Warum Übereinstimmung beim Kuscheln zu Hause wichtiger ist als in der Öffentlichkeit

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

M.A. Dirk de Pol, Veröffentlicht am: 15.09.2026, Lesezeit: 7 Minuten

Wie wohl sich ein Paar mit Körperkontakt fühlt, hängt eng mit der Zufriedenheit in der Beziehung zusammen. Eine neue Studie aus Kanada zeigt nun: Es kommt weniger darauf an, wie viel Zärtlichkeit ein Paar in der Öffentlichkeit zeigt, sondern vor allem darauf, wie sehr beide Partner privat auf einer Wellenlänge sind. Die Untersuchung liefert damit neue Hinweise darauf, warum manche Paare trotz zurückhaltendem Verhalten in der Öffentlichkeit eine stabile Beziehung führen, während Unstimmigkeiten beim Thema Nähe anderswo zur Belastung werden.

Was bereits über Körperkontakt bekannt war

Körperliche Zuneigung zwischen Partnern, etwa Händchenhalten, Umarmungen oder Küsse, wird in der Forschung seit Langem mit einer Reihe positiver Effekte in Verbindung gebracht. Berührung ist mit einer geringeren Stressbelastung sowie mit der Ausschüttung von Oxytocin assoziiert, einem Hormon, das eine zentrale Rolle bei sozialer Bindung spielt. Auch ein Zusammenhang mit einer besseren Herz-Kreislauf-Funktion und einer gestärkten Immunabwehr wird in Teilen der Literatur beschrieben, wenngleich die Effektstärken zwischen Studien variieren.

Fehlt hingegen die gewünschte Nähe, kann das zu einem Zustand führen, den Psychologinnen und Psychologen als Affektionsdefizit bezeichnen. Dieses Gefühl, zu wenig Zuwendung zu erhalten, wird häufig mit Unzufriedenheit in der Beziehung sowie mit einem Gefühl der Distanz zum Partner in Verbindung gebracht.

Die neue Studie

Die Psychologinnen Sabrina Sgambati und Diane Holmberg von der Acadia University sowie Karen L. Blair von der Trent University wollten genauer verstehen, wie Unterschiede im Umgang mit Körperkontakt mit dem Wohlbefinden von Paaren zusammenhängen. Ihre Ergebnisse erschienen 2025 in der Fachzeitschrift Personal Relationships.

Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, ob nicht nur der durchschnittliche Komfort mit Zärtlichkeit, sondern auch die Übereinstimmung zwischen beiden Partnern das Beziehungswohlbefinden vorhersagt. Die Forschenden unterschieden dabei konsequent zwischen privaten und öffentlichen Situationen, da öffentliche Räume soziale Erwartungen und einen gewissen Bewertungsdruck mit sich bringen, die zu Hause wegfallen.

Für gleichgeschlechtliche Paare ist dieser Unterschied besonders relevant. Erfahrungen mit Ausgrenzung führen bei vielen Betroffenen zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber öffentlichen Zärtlichkeitsbekundungen, was die Bedeutung des öffentlichen Kontexts für diese Gruppe zusätzlich verstärken kann.

Wie die Untersuchung ablief

Für die erste Teilstudie werteten die Forschenden Umfragedaten von 1.832 Personen in festen Beziehungen aus. Die Teilnehmenden gaben jeweils an, wie wohl sie sich selbst mit körperlicher Zuneigung fühlen und wie wohl sie ihren Partner oder ihre Partnerin einschätzten, jeweils getrennt für private und öffentliche Situationen.

Aus diesen Angaben berechnete das Team zwei Kennwerte pro Paar: einen durchschnittlichen wahrgenommenen Komfortwert sowie einen Wert für die wahrgenommene Diskrepanz zwischen den Partnern. Diese Werte wurden anschließend mit selbstberichteten Maßen der Beziehungsqualität verglichen, die unter anderem Vertrauen, Intimität, Leidenschaft und allgemeine Zufriedenheit umfassten.

In einer zweiten Teilstudie mit 86 Paaren konnten die Forschenden die tatsächlichen Angaben beider Partner direkt miteinander vergleichen, statt sich wie in der ersten Stichprobe nur auf die Einschätzung einer Person über die andere zu stützen.

Da es sich bei beiden Teilstudien um Querschnittsbefragungen mit Selbstauskunft handelt, lassen die Ergebnisse keine Aussage über Ursache und Wirkung zu. Die Autorinnen weisen selbst darauf hin, dass der Zusammenhang ebenso gut in die andere Richtung verlaufen könnte: Eine bereits zufriedene, sichere Beziehung könnte den Komfort mit körperlicher Nähe erhöhen, statt umgekehrt.

Ein höherer Gesamtkomfort hängt mit mehr Zufriedenheit zusammen

Ein zentrales Ergebnis: Ein höherer durchschnittlicher wahrgenommener Komfort mit körperlicher Zuneigung war sowohl für private als auch für öffentliche Situationen mit einem besseren Beziehungswohlbefinden assoziiert. Fühlten sich beide Partner insgesamt wohl mit Körperkontakt, berichteten sie tendenziell auch von einer stärkeren Beziehung.

Größere wahrgenommene Unterschiede zwischen den Partnern hingen dagegen mit einem geringeren Wohlbefinden zusammen. Ging eine Person davon aus, selbst deutlich komfortabler mit Zärtlichkeit umzugehen als der Partner oder die Partnerin, war die berichtete Zufriedenheit im Schnitt niedriger. Dieser Zusammenhang zeigte sich besonders deutlich in öffentlichen Situationen, auch wenn der durchschnittliche Komfort bereits berücksichtigt wurde.

