen mit MRT) bei den Teilnehmer/innen des Kreuzworträtseltrainings nach 78 Wochen weniger stark.

Laut Prof. Dr. Devanand von der Columbia University zeigten die positiven Auswirkungen sich nicht nur bei den kognitiven Fähigkeiten der Probanden, sondern auch bei alltäglichen Aktivitäten (Functional Activities Questionnaire).

In der Studie wird auch die Bedeutung des persönlichen Engagements hervorgehoben. Ausgehend von der elektronischen Fernbeobachtung der Computernutzung haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem späteren Stadium der kognitiven Beeinträchtigung möglicherweise besser mit den vertrauten Kreuzworträtseln beschäftigt als mit den kognitiven Computerspielen.

Eine Einschränkung der Studie war das Fehlen einer Kontrollgruppe, die kein kognitives Training erhielt.

Auch wenn diese Ergebnisse sehr ermutigend sind, betonen die Studienautoren, dass sie in einer größeren kontrollierten Studie mit einer inaktiven Kontrollgruppe wiederholt werden müssen.

Nach Ansicht von Prof. Dr. Doraiswamy von der Duke University ist die Verbesserung von Kognition, Funktion und Neuroprotektion der Heilige Gral auf diesem Gebiet.

Weitere Forschungen zur Skalierung des Gehirntrainings als digitale Heimtherapie zur Verzögerung von Alzheimer sollten eine Priorität für das Fachgebiet sein, so die Wissenschaftler.

  • Die Forschungsergebnisse wurden in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift NEJM Evidence veröffentlicht.

Studie: Was Gehirntraining mit Neurofeedback bringt

Wie lange dauert es bis Neurofeedback wirkt?

Bereits eine Stunde Gehirntraining mit Neurofeedback führt zu einer Stärkung der neuronalen Verbindungen und der Kommunikation zwischen den Gehirnbereichen.

  • Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des D’Or Institute for Research and Education (IDOR), die in Neuroimage veröffentlicht wurde.

Neurofeedback zur Behandlung neurologischer Erkrankungen

Laut den Wissenschaftlern könnte die Studie den Weg für die Optimierung und Entwicklung von Therapieansätzen, beispielsweise gegen Schlaganfall und Parkinson, ebnen.

Dass sich das Gehirn erstaunlich gut anpassen kann, ist bekannt, aber dass diese Veränderungen so schnell zu beobachten sind, war den Forschenden nicht klar.

Laut Theo Marins, biomedizinischer Wissenschaftler bei IDOR ist das Verständnis dafür, wie man Einfluss auf die Verdrahtung und Funktionsweise des Gehirns nehmen kann, der Schlüssel zur Behandlung neurologischer Erkrankungen.

Mit Neurofeedback lassen sich dysfunktionale Gehirnbereiche regulieren, die mit Krankheiten wie chronischen Schmerzen und Depressionen in Verbindung gebracht werden.

Bei dieser Methode helfen die Magnetresonanzgeräte den Menschen, in Echtzeit auf ihre eigene Gehirnaktivität zuzugreifen und schnell die Kontrolle darüber zu erlangen.

Das Ziel der Studie, an der 36 gesunde Probanden teilnahmen, war es, die Aktivität der Gehirnregionen zu erhöhen, die an den Bewegungen der Hand beteiligt sind.

Die Probanden sollten ihre Hand jedoch nicht tatsächlich bewegen, sondern sich die Bewegung nur vorstellen, und zwar in völliger Ruhe. Bei 19 Testpersonen wurde ein echtes Gehirntraining durchgeführt, während die restlichen 17 Testpersonen zu Vergleichszwecken mit Placebo-Neurofeedback trainiert wurden.

Um die Auswirkungen des Neurofeedbacks (bzw. des Placebos) auf die Gehirnverdrahtung und die Kommunikation, auch strukturelle bzw. funktionelle Konnektivität genannt, zu untersuchen, wurden die neuronalen Netzwerke der Probanden unmittelbar vor und nach dem rund 30-minütigen Gehirntraining gescannt.

Aus den Ergebnissen der Tests ging hervor, dass das Corpus Callosum – die große Hirnbrücke, die die rechte und die linke Gehirnhälfte miteinander verbindet – eine erhöhte Integrität aufwies und das neuronale Netzwerk, das die Bewegungen des Körpers steuert, gestärkt wurde.

  • Anscheinend wurde das gesamte System robuster.

Das Training wirkte sich auch positiv auf das Default-Mode-Netzwerk aus, ein Gehirnnetzwerk, das zum Beispiel nach einem Schlaganfall, bei Parkinson und Depressionen beeinträchtigt ist. Diese Veränderungen wurden in der Kontrollgruppe nicht beobachtet.

Das Erlernen einer zweiten Sprache fördert die kognitiven Funktionen

Das Lernen einer zweiten Sprache ist ein effektiver Weg, um die Gesundheit des Gehirns zu verbessern.

  • Das geht aus einer Studie hervor, die gemeinsam von Baycrest und der York University durchgeführt wurde.

