Alzheimer hängt mit Belastungen in der Kindheit zusammen

Alzheimer-Demenz-Forschung, Gesundheitsnews, Medizin und Forschung, Psychische Gesundheit

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 11. Mai 2024, Lesezeit: 9 Minuten

Die Alzheimer-Krankheit, eine Form der Demenz, ist eine weit verbreitete neurodegenerative Störung, von der weltweit Millionen von Menschen betroffen sind. Es wird erwartet, dass sich die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2050 verdreifachen wird, was die Krankheit zu einem wichtigen Problem für die öffentliche Gesundheit macht. Jüngste Forschungsergebnisse, die in den Annals of Neurology veröffentlicht wurden, haben den Zusammenhang zwischen belastenden Lebensereignissen und dem Risiko, an der Alzheimer-Krankheit zu erkranken, aufgezeigt. In dieser Studie wird untersucht, wie der Zeitpunkt und die Art dieser Stressfaktoren den Ausbruch der Krankheit beeinflussen können. Wenn wir diese Faktoren verstehen, können wir wertvolle Erkenntnisse über potenzielle Risikofaktoren gewinnen und Strategien zur Prävention und Intervention entwickeln.

Der Einfluss stressiger Lebensereignisse auf das Risiko der Alzheimer-Krankheit

In früheren Studien wurden verschiedene psychologische Faktoren wie Depression, Angst und chronischer Stress als potenzielle Risikofaktoren für die Alzheimer-Krankheit ermittelt. Diese Faktoren können biologische Reaktionen auslösen, die Menschen für die Krankheit prädisponieren können. Diese neue Studie konzentriert sich jedoch speziell auf stressige Lebensereignisse und ihre Auswirkungen auf Biomarker der Alzheimer-Krankheit, Entzündungen im Gehirn und die Gehirnstruktur.

Belastende Lebensereignisse sind Vorfälle, die den gewohnten Tagesablauf einer Person erheblich stören und eine beträchtliche psychologische und emotionale Anpassung erfordern. Diese Ereignisse können von persönlichen Verlusten, wie dem Tod eines geliebten Menschen, bis hin zu größeren Veränderungen im Leben, wie Scheidung, Arbeitsplatzverlust oder ernsthaften gesundheitlichen Problemen, reichen.

Die Methodik der Studie

Um den Zusammenhang zwischen belastenden Lebensereignissen und dem Alzheimer-Risiko zu untersuchen, nutzten die Forscher eine gut etablierte Kohorte aus der ALFA-Studie (ALzheimer’s and Families). An diesem Längsschnittprojekt nahmen 2.743 kognitiv nicht beeinträchtigte Teilnehmer teil, die ein erhöhtes Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken, weil bei mindestens einem Elternteil die Krankheit diagnostiziert wurde.

Die Teilnehmer wurden einer Reihe von Untersuchungen unterzogen, darunter klinische Interviews, kognitive Tests, genetische Analysen, Lumbalpunktionen und Magnetresonanztomographien (MRT). Diese Untersuchungen lieferten umfassende Daten über den Gesundheitszustand, den Lebensstil, die geistigen Funktionen, genetische Marker, Liquor-Biomarker und die Gehirnstruktur der Teilnehmer.

Um die Exposition gegenüber belastenden Lebensereignissen zu messen, führten die Forscher halbstrukturierte Interviews mit einer vordefinierten Liste von 18 Lebensereignissen durch, von denen bekannt ist, dass sie potenziell eine erhebliche psychologische Anpassung erfordern. Die Teilnehmer wurden nach ihren Erfahrungen mit diesen Ereignissen zu einem beliebigen Zeitpunkt in ihrem Leben, nach der Anzahl der Ereignisse und nach ihrem Alter zum Zeitpunkt dieser Ereignisse gefragt. Dieser Ansatz ermöglichte es den Forschern, ein umfassendes Profil der Stressbelastung jedes Teilnehmers in den verschiedenen Lebensphasen zu erstellen.

Befunde und Assoziationen

Die Analyse der Daten ergab interessante Assoziationen zwischen belastenden Lebensereignissen und dem Risiko einer Alzheimer-Erkrankung. Es wurde festgestellt, dass die Gesamtzahl der belastenden Lebensereignisse, die eine Person im Laufe ihres Lebens erlebte, nicht einheitlich mit einem erhöhten Risiko für Alzheimer-Biomarker, Neuroinflammation oder Veränderungen der Gehirnstruktur, die typischerweise auf das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit hinweisen, verbunden war.

