Wer nachts regelmäßig Licht ausgesetzt ist, etwa durch Straßenbeleuchtung, Bildschirme oder Stand-by-Leuchten, zeigt einer neuen Studie zufolge messbare Unterschiede in der Struktur und Funktion des Herzens. Die im Fachjournal European Heart Journal veröffentlichte Untersuchung an mehr als 11.000 Teilnehmenden der UK Biobank liefert einen der bislang detailliertesten Datensätze zu diesem Thema. Sie ordnet Lichtverschmutzung in eine wachsende Reihe von Umweltfaktoren ein, die mit Herz-Kreislauf-Gesundheit in Verbindung gebracht werden. Die Ergebnisse sind Beobachtungsdaten und belegen keinen ursächlichen Zusammenhang, liefern aber Hinweise, die weitere Forschung rechtfertigen.
Was die Forschenden untersucht haben
Das Team um Lu Qi von der Tulane University in New Orleans wertete Daten von 11.071 Teilnehmenden der UK Biobank aus. Alle Personen trugen zwischen 2013 und 2015 sieben Tage lang ein Armband mit integriertem Lichtsensor, das die nächtliche Lichtexposition in Lux maß. Im Median rund 3,1 Jahre später erhielten sie eine kardiale Magnetresonanztomografie (MRT), mit der sich Struktur und Funktion des Herzens präzise erfassen lassen.
Für die Auswertung verglichen die Forschenden Personen, die nachts wiederholt mehr als drei Lux ausgesetzt waren, etwa vergleichbar mit einem schwach beleuchteten Handydisplay oder einer Flurbeleuchtung, mit Personen ohne messbare nächtliche Lichtexposition.
Beobachtete Unterschiede am Herzen
Nach Berücksichtigung soziodemografischer, gesundheitlicher und umweltbezogener Einflussfaktoren zeigten Teilnehmende mit hoher nächtlicher Lichtexposition im Vergleich zu Personen ohne Exposition:
- eine um 2,4 Prozent höhere, auf die Körpergröße bezogene linksventrikuläre Muskelmasse
- eine um 1,5 Prozent größere mittlere Wanddicke der linken Herzkammer
- eine um 1,9 Prozent geringere myokardiale Kontraktionsfraktion, ein Maß für die Pumpleistung des Herzmuskels
Zusätzlich fanden sich Hinweise auf eine eingeschränkte Verformbarkeit des Herzmuskels (Strain) in mehreren Messrichtungen sowie vergleichbare Zusammenhänge bei den Volumina der rechten Herzkammer und bei Größe und Funktion des linken Vorhofs. Die Zusammenhänge folgten über die verschiedenen Lichtexpositionsstufen hinweg einem linearen Muster: Je höher die gemessene Lichtmenge, desto ausgeprägter die beobachteten Unterschiede.
Diese Art von struktureller Anpassung des Herzmuskels wird in der Kardiologie häufig als Remodeling bezeichnet und tritt typischerweise als Reaktion auf chronische Belastung auf. Wichtig ist: Die vorliegenden Daten zeigen eine statistische Assoziation. Sie belegen nicht, dass nächtliches Licht diese Veränderungen ursächlich auslöst, auch wenn der Studienautor Qi laut Pressemitteilung von „kardialem Remodeling“ im Zusammenhang mit der Lichtexposition spricht.
Welche Rolle der Schlaf spielt
Ein Teil der beobachteten Zusammenhänge lässt sich statistisch auf eine verkürzte Schlafdauer zurückführen. Nach Angaben aus der Berichterstattung über die Studie erklärte kürzere Schlafdauer zwischen 24 und 49 Prozent der Assoziationen zwischen nächtlicher Lichtexposition und den beobachteten Herzveränderungen, mit dem größten Anteil bei der relativen Wandmasse, der maximalen Wanddicke und der Dicke der Kammerscheidewand. Diese Mediationsanalyse stammt aus einer einzelnen Quelle und ließ sich bislang nicht unabhängig gegenprüfen; sie sollte daher als vorläufiger Befund und nicht als gesicherte Erkenntnis gelten.
Nächtliches Licht ist bekannt dafür, die Ausschüttung von Melatonin zu unterdrücken, einem Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. Ein Zusammenhang zwischen gestörtem Schlaf und Herz-Kreislauf-Belastung ist biologisch plausibel, auch wenn die genauen Mechanismen hier nicht abschließend geklärt sind.
Langfristige Krankheitsrisiken
Über einen Nachbeobachtungszeitraum von acht bis zehn Jahren wiesen Personen mit hoher nächtlicher Lichtexposition im Vergleich zu Personen ohne Exposition ein höheres Risiko für mehrere kardiovaskuläre Ereignisse auf: Berichten zufolge war das Risiko für Herzinsuffizienz um 29 Prozent, für Vorhofflimmern um 15 Prozent, für Herzinfarkt um 24 Prozent, für Schlaganfall um 33 Prozent und für kardiovaskulär bedingte Sterblichkeit um 26 Prozent erhöht.
Auch diese Zahlen stammen aus einer Beobachtungsstudie. Sie zeigen eine statistische Assoziation, keinen belegten ursächlichen Effekt. Andere, bislang nicht erfasste Faktoren im Lebensstil oder Wohnumfeld der Betroffenen könnten zu den beobachteten Unterschieden beitragen.
