ADHS: Hyperaktivität und Impulsivität in der Kindheit erhöhen das Risiko sozialer Isolation

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Medizin Doc Redaktion, aktualisiert am 30. März 2023, Lesezeit: 9 Minuten

Eine Studie unter der Leitung des King’s College London hat ergeben, dass Kinder, die vermehrt hyperaktiv oder impulsiv sind, ein erhöhtes Risiko haben, mit zunehmendem Alter sozial isoliert zu werden.

Die Studie, die im Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry Open veröffentlicht wurde, untersuchte den Zusammenhang zwischen Symptomen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und sozialer Isolation in der Kindheit.

  • Basierend auf Daten der Environmental Risk (E-Risk) Longitudinal Twin Study wurden bei 2232 britischen Kindern im Alter von fünf, sieben, zehn und zwölf Jahren die von Müttern und Lehrern angegebene soziale Isolation und die ADHS-Symptome Hyperaktivität/Impulsivität und Unaufmerksamkeit gemessen.

Die Forscher stellten fest, dass Kinder, die mehr ADHS-Symptome aufwiesen, ein höheres Risiko hatten, später in der Kindheit isoliert zu werden.

Bei der getrennten Betrachtung der beiden Gruppen von ADHS-Symptomen stellten die Studienautoren fest, dass Kinder, die eher hyperaktiv waren, ein höheres Risiko hatten, später in der Kindheit sozial isoliert zu werden. Unaufmerksamkeitssymptome allein waren dagegen nicht mit sozialer Isolation assoziiert.

Anhand von Daten aus einer großen Längsschnittstudie konnte festgestellt werden, dass Kinder, die in der Kindheit ADHS-Symptome zeigten – insbesondere Hyperaktivität oder Impulsivität – später eher sozial isoliert waren, so Katherine Thompson, die Hauptautorin der Studie.

  • Ein negativer Umgang mit Gleichaltrigen kann dazu führen, dass sich Kinder mit ADHS zurückziehen, abgelehnt werden, einsam und isoliert sind.

Die Konzentration auf den Abbau negativer Vorurteile gegenüber neurodiversen Menschen in Schulen und lokalen Gemeinschaften könnte dazu beitragen, die Erfahrungen dieser Kinder mit sozialer Isolation zu verringern.

  • Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die soziale Isolation von Kindern mit ADHS sorgfältig untersucht werden sollte und dass sie von Maßnahmen profitieren könnten, die darauf abzielen, die soziale Teilhabe zu erhöhen und soziale Herausforderungen zu erleichtern.

Aus früheren Forschungsarbeiten ist bekannt, dass sozial isolierte Kinder ein erhöhtes Risiko für ADHS-Symptome haben könnten. Die aktuelle Studie zeigt jedoch, dass dies nicht der Fall ist.

  • In dieser Studie verwendeten die Forscherinnen und Forscher komplexere Methoden, um die bereits vorhandenen Merkmale jedes Einzelnen zu berücksichtigen und beide Richtungen des Zusammenhangs zwischen ADHS-Symptomen und sozialer Isolation innerhalb desselben Modells genau zu bewerten.

Die Forschung zeigt, dass es für Kinder mit ADHS-Symptomen schwierig sein kann, soziale Signale zu erkennen und Freundschaften zu schließen. Diese sozialen Schwierigkeiten können sich negativ auf viele Formen der körperlichen und geistigen Gesundheit auswirken.

  • Laut Louise Arseneault, Professorin für Entwicklungspsychologie am SGDP Centre des King’s College London, zeigen die Ergebnisse dieser Studie, wie wichtig es ist, die soziale Unterstützung und Integration von Kindern mit ADHS durch Gleichaltrige zu verbessern, insbesondere im schulischen Umfeld.

Kognitives Online-Training zur Verringerung von ADHS-Symptomen nicht wirksam

Eine umfassende Überprüfung von Forschungsergebnissen unter der Leitung des King’s College London und der University of Southampton im Auftrag der European ADHD Guidelines Group (EAGG) hat ergeben, dass es wenig bis gar keine Belege dafür gibt, dass kognitives Training am Computer Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hilft.

