Hormonersatztherapie senkt Demenzrisiko

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Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 29. August 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Eine der bislang umfangreichsten prospektiven Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Hormonersatztherapie und Demenzrisiko zeigt, dass die Einnahme von Hormonpräparaten nach den Wechseljahren mit einer moderat geringeren Wahrscheinlichkeit verbunden ist, später an einer Demenz zu erkranken, wobei der Effekt deutlich davon abhängt, ob die Menopause natürlich oder chirurgisch eintrat, wie lange der Körper zuvor körpereigenem Östrogen ausgesetzt war und in welchem Lebensalter mit der Hormonersatztherapie begonnen wurde. Die im Fachjournal Alzheimer’s & Dementia veröffentlichte Analyse der UK Biobank liefert damit differenzierte Hinweise, warum frühere Studien zu diesem Thema teils widersprüchliche Ergebnisse geliefert haben, und deutet auf die Möglichkeit einer künftig individuelleren Verschreibungspraxis hin.

Hintergrund: Warum Östrogen für das Gehirn wichtig ist

Frauen erkranken, altersstandardisiert betrachtet, häufiger an Demenz als Männer. Diese Beobachtung hat die Forschung seit Jahren dazu bewogen, nach frauenspezifischen Risikofaktoren zu suchen.

Östrogen spielt eine wichtige Rolle für die Funktion von Nervenzellen und für die Gesundheit des Gehirns insgesamt. Mit dem Einsetzen der Menopause sinkt der Östrogenspiegel deutlich, und dieser Zeitraum fällt häufig mit dem Beginn präklinischer Demenzprozesse zusammen.

Besonders ausgeprägt ist das Risiko bei einer chirurgisch herbeigeführten Menopause, etwa durch die Entfernung beider Eierstöcke. In der aktuellen Analyse wurden Frauen mit Hysterektomie und/oder beidseitiger Oophorektomie der Gruppe der chirurgischen Menopause zugeordnet.

Obwohl der biologische Wirkmechanismus plausibel erscheint, kamen frühere Untersuchungen zur Hormonersatztherapie und zum Demenzrisiko zu uneinheitlichen Resultaten. In England nehmen schätzungsweise 15 Prozent der Frauen zwischen 45 und 64 Jahren eine Hormonersatztherapie ein.

Studiendesign: 183.450 Frauen über 13 Jahre begleitet

Für die Studie werteten die Autorinnen und Autoren Daten von 183.450 postmenopausalen Frauen aus der UK Biobank aus, mit einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 13,3 Jahren. Mittels multivariabler Cox-Regressionsmodelle untersuchten sie den Zusammenhang zwischen einer mindestens einjährigen oder aktuellen Hormonersatztherapie und dem Auftreten einer Demenz jeglicher Ursache sowie einzelner Demenzsubtypen.

Zusätzlich prüften die Forschenden in Subgruppenanalysen, ob folgende Faktoren die Assoziation veränderten:

  • Art der Menopause, natürlich oder chirurgisch
  • Dauer der körpereigenen Östrogenexposition
  • Genetischer Risikofaktor APOE-ɛ4
  • Lebensalter zu Beginn der Hormonersatztherapie

Wichtigste Ergebnisse: Moderate Risikoreduktion

Insgesamt umfasste die Studie mehr als 2,43 Millionen Personenjahre Nachbeobachtung. In diesem Zeitraum wurden 3.948 Demenzfälle diagnostiziert, darunter 1.993 Fälle von Alzheimer-Demenz und 1.955 Fälle nicht-alzheimerbedingter oder nicht näher spezifizierter Demenz.

Die zentralen Ergebnisse im Überblick:

  • Eine Hormonersatztherapie war insgesamt mit einer um 10 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit für Demenz jeglicher Ursache verbunden.
  • Bei Frauen mit chirurgischer Menopause lag die Risikoreduktion bei 26 Prozent.
  • Bei einer natürlichen Östrogenexposition von weniger als 37 Jahren zwischen Menarche und Menopause betrug die Risikominderung 16 Prozent.
  • Unter Trägerinnen der genetischen Variante APOE-ɛ4 zeigte sich eine um 13 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, wobei die statistische Wechselwirkung zwischen Hormonersatztherapie und APOE-ɛ4-Status insgesamt nicht signifikant war.

