Darmkrebs ist weltweit die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache: 2022 erkrankten fast zwei Millionen Menschen daran, mehr als 900.000 starben an der Erkrankung. Eine neue, in der Fachzeitschrift eGastroenterology veröffentlichte Modellierungsstudie legt nahe, dass ein bislang unterschätzter Faktor an einem Teil dieser Fälle beteiligt sein könnte: das Magenbakterium Helicobacter pylori. Die Forschenden schätzen, dass die Exposition gegenüber dem Bakterium rechnerisch mit bis zu einem Fünftel der weltweiten Darmkrebsfälle in Verbindung stehen könnte, sofern sich der Zusammenhang als ursächlich bestätigt. Das ist eine bemerkenswerte Zahl, doch die Autorinnen und Autoren selbst betonen, dass es sich um eine explorative Schätzung handelt und noch nicht um einen bewiesenen kausalen Effekt.
Ein bereits bekannter Erreger mit neuer Fragestellung
H. pylori besiedelt die Magenschleimhaut von schätzungsweise der Hälfte der Weltbevölkerung. Für den Magen ist die Rolle des Bakteriums seit Langem geklärt: Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stufte H. pylori bereits 1994 als Karzinogen der Gruppe 1 ein, also als gesicherten Auslöser von Krebs, in diesem Fall von Magenkrebs. Ob das Bakterium auch am Darmkrebsrisiko beteiligt ist, wird in der Wissenschaft dagegen seit Jahren kontrovers diskutiert. Frühere Einzelstudien aus verschiedenen Weltregionen hatten wiederholt ein etwa 1,5- bis 2-fach erhöhtes Darmkrebsrisiko bei infizierten Personen berichtet, ohne dass daraus ein klares Gesamtbild entstand.
Genau hier setzt die neue Arbeit an. Ein internationales Forschungsteam wertete Daten aus systematischen Übersichtsarbeiten und gepoolten Analysen aus, aufgeschlüsselt nach Region, Diagnosemethode, Geschlecht, Zugang zu nationalen Darmkrebs-Screening-Programmen und dem Einsatz von Eradikationstherapien. Als Grundlage für die weltweiten Krebszahlen diente die Datenbank Global Cancer Observatory (GLOBOCAN) für das Jahr 2022. Ziel war es, den möglichen Beitrag von H. pylori zur globalen Darmkrebslast abzuschätzen und so eine Grundlage für künftige Präventionsstrategien zu schaffen, insbesondere in Ländern mit hoher H.-pylori-Prävalenz und begrenzten Gesundheitsressourcen.
Der zentrale Befund: eine statistische Assoziation, kein Kausalitätsbeweis
Die Metaanalyse umfasste 43 Studien mit insgesamt knapp 48,7 Millionen Personen. Das Ergebnis: Eine H.-pylori-Exposition war mit einem 1,59-fach erhöhten Darmkrebsrisiko verbunden (95-Prozent-Konfidenzintervall: 1,36 bis 1,87). Dieser Zusammenhang zeigte sich weitgehend unabhängig von Geschlecht, Alter, Diagnosemethode oder dem Vorhandensein eines nationalen Screening-Programms.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Der überwiegende Teil der einbezogenen Studien (38 von 43) waren Fall-Kontroll- oder Querschnittsstudien, nur fünf waren prospektive Kohortenstudien. Zudem war die statistische Heterogenität zwischen den Studien erheblich. Ein derartiges Studiendesign kann eine Assoziation zuverlässig aufzeigen, es kann jedoch keine Kausalität beweisen. Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass ihre Ergebnisse als explorativ und hypothesengenerierend zu verstehen sind, nicht als Beleg dafür, dass H. pylori Darmkrebs tatsächlich verursacht.
Wie groß ist der geschätzte Anteil betroffener Fälle?
Die weltweite Schätzung
Um aus dem relativen Risiko eine konkrete Krankheitslast abzuleiten, berechnete das Team die sogenannte „estimated related proportion“ (ERP), einen statistischen Kennwert, der abschätzt, welcher Anteil der Fälle rein rechnerisch auf die Exposition zurückgehen würde, wenn der Zusammenhang kausal wäre. Unter dieser Annahme ergab sich weltweit ein Wert von 22,0 Prozent (95-Prozent-Unsicherheitsintervall: 14,7 bis 29,4 Prozent) der Darmkrebsfälle.
