Sport oder Nickerchen: Beides schützt das Gedächtnis nach Schlafmangel

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Dr. Amalia Michailov, Veröffentlicht am: 15.09.2026, Lesezeit: 8 Minuten

Eine durchwachte Nacht macht es spürbar schwerer, sich neue Informationen zu merken. Eine aktuelle Studie im Fachjournal PNAS zeigt nun, dass sowohl ein kurzes Workout als auch ein längerer Mittagsschlaf diesen Effekt abfedern können, und zwar in ähnlichem Ausmaß. Interessant ist dabei, dass die beiden Strategien im Gehirn völlig unterschiedliche Wege nutzen, um zum selben Ergebnis zu kommen. Für Schichtarbeiter, medizinisches Personal und alle, die Schlafmangel nicht einfach vermeiden können, liefert das einen konkreten Ansatzpunkt.

Warum Schlafmangel das Gedächtnis schwächt

Das episodische Gedächtnis speichert konkrete Erlebnisse mitsamt Zeit und Ort und ist damit zentral für Alltagsentscheidungen und Lernprozesse. Wird dieser Speichervorgang gestört, wirkt sich das direkt auf Leistungsfähigkeit und Sicherheit aus, etwa bei Ärztinnen, Piloten oder Fahrern im Nachtdienst.

Dass fehlender Schlaf genau diese Fähigkeit beeinträchtigt, gilt als gut belegt. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017 beschreibt, wie Schlafentzug die neuronalen Netzwerke stört, die für die Aufnahme und Verarbeitung neuer Informationen zuständig sind. Da Schlafmangel besonders in Berufen mit Nacht- oder Wechselschichten verbreitet ist, suchen Forschende seit Langem nach praktikablen Gegenmaßnahmen.

Sport als möglicher Gegenspieler

Unabhängig von Schlafmangel ist seit Jahren bekannt, dass körperliche Aktivität dem Gedächtnis unter normalen Bedingungen nutzen kann. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse aus dem Jahr 2019 zeigte, dass eine einzelne kurze Trainingseinheit direkt vor einer Lernaufgabe die Gedächtnisleistung spürbar verbessern kann.

Auf dieser Grundlage formulierte ein 2022 erschienener Übersichtsartikel eines Forschungsteams der McGill-Universität die Hypothese, Sport könnte gezielt die Gedächtnisdefizite ausgleichen, die durch Schlafmangel entstehen. Genau diese Idee hat dieselbe Gruppe nun erstmals direkt gegen die Wirkung eines Nickerchens getestet.

Die Studie im Überblick

Studiendesign

Für die Untersuchung, geleitet von Madhura S. Lotlikar, hielten die Forschenden 53 gesunde junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren 30 Stunden lang wach in einem Schlaflabor. Anschließend wurden die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip einer von drei Gruppen zugeteilt.

Eine Gruppe absolvierte 20 Minuten moderates bis intensives Ausdauertraining auf einem Fahrradergometer bei rund 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Eine zweite Gruppe erhielt die Gelegenheit zu einem 90-minütigen Nickerchen in einem ruhigen, abgedunkelten Raum. Eine dritte, als Kontrolle dienende Gruppe saß lediglich 20 Minuten auf dem Fahrradergometer, ohne zu treten.

Nach einer 30-minütigen Pause, die vor allem der Nickerchen-Gruppe half, eventuelle Schlaftrunkenheit abzubauen, absolvierten alle Teilnehmenden eine Gedächtnisaufgabe unter EEG-Kontrolle. Sie betrachteten 150 Bilder und bewerteten deren emotionale Intensität. Drei Tage später folgte ein überraschender Wiedererkennungstest mit den ursprünglichen sowie 75 neuen Bildern.

