Kaffeeduft und Stimmung: Was eine neue Studie wirklich zeigt

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Dr. Amalia Michailov, aktualisiert am 11. September 2026, Lesezeit: 8 Minuten

Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee gilt vielen als kleiner Wohlfühlmoment im Alltag. Eine neue Studie aus Japan hat nun untersucht, ob sich dieser Eindruck auch messen lässt: mit Stimmungsfragebögen, einem EEG und Messungen der Herzaktivität. Die Ergebnisse sind interessant, aber begrenzt. Sie zeigen, wie schwer es ist, aus kurzen Laborbeobachtungen an wenigen Personen belastbare Aussagen über Ursache und Wirkung abzuleiten.

Eine kleine, aber sorgfältig angelegte Studie

Forschende der Showa Pharmaceutical University in Tokio untersuchten zwanzig gesunde Erwachsene im Alter von 20 bis 29 Jahren, acht Männer und zwölf Frauen. Jede Person wurde vor und nach einer fünfminütigen Kaffeearoma-Exposition getestet, wobei dieselben Teilnehmenden vorher und nachher verglichen wurden.

Für jeden Durchgang wurde frisch gebrühter Kaffee in etwa 50 Zentimeter Entfernung platziert. Die Teilnehmenden atmeten fünf Minuten lang normal und waren dabei durchgehend dem Duft ausgesetzt. Der Raum wurde vorher gelüftet, zusätzliche Duftquellen wurden vermieden.

Gemessen wurden vier unterschiedliche Ebenen gleichzeitig: die subjektive Stimmung über den Fragebogen Profile of Mood States (POMS), die Hirnaktivität per tragbarem EEG-Gerät, die Herzfrequenz sowie die Herzfrequenzvariabilität als Maß für die Aktivität des autonomen Nervensystems. Genau diese gleichzeitige Erfassung mehrerer Ebenen bei denselben Personen ist die methodische Stärke der Arbeit, denn frühere Studien hatten meist nur einzelne Reaktionsebenen betrachtet.

Was sich veränderte, und was nicht

Bei der Stimmung zeigte sich nach der Kaffeearoma-Exposition ein deutlicher Rückgang der sogenannten Gesamtstimmungsstörung. Innerhalb der sechs Stimmungsskalen des Fragebogens sanken mehrere negative Dimensionen: Nach statistischer Korrektur für multiples Testen blieben die Rückgänge bei Erschöpfung, Anspannung, Verwirrtheit und Depressivität signifikant. Der anfängliche Rückgang bei Ärger und Feindseligkeit verlor nach dieser Korrektur seine statistische Signifikanz. Bei der Skala Tatendrang zeigte sich keine relevante Veränderung. Insgesamt fiel das Muster also eher als Rückgang negativer Stimmungsanteile aus, nicht als Zunahme positiver Aktivierung.

Auf der Ebene der Hirnaktivität stieg ein aus dem EEG berechneter Entspannungsindex, der sich aus dem Verhältnis bestimmter Frequenzbänder ergibt, im Mittel von etwa 0,74 auf 0,78. Diese Veränderung war statistisch deutlich, mit einer vergleichsweise großen Effektstärke. Die Studienautoren betonen jedoch ausdrücklich, dass dieser Index eine relative Verschiebung innerhalb bestimmter EEG-Muster abbildet und keine direkte Messung von Entspannung ist. Wie bedeutsam eine Veränderung dieser Größenordnung für das tatsächliche Erleben ist, bleibt offen.

Bei Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität zeigten sich dagegen keine statistisch bedeutsamen Veränderungen. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass dieses Nullergebnis angesichts der kleinen Stichprobe nicht automatisch bedeutet, dass gar keine Reaktion des autonomen Nervensystems stattfand, sondern lediglich, dass ein Effekt dieser Größe mit zwanzig Teilnehmenden nicht sicher nachweisbar war.

Bemerkenswert ist zudem ein methodischer Befund: Die Veränderungen in Stimmung, EEG-Index, Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität hingen bei den einzelnen Personen statistisch nicht miteinander zusammen. Wer eine starke Stimmungsverbesserung zeigte, wies also nicht zwangsläufig auch die stärkste EEG-Veränderung auf. Die Autoren folgern daraus, dass sich hinter den gleichzeitigen Veränderungen auf Gruppenebene nicht notwendigerweise ein gemeinsamer zugrunde liegender Mechanismus verbirgt. Die verschiedenen Messebenen erfassen offenbar unterschiedliche, sich ergänzende Aspekte der Reaktion, nicht ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Blickwinkeln.

