Belastende Lebensereignisse erhöhen das Risiko für depressive Symptome im Jugendalter nachweislich, doch eine im Dezember 2025 in Scientific Reports veröffentlichte Längsschnittstudie zeigt nun erstmals differenziert, dass Mädchen und Jungen auf diese Belastungen mit deutlich unterschiedlichen Symptommustern reagieren, wobei insbesondere negative Selbstbewertung bei Mädchen einen signifikant stärkeren Anstieg verzeichnet als bei gleichaltrigen Jungen.
ÜBERSICHT
- 1 Depression im Jugendalter: Ein wachsendes Problem der öffentlichen Gesundheit
- 2 Die Studie: Design, Stichprobe und Methoden
- 3 Zentrale Ergebnisse: Was die Daten zeigen
- 4 Der Geschlechtsunterschied: Negative Selbstbewertung bei Mädchen
- 5 Frühe Lebensstressoren als Risikofaktor
- 6 Einschränkungen und Grenzen der Studie
- 7 Langfristige Folgen von Jugenddepression
Depression im Jugendalter: Ein wachsendes Problem der öffentlichen Gesundheit
Depression gehört weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und verursacht erhebliche persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Kosten. Besonders im Jugendalter steigt das Risiko für eine erste depressive Episode rapide an.
Aktuelle epidemiologische Daten aus den USA belegen: Während nur rund 4 Prozent der Zwölfjährigen unter einer Depression leiden, steigt dieser Anteil bis zum Alter von 15 Jahren auf nahezu 14 Prozent (Merikangas et al., 2010). Schätzungen aus dem National Comorbidity Survey Replication zufolge beginnen viele psychische Störungen, einschließlich der Major Depression, bereits in der Adoleszenz (Kessler et al., 2005).
Gleichzeitig ist bekannt, dass Menschen, die eine schwere depressive Episode entwickeln, mit einer 2,5- bis 9,4-fach höheren Wahrscheinlichkeit zuvor ein einschneidendes negatives Lebensereignis erlebt haben (Kendler et al., 1999; Cohen et al., 2019). Was bisher weniger verstanden wurde: Welche spezifischen Symptome entstehen, und ob dieser Zusammenhang bei Mädchen und Jungen unterschiedlich ausgeprägt ist.
Die Studie: Design, Stichprobe und Methoden
Aufbau der Längsschnittstudie
Die Studie mit dem Titel „Sex, early life adversity, and negative self-evaluation shape the association between negative life events and depressive symptoms in adolescence“ wurde von Kate Ryan Kuhlman und Kolleginnen und Kollegen der University of California, Los Angeles (UCLA) und der University of California, Irvine durchgeführt. Rekrutiert wurde zwischen Juni 2017 und Februar 2020 im Rahmen des sogenannten Teen Resilience Project.
Teilnehmende und Vorgehensweise
An der Studie nahmen 97 Jugendliche im Alter zwischen 11 und 17 Jahren teil, mit einem Durchschnittsalter von 13,9 Jahren; 46,4 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich. Die Rekrutierung erfolgte durch Massenmailings an Haushalte mit Jugendlichen in Südkalifornien. Die Stichprobe wurde gezielt überrepräsentiert mit Jugendlichen, die frühe Lebensstressoren (englisch: early life adversity, ELA) erlebt hatten, da diese als bekannter Risikofaktor für Depression gelten.
Alle 97 Teilnehmenden schlossen sämtliche Folgebefragungen ab, was einer Retentionsrate von 100 Prozent entspricht. Befragungen fanden zu Beginn sowie nach vier, acht und zwölf Monaten statt, insgesamt ergaben sich so 388 Beobachtungspunkte. Dabei erhielten die Teilnehmenden 60 US-Dollar zum Studienstart und je 15 US-Dollar für jede weitere Teilnahme.
Instrumente zur Messung
Depressive Symptome wurden mit der Reynolds Adolescent Depression Scale, zweite Ausgabe (RADS-2), einem validierten 30-Item-Fragebogen mit vier Subskalen, erhoben:
- Dysphorische Stimmung (z. B. Einsamkeit, Weinen)
- Anhedonie (z. B. fehlende Freude, sozialer Rückzug)
- Somatische Beschwerden (z. B. Müdigkeit, Schmerzen, Schlafprobleme)
- Negative Selbstbewertung (z. B. das Gefühl, von anderen nicht gemocht oder nicht wahrgenommen zu werden)
Negative Lebensereignisse wurden mit einer 18 Punkte umfassenden Checkliste erfasst, die Ereignisse in den Bereichen Familie, Freundschaft und Schule abdeckt. Zu den häufigsten Ereignissen in dieser Stichprobe zählten: wochenlange Abwesenheit des Vaters, ernsthafter Streit mit einer Freundin oder einem Freund, negativ empfundene körperliche Veränderungen sowie der Verlust eines nahen Familienmitglieds, einer Freundschaft oder eines Haustieres.
