Alkoholsucht: Perfektionismus kann Risikofaktor für schwere Alkoholabhängigkeit sein

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Dirk de Pol, aktualisiert am 17. September 2022, Lesezeit: 4 Minuten

Laut einer Studie der Université catholique de Louvain in Belgien, in der Patientinnen und Patienten mit einer schweren Alkoholkrankheit mit einer Kontrollgruppe gesunder Probanden verglichen wurden, sind perfektionistische Züge, wie höhere Selbstkritik und unrealistische Standards, die zu Isolation führen, mit einer schweren Alkoholkrankheit verbunden.

Perfektionismus und unrealistische Ansprüche

Perfektionisten streben nach unrealistischen Leistungsstandards und neigen zu Selbstkritik. Solche Zielsetzungen führen zu Gefühlen des Versagens und – wenn sie die von ihnen erwarteten Ansprüche nicht erfüllen können – zu sozialem Ausschluss.

Es ist allgemein bekannt, dass Perfektionismus die Anfälligkeit für Stress und Depressionen erhöht, aber seine Rolle bei schwerer Alkoholabhängigkeit ist noch nicht ausreichend untersucht worden.

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass perfektionistische junge Erwachsene weniger häufig trinken als ihre Altersgenossen. 

Andere Studien haben gezeigt, dass Perfektionismus mit hoher Impulsivität und verminderter Impulskontrolle einhergeht, Faktoren, die bei schwerer Alkoholsucht eine Rolle spielen, und dass Perfektionisten sich möglicherweise mit Alkohol selbst behandeln, um soziale Ängste oder Gefühle der Unzulänglichkeit zu überwinden.

Perfektionismus und Alkoholsucht

In der Studie, die in dem Fachblatt Alcoholism: Clinical & Experimental Research veröffentlicht wurde, untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Faculté de Psychologie, UCLouvain in Belgien den Zusammenhang zwischen perfektionistischen Zügen und schwerer Alkoholabhängigkeit.

Die Forschenden arbeiteten mit 65 Erwachsenen mit schwerer Alkoholsucht, die sich einem stationären Alkoholentzug unterzogen, und 65 gesunden Erwachsenen, die hinsichtlich Geschlecht und Alter gleich waren.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer füllten Fragebögen aus, in denen drei verschiedene Dimensionen von Perfektionismus eingeschätzt wurden.

Perfektionismus, Angst und unrealistische Ansprüche

Selbstbezogener Perfektionismus umfasst überzogene Leistungsstandards, die man sich selbst setzt (beispielsweise „Eines meiner Ziele ist es, in allem, was ich tue, perfekt zu sein“). 

Der gesellschaftlich verordnete Perfektionismus entsteht durch die wahrgenommenen Erwartungen anderer (z. B. „Die Leute erwarten nichts weniger als Perfektion von mir“). 

Der fremdbestimmte Perfektionismus setzt hohe Maßstäbe für andere (zum Beispiel „Ich habe hohe Erwartungen an die Menschen, die mir wichtig sind“). 

Darüber hinaus untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die depressiven Symptome der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sogenannte Zustandsangst (vorübergehende Angst in einer bestimmten Situation) und die Eigenschaftsangst (Angst, die sich auf die gesamte Erfahrung einer Person auswirkt).

Patientinnen und Patienten mit schwerer Alkoholkrankheit wiesen höhere depressive Symptome und Angstgefühle auf. 

Ferner zeigten sie einen höheren selbst- und sozialorientierten Perfektionismus als die Kontrollgruppe, obwohl die beiden Gruppen beim fremdorientierten Perfektionismus ähnlich waren. 

Eine schwere Alkoholabhängigkeit stand in Zusammenhang mit unrealistischen persönlichen Ansprüchen und einer erhöhten Sensibilität gegenüber den Erwartungen anderer, selbst wenn man die Rolle von depressiven Symptomen und Ängsten berücksichtigt, aber nicht mit der Anspruchshaltung gegenüber anderen. 

Selbstvorwürfen, vermindertes Selbstwertgefühl und Versagen

Die Studienergebnisse der Forschenden der UCLouvain Faculty of Psychology and Educational Sciences stehen im Einklang mit dem, was über selbstbezogene und zwischenmenschliche Einflussfaktoren bei schwerer Alkoholabhängigkeit bekannt ist, wie etwa ein vermindertes Selbstwertgefühl, eine Tendenz zu Selbstvorwürfen und eine Divergenz zwischen dem Idealbild und dem tatsächlichen Selbst der Betroffenen. 

Menschen mit einem Hang zum Perfektionismus könnten den Wissenschaftlern zufolge eine übertriebene Diskrepanz zwischen ihren eigenen hohen Ansprüchen und den alkoholbedingten Folgen wahrnehmen und ein akademisches oder berufliches Versagen befürchten. 

Die vorliegenden Studienergebnisse deuten auch darauf hin, dass selbstbezogener Perfektionismus bei schwerer Alkoholabhängigkeit häufiger bei Männern und Menschen mit höherer Bildung vorkommt.

Quellen

ddp

Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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