Darmkrebsrisiko weltweit: Neue Studie zeigt Unterschiede in 185 Ländern

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 26. August 2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine internationale Forschungsgruppe hat erstmals systematisch berechnet, wie hoch das Lebenszeitrisiko für Darmkrebs in 185 Ländern tatsächlich ausfällt, und die Ergebnisse zeigen ein Gesundheitsproblem, dessen Ausmaß eng mit wirtschaftlicher Entwicklung, Ernährungsgewohnheiten und dem Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen verknüpft ist, wobei die Unterschiede zwischen einzelnen Regionen teilweise um das Zehnfache auseinanderklaffen.

Warum das Darmkrebsrisiko weltweit so ungleich verteilt ist

Darmkrebs gilt seit Langem als eine der bedeutendsten onkologischen Erkrankungen überhaupt. Die Krankheitslast ist jedoch keineswegs gleichmäßig über den Globus verteilt.

In wohlhabenden Industrienationen hat die breite Verfügbarkeit von Koloskopien dazu beigetragen, Vorstufen von Darmkrebs frühzeitig zu erkennen und zu entfernen. Das hat die Sterblichkeit bei älteren Erwachsenen in vielen dieser Länder spürbar gesenkt.

Gleichzeitig verzeichnen zahlreiche Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen einen Anstieg der Erkrankungsfälle. Verantwortlich dafür sind vor allem:

  • eine zunehmend westlich geprägte Ernährung,
  • Bewegungsmangel im Alltag,
  • steigende Raten von Übergewicht und Typ-2-Diabetes.

Erschwerend kommt hinzu, dass Darmkrebs bei Menschen unter 50 Jahren, dem sogenannten Early-Onset-Darmkrebs, in mehreren Weltregionen zunimmt. Genau diese Gemengelage aus regionalen Unterschieden, demografischem Wandel und neuen Risikogruppen hatte eine umfassende, bevölkerungsbasierte Analyse notwendig gemacht.

Die Studie: Methodik und Datengrundlage

Ein Forschungsteam unter Leitung des Office for Cancer Registry am National Cancer Center, das der Chinese Academy of Medical Sciences und dem Peking Union Medical College angegliedert ist, hat die erste systematische globale Analyse des Lebenszeitrisikos für Darmkrebs in 185 Ländern durchgeführt.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Cancer Biology & Medicine veröffentlicht (DOI: 10.20892/j.issn.2095-3941.2025.0851). Als Datenbasis dienten die GLOBOCAN-2022-Schätzungen sowie Bevölkerungsdaten der Vereinten Nationen. Mittels einer Lebenstafelmethode, die für mehrfache Primärtumoren angepasst wurde, berechneten die Autorinnen und Autoren die kumulative Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens an Darmkrebs zu erkranken oder daran zu versterben.

Zentrale Ergebnisse: Globales Risiko und geschlechtsspezifische Unterschiede

Weltweit liegt das Lebenszeitrisiko, an Darmkrebs zu erkranken, bei 2,69 Prozent, das entspricht etwa einer von 37 Personen. Das Risiko, an der Erkrankung zu sterben, beträgt 1,39 Prozent.

Männer sind demnach etwas stärker betroffen als Frauen. Darüber hinaus liegt das Risiko für Dickdarmkrebs in Bezug auf Erkrankung und Sterblichkeit durchgehend höher als jenes für Mastdarmkrebs (Rektumkarzinom).

Enorme Unterschiede zwischen Ländern mit hohem und niedrigem Entwicklungsindex

Die eigentliche Aussagekraft der Studie liegt in den regionalen Kontrasten. In Ländern mit einem sehr hohen Human Development Index (HDI) steigt das Lebenszeitrisiko für eine Darmkrebserkrankung auf 5,17 Prozent, mehr als das Neunfache der 0,57 Prozent, die in Ländern mit niedrigem HDI gemessen wurden.