Zentrale Ergebnisse: Was die Daten zeigen
Depressive Symptome nehmen im Jugendalter zu
Über den zwölfmonatigen Beobachtungszeitraum stiegen die depressiven Gesamtsymptome der Teilnehmenden signifikant an (b = 0,41, 95-%-KI: 0,13–0,69, p = 0,004). Dieser Anstieg betraf spezifisch zwei Subskalen:
- Dysphorische Stimmung (b = 0,16, p < 0,001)
- Somatische Beschwerden (b = 0,12, p = 0,001)
Keine signifikanten Veränderungen über die Zeit zeigten sich bei Anhedonie oder negativer Selbstbewertung für die Gruppe insgesamt.
Zwischen 20,2 und 29,8 Prozent der Teilnehmenden wiesen zu jedem Messzeitpunkt klinisch erhöhte Depressionswerte auf. Bei 13,4 Prozent (n = 13) wurde im Laufe des Jahres auf Basis eines diagnostischen Interviews eine depressive Episode festgestellt.
Mehr negative Ereignisse, mehr depressive Symptome
Jugendliche, die im Durchschnitt über den gesamten Untersuchungszeitraum mehr negative Lebensereignisse berichteten, zeigten auch deutlich stärker ausgeprägte depressive Gesamtsymptome (b = 4,05, 95-%-KI: 1,39–6,71, p = 0,003). Dieser Zusammenhang erwies sich hauptsächlich als Zwischen-Personen-Effekt: Wer insgesamt häufiger belastende Ereignisse erlebte, war stärker betroffen, unabhängig davon, ob die Ereignisse zum Befragungszeitpunkt aktuell waren.
Innerhalb einer Person kurzfristig schwankende Ereignisse hatten hingegen keinen statistisch nachweisbaren Einfluss auf die Gesamtsymptomatik. Dieser Befund unterscheidet sich von einigen früheren Studien und könnte mit der geringeren Itemanzahl des verwendeten Stressmessverfahrens sowie mit den besonderen Bedingungen der COVID-19-Pandemie zusammenhängen, da rund 24 Prozent der Nachbefragungen nach dem 11. März 2020 stattfanden.
Der Geschlechtsunterschied: Negative Selbstbewertung bei Mädchen
Das zentrale Befundmuster
Das auffälligste Ergebnis der Studie betrifft den Zusammenhang zwischen negativen Lebensereignissen und der Subskala negative Selbstbewertung in Abhängigkeit vom Geschlecht.
Bei Mädchen war eine höhere durchschnittliche Belastung durch negative Ereignisse mit signifikant stärker ausgeprägter negativer Selbstbewertung assoziiert (b = 2,01, 95-%-KI: 0,97–3,06, p < 0,001). Bei Jungen zeigte sich dieser Zusammenhang nicht (alle p-Werte > 0,30).
Das Geschlecht moderierte den Zusammenhang zwischen negativen Ereignissen und negativer Selbstbewertung statistisch signifikant (b = –1,78, 95-%-KI: –3,23 bis –0,33, p = 0,02). Für andere Symptombereiche, einschließlich Gesamtdepression, dysphorische Stimmung und somatische Beschwerden, fanden sich keine vergleichbaren Geschlechtsunterschiede.
Was negative Selbstbewertung bedeutet
Die Subskala der negativen Selbstbewertung umfasst Gefühle wie: von Eltern oder anderen nicht gemocht zu werden, das Gefühl, dass sich niemand für einen interessiert, oder das Empfinden, nichts wert zu sein. Diese kognitive Dimension der Depression gilt als besonders relevant für die Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen.
Frühere Forschung zeigt, dass Mädchen im Jugendalter zu stärkerem Grübeln und selbstbezogenen negativen Gedanken neigen als Jungen (Johnson & Whisman, 2013). Die vorliegende Studie konkretisiert diesen Befund: In Verbindung mit belastenden Lebensereignissen manifestiert sich diese Vulnerabilität bei Mädchen besonders in der negativen Selbstbewertung.
Frühe Lebensstressoren als Risikofaktor
Wer besonders gefährdet ist
Jugendliche mit hoher Vorbelastung durch frühe Lebensstressoren (ELA) zeigten generell höhere Depressionswerte, insbesondere bei somatischen Beschwerden und negativer Selbstbewertung. Überraschenderweise reagierten diese Jugendlichen auf aktuelle negative Ereignisse jedoch nicht mit einer weiteren Zunahme der Gesamtsymptomatik, im Gegensatz zu dem, was die sogenannte Stresssensitivierungshypothese vorhersagt.
Jugendliche mit geringer Vorbelastung hingegen berichteten höhere Depressionssymptome, wenn sie mehr durchschnittliche negative Ereignisse erlebt hatten (b = 6,52, p = 0,02). Dieser Befund legt nahe, dass Jugendliche mit früher Adversität möglicherweise bereits zu einem früheren Entwicklungszeitpunkt sensibilisiert wurden und ihre depressiven Verläufe weniger stark von aktuellen Stressoren abhängen.
Praktische Schlussfolgerungen
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass Präventions- und Interventionsprogramme sowohl für Jugendliche mit früher Belastung als auch mit aktuellen Stresserfahrungen konzipiert werden sollten, unabhängig voneinander. Geschlechtsspezifische Ansätze, die besonders die negative Selbstbewertung bei Mädchen adressieren, könnten dabei wirksamer sein als einheitliche Programme.