Beschränkte man die Berechnung auf die methodisch strengeren bevölkerungsbasierten Studien und Kohortenstudien (14 Studien mit im Mittel 14 Jahren Nachbeobachtung), fiel die Schätzung deutlich niedriger aus: 11,9 Prozent, allerdings mit einem sehr breiten Unsicherheitsbereich (0,7 bis 22,8 Prozent). Die Forschenden erklären diese Schwankungsbreite als statistische Folge der geringeren Studienzahl, nicht als Hinweis auf eine genauere Schätzung.
Regionale Unterschiede
Die geschätzte Krankheitslast war regional sehr unterschiedlich verteilt:
- Die westpazifische Region wies mit 25,1 Prozent den höchsten regionalen Anteil auf.
- Die Mongolei erreichte mit 36,1 Prozent den höchsten Länderwert überhaupt.
- China verzeichnete mit rund 139.600 potenziell betroffenen Fällen die höchste absolute Fallzahl weltweit.
- In Afrika, Südostasien und im östlichen Mittelmeerraum war die H.-pylori-Prävalenz ähnlich hoch wie in der westpazifischen Region, der geschätzte Anteil an Darmkrebsfällen jedoch deutlich niedriger. Die Forschenden vermuten, dass hier andere Risikofaktoren wie Ernährung und Lebensstil einen größeren relativen Einfluss haben und der Effekt von H. pylori dadurch statistisch in den Hintergrund tritt.
Ein auffälliges Muster über Geburtsjahrgänge hinweg
Ein weiterer Teil der Studie untersuchte, wie sich der geschätzte Anteil über verschiedene Geburtsjahrgänge hinweg verändert hat. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Pseudokohorten-Analyse: Die Forschenden leiteten die Muster aus altersspezifischen Querschnittsdaten des Jahres 2022 ab, nicht aus einer tatsächlichen Langzeitbeobachtung derselben Personen über Jahrzehnte. Die Ergebnisse sind daher als vorläufig und hypothesengenerierend einzustufen.
Mit dieser Einschränkung zeigte sich folgendes Muster: Der geschätzte Anteil stieg von 9,5 Prozent bei den vor 1947 Geborenen über etwa 10 Prozent bei den zwischen 1948 und 1962 Geborenen auf 15 Prozent bei den zwischen 1963 und 1977 Geborenen. Bemerkenswert ist, dass dieser Anstieg parallel zu einem Rückgang der allgemeinen H.-pylori-Prävalenz in jüngeren Jahrgängen verlief. Die Forschenden vermuten dahinter einen möglichen Latenzeffekt: Eine Infektion im frühen Lebensalter könnte sich erst Jahrzehnte später in einem erhöhten Krebsrisiko niederschlagen, kombiniert mit einer insgesamt höheren Lebenserwartung, die es mehr Menschen ermöglicht, das für Darmkrebs typische höhere Erkrankungsalter überhaupt zu erreichen.
Was ist mit einer Eradikationstherapie?
Nur vier der eingeschlossenen Beobachtungsstudien untersuchten überhaupt, ob eine antibiotische Eradikationstherapie gegen H. pylori das spätere Darmkrebsrisiko beeinflusst. Zwei Kohortenstudien mit einer Nachbeobachtungszeit von mehr als zehn Jahren fanden dabei ein reduziertes Risiko nach erfolgreicher Behandlung (relatives Risiko 0,90, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,84 bis 0,96). Bei kürzerer Nachbeobachtung von bis zu fünf Jahren zeigte sich dagegen kein messbarer Effekt.
Diese Befunde sind ein erster Hinweis, aber keine ausreichende Grundlage für eine allgemeine Behandlungsempfehlung zur Darmkrebsprävention. Die Studienlage zu diesem Punkt bleibt, wie die Autorinnen und Autoren selbst schreiben, spärlich und überwiegend beobachtend. Sie fordern deshalb ausdrücklich gut geplante randomisierte kontrollierte Studien mit Darmkrebs als vorab festgelegtem Endpunkt und ausreichend langer Nachbeobachtungszeit.
