Binge-Eating-Störung: Fressattacken lassen sich durch gezielte Hirnstimulation reduzieren bzw. stoppen

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Torsten Lorenz, aktualisiert am 31. August 2022, Lesezeit: 5 Minuten

Essstörungen: Wie lassen sich Fressattacken bei einer Binge-Eating-Störung reduzieren beziehungsweise stoppen?

Laut Forschern der Perelman School of Medicine an der University of Pennsylvania hat sich ein kleines elektronisches Gerät, das die mit dem Verlangen nach Essen verbundene Hirnaktivität in einer Schlüsselregion des Gehirns erkennt und daraufhin diese Region elektrisch stimuliert, in einer klinischen Pilotstudie bei zwei Patienten mit Binge-Eating-Störung als äußerst vielversprechend erwiesen.

Stimulation des Lust- und Belohnungszentrums

Das implantierte Gerät, das normalerweise zur Behandlung von arzneimittelresistenter Epilepsie eingesetzt wird, überwachte während dieser Zeit die Aktivität in einer Gehirnregion namens Nucleus accumbens.

Diese Region des Gehirns ist an der Verarbeitung von Lust und Belohnung beteiligt und wird mit der Entstehung von Süchten in Verbindung gebracht.

Sobald das Gerät Signale aus dem Nucleus accumbens wahrnahm, die in früheren Studien als Vorhersage für Essensgelüste gedeutet worden waren, wurde diese Gehirnregion automatisch stimuliert, um die mit dem Verlangen verbundenen Signale zu unterbrechen.

Deutlich weniger Fressanfälle

Im Laufe der sechsmonatigen Behandlungsphase verzeichneten die Patienten deutlich weniger Fressanfälle und nahmen ab.

Obwohl es sich um eine erste Machbarkeitsstudie handelte, in der vor allem der Sicherheitsaspekt untersucht wurde, sind laut Dr. Casey Halpern, Associate Professor für Neurochirurgie am Penn Medicine, die starken klinischen Vorteile, von denen die Teilnehmer berichteten, wirklich beeindruckend und aufschlussreich.

Weniger Kontrollverlust, weniger Gewicht, weniger Fressattacken

In einer Studie, die 2018 in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, fanden Halpern und Kollegen in Experimenten mit Mäusen und Menschen den Nachweis, dass eine ausgeprägte niederfrequente elektrische Aktivität im Nucleus accumbens kurz vor diesen Heißhungerattacken auftritt – aber nicht vor einem normalen Essen ohne Essanfälle.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stimulierten den Nucleus accumbens bei Mäusen, um diese mit dem Verlangen verbundene Aktivität zu unterbrechen, wann immer sie auftrat, und stellten fest, dass die Mäuse deutlich weniger der Nahrungsmittel aßen, das sie sonst verschlungen hätten.

Für die Aufzeichnung der Signale und die Stimulation des Gehirns der Mäuse verwendete das Team ein Gerät, das für die Behandlung von arzneimittelresistenter Epilepsie zugelassen ist und auf dem Markt erhältlich ist.

Es wird chirurgisch unter der Kopfhaut angebracht, wobei Drähte durch den Schädel zum Nucleus accumbens in jeder Gehirnhälfte verlaufen.

Bei der aktuellen Studie handelte es sich um einen ersten Test desselben Geräts und derselben Strategie an Menschen.

Die Wissenschaftler an der Perelman School of Medicine an der University of Pennsylvania statteten zwei stark fettleibige Patienten mit Binge-Eating-Störung mit den Hirnstimulationsgeräten aus und zeichneten sechs Monate lang die Signale der Geräte auf.

Zeitweise waren die Patienten im Labor und bekamen ein reichhaltiges Buffet mit ihren Lieblingsspeisen vorgesetzt – häufig waren es Fastfood und Süßigkeiten -, aber meistens waren sie zu Hause und gingen ihrem Alltagsleben nach.

Im Labor konnten die Forscher die Essanfälle der Patienten filmen, und wenn die Patienten zu Hause waren, berichteten sie selbst über die Zeiten ihrer Fressattacken.

Die Forscherinnen und Forscher beobachteten, dass wie in ihrer vorherigen Studie ein ausgeprägtes niederfrequentes Signal im Nucleus Accumbens in den Sekunden vor dem ersten Bissen der Patienten auftrat, wenn sie sich vollgefressen hatten.

In der darauffolgenden Phase der Studie gaben die Hirnstimulationsgeräte automatisch hochfrequente elektrische Stimulationen an den Nucleus accumbens ab, sobald die mit dem Verlangen assoziierten niederfrequenten Signale auftraten.

Während dieser sechs Monate meldeten die Patienten, dass ihre Gefühle des Kontrollverlusts und die Häufigkeit ihrer Fressattacken stark abnahmen – und jeder von ihnen verlor außerdem mehr als fünf Kilogramm an Gewicht.

Bei einer Patientin verbesserte sich die Situation so stark, dass sie die Suchkriterien für eine Binge-Eating-Störung nicht mehr erfüllte. Es schien keine nennenswerten Nebenwirkungen zu geben.

Die Forscher haben die Probanden noch weitere sechs Monate beobachtet und inzwischen damit begonnen, neue Patienten für eine größere Studie zu rekrutieren.

Der gleiche Behandlungsansatz könnte im Prinzip auch bei anderen Störungen im Zusammenhang mit Kontrollverlust, wie zum Beispiel Bulimie, angewendet werden.

Binge-Eating-Störung gilt als häufigste Essstörung in den USA

Die Binge-Eating-Störung wird als die häufigste Essstörung in den Vereinigten Staaten angesehen und betrifft mindestens einige Millionen Menschen.

Die Krankheit ist gekennzeichnet durch häufige Essanfälle ohne Bulimie und geht in der Regel mit Fettleibigkeit einher.

Die Betroffenen haben beim Binge-Eating das Gefühl, die Kontrolle über das Essverhalten zu verlieren, wodurch sie über das übliche Sättigungsgefühl hinaus weiter essen.

Im Vorfeld von Binge-Eating-Störung-Episoden kommt es zu Heißhungerattacken auf bestimmte Lebensmittel.

Quellen

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