Allerdings wurden differenziertere Zusammenhänge festgestellt, wenn man den Zeitpunkt dieser Stressoren und bestimmte demografische Faktoren berücksichtigt. Stressoren, die in der Kindheit und in der Lebensmitte auftreten, waren stärker mit Indikatoren für das Alzheimer-Risiko korreliert.

Stress in der Kindheit und Neuroinflammation

Es wurde festgestellt, dass Stress in der Kindheit mit einem erhöhten Maß an Neuroinflammation verbunden ist, was durch erhöhte Interleukin 6 (IL-6)-Spiegel gemessen wurde. IL-6 ist ein entzündungsförderndes Zytokin, das mit verschiedenen Krankheiten in Verbindung gebracht wird, unter anderem mit der Alzheimer-Krankheit. Dies deutet darauf hin, dass Stress in der frühen Kindheit langfristige Entzündungsreaktionen auslösen kann, die möglicherweise zur Entwicklung der Alzheimer-Krankheit im späteren Leben beitragen könnten.

Stress im mittleren Lebensalter und Alzheimer-Biomarker

Andererseits zeigten belastende Lebensereignisse in der Lebensmitte einen Zusammenhang mit Veränderungen der Alzheimer-Biomarker, insbesondere der Beta-Amyloid (Aβ)-Verhältnisse. Beta-Amyloid-Plaques sind eines der charakteristischen Merkmale der Alzheimer-Krankheit, und ihre Anhäufung kann bereits Jahre vor dem Auftreten klinischer Symptome beginnen. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Stressoren während dieser kritischen Lebensphase die frühen pathologischen Prozesse im Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit beeinflussen könnten, insbesondere die Anhäufung dieser schädlichen Proteine.

Geschlechterunterschiede und psychiatrische Störungen

Die Forscher fanden auch heraus, dass sich die Auswirkungen der im Laufe des Lebens angesammelten belastenden Lebensereignisse in Bezug auf die Risikofaktoren der Alzheimer-Krankheit zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Bei Männern war eine höhere Anzahl von belastenden Lebensereignissen mit erhöhten Werten des Beta-Amyloid (Aβ)-Proteins verbunden. Bei Frauen hingegen korrelierte eine größere Anzahl von Stressereignissen mit einem geringeren Volumen der grauen Substanz im Gehirn. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswirkungen von Stress je nach Geschlecht erheblich variieren können.

Darüber hinaus schienen Personen mit einer Vorgeschichte von psychiatrischen Störungen besonders anfällig für die Auswirkungen von stressigen Lebensereignissen zu sein. In dieser Gruppe war erhöhter Stress mit höheren Werten von Beta-Amyloid (Aβ) und Tau-Proteinen sowie mit einem geringeren Volumen der grauen Substanz verbunden.

Beschränkungen und künftige Richtungen

Auch wenn diese Studie wertvolle Einblicke in den Zusammenhang zwischen belastenden Lebensereignissen und dem Alzheimer-Risiko liefert, muss man sich über ihre Grenzen im Klaren sein. Die Studie beruhte auf Selbstauskünften über belastende Lebensereignisse, die möglicherweise mit Erinnerungsfehlern behaftet sind. Außerdem konzentrierte sich die Studie auf eine bestimmte Gruppe von Personen mit erhöhtem Alzheimer-Risiko, was die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse auf die Allgemeinbevölkerung einschränken könnte.

Künftige Forschungsarbeiten sollten darauf abzielen, diese Ergebnisse in größeren und vielfältigeren Populationen zu wiederholen. Längsschnittstudien könnten ein besseres Verständnis der langfristigen Auswirkungen belastender Lebensereignisse auf das Alzheimer-Risiko ermöglichen. Darüber hinaus könnte die Erforschung der zugrundeliegenden Mechanismen, durch die sich Stress auf die Pathologie der Alzheimer-Krankheit auswirkt, zur Entwicklung gezielter Interventionen und Präventionsstrategien führen.

FAQ

Was sind die Risikofaktoren für die Alzheimer-Krankheit?