Einordnung: Was die Studie nicht zeigt
Wichtig für die Bewertung ist, was die Studie ausdrücklich nicht leisten kann. Da es sich um eine Modellierung auf Basis überwiegend beobachtender Studien handelt, lässt sich daraus keine Kausalität ableiten. Die Autorinnen und Autoren weisen zudem darauf hin, dass viele andere, bereits gut belegte Risikofaktoren für Darmkrebs, etwa Rauchen, hoher Alkoholkonsum, Übergewicht, Bewegungsmangel sowie eine Ernährung mit viel rotem und verarbeitetem Fleisch, weltweit einen deutlich größeren Anteil der Fälle erklären als die untersuchte H.-pylori-Exposition. Auch methodische Limitationen bleiben bestehen: Die zugrunde liegenden Studien unterschieden sich stark in Diagnoseverfahren, Studienpopulation und Qualität, und für einzelne Weltregionen mussten die Forschenden auf grobe regionale statt länderspezifische Schätzwerte zurückgreifen.
Bedeutung für Prävention und Forschung
Trotz dieser Einschränkungen sehen die Forschenden potenziellen Nutzen für die öffentliche Gesundheit, vor allem in Regionen mit hoher H.-pylori-Prävalenz und begrenztem Zugang zu Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchungen. Eine bevölkerungsweite Kontrolle von H. pylori könnte, sofern sich der Zusammenhang mit Darmkrebs als kausal bestätigt, einen zusätzlichen Nutzen zur bereits etablierten Magenkrebsprävention bieten. Gleichzeitig verweisen sie auf bekannte Risiken großflächiger Antibiotikabehandlungen, etwa mögliche Resistenzentwicklungen und Nebenwirkungen der Therapie. Ob sich eine Ausweitung der Eradikationstherapie über die Magenkrebsprävention hinaus lohnt, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand nicht abschließend beurteilen und hängt von lokalen Gegebenheiten, der Gesundheitsversorgung vor Ort und der Integration in bestehende Vorsorgeprogramme ab.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Bedeutet die Studie, dass H. pylori Darmkrebs verursacht?
Nein. Die Studie zeigt eine statistische Assoziation zwischen H.-pylori-Exposition und Darmkrebsrisiko, basierend überwiegend auf Beobachtungsstudien. Die Forschenden betonen selbst, dass eine Kausalität bislang nicht erwiesen ist und weitere kontrollierte Studien nötig sind.
Warum unterscheiden sich die Schätzungen zwischen 12 und 22 Prozent so stark?
Die höhere Zahl (22 Prozent) beruht auf allen 43 eingeschlossenen Studien, darunter viele methodisch schwächere Fall-Kontroll- und Querschnittsstudien. Die niedrigere Zahl (rund 12 Prozent) stammt aus einer Beschränkung auf die 14 methodisch strengeren bevölkerungsbasierten und Kohortenstudien und gilt als konservativere untere Schätzung.
Sollten Menschen sich jetzt vorsorglich auf H. pylori testen und behandeln lassen, um Darmkrebs vorzubeugen?
Dafür liefert die Studie keine ausreichende Grundlage. Sie ist explorativ angelegt und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Entscheidungen zu Testung und Behandlung von H. pylori sollten weiterhin mit einer Ärztin oder einem Arzt abgestimmt werden, insbesondere im Hinblick auf bereits etablierte Indikationen wie Magenbeschwerden oder Magenkrebsprävention.
Welche Rolle spielt H. pylori im Vergleich zu anderen Darmkrebs-Risikofaktoren?
Nach Einschätzung der Studienautorinnen und -autoren ist der Beitrag anderer, gut belegter Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel und Ernährung weltweit größer als der geschätzte Beitrag von H. pylori.
Quellen
Li, Y., Cui, C., Sun, D., Ho, K., Qian, C., Guo, Y., Leung, W. K., & Shah, S. C. (2026). Global and regional burden of colorectal cancer potentially related to Helicobacter pylori exposure: A risk attribution modelling study. eGastroenterology, 4(3), e100436. https://doi.org/10.1136/egastro-2026-100436
Bray, F., Laversanne, M., Sung, H., Ferlay, J., Siegel, R. L., Soerjomataram, I., & Jemal, A. (2024). Global cancer statistics 2022: GLOBOCAN estimates of incidence and mortality worldwide for 36 cancers in 185 countries. CA: A Cancer Journal for Clinicians, 74(3), 229 bis 263. https://doi.org/10.3322/caac.21834
International Agency for Research on Cancer. (1994). Schistosomes, liver flukes and Helicobacter pylori. IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans, 61, 1 bis 241.






