Wer bei einer chronischen Erkrankung regelmäßig im Garten arbeitet, verbessert damit offenbar eher seine Stimmung als seinen Blutdruck. Zu diesem Schluss kommt eine neue Metaanalyse, die 23 Studien mit insgesamt 4.535 Teilnehmenden zusammenführt. Die Untersuchung, veröffentlicht in der Fachzeitschrift BMC Public Health, ordnet damit ein, wofür Gartenarbeit als therapeutischer Ansatz tatsächlich taugt, und wofür die Datenlage bislang nicht ausreicht. Angesichts einer alternden Bevölkerung und einer wachsenden Zahl chronisch Erkrankter suchen Gesundheitssysteme weltweit nach kostengünstigen, ergänzenden Interventionen, und Gartentherapie gilt seit einiger Zeit als vielversprechender Kandidat.
Was Gartentherapie ist und warum sie untersucht wird
Chronische Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum langanhaltender gesundheitlicher Probleme, von körperlichen Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arthritis und Diabetes bis zu kognitiven und affektiven Störungen wie Demenz, Angst und Depression. Ihre Behandlung stellt für Betroffene, Angehörige und Gesundheitssysteme eine erhebliche Belastung dar.
Naturbasierte Interventionen werden zunehmend als ergänzende Behandlungsform empfohlen. Gartentherapie beschreibt dabei strukturierte Programme, in denen Menschen aktiv mit Pflanzen, Erde und Außenräumen arbeiten. Solche Programme verbinden körperliche Bewegung, soziale Interaktion und den Kontakt zur Natur. In Ländern wie dem Vereinigten Königreich verschreiben Ärztinnen und Ärzte im Rahmen des sogenannten Social Prescribing gezielt den Besuch von Gemeinschaftsgärten oder Parks.
Die Gesundheitsforscherin Feifei Wang von der Fudan-Universität und die Psychologin Szilvia Boros von der Széchenyi-István-Universität wollten diese vermuteten Effekte für Menschen mit bestehenden Diagnosen quantifizieren. Bisherige Übersichtsarbeiten hatten die gesundheitlichen Wirkungen von Gartenarbeit zwar allgemein beschrieben, aber nicht systematisch nach einzelnen Gesundheitsdomänen bei chronisch Erkrankten differenziert.
Die Studie im Überblick
Wang und Boros führten eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse durch und durchsuchten dafür neun Datenbanken, darunter MEDLINE, PsycINFO, Web of Science und die Cochrane Library, von deren jeweiligem Beginn bis Januar 2025. Eingeschlossen wurden nur Studien mit Kontrollgruppe, die erwachsene Teilnehmende ab 18 Jahren mit mindestens einer diagnostizierten chronischen Erkrankung untersuchten.
Am Ende flossen 23 Studien mit 4.535 Teilnehmenden in die Analyse ein, darunter 13 randomisiert-kontrollierte und 10 quasi-experimentelle Studien. Die Teilnehmenden waren im Mittel 54 Jahre alt, etwa zwei Drittel waren Frauen. Die untersuchten Erkrankungen reichten von chronischen Schmerzen und Adipositas über Bluthochdruck bis zu kognitiven Einschränkungen und Krebserkrankungen.
Die Autorinnen teilten die berichteten Gesundheitsergebnisse in drei Kategorien ein: psychische Gesundheit (unter anderem Angst, Stress, Depression, Stimmung, Einsamkeit), körperliche Gesundheit (unter anderem Blutdruck, kognitive Funktion) sowie allgemeine Gesundheit (Lebensqualität, Schmerzniveau, Schlafqualität, soziale Eingebundenheit).
Die Ergebnisse: deutlicher Trend bei der Psyche, aber mit Einschränkungen
Psychische Gesundheit
In der Hauptanalyse fand sich für die psychische Gesundheit eine standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) von -0,31, das entspricht nach gängiger Einordnung einem kleinen bis mittleren Effekt. Wichtig ist hier eine Einschränkung, die im Ursprungsartikel oft untergeht: Das zugehörige 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von -0,97 bis 0,34 und schloss damit den Wert null ein. Statistisch gesehen war dieser Haupteffekt also nicht signifikant.
Erst nachdem die Forscherinnen Studien mit hohem Verzerrungsrisiko aus der Analyse ausschlossen, wurde der Effekt deutlicher und statistisch signifikant, mit einer SMD von -0,82. Diese sogenannte Sensitivitätsanalyse spricht dafür, dass der positive Zusammenhang zwischen Gartenarbeit und psychischem Wohlbefinden real sein könnte, insbesondere wenn methodisch schwächere Studien herausgerechnet werden. Ein großer Teil der einbezogenen Studien wurde mit älteren Menschen mit beginnender Demenz durchgeführt, die von der Aktivität und den sozialen Kontakten in Gemeinschaftsgärten psychologisch zu profitieren schienen.
Körperliche und allgemeine Gesundheit
Für die körperliche Gesundheit ergab sich eine SMD von -0,25 (95-Prozent-Konfidenzintervall: -0,62 bis 0,11), für die allgemeine Gesundheit eine SMD von -0,08 (95-Prozent-Konfidenzintervall: -0,20 bis 0,05). Beide Werte waren nicht statistisch signifikant. Nach dem Ausschluss der methodisch schwächeren Studien blieb der Effekt für die allgemeine Gesundheit schwach (SMD -0,10, sehr breites Konfidenzintervall), während sich der Effekt für die körperliche Gesundheit sogar umkehrte (SMD 0,06) und weiterhin nicht signifikant war.