Die Forscherinnen und Forscher fanden heraus, dass ältere Erwachsene, die Spanisch lernten, ähnliche Verbesserungen bei bestimmten wichtigen kognitiven Fähigkeiten zeigten wie diejenigen, die an einem Gehirntraining teilnahmen, das auf diese Fähigkeiten abzielte.

Angesichts der Tatsache, dass sich das Gehirntraining speziell auf die Verbesserung dieser kognitiven Aspekte konzentriert, während das Sprachenlernen dies nicht tut, sind diese Ergebnisse durchaus beachtlich.

Auch berichteten diejenigen, die Spanisch lernten, von mehr Freude am Lernen als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gehirntrainings.

Studien deuten darauf hin, dass Zweisprachigkeit einen schützenden Effekt auf die Gesundheit des Gehirns hat, da zweisprachige Menschen später im Leben an Demenz erkranken als einsprachige.

Über die kognitiven Auswirkungen des Erlernens einer zweiten Sprache, ohne vollständig zweisprachig zu werden, ist jedoch wenig bekannt.

  • Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Studie zeigten signifikante kognitive Verbesserungen, ohne Spanisch nahezu fließend zu sprechen.

Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass man nicht zweisprachig sein muss, damit das Gehirn von der Anwendung einer anderen Sprache profitiert“, sagt Dr. Ellen Bialystok, Distinguished Research Professor in der Abteilung für Psychologie an der York University.

Diese Erkenntnis ist ermutigend, da Zweisprachigkeit oft schon in jungen Jahren erreicht wird und im Erwachsenenalter nur schwer zu erreichen ist, während man sich in jedem Alter dafür entscheiden kann, eine weitere Sprache zu lernen, um einige der kognitiven Vorteile zu nutzen, die zweisprachige Menschen genießen.

  • An der Studie nahmen 76 ältere Erwachsene im Alter von 65 bis 75 Jahren teil.

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen nur eine Sprache, waren kognitiv gesund, hatten noch nie offiziell Spanisch gelernt und auch in den letzten 10 Jahren keine andere Sprache gelernt.

Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip einer von drei Gruppen zugeteilt: Sprachunterricht, Gehirntraining oder eine Kontrollgruppe, die auf der Warteliste stand (ohne Sprachunterricht oder Gehirntraining).

Die Teilnehmer/innen der Sprachlerngruppe lernten 16 Wochen lang an fünf Tagen in der Woche 30 Minuten pro Tag Spanisch mit Duolingo, einer Online-Sprachlern-App.

Die Teilnehmer der Gehirntrainingsgruppe verbrachten dieselbe Zeit mit der Nutzung von BrainHQ von Posit Science.

Vor und nach den 16 Wochen wurden die Leistungen der Probanden bei bestimmten kognitiven Aufgaben bewertet. Diese Aufgaben waren ähnlich wie die Übungen in BrainHQ.

Nach Abschluss der Maßnahme untersuchten sie außerdem, wie gut sich die Teilnehmenden an den Lernplan hielten und wie gut ihnen das Programm gefiel, das sie befolgten (Sprachenlernen oder Gehirntraining).

Es zeigte sich, dass die Teilnehmer der Sprachlerngruppe in zwei kognitiven Bereichen ähnliche Verbesserungen aufwiesen wie die Gehirntrainingsgruppe: Arbeitsgedächtnis und Exekutivfunktionen, also die Fähigkeit, widersprüchliche Informationen zu verarbeiten, sich zu konzentrieren und Ablenkungen zu vermeiden.

  • Bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit hingegen zeigte nur die Gehirntraining-Gruppe Verbesserungen.

Dieses Ergebnis war zu erwarten, da Gehirntraining speziell auf diese Fähigkeit abzielt, indem es jede Aktivität unter Zeitdruck setzt, während die Sprachlernsettings in dieser Studie keinen solchen Druck enthielten.

Darüber hinaus berichtete die Sprachlerngruppe, dass sie mehr Spaß an ihrem Programm hatte als die Gehirntraining-Gruppe.

Dies spiegelte sich in den Antworten auf einen Fragebogen und in der Einhaltung des Programms wider: Die Sprachlerngruppe hielt sich konsequenter an den Lernplan als die Gruppe mit dem Gehirntraining.

Quellen

  • Baycrest Centre for Geriatric Care
  • Columbia University Irving Medical Center
  • D’Or Institute for Research and Education (IDOR)
  • Murali Doraiswamy et al, Computerized Games Versus Crosswords Training in Mild Cognitive Impairment, NEJM Evidence (2022). DOI: 10.1056/EVIDoa2200121
  • T. Marins et al, Structural and functional connectivity changes in response to short-term neurofeedback training with motor imagery, NeuroImage (2019). DOI: 10.1016/j.neuroimage.2019.03.027
  • Improvement in executive function for older adults through smartphone apps: a randomized clinical trial, Aging Neuropsychology and Cognition, DOI: 10.1080/13825585.2021.1991262

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