Regionale Spitzenreiter

  • Australien und Neuseeland verzeichnen mit 7,41 Prozent das höchste regionale Erkrankungsrisiko weltweit.
  • Nordeuropa weist mit 3,28 Prozent die höchste Sterblichkeitsrate im regionalen Vergleich auf.

Länder mit dem höchsten Lebenszeitrisiko

Auf nationaler Ebene führt Norwegen die Rangliste mit einem bemerkenswerten Lebenszeitrisiko von 10,32 Prozent an, das heißt, statistisch gesehen erkrankt etwa jede zehnte Person in Norwegen im Laufe ihres Lebens an Darmkrebs. Dahinter folgen:

  • Dänemark,
  • Neuseeland,
  • Japan.

Länder mit dem niedrigsten Lebenszeitrisiko

Am unteren Ende der Skala liegen Länder wie Gambia, Tschad und Sierra Leone, in denen das Lebenszeitrisiko jeweils unter 0,6 Prozent bleibt.

Alter, Risikoverlauf und die Phase nach dem 70. Lebensjahr

Die Auswertung zeigt außerdem einen klaren Altersverlauf: Das Erkrankungsrisiko bleibt bis zum 40. Lebensjahr weitgehend stabil, erreicht in der mittleren Lebensphase seinen Höhepunkt und sinkt danach nach dem 70. Lebensjahr wieder ab.

Bemerkenswert ist jedoch, dass das sogenannte Restrisiko nach dem 70. Lebensjahr weiterhin bei 1,55 Prozent liegt; Vorsorge bleibt somit auch im höheren Alter relevant.

Zeitliche Entwicklung: Wo das Risiko steigt und wo es sinkt

Im Zeitverlauf zwischen 2003 und 2017 zeigte Thailand den stärksten Anstieg des Lebenszeitrisikos unter allen untersuchten Ländern. Im Gegensatz dazu verzeichneten die Vereinigten Staaten und Österreich deutliche Rückgänge, ein Trend, den die Studienautorinnen und -autoren auf verbesserte Vorsorgeprogramme und veränderte Lebensgewohnheiten zurückführen.

Einordnung durch das Forschungsteam

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die beobachteten Unterschiede weit mehr als reine Zahlenwerte darstellen, sie spiegeln wider, wie Gesundheitssysteme, Ernährungsmuster und öffentliche Investitionen in Prävention die Krebslast eines Landes formen. In Ländern mit intensiver Vorsorge lässt sich die Entwicklung demnach messbar beeinflussen, während in ressourcenschwächeren Regionen der eingeschränkte Zugang zu Früherkennung und qualitativ hochwertiger Behandlung weiterhin über Leben und Tod entscheidet.

Was die Ergebnisse für Prävention und Gesundheitspolitik bedeuten

Die Studie liefert klare Ansatzpunkte für künftige Präventionsstrategien, die je nach Risikoprofil einer Bevölkerung unterschiedlich ausfallen müssen.

Für Länder mit hohem HDI und hohem Erkrankungsrisiko

  • Ausweitung evidenzbasierter, altersgestaffelter Vorsorgeprogramme,
  • Förderung ballaststoffreicher Ernährung,
  • Reduktion des Konsums von rotem Fleisch.

Für ressourcenschwächere Länder mit hoher Sterblichkeit im Verhältnis zur Erkrankungsrate

  • Stärkung der diagnostischen Kapazitäten vor Ort,
  • verbesserter Zugang zu onkologischer Behandlung,
  • Aufbau von Strukturen für die Nachsorge Betroffener.

Die Ergebnisse dienen zudem als Referenzwert, um Fortschritte über die Zeit zu verfolgen und Ressourcen dort einzusetzen, wo sie den größten Effekt erzielen. Angesichts der Prognose, dass die jährlichen Darmkrebs-Neuerkrankungen bis zum Jahr 2050 auf 3,56 Millionen ansteigen könnten, gewinnt eine an lokale Gegebenheiten angepasste, datenbasierte Strategie zunehmend an Dringlichkeit.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was versteht man unter dem Lebenszeitrisiko für Darmkrebs? Es beschreibt die kumulative statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine Person im Verlauf ihres gesamten Lebens an Darmkrebs erkrankt oder daran verstirbt, berechnet unter Berücksichtigung konkurrierender Todesursachen und mehrfacher Primärtumoren.

