Mit Genschere Mutationen einfach wegschnippeln?

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Dr. Amalia Ionescu, Veröffentlicht am: 04.04.2024, Lesezeit: 6 Minuten

In der EU wurde kürzlich die erste klinische Therapie mit einer Genschere zugelassen. Diese bahnbrechende Entwicklung eröffnet neue Möglichkeiten für Patienten mit Erbkrankheiten. Doch was genau bedeutet das und wie funktioniert diese innovative Therapiemethode?

Die Bedeutung der Genetik in der menschlichen Entwicklung

Wenn eine Eizelle und ein Spermium miteinander verschmelzen, entsteht der Bauplan für einen neuen Menschen. Dieser Bauplan wird in Form von Genen auf der DNA gespeichert. Genetische Mutationen können jedoch zu Erbkrankheiten führen und die Gesundheit des Neugeborenen beeinträchtigen.

Zu den häufigsten Erbkrankheiten zählen die Sichelzellanämie und die Thalassämie, welche beide zu den Hämoglobinopathien gehören. Bei diesen Erkrankungen sind Mutationen im Gen für das Hämoglobin, das den roten Blutfarbstoff darstellt, die Ursache für die Krankheit.

Die Auswirkungen von Hämoglobinopathien

Hämoglobin ist dafür verantwortlich, dass Sauerstoff in der Lunge aufgenommen und im Gewebe abgegeben werden kann. Bei Patienten mit Hämoglobinopathien, wie der Sichelzellerkrankung, funktioniert dieser Sauerstofftransport jedoch nicht richtig. Die roten Blutkörperchen haben eine abnorme Form und neigen dazu, in kleinen Gefäßen zu verklumpen und Entzündungen auszulösen. Dies führt zu Infarkten in verschiedenen Organen, starken Schmerzen und einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen. Ohne Behandlung können bereits im ersten Lebensjahr Organschäden auftreten.

In Ländern, in denen die Versorgung von Patienten mit Sichelzellerkrankung unzureichend ist, sterben viele Betroffene frühzeitig an Infektionen und schweren Sichelzellkrisen. Patienten mit schwerer Thalassämie hingegen können überhaupt kein Hämoglobin produzieren und sind auf lebenslange Bluttransfusionen angewiesen, was ebenfalls zu lebensbedrohlichen Organschäden führt. Diese Erkrankungen sind vor allem im Mittelmeerraum, Nahen Osten und Südostasien verbreitet.

Die bisherige Behandlungsmethode

Bislang konnte man Hämoglobinopathien nur durch Stammzelltransplantationen behandeln. Dabei werden die eigenen Blutstammzellen des Patienten entfernt und durch gesunde Stammzellen eines geeigneten Spenders ersetzt. Diese Methode war jedoch mit Risiken verbunden und erforderte eine Chemotherapie zur Vorbereitung des Körpers.

Die neue Ära der Gentherapie

Im Februar 2021 hat die EU-Kommission eine Gentherapie auf Basis der Genschere Crispr/Cas zugelassen. Diese Therapiemethode ermöglicht es, die DNA an einer bestimmten Stelle zu schneiden und einzelne DNA-Bausteine einzufügen, zu entfernen oder zu modifizieren. Bei der Behandlung von Hämoglobinopathien wird eine Sequenz im Genom zerstört, die nach der Geburt die Produktion von fetalem Hämoglobin ausschaltet. Durch diese Veränderung wird sowohl fehlerhaftes Hämoglobin als auch gesundes fetalen Hämoglobin produziert, wodurch die roten Blutkörperchen ihre normale Funktion zurückerlangen und der Sauerstofftransport ohne Probleme erfolgen kann.

Die Gentherapie mit der Genschere bietet eine vielversprechende Alternative zur Stammzelltransplantation. Sie ermöglicht eine heilende Therapie für Patienten, für die kein geeigneter Stammzellspender gefunden werden kann. Allerdings ist die Datenlage zu den Langzeitfolgen dieser Therapiemethode noch begrenzt. Es ist noch unklar, welche Risiken mit der genetischen Veränderung der Zellen verbunden sind und welche Auswirkungen das „neue“ Hämoglobin langfristig auf die Patienten haben kann.

