Ursache für Misophonie: Warum Essgeräusche einige Menschen aggressiv machen

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Torsten Lorenz, aktualisiert am 21. November 2022, Lesezeit: 7 Minuten

Misophonie – Die Überempfindlichkeit auf bestimmte Geräusche. Misophonie gilt als neurophysiologischer Zustand, bei dem Menschen unverhältnismäßig negativ auf bestimmte Geräusche reagieren.

  • Miso bedeutet Hass und Phono Ton, also der Hass auf einen bestimmten Ton oder Hass auf Geräusche.

Warum machen Essgeräusche einige Menschen aggressiv?

Die meisten Menschen empfinden Atemgeräusche, Gähnen, Essensgeräusche oder Kaugeräusche (Schmatzen) als unangenehm, aber für einige Menschen sind sie schlichtweg nicht zu ertragen.

  • Forschungsergebnisse der Newcastle University in England zeigen, dass das Gehirn der Betroffenen dabei auf Hochtouren läuft.

Konkret verdeutlichen die Studienergebnisse die körperlichen Grundlagen von Menschen, die an Misophonie leiden, einer Störung, bei der sie Essensgeräusche, Kauen oder das wiederholte Klicken eines Kugelschreibers hassen und teils aggressiv machen können.

  • Die Betroffenen reagieren auf diese Geräusche, die in der Misophonie-Community „Trigger-Sounds“ genannt werden, mit einem sofortigen und intensiven Kampf- oder Fluchtgefühl.

Misophonie: Veränderungen in der Gehirnaktivität

Die in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlichten Forschungsergebnisse haben zum ersten Mal signifikante Veränderungen in der Struktur des Frontallappens des Gehirns von Misophonie-Betroffenen und auch Veränderungen in der Gehirnaktivität gezeigt.

  • Die Aufnahmen des Gehirns zeigten, dass die Betroffenen eine Anomalie im emotionalen Kontrollmechanismus haben, die dazu führt, dass ihr Gehirn beim Hören von auslösenden Geräuschen in den Ausnahmezustand (Overdrive) versetzt wird.

Außerdem fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heraus, dass die Hirnaktivität von einem anderen Konnektivitätsmuster des Frontallappens ausgeht.

  • Normalerweise ist der Frontallappen dafür verantwortlich, die abnorme Reaktion auf Geräusche zu unterdrücken.

Die Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass Triggergeräusche bei Menschen mit Misophonie eine erhöhte physiologische Reaktion mit erhöhter Herzfrequenz und Schweißausbrüchen hervorrufen.

Die Studie wurde von Dr. Sukhbinder Kumar vom Institute of Neuroscience der Newcastle University und dem Wellcome Centre for NeuroImaging am University College London (UCL) geleitet.

Der Wissenschaftler erklärte, dass dies für viele Menschen mit Misophonie eine wertvolle Nachricht sei, da zum ersten Mal ein Unterschied in der Gehirnstruktur und -funktion bei den Betroffenen nachgewiesen werden konnte.

Die klinischen Merkmale von Misophonie-Patienten sind auffallend ähnlich und dennoch wird das Syndrom in keinem der derzeitigen klinischen Diagnoseschemata anerkannt.

Die vorliegende Studie zeigt die entscheidenden Veränderungen im Gehirn auf und liefert damit einen weiteren Beweis, um eine in Teilen skeptische medizinische Fachwelt davon zu überzeugen, dass es sich um eine echte Gesundheitsstörung handelt.

Unangenehme und Triggergeräusche: Was sind die Unterschiede?

Mit Hilfe von Hirnscans, die mit Magnetresonanztomographie (MRT) erstellt wurden, konnten die Forscher/innen einen physischen Unterschied zwischen den Gehirnhälften von Menschen mit Misophonie im Frontallappen feststellen – mit einer stärkeren Myelinisierung in der grauen Substanz des ventromedialen präfrontalen Cortex (vmPFC).

In der Studie wurde auch die Gehirnaktivität von Menschen mit und ohne Misophonie mittels funktioneller MRT gemessen, während sie eine Reihe von Geräuschen hörten, darunter:

  • Neutrale Geräusche: Regen, ein belebtes Café, ein kochender Wasserkocher
  • Unangenehme Geräusche: Babygeschrei, eine schreiende Person
  • Triggergeräusche (auslösende Geräusche): Atemgeräusche, Essgeräuschen

Das Ergebnis zeigte abnormale Verbindungen zwischen diesem Frontallappenbereich und dem anterioren insulären Kortex (AIC).

  • Dieses Areal befindet sich in der grauen Substanz des Gehirns, ist aber in einer tiefen Falte an der Seite des Gehirns vergraben.

Es ist bekannt, dass es an der Verarbeitung von Emotionen und der Integration von Signalen aus dem Körper und der Außenwelt beteiligt ist.