Einschränkungen und Grenzen der Studie
Die Studie hat mehrere methodische Einschränkungen, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen:
- Stichprobengröße: Mit 97 Teilnehmenden war die Stichprobe zu klein, um kleinere Effekte sicher zu detektieren.
- Regionale Begrenzung: Alle Teilnehmenden stammten aus Südkalifornien; Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen oder kulturelle Kontexte ist nicht gesichert.
- COVID-19-Effekte: Rund 24 Prozent der Nachbefragungen fanden während der Pandemie statt, was die Art der berichteten Stressereignisse beeinflusst haben könnte.
- Selbstauskunft über Geschlecht: Geschlecht wurde mit einem einzigen Item erhoben, ohne Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität.
- Beobachtungsdesign: Kausalschlüsse sind aufgrund des nicht-experimentellen Studiendesigns nicht direkt ableitbar.
Langfristige Folgen von Jugenddepression
Die gesellschaftliche Relevanz dieser Befunde ist erheblich. Jugenddepression geht mit einer fast dreifach erhöhten Wahrscheinlichkeit einer erneuten depressiven Episode im Erwachsenenalter einher und erhöht das Risiko für Angststörungen, bipolare Störungen und Suizidgedanken (James et al., 2018). Zusätzlich ist das Risiko, im Erwachsenenalter an Übergewicht zu erkranken, bei depressiven Jugendlichen um rund 70 Prozent erhöht (Mannan et al., 2016), und das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen steigt ebenfalls (Goldstein & Korczak, 2020). Auch die soziale Funktionsfähigkeit leidet langfristig: Einsamkeit, Arbeitslosigkeit und geringere Bildungsabschlüsse sind dokumentierte Spätfolgen (Chang & Kuhlman, 2022).
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Chang, K., & Kuhlman, K. R. (2022). Adolescent-onset depression is associated with altered social functioning into middle adulthood. Scientific Reports, 12, 17320. https://doi.org/10.1038/s41598-022-21593-1
Cohen, S., Murphy, M. L. M., & Prather, A. A. (2019). Ten surprising facts about stressful life events and disease risk. Annual Review of Psychology, 70, 577–597. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-010418-102857
Goldstein, B. I., & Korczak, D. J. (2020). Links between child and adolescent psychiatric disorders and cardiovascular risk. Canadian Journal of Cardiology, 36(9), 1394–1405. https://doi.org/10.1016/j.cjca.2020.06.020
James, S. L., et al. (2018). Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 354 diseases and injuries for 195 countries and territories, 1990–2017: A systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2017. The Lancet, 392(10159), 1789–1858. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)32279-7
Jenness, J. L., Peverill, M., King, K. M., Hankin, B. L., & McLaughlin, K. A. (2019). Dynamic associations between stressful life events and adolescent internalizing psychopathology in a multiwave longitudinal study. Journal of Abnormal Psychology, 128(6), 596–609. https://doi.org/10.1037/abn0000433
Johnson, D. P., & Whisman, M. A. (2013). Gender differences in rumination: A meta-analysis. Personality and Individual Differences, 55(4), 367–374. https://doi.org/10.1016/j.paid.2013.03.019
Kendler, K. S., Karkowski, L. M., & Prescott, C. A. (1999). Causal relationship between stressful life events and the onset of major depression. American Journal of Psychiatry, 156(6), 837–841. https://doi.org/10.1176/ajp.156.6.837
Kessler, R. C., et al. (2005). Lifetime prevalence and age-of-onset distributions of DSM-IV disorders in the National Comorbidity Survey Replication. Archives of General Psychiatry, 62(6), 593–602. https://doi.org/10.1001/archpsyc.62.6.593
Kuhlman, K. R., Antici, E. E., Dveirin, H., Tran, M.-L. M., Hall, N. A., Delacruz, P., & Bower, J. E. (2025). Sex, early life adversity, and negative self-evaluation shape the association between negative life events and depressive symptoms in adolescence. Scientific Reports, 16, 65. https://doi.org/10.1038/s41598-025-29337-z
Mannan, M., Mamun, A., Doi, S., & Clavarino, A. (2016). Prospective associations between depression and obesity for adolescent males and females: A systematic review and meta-analysis of longitudinal studies. PLOS ONE, 11(6), e0157240. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0157240
Merikangas, K. R., et al. (2010). Lifetime prevalence of mental disorders in US adolescents: Results from the National Comorbidity Survey Replication–Adolescent Supplement (NCS-A). Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 49(10), 980–989. https://doi.org/10.1016/j.jaac.2010.05.017
Morken, I. S., Viddal, K. R., von Soest, T., & Wichstrøm, L. (2023). Explaining the female preponderance in adolescent depression: A four-wave cohort study. Research on Child and Adolescent Psychopathology, 51, 859–869. https://doi.org/10.1007/s10802-022-01006-3
Sisk, L. M., & Gee, D. G. (2022). Stress and adolescence: Vulnerability and opportunity during a sensitive window of development. Current Opinion in Psychology, 44, 286–292. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2021.10.005