Die Zukunft der Gentherapie

Die Gentherapie mit der Genschere Crispr/Cas eröffnet neue Möglichkeiten in der Behandlung von Erbkrankheiten. Durch gezielte Veränderungen im Genom können Mutationen korrigiert und die Produktion von gesundem Hämoglobin wiederhergestellt werden. Dies stellt einen bedeutenden Fortschritt in der medizinischen Forschung dar und bietet Hoffnung für Patienten mit Hämoglobinopathien.

FAQ

Wie funktioniert die Genschere Crispr/Cas?

Die Genschere Crispr/Cas basiert auf einem natürlichen Abwehrmechanismus von Bakterien gegen Viren. Sie besteht aus einer RNA-Sequenz (Crispr), die zu einem bestimmten Genabschnitt führt, und einem Enzym (Cas), das die DNA an dieser Stelle schneidet. Durch diesen Schnitt können gezielte Veränderungen im Genom vorgenommen werden.

Welche Risiken sind mit der Gentherapie verbunden?

Obwohl die Gentherapie mit der Genschere Crispr/Cas vielversprechend ist, sind noch weitere Studien erforderlich, um die Langzeitfolgen und potenziellen Risiken dieser Therapiemethode zu verstehen. Es besteht die Möglichkeit unerwünschter Nebenwirkungen oder unvorhergesehener genetischer Veränderungen. Eine sorgfältige Überwachung und Evaluation der Patienten ist daher von großer Bedeutung.

Ist die Gentherapie mit der Genschere Crispr/Cas bereits weit verbreitet?

Die Zulassung der Gentherapie mit der Genschere Crispr/Cas ist ein wichtiger Schritt in der medizinischen Forschung. Allerdings befindet sich diese Therapiemethode noch in einem frühen Stadium und wird derzeit nur in begrenztem Umfang angewendet. Weitere klinische Studien und Erfahrungen sind erforderlich, um ihre Wirksamkeit und Sicherheit zu bestätigen.

Gibt es alternative Behandlungsmethoden für Hämoglobinopathien?

Bislang war die Stammzelltransplantation die einzige Behandlungsmethode für Hämoglobinopathien. Diese Methode ist jedoch mit Risiken verbunden und erfordert einen geeigneten Spender. Die Gentherapie mit der Genschere Crispr/Cas bietet eine vielversprechende Alternative, insbesondere für Patienten, die keinen passenden Spender finden.

Wie sieht die Zukunft der Gentherapie aus?

Die Gentherapie mit der Genschere Crispr/Cas hat das Potenzial, die Behandlungsmöglichkeiten für eine Vielzahl von Erbkrankheiten zu revolutionieren. Mit weiteren Fortschritten in der Forschung und Technologie wird erwartet, dass die Gentherapie in Zukunft noch präziser und effektiver wird. Es bleibt abzuwarten, welche neuen Therapiemöglichkeiten sich in den kommenden Jahren entwickeln werden.

Fazit

Die Zulassung der Gentherapie mit der Genschere Crispr/Cas markiert einen Meilenstein in der Behandlung von Erbkrankheiten. Patienten mit Hämoglobinopathien haben nun eine vielversprechende Alternative zur Stammzelltransplantation. Die gezielte Veränderung des Genoms ermöglicht es, Mutationen zu korrigieren und die Produktion von gesundem Hämoglobin wiederherzustellen. Obwohl weitere Forschung und Erfahrungen erforderlich sind, um die Langzeitfolgen und Risiken dieser Therapiemethode zu verstehen, ist die Gentherapie ein vielversprechender Ansatz, um das Leben von Patienten mit Erbkrankheiten zu verbessern.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Hält die »Genschere«, was sie verspricht? Spektrum, 2022.
  2. Cas-Methode, Wikipedia 2024.

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Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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