Die Datenlage stützt derzeit also nicht die Annahme, dass Gartenarbeit körperliche Erkrankungen wie Bluthochdruck oder kognitive Beeinträchtigungen messbar verbessert. Die Qualität der Evidenz wurde für diese beiden Domänen im GRADE-System entsprechend als niedrig beziehungsweise sehr niedrig eingestuft, während sie für die psychische Gesundheit als moderat bewertet wurde.
Grenzen der Studie
Die eingeschlossenen Studien unterschieden sich stark in Dauer, Intensität und Art der Gartenprogramme, manche liefen wenige Wochen, andere mehrere Monate. Diese Heterogenität war in allen drei Gesundheitsdomänen hoch und erschwert es, eine konkrete Dosierung oder Form von Gartenarbeit als therapeutisch wirksam zu empfehlen.
Ein methodisches Grundproblem vieler Studien war zudem, dass Teilnehmende nicht dafür verblindet werden konnten, ob sie an der Gartenintervention teilnahmen oder nicht. Wer weiß, dass er an einer Aktivität im Freien teilnimmt, könnte allein durch diese Erwartungshaltung positivere Angaben zu Stimmung und Wohlbefinden machen. Bei der Hälfte der Studien fehlte zudem eine echte randomisierte Zuteilung zu Interventions- und Kontrollgruppe, was das Risiko einer Selektionsverzerrung erhöht. Hinzu kommt, dass Teilnehmende, die keinen Gefallen an der Gartenarbeit fanden, Studien möglicherweise vorzeitig verließen, wodurch die verbleibende Stichprobe tendenziell positiver ausfallen könnte.
Was das für Praxis und Forschung bedeutet
Die Autorinnen ziehen ein vorsichtiges Fazit: Gartentherapie zeigt einen nachvollziehbaren, wenn auch noch nicht abschließend gesicherten Nutzen für die psychische Gesundheit von Menschen mit chronischen Erkrankungen, insbesondere für ältere Menschen mit kognitivem Abbau. Für körperliche Erkrankungen oder allgemeine Lebensqualität lässt sich aus den vorliegenden Daten dagegen kein verlässlicher Effekt ableiten.
Für die Praxis bedeutet das: Gartenarbeit kann als ergänzende, kostengünstige Maßnahme zur Unterstützung des seelischen Wohlbefindens sinnvoll sein, etwa im Rahmen von Social-Prescribing-Programmen. Als eigenständige Behandlung körperlicher Erkrankungen ist sie nach aktueller Studienlage jedoch nicht geeignet. Die Forscherinnen fordern für die Zukunft standardisierte Interventionsprotokolle, um genauer bestimmen zu können, welche Form, Dauer und Intensität von Gartenarbeit bei welchen Erkrankungen tatsächlich wirkt.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Hilft Gartenarbeit nachweislich gegen Depressionen?
Die aktuelle Evidenz zeigt einen positiven Zusammenhang, der in der Hauptanalyse jedoch nicht statistisch signifikant war und erst nach Ausschluss methodisch schwacher Studien signifikant wurde. Man kann derzeit von einem wahrscheinlichen, aber noch nicht endgültig gesicherten Effekt sprechen, keinesfalls von einem Ersatz für eine leitliniengerechte Behandlung.
Kann Gartenarbeit den Blutdruck senken oder die kognitive Funktion verbessern?
Nach der vorliegenden Metaanalyse gibt es dafür derzeit keine ausreichende Evidenz. Die gemessenen Effekte für körperliche Gesundheit waren klein und statistisch nicht abgesichert.
Warum widersprechen sich die Ergebnisse vor und nach der Sensitivitätsanalyse?
Die Sensitivitätsanalyse schloss Studien mit hohem Verzerrungsrisiko aus. Dass der Effekt für die psychische Gesundheit danach deutlicher und signifikant wurde, deutet darauf hin, dass methodisch schwächere Studien das Gesamtbild verwässert haben könnten. Es ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit hochwertigerer Primärstudien.
Für wen könnte Gartentherapie besonders geeignet sein?
In den eingeschlossenen Studien profitierten vor allem ältere Menschen mit beginnender Demenz oder kognitivem Abbau, die durch die Aktivität und soziale Einbindung in Gemeinschaftsgärten psychologisch stabilisiert wurden. Für andere Gruppen liegen weniger differenzierte Daten vor.
Wie lange oder wie oft sollte man im Garten arbeiten, um einen Nutzen zu erwarten?
Das lässt sich aus der aktuellen Datenlage nicht ableiten. Die eingeschlossenen Programme reichten von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten und unterschieden sich stark in Intensität und Häufigkeit, weshalb die Autorinnen ausdrücklich keine konkrete Dosis oder Dauer empfehlen können. Weitere Studien mit standardisierten Interventionen wären nötig, um das zu klären.
Wirkt Gartentherapie bei jeder chronischen Erkrankung gleich?
Das ist unklar. Die Metaanalyse fasste sehr unterschiedliche Erkrankungen zusammen, von chronischen Schmerzen über Bluthochdruck bis zu Demenz, führte jedoch keine separate Auswertung nach einzelnen Krankheitsbildern durch. Am häufigsten und mit den deutlichsten Hinweisen auf psychischen Nutzen wurde bei älteren Menschen mit kognitivem Abbau geforscht, für andere Erkrankungsgruppen lässt sich derzeit keine verlässliche Aussage treffen.
Quellen
Wang, F., & Boros, S. (2025). Effect of gardening activities on domains of health: A systematic review and meta-analysis. BMC Public Health, 25, Article 1102. https://doi.org/10.1186/s12889-025-22263-9
Petrova, K. (2026, 12. September). Therapeutic gardening improves mental health for adults with chronic conditions. PsyPost. https://www.psypost.org/therapeutic-gardening-improves-mental-health-for-adults-with-chronic-conditions/