Warum liegt das Risiko in Norwegen so viel höher als in westafrikanischen Ländern? Die Unterschiede hängen mit Ernährungsgewohnheiten, Lebenserwartung, Übergewichtsraten sowie dem Ausbau von Vorsorgeprogrammen zusammen; in Ländern mit höherer Lebenserwartung erreichen mehr Menschen überhaupt das Alter, in dem Darmkrebs typischerweise auftritt.

Bedeutet ein niedrigeres Erkrankungsrisiko automatisch eine bessere Prognose? Nein. In vielen Ländern mit niedrigerem HDI ist zwar die Erkrankungsrate geringer, das Verhältnis von Sterblichkeit zu Neuerkrankungen jedoch deutlich ungünstiger, da Diagnose und Behandlung oft später erfolgen.

Warum ist Vorsorge auch nach dem 70. Lebensjahr noch wichtig? Weil das Restrisiko in dieser Altersgruppe laut der Studie weiterhin bei 1,55 Prozent liegt, Darmkrebs also auch im höheren Alter eine relevante Gesundheitsgefahr bleibt.

Welche Rolle spielt die Ernährung bei der Entwicklung von Darmkrebs? Eine ballaststoffarme, fleischreiche Ernährung in Kombination mit Bewegungsmangel gilt als einer der zentralen Faktoren, die zur weltweiten Zunahme der Erkrankung beitragen, besonders in Ländern mit fortschreitender Verwestlichung der Ernährung.

Warum betrifft Darmkrebs häufiger den Dickdarm als den Mastdarm? Die Studie weist für Dickdarmkrebs durchgehend höhere Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten aus als für Mastdarmkrebs; ein möglicher Erklärungsansatz liegt in der größeren Schleimhautfläche des Dickdarms, die insgesamt mehr Angriffsfläche für die Entstehung von Vorstufen und Tumoren bietet.

Wie erklärt sich der starke Risikoanstieg in Thailand zwischen 2003 und 2017? Die Studie selbst benennt keine einzelne Ursache, ordnet den Trend jedoch in den allgemeinen Kontext wirtschaftlicher und ernährungsbedingter Umbrüche in Schwellenländern ein; eine genaue, gesicherte Erklärung für den thailändischen Einzelfall kann ich nicht bestätigen.

Ist das Lebenszeitrisiko dasselbe wie die individuelle Erkrankungswahrscheinlichkeit einer einzelnen Person? Nein. Es handelt sich um einen statistischen Bevölkerungswert, der auf aktuellen Erkrankungs- und Sterberaten sowie der Altersstruktur eines Landes beruht; das persönliche Risiko hängt zusätzlich von individuellen Faktoren wie familiärer Vorbelastung, Ernährung und Vorsorgeverhalten ab.

Warum wurde für die Studie speziell das Jahr 2022 als Datengrundlage gewählt? Die Forschenden stützten sich auf die GLOBOCAN-2022-Schätzungen, da diese zum Zeitpunkt der Analyse die aktuellsten weltweit verfügbaren, standardisierten Krebsdaten der Internationalen Agentur für Krebsforschung darstellten und damit die verlässlichste Grundlage für einen Vergleich zwischen 185 Ländern boten.

Quellen

Li, L., et al. (2026). Global landscape and temporal trends in lifetime risk of colorectal cancer in 185 countries: A population-based study. Cancer Biology & Medicine, 23(7), 1004. https://doi.org/10.20892/j.issn.2095-3941.2025.0851

Chinese Academy of Sciences. (2026, August 26). New study tracks global colorectal cancer risk across 185 nations. News-Medical.net. https://www.news-medical.net/news/20260826/New-study-tracks-global-colorectal-cancer-risk-across-185-nations.aspx

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