Die Ergebnisse

Sowohl die Sport- als auch die Nickerchen-Gruppe erkannten die ursprünglichen Bilder deutlich zuverlässiger wieder als die Kontrollgruppe. Die Trefferquote lag bei 56 Prozent nach dem Training und bei 57 Prozent nach dem Nickerchen, gegenüber 46 Prozent in der Kontrollgruppe. Das entspricht einer relativen Verbesserung von durchschnittlich rund 22 Prozent gegenüber der Gruppe ohne Intervention.

Wichtig ist: Dieser Unterschied ließ sich nicht dadurch erklären, dass die Teilnehmenden einfach häufiger „Ja, das kenne ich“ angaben. Die Verbesserung spiegelte eine tatsächlich genauere Erinnerung an einzelne Bilder wider.

Zwei Wege zum gleichen Ergebnis

Die EEG-Daten zeigen, warum Sport und Nickerchen trotz ähnlicher Wirkung unterschiedliche Prozesse im Gehirn ansprechen.

Bei der Nickerchen-Gruppe reduzierte der Schlaf bereits vor Beginn der Gedächtnisaufgabe die EEG-Marker für neuronale Erschöpfung und Schlafdruck. Das Gehirn ging gewissermaßen erholt in die Lernphase, und dieser Ausgangszustand war der stärkste Vorhersagewert für die spätere Testleistung.

Bei der Sport-Gruppe blieben diese Erschöpfungsmarker vor der Aufgabe dagegen genauso hoch wie in der Kontrollgruppe. Stattdessen reagierte das Gehirn beim Betrachten der Bilder mit spezifischen elektrischen Mustern, die mit aktiver Aufmerksamkeit und Lernprozessen in Verbindung stehen. Die sportlich aktiven Teilnehmenden konnten ihre vorhandenen mentalen Ressourcen offenbar effizienter einsetzen, ohne dafür zusätzlichen Kraftaufwand zu benötigen.

Die unausgeruhte Kontrollgruppe hingegen zeigte beim Verarbeiten neuer Bilder Anzeichen erhöhter Anstrengung, die sich jedoch nicht in einer besseren Gedächtnisleistung niederschlug. Das deutet darauf hin, dass das übermüdete Gehirn zwar versuchte, seine Erschöpfung zu kompensieren, dabei aber nicht erfolgreich war.

Mögliche Bedeutung für Schichtarbeit

Die Autorinnen und Autoren sehen in den Ergebnissen einen möglichen Ansatzpunkt für Berufsgruppen, die häufig unter Schlafmangel arbeiten, etwa Pflegekräfte, Rettungsdienste oder Lkw-Fahrerinnen. Ein Nickerchen ist während einer Schicht nicht immer möglich, während ein kurzes Training deutlich einfacher umzusetzen wäre.

Dabei handelt es sich bislang um eine Einschätzung der Forschenden und nicht um eine geprüfte Praxisempfehlung. Ob sich der beobachtete Effekt tatsächlich auf konkrete berufliche Aufgaben wie die Medikamentenvergabe im Pflegealltag oder die Spurhaltung beim Lkw-Fahren übertragen lässt, ist noch offen und müsste eigens untersucht werden.

Grenzen der Studie

Wie jede Einzelstudie hat auch diese Untersuchung Einschränkungen. Das Laborsetting mit einem einzigen, extremen Schlafentzug von 30 Stunden bildet nicht zwangsläufig den chronischen, wiederkehrenden Schlafmangel ab, dem viele Schichtarbeitende im Alltag ausgesetzt sind.

Auch die unterschiedliche Dauer der beiden Interventionen fällt auf: 20 Minuten Sport standen 90 Minuten Nickerchen gegenüber. Die Forschenden begründen dies damit, dass ein 90-minütiges Training kaum praktikabel wäre, während ein nur 20-minütiges Nickerchen vermutlich nicht ausreichend tiefen Schlaf liefert, um die erhoffte Wirkung zu erzielen.