Warum die Ergebnisse nicht beweisen, dass Kaffeeduft entspannt

Der wichtigste Einschränkungspunkt betrifft das Studiendesign selbst: Es gab keine Kontrollbedingung, also keine Vergleichsgruppe ohne Kaffeeduft oder mit einem neutralen Duft. Dadurch lassen sich die beobachteten Veränderungen nicht eindeutig auf den Kaffeeduft zurückführen. Ebenso gut könnten schlichtes Ausruhen, die wiederholte Messung selbst, die Erwartungshaltung der Teilnehmenden oder die Gewöhnung an die Laborumgebung zu den gemessenen Effekten beigetragen haben.

Hinzu kommt die geringe Stichprobengröße von zwanzig Personen, die die Genauigkeit aller Schätzwerte begrenzt, insbesondere bei den nicht signifikanten Ergebnissen zu Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität. Da ausschließlich gesunde Studierende im Alter zwischen 20 und 29 Jahren untersucht wurden, lassen sich die Ergebnisse zudem nicht ohne Weiteres auf andere Altersgruppen oder Personen mit gesundheitlichen Vorerkrankungen übertragen.

Auch wurden habitueller Kaffeekonsum, individuelle Vorlieben, die Vertrautheit mit Kaffeeduft und die persönliche Geruchsempfindlichkeit der Teilnehmenden nicht systematisch erfasst. Die tatsächliche Duftkonzentration und Luftströmung im Raum wurden ebenfalls nicht quantitativ überwacht, sodass die Intensität der Exposition zwischen den Personen variiert haben könnte. Schließlich wurde die Hirnaktivität mit einem tragbaren Verbraucher-EEG-Gerät erfasst, das im Vergleich zu Laborgeräten technische Einschränkungen aufweist.

Die Autorinnen und Autoren selbst ordnen ihre Arbeit deshalb ausdrücklich als explorative Studie ein und fordern kontrollierte Untersuchungen mit größeren und vielfältigeren Stichproben, um zu klären, ob und in welchem Ausmaß sich die beobachteten Effekte tatsächlich spezifisch auf Kaffeeduft zurückführen lassen.

Einordnung in die bisherige Forschung

Die neuen Befunde reihen sich in eine kleine, aber wachsende Zahl von Arbeiten zu Kaffeeduft und Psychophysiologie ein. Frühere Untersuchungen hatten bereits einzelne Aspekte wie Stimmung, Arbeitsgedächtnis oder Speichelcortisol nach Kaffeeduft-Exposition betrachtet, meist jedoch getrennt voneinander und unter unterschiedlichen Versuchsbedingungen. Der Beitrag der aktuellen Arbeit liegt vor allem darin, mehrere dieser Ebenen erstmals gleichzeitig bei denselben Personen zu erfassen. Das erlaubt einen differenzierteren Blick darauf, wie komplex und wie wenig einheitlich der menschliche Körper auf einen alltäglichen Geruchsreiz reagieren kann. Für gesicherte Aussagen darüber, ob und wie Kaffeeduft tatsächlich beruhigend wirkt, reicht diese eine Studie allein jedoch nicht aus.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Beweist die Studie, dass Kaffeeduft beruhigend wirkt?

Nein. Die Ergebnisse zeigen zwar Veränderungen in der subjektiv berichteten Stimmung und in einem bestimmten EEG-Index nach fünfminütiger Exposition gegenüber Kaffeeduft. Daraus lässt sich jedoch nicht eindeutig ableiten, dass der Kaffeeduft diese Veränderungen verursacht hat. Da die Untersuchung keine geeignete Kontroll- oder Vergleichsbedingung enthielt, könnten auch andere Faktoren wie die Erwartung der Teilnehmenden, die ruhige Testsituation oder Gewöhnungseffekte eine Rolle gespielt haben.

Was genau wurde in der Studie untersucht?

Die Forschenden untersuchten, wie sich eine kurze Exposition gegenüber Kaffeeduft auf verschiedene psychologische und physiologische Messgrößen auswirkt. Dazu gehörten unter anderem die subjektive Stimmung, die Herzfrequenz und die elektrische Hirnaktivität, die mittels EEG gemessen wurde. Die Teilnehmenden wurden dabei fünf Minuten lang dem Kaffeeduft ausgesetzt.

Warum veränderten sich Stimmung und Gehirnaktivität, aber nicht die Herzfrequenz?

Psychologische und physiologische Reaktionen müssen nicht zwangsläufig gleichzeitig oder in gleicher Stärke auftreten. Die Herzfrequenz und das EEG erfassen unterschiedliche Aspekte der körperlichen beziehungsweise neuronalen Reaktion. Dass sich der untersuchte EEG-Parameter und die Stimmung veränderten, während die Herzfrequenz weitgehend unverändert blieb, ist daher nicht grundsätzlich widersprüchlich. Die Ergebnisse sollten vielmehr als unterschiedliche Messgrößen betrachtet werden, die verschiedene Aspekte der Reaktion auf einen Geruchsreiz erfassen.