Bei Personen, die misophon sind, steigt die Aktivität in beiden Bereichen an, während bei normalen Personen die Aktivität im anterioren insulären Kortex (AIC) ansteigt, während sie im Frontalbereich sinkt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass dies auf einen gestörten Kontrollmechanismus zwischen dem Frontallappen und dem anterioren insulären Kortex zurückzuführen ist.

Nach Aussage von Tim Griffiths, Professor für kognitive Neurologie an der Newcastle University und dem UCL liegen damit nun die ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, die die Unterschiede in den Kontrollmechanismen des Gehirns bei Misophonie als Grundlage für die Störung erklären.

Dadurch werden therapeutische Maßnahmen angeregt und die Suche nach ähnlichen Mechanismen bei anderen Erkrankungen, die mit abnormalen emotionalen Reaktionen einhergehen, gefördert, so der Wissenschaftler.

Für Dr. Sukhbinder Kumar eröffnet diese Forschungsarbeit zukünftige Möglichkeiten für die Therapie. Seine Hoffnung ist es, die Gehirnsignatur der auslösenden Geräusche zu identifizieren.

Kreidequietschen: Was für die Reaktion auf unangenehme Geräusche verantwortlich ist

Eine erhöhte Aktivität zwischen dem emotionalen und dem auditorischen Teil des Gehirns erklärt, warum das Geräusch von Kreide oder einem Nagel auf einer Tafel so unangenehm ist.

  • In einer anderen Studie zeigten die Wissenschaftler der Universität Newcastle die Wechselwirkung zwischen dem Bereich des Gehirns, der Geräusche verarbeitet, dem auditorischen Kortex, und der Amygdala, die bei der Verarbeitung negativer Emotionen aktiv ist, wenn Menschen unangenehme Geräusche hören.

Bildgebende Untersuchungen des Gehirns haben gezeigt, dass die Amygdala die Reaktion der Hörrinde moduliert, wenn wir ein unangenehmes Geräusch hören, was die Aktivität erhöht und unsere negative Reaktion hervorruft.

  • Nach Ansicht von Dr. Sukhbinder Kumar, der Autor der Studie von der Universität Newcastle wir dabei offenbar etwas sehr Grundsätzliches (primitives) ausgelöst.

Möglicherweise handelt es sich um eine Art Notsignal von der Amygdala an den auditorischen Kortex.

Forscherinnen und Forscher der Newcastle University untersuchten mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), wie die Gehirne von 13 Freiwilligen auf eine Reihe von Geräuschen reagierten.

Im Scanner hörten sie verschiedene Geräusche und bewerteten sie von unangenehm – das Geräusch eines Messers auf einer Flasche, das Geräusch vom quietschen der Kreide – bis angenehm – plätscherndes Wasser.

Die Forschenden untersuchten daraufhin die Reaktion des Gehirns auf die verschiedenen Geräusche.

Es zeigte sich, dass die Aktivität der Amygdala und des auditorischen Kortex in direktem Zusammenhang mit der Bewertung der Unangenehmkeit durch die Probanden stand.

Der emotionale Teil des Gehirns, die Amygdala, übernimmt das Kommando und moduliert die Aktivität des auditorischen Teils des Gehirns, so dass die Wahrnehmung eines sehr unangenehmen Geräuschs, wie etwa eines Messers auf einer Flasche, im Vergleich zu einem beruhigenden Geräusch, wie etwa plätscherndes Wasser, verstärkt wird.

Die Auswertung der akustischen Merkmale der Geräusche ergab, dass alles im Frequenzbereich von etwa 2.000 bis 5.000 Hz als unangenehm empfunden wurde.

  • Laut Dr. Kumar ist das ist der Frequenzbereich, in dem das menschliche Ohr am empfindlichsten ist.

Es gibt zwar immer noch viele Diskussionen darüber, warum unsere Ohren in diesem Bereich am empfindlichsten sind, aber er umfasst auch Schreie, die wir als unangenehm empfinden, so der Forscher.

Hyperakusis, Misophonie und Autismus besser verstehen

Wissenschaftlich gesehen könnte ein besseres Verständnis der Reaktion des Gehirns auf Lärm dazu beitragen, Krankheiten wie Hyperakusis, Misophonie (wörtlich: „Hass auf Geräusche„) und Autismus zu verstehen, bei denen Menschen eine verminderte Lärmtoleranz haben.

Nach Aussage von Professor Tim Griffiths von der Universität Newcastle, der die Studie leitete, wirft diese Arbeit ein neues Licht auf die Interaktion zwischen der Amygdala und dem auditorischen Kortex.

Das könnte ein neuer Ansatzpunkt für emotionale Störungen und Erkrankungen wie Tinnitus und Migräne sein, bei denen die unangenehmen Aspekte von Geräuschen verstärkt wahrgenommen werden, so der Wissenschaftler. Die Studie wurde im Journal of Neuroscience publiziert.

Quellen

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