Eine neue genetische Analyse liefert Hinweise darauf, dass der Zusammenhang zwischen psychiatrischen Erkrankungen und Intelligenz weitaus komplexer ist, als frühere Forschung angenommen hatte, denn statt Intelligenz als einheitliches Merkmal zu betrachten, zeigt die Studie, dass genetische Risikofaktoren für Erkrankungen wie Schizophrenie und die Bipolare Störung mit unterschiedlichen kognitiven Teilbereichen jeweils gegensätzliche Zusammenhänge aufweisen, was ein jahrzehntealtes Paradoxon der Verhaltensgenetik zumindest teilweise erklären könnte. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht und basieren auf genetischen Daten von hunderttausenden Studienteilnehmern.
Das Paradoxon: Kognitive Defizite und höhere Bildung zugleich
Menschen mit psychiatrischen Diagnosen zeigen im klinischen Alltag häufig Schwierigkeiten bei Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Problemlösung. Ein Übersichtsartikel aus dem Jahr 2023 beschrieb bereits, dass Schizophrenie und verwandte Störungen genetische sowie umweltbedingte Risikofaktoren mit kognitiven Beeinträchtigungen teilen.
Gleichzeitig hatten frühere Untersuchungen, darunter eine 2024 von PsyPost besprochene Studie, gezeigt, dass eine höhere allgemeine Intelligenz mit weniger Symptomen von ADHS und Autismus einhergeht, ein Zusammenhang, der teilweise genetisch bedingt ist.
Genau hier liegt der wissenschaftliche Widerspruch, den die neue Studie aufzulösen versucht:
- Menschen mit Schizophrenie zeigen sowohl auf phänotypischer als auch auf genetischer Ebene häufig kognitive Einschränkungen.
- Gleichzeitig wurde die genetische Veranlagung für Schizophrenie in mehreren Studien positiv mit dem Bildungsniveau in Verbindung gebracht.
Diese scheinbar widersprüchlichen Befunde bildeten den Ausgangspunkt für die aktuelle Forschungsarbeit.
Warum Intelligenz kein einheitliches Konstrukt ist
Die Forschungsgruppe unter der Leitung von Diego Londoño-Correa, promoviertem Absolventen der Abteilung für Psychologie an der University of Texas at Austin, ging davon aus, dass die Behandlung von Kognition als einzelnes, generelles Merkmal einen entscheidenden Teil des Bildes verdeckt.
Kognitive Fähigkeiten lassen sich grob in drei Bereiche unterteilen:
- Verarbeitungsgeschwindigkeit: gemessen etwa durch Reaktionszeit auf einen Reiz.
- Fluide Intelligenz: die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen und komplexe Informationen spontan zu verarbeiten.
- Kristalline Intelligenz: das über Kultur, Bildung und Lebenserfahrung angesammelte Faktenwissen und der Wortschatz.
Frühere genetische Studien verfügten häufig nicht über ausreichend Daten, um insbesondere kristalline Intelligenz getrennt zu analysieren. Zusätzlich wollte das Team nicht-kognitive Fähigkeiten wie Motivation und Durchhaltevermögen berücksichtigen, die für schulischen und beruflichen Erfolg ebenfalls relevant sind.
Methodik: Genetische Daten von rund 439.000 Personen
Für die Analyse der kristallinen Intelligenz nutzten die Wissenschaftler genetische Datenbanken mit einer Gesamtstichprobe von etwa 439.000 Personen europäischer Abstammung. Ausgewertet wurden Testergebnisse zu Reaktionszeit, Problemlösefähigkeit und Wortschatzwissen sowie Angaben zum erreichten Bildungsniveau.
Da viele kognitive Tests mehrere Fähigkeiten gleichzeitig erfassen, etwa weil Vokabeltests auch eine gewisse Verarbeitungsgeschwindigkeit voraussetzen, kam ein spezialisiertes statistisches Verfahren zum Einsatz, um die sich überschneidenden genetischen Einflüsse von Reaktionszeit, fluider Intelligenz und kristalliner Intelligenz voneinander zu trennen. Ein separater, nicht-kognitiver genetischer Faktor wurde anhand der Anzahl abgeschlossener Bildungsjahre isoliert, unabhängig von der tatsächlichen Testleistung.