Wechselwirkungen zwischen Menopausentyp und Genetik

Bei Frauen mit natürlicher Menopause fand sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Hormonersatztherapie und Demenzrisiko. Anders bei chirurgischer Menopause: Hier war die Hormonersatztherapie mit einer um 28 Prozent geringeren Demenzwahrscheinlichkeit bei APOE-ɛ4-positiven Frauen und einer um 20 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit bei APOE-ɛ4-negativen Frauen assoziiert.

Ein möglicher Erklärungsansatz liegt in der unterschiedlichen Behandlungspraxis. Bei natürlicher Menopause wird in der Regel eine kombinierte Östrogen-Gestagen-Therapie verordnet, um einer Hyperplasie der Gebärmutterschleimhaut vorzubeugen. Nach einer Hysterektomie hingegen kommt häufig eine reine Östrogentherapie zum Einsatz.

Frühere Forschungsarbeiten haben wiederholt gezeigt, dass reine Östrogenpräparate im Vergleich zu kombinierten Präparaten mit einem geringeren Demenzrisiko einhergehen. Die aktuelle Studie enthielt allerdings keine Informationen zum genauen Hormonpräparat oder Behandlungsschema, sodass dieser Aspekt nicht direkt überprüft werden konnte.

Der Zeitpunkt des Therapiebeginns zählt

Ein zentrales Ergebnis betrifft das Alter bei Beginn der Hormonersatztherapie. Eine Risikoreduktion zeigte sich, wenn die Therapie zwischen dem 46. und 56. Lebensjahr begonnen wurde, nicht jedoch bei einem späteren Start. Insgesamt fiel die Risikominderung bei einem Beginn zwischen 51 und 56 Jahren mit 23 Prozent stärker aus als bei einem Beginn zwischen 46 und 50 Jahren mit 13 Prozent.

Bei natürlicher Menopause reduzierte sich das Risiko nur dann signifikant, um 18 Prozent, wenn die Therapie zwischen 51 und 56 Jahren begann. Bei chirurgischer Menopause hingegen nahm der schützende Effekt mit späterem Therapiebeginn kontinuierlich zu: Bei einem Start vor dem 46. Lebensjahr betrug die Risikoreduktion 15 Prozent, bei 46 bis 50 Jahren 31 Prozent und bei 51 bis 56 Jahren sogar 43 Prozent.

Die Autorinnen und Autoren sehen darin eine Bestätigung der sogenannten „Window of Opportunity“-Hypothese, wonach ein bestimmtes Zeitfenster für den größten Nutzen der Hormonersatztherapie existiert. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass umgekehrte Kausalität oder eine Verzerrung durch Verordnungsindikation bei späterem Therapiebeginn nicht ausgeschlossen werden kann.

Unterschiede zwischen Alzheimer- und Nicht-Alzheimer-Demenz

Die Hormonersatztherapie war zudem mit einem geringeren Risiko für Alzheimer-Demenz verbunden, wobei der Effekt bei chirurgischer Menopause mit 32 Prozent deutlich stärker ausfiel als bei natürlicher Menopause mit 11 Prozent. Zwischen den APOE-ɛ4-Genotypen zeigten sich hier kaum Unterschiede, während eine kürzere natürliche Östrogenexposition von unter 37 Jahren mit einer um 19 Prozent geringeren Alzheimer-Wahrscheinlichkeit einherging.

Für nicht-alzheimerbedingte Demenzformen ergab sich insgesamt kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit der Hormonersatztherapie. Bei Frauen mit chirurgischer Menopause zeigte sich jedoch eine Risikoreduktion von 21 Prozent, und bei kürzerer endogener Östrogenexposition deutete sich ein grenzwertig signifikanter Zusammenhang an.

Zusätzliche Sensitivitätsanalysen, in denen Frauen mit einer Demenzdiagnose innerhalb von zwei, vier, sechs oder acht Jahren nach Studienbeginn ausgeschlossen wurden, sowie Auswertungen nach Operationsart bestätigten die Robustheit der Hauptergebnisse.

Grenzen der Studie

Als Beobachtungsstudie kann die Untersuchung keine ursächlichen Zusammenhänge belegen, sondern lediglich statistische Assoziationen aufzeigen. Die UK Biobank erfasst zudem nur allgemeine Angaben zur Hormonersatztherapie, ohne Details zu Wirkstoff, Dosierung oder Verabreichungsform, weshalb künftige Studien diese Faktoren gezielt untersuchen sollten.