Computergestütztes kognitives Training ist ein Online-Tool zur Verbesserung kognitiver Prozesse wie Kurzzeitgedächtnis, Aufmerksamkeit und Inhibitionskontrolle (die Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Verhalten, Gedanken und Gefühle zu kontrollieren).

  • Das Training wurde als Behandlungsoption vorgeschlagen, um die Symptome von Hyperaktivität/Impulsivität und Unaufmerksamkeit, die im Mittelpunkt der ADHS stehen, zu reduzieren.
  • Das Forscherteam führte eine Metaanalyse von 36 randomisierten, kontrollierten Studien durch, in denen die Auswirkungen von kognitivem Training am Computer auf die Ergebnisse bei Personen mit ADHS untersucht wurden.

Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift Molecular Psychiatry veröffentlicht wurden, zeigen, dass kognitives Training nicht zu einer klinisch bedeutsamen Verringerung der ADHS-Symptome insgesamt oder der spezifischen Hyperaktivitäts-/Impulsivitätssymptome führt.

  • In einigen Situationen kann es jedoch zu einer leichten Verbesserung der Unaufmerksamkeit führen.

Um die Wirksamkeit des computerbasierten kognitiven Trainings bei der Verringerung der ADHS-Symptome zu untersuchen, führten die Wissenschaftler die bislang größte und umfassendste Metaanalyse randomisierter Studien durch.

Die Metaanalyse ergab, dass der Einsatz dieses kognitiven Trainings als alleinige Maßnahme zur Behandlung von ADHS-Symptomen wenig bis gar nicht zu empfehlen ist. Es wurden zwar kleine kurzfristige Effekte auf Unaufmerksamkeitssymptome festgestellt, diese sind aber wahrscheinlich von geringer klinischer Bedeutung.

Dr. Samuel Westwood, Dozent für Psychologieausbildung am King’s IoPPN, ist der Ansicht, dass es an der Zeit ist, nach neuen Methoden zur Behandlung von ADHS-Symptomen zu suchen, die auf andere Prozesse abzielen.

  • In den meisten Studien führten die Teilnehmer das computergestützte kognitive Training zu Hause durch. Einige absolvierten das Training in der Schule, in einem Labor, in einer Klinik/einem Krankenhaus oder in einem kombinierten Setting (Wechsel zwischen mehreren).

Es gab einige Verbesserungen bei einer begrenzten Anzahl kognitiver Prozesse – insbesondere beim Arbeitsgedächtnis (der Fähigkeit, Informationen kurzfristig zu behalten und zu verarbeiten) nach einem speziellen Arbeitsgedächtnistraining.

  • Dies könnte für die Untergruppe von Personen mit ADHS von Nutzen sein, die auch Schwierigkeiten mit dem Arbeitsgedächtnis haben.

Den Autoren der Studie zufolge sprechen die Ergebnisse nicht dafür, das kognitive Training am Computer in seiner derzeitigen Form als alleinige Behandlung von ADHS-Symptomen einzusetzen. Vielmehr sollten neue Ansätze erforscht werden, die auf andere Prozesse abzielen, um wirksame Interventionen für ADHS zu entwickeln.

Warum erkranken manche Menschen an ADHS und andere nicht?

Dieser Frage sind Forscher der Universität Aarhus in einer großen Studie nachgegangen, die in Nature Genetics veröffentlicht wurde.

Gemeinsam mit nationalen und internationalen Forschungspartnern haben die Wissenschaftler mehr als sechs Millionen Genvarianten von 38.691 Menschen mit ADHS und 186.843 Menschen ohne ADHS untersucht.

Dabei wurden 27 genetische Risikovarianten für die häufige neurologische Entwicklungsstörung identifiziert.

Risikogene werden im Gehirn und in Nervenzellen exprimiert

Die Studie ist auch deshalb richtungsweisend, weil sie mehr als doppelt so viele Risikovarianten gefunden hat wie bisherige Untersuchungen.

Unter „genetischen Varianten“ versteht man bestimmte Veränderungen im DNA-Code – in diesem Fall Varianten, die bei Menschen mit ADHS häufiger vorkommen als bei Menschen ohne diese Diagnose. Varianten in der DNA wirken sich zum Beispiel darauf aus, wie stark ein Gen exprimiert wird und damit auch auf die Menge des Proteins, für das das Gen kodiert.