Zentrale genetische Befunde
Die Analyse identifizierte 78 genetische Regionen, die mit kristalliner Intelligenz in Verbindung stehen, darunter acht Regionen, die zuvor noch nie mit einem kognitiven Merkmal assoziiert worden waren.
Auffällig war zudem ein entwicklungsbiologisches Muster:
- Gene, die mit fluider Intelligenz verknüpft sind, zeigen die höchste Aktivität in der frühen Kindheit.
- Gene, die mit kristalliner Intelligenz verknüpft sind, sind vor allem in Jugend und frühem Erwachsenenalter aktiv, was zu der Annahme passt, dass sich dieses Wissen über Bildung und Erfahrung schrittweise aufbaut.
Schizophrenie und Bipolare Störung: Ein gegensätzliches Muster
Beim Vergleich der genetischen Risikoprofile von fünf psychiatrischen Erkrankungen mit den drei kognitiven Domänen zeigten sich deutliche Unterschiede. Schizophrenie und die Bipolare Störung wiesen dabei die größte Ähnlichkeit zueinander auf:
- Das genetische Risiko für beide Erkrankungen war mit langsameren Reaktionszeiten und geringerer fluider Intelligenz verbunden.
- Gleichzeitig zeigte sich ein positiver Zusammenhang mit kristalliner Intelligenz und mit nicht-kognitiven Bildungsfähigkeiten.
Londoño-Correa fasst die zentrale Erkenntnis so zusammen: Die genetische Beziehung zwischen psychiatrischen Erkrankungen und kognitiven Fähigkeiten verläuft nicht einheitlich positiv oder negativ. Wer Kognition auf einen einzigen allgemeinen Intelligenzfaktor reduziert, riskiert, bedeutsame Unterschiede zu übersehen.
Andere Erkrankungen zeigten völlig andere Muster
- ADHS: leicht schnellere Reaktionszeiten, aber niedrigere fluide Intelligenz, niedrigere kristalline Intelligenz und geringere nicht-kognitive Fähigkeiten.
- Autismus-Spektrum-Störung: ausschließlich positiver Zusammenhang mit kristalliner Intelligenz.
- Alzheimer-Krankheit: ausschließlich negativer Zusammenhang mit fluider Intelligenz, passend zur klinischen Beobachtung, dass Demenz vor allem exekutive Funktionen und spontanes Problemlösen beeinträchtigt.
Die Rolle von Offenheit für neue Erfahrungen
Ein weiterer bemerkenswerter Befund betrifft die Persönlichkeitsforschung: Offenheit für Erfahrungen, ein Merkmal, das mit Neugier und Lernbereitschaft verbunden ist, zeigte eine starke positive genetische Korrelation mit kristalliner Intelligenz, jedoch deutlich schwächere Zusammenhänge mit Reaktionszeit und fluider Intelligenz.
Londoño-Correa erklärt dies über das Konzept sogenannter „erfahrungsproduzierender Antriebe“: Menschen mit ausgeprägter Neugier suchen aktiv Bücher, Gespräche, Bildungsangebote und kulturelle Erlebnisse. Über die Zeit summieren sich diese Erfahrungen zu kristallinem Wissen, jenem Merkmal, das auch mit einem höheren genetischen Risiko für Schizophrenie, Bipolare Störung und Autismus korrelierte.
Wichtige Einschränkungen der Studie
Die Autoren betonen mehrere zentrale Vorbehalte, die für die Einordnung der Ergebnisse entscheidend sind:
- Eine genetische Überschneidung zwischen einer psychiatrischen Erkrankung und einem kognitiven Merkmal bedeutet nicht, dass ein bestimmtes Gen automatisch die Erkrankung auslöst oder hohe Intelligenz garantiert.
- Genetische Veranlagung ist nicht gleichzusetzen mit einer tatsächlichen Diagnose. Die Studie beschreibt statistische Zusammenhänge auf Bevölkerungsebene, nicht die durchschnittlichen Eigenschaften diagnostizierter Personen.
- Die Ergebnisse sollten keinesfalls so interpretiert werden, dass Schizophrenie oder Autismus die Kognition verbessern, da beide Erkrankungen erhebliche kognitive und funktionelle Belastungen mit sich bringen können.