Privater Komfort scheint wichtiger als öffentlicher

Ein besonders bemerkenswerter Befund betrifft den Unterschied zwischen den beiden Kontexten: Ein hoher Komfort mit Zärtlichkeit im privaten Rahmen hing enger mit einem starken Beziehungswohlbefinden zusammen als ein hoher Komfort in der Öffentlichkeit. Die Forschenden vermuten, dass Paare eine geringere öffentliche Zärtlichkeit gut ausgleichen können, solange sie sich privat nahestehen. Zurückhaltung in der Öffentlichkeit lässt sich zudem leichter auf persönliche Vorlieben oder kulturelle Normen zurückführen als auf einen Mangel an Zuneigung.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen gleich- und gemischtgeschlechtlichen Paaren

Beim Vergleich zwischen gemischtgeschlechtlichen und gleichgeschlechtlichen Paaren zeigten sich insgesamt ähnliche Muster. In beiden Gruppen war ein höherer Komfort mit geringeren Unterschieden zwischen den Partnern und einer besseren Beziehungsqualität verbunden. Der grundlegende Mechanismus zwischen Zärtlichkeit und Zufriedenheit unterschied sich also nicht grundlegend nach dem Geschlecht der Partner.

Einige Unterschiede traten dennoch zutage: Personen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen berichteten von einem geringeren durchschnittlichen Komfort mit öffentlicher Zuneigung und nahmen zugleich größere Unterschiede zu ihren Partnern in öffentlichen Situationen wahr. Die Forschenden führen dies auf anhaltende gesellschaftliche Stigmatisierung und Sicherheitsbedenken zurück, mit denen viele gleichgeschlechtliche Paare weiterhin konfrontiert sind.

Zudem konnten Personen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen ihr Beziehungswohlbefinden auch bei geringem durchschnittlichem privatem Komfort etwas besser aufrechterhalten als Personen in gemischtgeschlechtlichen Beziehungen. Die Autorinnen vermuten, dass Paare, die öffentliche Zärtlichkeit aus Sicherheitsgründen regelmäßig einschränken, alternative, nicht-körperliche Ausdrucksformen von Zuneigung entwickeln könnten, die auch im privaten Bereich an Bedeutung gewinnen. Dies bleibt jedoch eine Hypothese der Forschenden und wurde in dieser Studie nicht direkt untersucht.

Was sich zeigt, wenn beide Partner direkt befragt werden

Die zweite Teilstudie mit den 86 Paaren bestätigte größtenteils die Ergebnisse der ersten, größeren Stichprobe: Ein höherer tatsächlicher durchschnittlicher Komfort mit privater Zuneigung war erneut mit einem besseren Beziehungswohlbefinden assoziiert.

Anders sah es bei der Öffentlichkeit aus. Tatsächliche Unterschiede zwischen den Partnern beim öffentlichen Komfort standen in dieser Teilstichprobe in keinem statistisch bedeutsamen Zusammenhang mit dem Beziehungswohlbefinden. Auch der tatsächliche durchschnittliche öffentliche Komfort sagte die Beziehungsqualität nicht zuverlässig vorher, sobald weitere Variablen berücksichtigt wurden.

Dieser Befund sollte jedoch mit Vorsicht interpretiert werden. Die Autorinnen selbst weisen darauf hin, dass die Stichprobe von 86 Paaren möglicherweise nicht groß genug war, um kleinere Effekte statistisch zuverlässig nachzuweisen. Ein ausbleibender Zusammenhang in dieser Teilstudie bedeutet also nicht zwangsläufig, dass tatsächliche öffentliche Diskrepanzen für die Beziehungsqualität keine Rolle spielen, sondern könnte auch an der begrenzten statistischen Teststärke liegen.

Die Forschenden schlagen als eine mögliche Erklärung vor, dass die Wahrnehmung des Partnerverhaltens für die eigene Zufriedenheit relevanter sein könnte als dessen tatsächliches, selbstberichtetes Empfinden. Eine Person, die öffentliche Berührung eigentlich als unangenehm empfindet, könnte sich dennoch darauf einlassen, um dem Partner oder der Partnerin entgegenzukommen, wodurch der Eindruck von Übereinstimmung entsteht.

Einordnung und offene Fragen

Wichtig ist: Die vorliegende Studie basiert ausschließlich auf Beobachtungsdaten und Selbstauskünften. Sie kann daher nicht klären, ob ein höherer Komfort mit Berührung tatsächlich zu mehr Zufriedenheit führt oder ob es umgekehrt eher die bereits bestehende Zufriedenheit ist, die den Umgang mit Körperkontakt erleichtert. Wahrscheinlich verstärken sich beide Faktoren im Zeitverlauf gegenseitig.

Zudem wurden Personen in geschlechtsdivers gelebten Beziehungen aufgrund der geringen Teilnehmerzahl in dieser Gruppe aus der Analyse ausgeschlossen. Künftige Studien mit größeren und vielfältigeren Stichproben könnten klären, wie sich unterschiedliche Geschlechtsidentitäten auf den Umgang mit Zärtlichkeit auswirken.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Quellen

Sgambati, S., Holmberg, D., & Blair, K. L. (2025). In sync? Assessing partners‘ similarities in comfort with physical affection–sharing as a predictor of relationship well-being. Personal Relationships, 32(4), e70041. https://doi.org/10.1111/pere.70041

Petrova, K. (2026, 14. September). Private touch matters more than public affection for relationship quality. PsyPost. https://www.psypost.org/being-in-sync-on-physical-affection-predicts-relationship-happiness/

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