Einordnung in die bisherige Forschung
Die neuen Ergebnisse reihen sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die zirkadiane Störungen, etwa durch unregelmäßigen Schlaf, Schichtarbeit oder nächtliches Licht, mit Adipositas, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung bringen. Eine wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association aus dem vergangenen Jahr hatte zirkadiane Gesundheit bereits als relevanten, veränderbaren Faktor für das kardiometabolische Risiko benannt.
In einem begleitenden Kommentar zur Studie äußerten sich Thomas Münzel vom Universitätsklinikum Mainz und Kolleginnen und Kollegen. Sie regten an, dass Ärztinnen und Ärzte, insbesondere bei Herzinsuffizienz oder Vorhofflimmern, künftig auch die Schlafumgebung von Patientinnen und Patienten erfragen könnten, etwa wie dunkel das Schlafzimmer ist oder ob Schichtarbeit vorliegt. Als mögliche, kostengünstige Maßnahmen nannten sie unter anderem Verdunkelungsvorhänge und das Abdecken kleiner Standby-Leuchten an Elektrogeräten. Aus Sicht der Kommentatoren ließe sich Lichtverschmutzung zudem auf kommunaler Ebene beeinflussen, etwa durch abgeschirmte Straßenbeleuchtung. Diese Einschätzungen sind fachliche Meinungen der Kommentatoren und keine unabhängig geprüften Fakten.
Grenzen der Studie
Die Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie und kann daher keine Kausalität belegen. Die UK-Biobank-Kohorte besteht überwiegend aus Personen mittleren bis höheren Alters in Großbritannien, wodurch sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf andere Altersgruppen oder Weltregionen übertragen lassen. Die Lichtmessung erfolgte zudem nur über sieben Tage zu Studienbeginn und bildet damit nicht notwendigerweise die langfristigen Lichtgewohnheiten der Teilnehmenden über Jahre hinweg ab. Weitere Forschung, insbesondere zu der Frage, ob eine gezielte Reduktion von nächtlichem Licht tatsächlich das Herz-Kreislauf-Risiko senkt, steht noch aus.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Ab welcher Lichtmenge wurde in der Studie ein Zusammenhang mit Herzveränderungen beobachtet?
Die Forschenden verglichen Personen mit einer nächtlichen Lichtexposition von mehr als drei Lux, vergleichbar mit einem schwach beleuchteten Handydisplay, mit Personen ohne messbare nächtliche Lichtexposition. Bereits ab diesem vergleichsweise niedrigen Niveau zeigten sich Unterschiede.
Bedeutet das, dass nächtliches Licht das Herz krank macht?
Das lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die eine statistische Assoziation zeigt, aber keinen ursächlichen Effekt beweist. Andere Faktoren könnten zu den beobachteten Unterschieden beitragen.
Welche praktischen Schritte werden im Zusammenhang mit der Studie diskutiert?
Der begleitende Fachkommentar nennt unter anderem Verdunkelungsvorhänge, warmweißes statt kaltweißes Nachtlicht und das Abdecken von Standby-Leuchten an Elektrogeräten als naheliegende, kostengünstige Maßnahmen. Dabei handelt es sich um Einschätzungen der Kommentatoren, nicht um durch diese Studie direkt belegte Interventionen.
Wurde untersucht, ob eine Reduktion von nächtlichem Licht die beobachteten Herzveränderungen rückgängig machen kann?
Nein. Die Studie hat ausschließlich bestehende Zusammenhänge zwischen gemessener Lichtexposition und späteren Herzbefunden untersucht. Ob eine gezielte Verringerung von nächtlichem Licht tatsächlich vorbeugend wirkt, ist noch nicht durch entsprechende Interventionsstudien belegt.
Spielt es eine Rolle, welche Art von Licht nachts im Schlafzimmer vorhanden ist?
Möglicherweise. Die Studie untersuchte vor allem die Helligkeit der nächtlichen Lichtexposition und nicht einzelne Lichtquellen oder Lichtfarben. Deshalb lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten, ob beispielsweise warmweißes Licht grundsätzlich weniger problematisch für das Herz ist als kaltweißes Licht.
Wie wurde die nächtliche Lichtexposition in der Studie erfasst?
Die Forschenden nutzten Messungen der Lichtintensität während der Nacht, um die individuelle Lichtexposition der Teilnehmenden zu bestimmen. Anschließend wurden diese Daten mit den später festgestellten Herzmerkmalen verglichen.
Quellen
Dai, J., Dai, W., Heianza, Y., & Qi, L. (2026). Nighttime light exposure and cardiac structure and function. European Heart Journal. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag563
European Society of Cardiology. (2026, September 10). Nighttime light exposure may alter heart structure and function [Press release]. News-Medical.net. https://www.news-medical.net/news/20260910/Nighttime-light-exposure-may-alter-heart-structure-and-function.aspx
Steinzor, P. (2026, September 11). Nighttime light exposure may weaken the heart, raise CVD risk. The American Journal of Managed Care. https://www.ajmc.com/view/nighttime-light-exposure-may-weaken-the-heart-raise-cvd-risk
Knutson, K. L., Johnson, D. A., Dixon, D. D., et al. (2025). Role of circadian health in cardiometabolic health and disease risk: A scientific statement from the American Heart Association. Circulation. https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000001388