Hinzu kommt: Es handelt sich um eine einzelne, wenn auch methodisch sorgfältig durchgeführte randomisierte Studie mit 53 Teilnehmenden. Eine unabhängige Bestätigung durch weitere Forschungsgruppen steht noch aus. Die Befunde sind daher als vielversprechend, aber noch nicht als endgültig gesichert einzustufen.

Fazit

Die Studie liefert einen ersten direkten Vergleich zweier zugänglicher Strategien gegen die gedächtnisschädigende Wirkung von Schlafmangel. Beide Ansätze, ein kurzes Training und ein längeres Nickerchen, zeigten in dieser Untersuchung einen ähnlich großen Nutzen, erreicht über unterschiedliche Mechanismen im Gehirn. Bis diese Ergebnisse repliziert und auf reale Arbeitsbedingungen übertragen sind, bleibt Sport eine interessante, aber noch nicht abschließend belegte Alternative zum Nickerchen.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Kann Sport einen fehlenden Schlaf vollständig ersetzen?

Nein. Die Studie untersuchte ausschließlich die kurzfristige Wirkung auf eine bestimmte Gedächtnisaufgabe nach einer Nacht ohne Schlaf. Die zahlreichen anderen Funktionen von Schlaf, etwa für das Immunsystem, den Stoffwechsel oder die allgemeine Erholung, wurden hier nicht erfasst und lassen sich durch Sport nicht ersetzen.

Warum wurde in der Studie mit 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz trainiert und nicht leichter?

Die Forschenden wählten eine moderate bis intensive Belastung, weil frühere Untersuchungen zur akuten Wirkung von Sport auf das Gedächtnis vor allem bei diesem Intensitätsbereich positive Effekte gezeigt haben. Ob auch leichtere Bewegung, etwa zügiges Gehen, einen vergleichbaren Effekt hätte, wurde in dieser Studie nicht geprüft.

Gilt der beobachtete Effekt auch für ältere Menschen oder Personen mit Vorerkrankungen?

Das ist unklar. An der Studie nahmen ausschließlich gesunde Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren teil. Wie sich Sport oder ein Nickerchen bei älteren Personen oder bei Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen auf das Gedächtnis nach Schlafmangel auswirken, müssten künftige Studien gesondert untersuchen.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

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Loprinzi, P. D., Blough, J., Crawford, L., Ryu, S., Zou, L., & Li, H. (2019). The temporal effects of acute exercise on episodic memory function: Systematic review with meta-analysis. Brain Sciences, 9(4), 87. https://doi.org/10.3390/brainsci9040087

Roig, M., Cristini, J., Parwanta, Z., Ayotte, B., Rodrigues, L., de Las Heras, B., Nepveu, J.-F., Huber, R., Carrier, J., Steib, S., Youngstedt, S. D., & Wright, D. L. (2022). Exercising the sleepy-ing brain: Exercise, sleep, and sleep loss on memory. Exercise and Sport Sciences Reviews, 50(1), 38–48. https://doi.org/10.1249/JES.0000000000000273

Lotlikar, M. S., Ayotte, B., Choi, A., Seo, F., Robertson, E. M., Dal Maso, F., & Roig, M. (2026). Protecting episodic memory after sleep loss: Similar benefits of exercise and naps via distinct neural contributions. Proceedings of the National Academy of Sciences, 123(32), e2528246123. https://doi.org/10.1073/pnas.2528246123

McGill University. (2026, August). Workout or nap? Either can help your sleepless brain, study finds [Pressemitteilung]. McGill Newsroom. https://www.mcgill.ca/newsroom/channels/news/workout-or-nap-either-can-help-your-sleepless-brain-study-finds-373881

Dolan, E. W. (2026, September 13). A 20-minute workout protects memory after sleep loss just as well as a 90-minute nap. PsyPost. https://www.psypost.org/a-20-minute-workout-protects-memory-after-sleep-loss-just-as-well-as-a-90-minute-nap/

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