Was bedeutet der gestiegene EEG-Entspannungsindex?

Der sogenannte Entspannungsindex basiert auf Veränderungen bestimmter Frequenzanteile der elektrischen Hirnaktivität. Solche EEG-Muster können mit Zuständen erhöhter Entspannung in Verbindung gebracht werden. Der Index ist jedoch keine direkte Messung von Entspannung und bedeutet nicht automatisch, dass sich eine Person subjektiv ruhiger oder weniger gestresst fühlt. Außerdem lässt sich aus einer einzelnen Veränderung dieses Parameters nicht ableiten, welche langfristige Wirkung Kaffeeduft auf das Gehirn haben könnte.

Kann Kaffeeduft tatsächlich Stress reduzieren?

Die Studie liefert dafür lediglich einen ersten Hinweis, aber keinen Beweis. Eine Veränderung der Stimmung und eines EEG-Parameters nach einer kurzen Duft-Exposition ist nicht gleichbedeutend mit einer nachgewiesenen Stressreduktion. Dafür wären unter anderem standardisierte Stressmessungen, Kontrollbedingungen und Untersuchungen mit unterschiedlichen Duftreizen erforderlich.

Spielt es eine Rolle, ob jemand Kaffee mag?

Das ist eine wichtige offene Frage. Gerüche können stark mit persönlichen Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen verbunden sein. Wer den Geruch von Kaffee angenehm findet oder mit positiven Situationen verbindet, könnte anders darauf reagieren als jemand, der Kaffee oder dessen Geruch nicht mag. Ob solche individuellen Faktoren die beobachteten Effekte beeinflussen, lässt sich aus dieser Studie allein nicht sicher beantworten.

Wie lange hielt der beobachtete Effekt an?

Aus der Untersuchung lässt sich kein belastbarer Schluss über eine länger anhaltende Wirkung ziehen. Gemessen wurden Reaktionen im Zusammenhang mit einer kurzen, fünfminütigen Exposition. Daraus kann nicht abgeleitet werden, dass die Veränderungen über Stunden oder sogar länger bestehen bleiben.

Quellen

Fukatsu, M., Tsuchiya, Y., & Inoue, Y. (2026). Short-Term Psychological and Physiological Changes Following Coffee Aroma Exposure: A Multimodal Assessment. Nutrients, 18(18), 2954. https://doi.org/10.3390/nu18182954

Bose, P. (2026, September 10). Five minutes of coffee aroma was linked to shifts in mood and brain activity. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20260910/Five-minutes-of-coffee-aroma-was-linked-to-shifts-in-mood-and-brain-activity.aspx

Darmbakterien und psychopathische Persönlichkeitszüge Mikrobiota-Studie zur Darm-Hirn-Achse

Darmbakterien und psychopathische Züge: Was eine neue Studie zeigt

Psychopathische Züge und ihre Verbindung zu Darmbakterien: Eine spannende Studie und ihre Ergebnisse im Fokus....

Blutprobe und Knochenmodell zur Studie über Vitamin-B12-Mangel und Frakturrisiko bei Menschen ab 50

Vitamin-B12-Mangel und Frakturrisiko ab 50: Was die Studie zeigt

Vitamin-B12-Mangel und Frakturrisiko ab 50: Entdecken Sie die Erkenntnisse aus der aktuellen Kohortenstudie....

Rizinusöl in Glasflasche mit Rizinussamen Wirkung, Nebenwirkungen und Studienlage

Rizinusöl: Was die Studien zu Wirkung, Haaren und Risiken zeigen

Rizinusöl: Was die Studien zu Wirkung Haaren und Risiken zeigen und welche gesundheitlichen Vorteile belegt sind....

Herzgesunde Ernährung: Mediterrane Kost mit Gemüse, Obst, Vollkorn, Nüssen und Olivenöl für die Herzgesundheit

Herzgesunde Ernährung: Das Gesamtmuster zählt mehr als Nährstoffe

Schützen Sie Ihr Herz mit herzgesunder Ernährung. Finden Sie heraus, wie Ernährungsmuster wichtiger sind als Nährstoffanteile....

Frisches ganzes Obst und ein Glas Fruchtsaft auf einem Tisch als Symbol für Ernährung und Herz-Kreislauf-Gesundheit

Weniger Obst bei Herzerkrankungen: Was die US-Umfrage wirklich zeigt

Die US-Umfrage zeigt weniger Obstkonsum bei Herzerkrankungen. Lesen Sie mehr über die Ergebnisse und deren Bedeutung....