Zu den Risikofaktoren für die Alzheimer-Krankheit gehören das Alter, die Familiengeschichte, die Genetik, bestimmte Krankheiten und Lebensstilfaktoren. Psychologische Faktoren wie Depression, Angst und chronischer Stress werden als potenzielle Risikofaktoren für die Alzheimer-Krankheit betrachtet. Es gibt eine wachsende Anzahl von Studien, die darauf hinweisen, dass psychologische Faktoren einen Einfluss auf das Risiko der Entwicklung von Alzheimer haben können. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Depressionen ein erhöhtes Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken. Eine Studie von Robinson et al. ergab, dass Depressionen im mittleren bis späten Lebensalter mit kognitivem Abbau und Alzheimer-Pathologie im Gehirn verbunden sein können. Es wird vermutet, dass Depressionen Entzündungsprozesse im Gehirn fördern und den Abbau von Nervenzellen begünstigen können, was wiederum das Risiko für Alzheimer erhöht.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass Angststörungen mit einem erhöhten Risiko für Alzheimer verbunden sein können. Eine Studie von Gulpers et al. ergab, dass Menschen mit Angstsymptomen ein erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Alzheimer haben können. Chronische Angst kann zu Entzündungen und oxidativem Stress im Gehirn führen, was wiederum die Entwicklung von Alzheimer begünstigen kann.

Chronischer Stress kann ebenfalls ein Risikofaktor für Alzheimer sein. Studien haben gezeigt, dass langanhaltender Stress zu einer erhöhten Produktion von Stresshormonen wie Cortisol führen kann, was wiederum Entzündungen und oxidativen Stress im Gehirn verursachen kann. Diese Prozesse können den Abbau von Nervenzellen und die Entwicklung von Alzheimer begünstigen.

Es ist wichtig zu beachten, dass psychologische Faktoren wie Depression, Angst und chronischer Stress nicht allein verantwortlich für die Entwicklung von Alzheimer sind. Das Risiko für Alzheimer wird durch eine Kombination von genetischen, Umwelt- und Lebensstilfaktoren beeinflusst. Dennoch deuten die vorliegenden Forschungsergebnisse darauf hin, dass psychologische Faktoren eine Rolle spielen können.

Wie wirken sich belastende Lebensereignisse auf das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung aus?

Stressige Lebensereignisse, insbesondere in der Kindheit und in der Lebensmitte, werden mit einem erhöhten Risiko für die Alzheimer-Krankheit in Verbindung gebracht. Stress in der Kindheit kann langfristige Entzündungsreaktionen auslösen, während Stress in der Lebensmitte die Ansammlung von Beta-Amyloid-Plaques beeinflussen kann.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Beziehung zwischen belastenden Lebensereignissen und dem Risiko einer Alzheimer-Erkrankung?

Ja, es wurden geschlechtsspezifische Unterschiede beobachtet. Bei Männern wird eine größere Anzahl von belastenden Lebensereignissen mit erhöhten Werten des Beta-Amyloid-Proteins in Verbindung gebracht, während bei Frauen eine größere Anzahl von belastenden Ereignissen mit einem verringerten Volumen der grauen Substanz korreliert ist.

Wie können wir die Auswirkungen von belastenden Lebensereignissen auf das Alzheimer-Risiko verringern?

Es ist zwar nicht möglich, stressige Lebensereignisse vollständig zu vermeiden, aber die Anwendung gesunder Bewältigungsmechanismen und Stressbewältigungstechniken kann dazu beitragen, ihre Auswirkungen auf das Alzheimer-Risiko zu verringern. Regelmäßige körperliche Betätigung, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und die Unterstützung durch Angehörige oder Fachleute können zum allgemeinen Wohlbefinden und zur Widerstandsfähigkeit beitragen.

In welche Richtung soll die Forschung über belastende Lebensereignisse und die Alzheimer-Krankheit gehen?

Künftige Forschungsarbeiten sollten darauf abzielen, diese Ergebnisse in größeren und vielfältigeren Populationen zu wiederholen. Längsschnittstudien könnten ein besseres Verständnis der langfristigen Auswirkungen belastender Lebensereignisse auf das Alzheimer-Risiko ermöglichen. Die Erforschung der zugrundeliegenden Mechanismen, durch die sich Stress auf die Pathologie der Alzheimer-Krankheit auswirkt, könnte zur Entwicklung gezielter Interventionen und Präventionsstrategien führen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Lifetime Stressful Events Associated with Alzheimer’s Pathologies, Neuroinflammation and Brain Structure in a Risk Enriched Cohort
    Eleni Palpatzis MSc, Muge Akinci MSc, Pablo Aguilar-Dominguez MSc, Marina Garcia-Prat MSc, Kaj Blennow PhD, Henrik Zetterberg PhD, Margherita Carboni PhD, 11 March 2024,  https://doi.org/10.1002/ana.26881
  2. Alzheimer, Wikipedia 2024.

ddp


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Wichtiger Hinweis: Der Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

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