- Die gesamte Analyse basiert ausschließlich auf Daten von Personen europäischer Abstammung, um statistische Verzerrungen durch gemischte genetische Hintergründe zu vermeiden. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.
Ausblick: Evolutionäre Fragen zur psychiatrischen Genetik
Das Forschungsteam plant, die gewonnenen Erkenntnisse für breitere evolutionsbiologische Fragestellungen zu nutzen. Ein zentrales Interesse gilt der Frage, warum genetische Varianten, die mit psychiatrischen Erkrankungen verbunden sind, trotz gesundheitlicher und reproduktiver Nachteile über die Menschheitsgeschichte hinweg bestehen geblieben sind, insbesondere bei Erkrankungen, die häufig bereits früh im Leben beginnen.
Ein möglicher Erklärungsansatz ist das Konzept der antagonistischen Pleiotropie: Genvarianten, die das Risiko für eine Erkrankung erhöhen, könnten gleichzeitig kognitive oder verhaltensbezogene Vorteile mit sich bringen. Die vorliegende Studie testet natürliche Selektion nicht direkt, künftige Analysen mit alter DNA könnten jedoch zeigen, ob psychiatrisch relevante Genvarianten, die auch mit höherer kognitiver Leistung verbunden sind, im Laufe der Menschheitsgeschichte an Häufigkeit zugenommen haben.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was bedeutet „kristalline Intelligenz“ genau? Kristalline Intelligenz bezeichnet das im Laufe des Lebens angesammelte Faktenwissen, den Wortschatz und kulturell vermittelte Kenntnisse. Sie unterscheidet sich von der fluiden Intelligenz, die eher die Fähigkeit beschreibt, neue und unbekannte Probleme spontan zu lösen.
Bedeutet ein hohes genetisches Risiko für Schizophrenie automatisch eine höhere Bildung? Nein. Die Studie beschreibt statistische Zusammenhänge auf Bevölkerungsebene zwischen genetischer Veranlagung und kognitiven Merkmalen. Eine individuelle Vorhersage für eine einzelne Person lässt sich daraus nicht ableiten.
Warum wurden nur Daten von Personen europäischer Abstammung verwendet? Genetische Analysen dieser Art erfordern große, genetisch homogene Stichproben, um methodische Verzerrungen zu vermeiden. Das bedeutet jedoch auch, dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen derzeit nicht gesichert ist.
Was ist antagonistische Pleiotropie? Es handelt sich um ein evolutionsbiologisches Konzept, wonach ein einzelnes Gen sowohl vorteilhafte als auch nachteilige Effekte haben kann. Im Kontext dieser Studie wird diskutiert, ob Genvarianten, die das Risiko für psychiatrische Erkrankungen erhöhen, gleichzeitig bestimmte kognitive Vorteile mit sich bringen könnten.
Wie viele Personen wurden für die Analyse der kristallinen Intelligenz untersucht? Die Stichprobe für die Analyse der kristallinen Intelligenz umfasste rund 439.000 Personen.
Wie viele neue genetische Regionen wurden entdeckt? Die Studie identifizierte 78 genetische Regionen, die mit kristalliner Intelligenz assoziiert sind, davon acht Regionen, die zuvor mit keinem kognitiven Merkmal in Verbindung gebracht worden waren.
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Quellen
Dolan, E. W. (2026, August 29). Genetic risk for schizophrenia and bipolar disorder is linked to specific types of intelligence. PsyPost. https://www.psypost.org/genetic-risk-for-schizophrenia-and-bipolar-disorder-is-linked-to-specific-types-of-intelligence/
Londoño-Correa, D., de la Fuente, J., Davies, G., Cox, S. R., Deary, I. J., Harden, K. P., & Tucker-Drob, E. M. (2026). Crystallized and fluid cognitive abilities have different genetic associations with neuropsychiatric disorders. Nature Communications. https://doi.org/10.1038/s41467-026-72477-7
Autorengruppe. (2023). [Genetic and environmental overlap between schizophrenia and cognitive impairment, Übersichtsartikel]. Molecular Psychiatry. https://doi.org/10.1038/s41380-023-01949-9
PsyPost. (2024). Study reveals subtle genetic link between intelligence and mental health. PsyPost. https://www.psypost.org/study-reveals-subtle-genetic-link-between-intelligence-and-mental-health/