Frauen, die eine Hormonersatztherapie nutzen, unterscheiden sich möglicherweise in weiteren Merkmalen von Nichtnutzerinnen, auch wenn viele dieser Faktoren statistisch berücksichtigt wurden. Die Demenzdiagnosen stammten überwiegend aus der fachärztlichen Versorgung, sodass leichte Fälle möglicherweise nicht erfasst wurden.

Die untersuchte Kohorte bestand überwiegend aus Frauen europäischer Abstammung mit vergleichsweise gutem sozioökonomischem Status, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen einschränkt. Auch die statistische Aussagekraft der Subgruppenanalysen war begrenzt, und der Einfluss der Therapiedauer bleibt weiterhin unklar.

Fazit: Individuellere Leitlinien könnten folgen

Die Autorinnen und Autoren bezeichnen ihre Arbeit als die bislang umfassendste prospektive Analyse zum Zusammenhang zwischen Hormonersatztherapie und Demenzrisiko. Insgesamt war die Therapie mit einer 10-prozentigen Risikoreduktion verbunden, wobei Menopausentyp, Dauer der Östrogenexposition und Zeitpunkt des Therapiebeginns als wesentliche Einflussfaktoren identifiziert wurden.

Die Ergebnisse legen nahe, dass unterschiedliche Gruppen von Frauen unterschiedlich stark von einer Hormonersatztherapie profitieren könnten. Die Forschenden fordern deshalb randomisierte kontrollierte Studien, um diese Beobachtungen zu bestätigen und langfristig eine differenziertere, auf individuelle Risikoprofile zugeschnittene Verschreibungspraxis zu ermöglichen.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Bedeutet eine Risikoreduktion von 10 Prozent, dass jede Frau von einer Hormonersatztherapie profitiert? Nein, die durchschnittliche Risikoreduktion von 10 Prozent bezieht sich auf die gesamte Studienpopulation. Wie die Subgruppenanalysen zeigen, variiert der Effekt erheblich je nach Menopausentyp, Alter bei Therapiebeginn und individueller Östrogenexposition.

Warum profitieren Frauen mit chirurgischer Menopause offenbar stärker? Eine mögliche Erklärung ist der abrupte und vollständige Wegfall der Östrogenproduktion nach Entfernung der Eierstöcke, verbunden mit der häufigeren Verordnung einer reinen Östrogentherapie, die in früheren Studien mit günstigeren Effekten auf das Gehirn assoziiert wurde.

Sollte man aufgrund dieser Studie mit einer Hormonersatztherapie beginnen? Diese Entscheidung sollte individuell mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden, da die Studie keine ursächlichen Effekte belegt und weitere Faktoren wie kardiovaskuläre Risiken oder Krebsrisiken in die Abwägung einfließen müssen.

Welche Rolle spielt der genetische Risikofaktor APOE-ɛ4? Träger dieser Genvariante zeigten in einzelnen Subgruppen einen stärkeren Zusammenhang zwischen Hormonersatztherapie und geringerem Demenzrisiko, insbesondere bei chirurgischer Menopause. Die übergeordnete statistische Wechselwirkung erreichte jedoch keine Signifikanz.

Was ist mit der „Window of Opportunity“-Hypothese gemeint? Sie beschreibt die Annahme, dass eine Hormonersatztherapie das Gehirn nur dann wirksam schützt, wenn sie innerhalb eines bestimmten Zeitfensters nach der Menopause begonnen wird, während ein späterer Beginn diesen Nutzen möglicherweise nicht mehr entfaltet.

Quellen

Squires, S., Saleh, R. N. M., Pilling, L. C., et al. (2026). Hormone replacement therapy and dementia risk among postmenopausal women: Identifying responsive subgroups in the UK Biobank. Alzheimer’s & Dementia. https://doi.org/10.1002/alz.71679

Thomas, L. (2026, August 27). HRT linked to lower dementia risk, but timing and menopause type matter. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260827/HRT-linked-to-lower-dementia-risk-but-timing-and-menopause-type-matter.aspx

UK Biobank. (2026). The world’s largest health database explained. News-Medical. https://www.news-medical.net/health/UK-Biobank-The-Worlde28099s-Largest-Health-Database-Explained.aspx

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