  • Durch die Verknüpfung der genetischen Varianten – also der Abweichungen in der DNA – mit bestimmten Genen konnten die Forscher neue Erkenntnisse darüber gewinnen, welche Gewebe und Zelltypen bei Menschen mit ADHS besonders betroffen sind.

Anschließend kombinierten die Wissenschaftler die gewonnenen Forschungsdaten mit bereits vorhandenen Daten zur Genexpression in verschiedenen Geweben, Zelltypen und Entwicklungsstadien des Gehirns und entdeckten, dass die an ADHS beteiligten Gene in einer Vielzahl von Hirngeweben und in einem frühen Stadium der Hirnentwicklung – bereits im Embryonalstadium – besonders stark exprimiert werden.

Laut Professorin Ditte Demontis vom Fachbereich Biomedizin der Universität Aarhus, der Erstautorin der Studie, unterstreicht dies, dass ADHS als eine Entwicklungsstörung des Gehirns betrachtet werden sollte, die höchstwahrscheinlich von Genen beeinflusst wird, die einen großen Einfluss auf die frühe Gehirnentwicklung haben.

Die Forscherinnen und Forscher fanden auch heraus, dass die genetischen Faktoren, die das Risiko für ADHS erhöhen, vor allem Gene betreffen, die in Neuronen exprimiert werden, insbesondere in dopaminergen Neuronen.

Dieses Ergebnis ist interessant, weil Dopamin eine Rolle bei der Belohnungsreaktion im Gehirn spielt und weil eine häufig verwendete Form von ADHS-Medikamenten die Dopaminkonzentration in verschiedenen Hirnregionen erhöht. Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass das Dopamin-Ungleichgewicht im Gehirn von Menschen mit ADHS zum Teil auf genetische Risikofaktoren zurückzuführen ist.

Verminderte Konzentrationsfähigkeit und Kurzzeitgedächtnis

Der Professorin zufolge wird ADHS durch viele häufige genetische Varianten beeinflusst, von denen jede das Risiko leicht erhöht.

Auf der Grundlage fortgeschrittener statistischer Modelle schätzten die Forscher, dass es etwa 7.300 häufige genetische Varianten gibt, die das Risiko für ADHS erhöhen. Besonders interessant ist, dass die überwiegende Mehrheit dieser Varianten – 84 bis 98 Prozent – auch einen Einfluss auf andere psychische Störungen wie Autismus, Depression und Schizophrenie haben.

In der Vergangenheit wurde bereits gezeigt, dass Risikovarianten für ADHS die kognitiven Fähigkeiten einer Person beeinflussen können.

Zur weiteren Untersuchung analysierten die Forscher Daten aus einem unabhängigen Datensatz von 4.973 Personen, die sich umfangreichen neurokognitiven Tests unterzogen hatten.

Unter Verwendung von Informationen aus der vorliegenden Studie darüber, welche Varianten das ADHS-Risiko erhöhen, fanden die Wissenschaftler in dem unabhängigen Datensatz einen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Anzahl von ADHS-Risikovarianten im Genom einer Person und verminderten Lese- und Mathematikfähigkeiten, verminderter Aufmerksamkeit und reduziertem Kurzzeitgedächtnis.

  • Allerdings haben die Forscher nur einen kleinen Teil der häufigen Varianten, die ADHS beeinflussen, kartiert – nur 27 von 7.300 möglichen Varianten. Daher sind nach Ansicht der Forscher der Universität Aarhus weitere größere genetische Studien erforderlich.

Quellen

  • University of Southampton
  • Social, Genetic & Developmental Psychiatry (SGDP) Centre at the Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience (IoPPN), King’s Co
  • Katherine N. Thompson et al, Do Children With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Symptoms Become Socially Isolated? Longitudinal Within-Person Associations in a Nationally Representative Cohort, JAACAP Open (2023). DOI: 10.1016/j.jaacop.2023.02.001
  • Samuel J. Westwood et al, Computerized cognitive training in attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD): a meta-analysis of randomized controlled trials with blinded and objective outcomes, Molecular Psychiatry (2023). DOI: 10.1038/s41380-023-02000-7
  • Ditte Demontis et al, Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture and implicate several cognitive domains, Nature Genetics (2023). DOI: 10.1038/s41588-022-01285-8

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