Neuer Behandlungsansatz gegen Fettleibigkeit und Übergewicht

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

Torsten Lorenz, aktualisiert am 2. Januar 2022, Lesezeit: 5 Minuten

Wie behandelt man Patienten und Patientinnen mit Übergewicht Adipositas? 

Menschen, die an Fettleibigkeit (Adipositas) oder Übergewicht leiden, wird in den meiste Fällen geraten, weniger zu essen, gesünder zu essen, sich mehr zu bewegen und Sport zu treiben. 

In besonders schweren Fällen unterziehen sich manche der Betroffenen einer Adipositaschirurgie (bariatrische Chirurgie).

Wie kann man Adipositas effektiv bekämpfen?

Nach Meinung von Trine Tetlie Eik-Nes, Professorin an der Abteilung für Neuromedizin und Bewegungswissenschaft der Norwegian University of Science and Technology, besteht ein großer Bedarf an einer interdisziplinären Behandlung von Patientinnen und Patienten mit krankhafter Fettleibigkeit, die auch die psychologischen Aspekte berücksichtigt.

Ein neuer Behandlungsansatz gegen Fettleibigkeit und Übergewicht, den die Forscher der NTNU im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie entwickelt und angewendet haben, basiert auf der gezielten Schulung der Patientinnen und Patienten. Das Ziel dabei ist es ihnen die Gründe für ihr übermäßiges Essverhalten bewusst zu machen, gefolgt von gezielten Übungen und Gruppendiskussionen.

Als übermäßiges Essverhalten werden wiederholte Phasen bezeichnet, in denen ein Mensch wesentlich mehr isst als normal. Bei den 42 Erwachsenen, die an der Studie teilnahmen, handelte es sich um Personen, die die Adipositas-Ambulanz des St. Olavs Hospitals aufgesucht hatten, um ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Alle Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer litten entweder an Fettleibigkeit (Adipositas) dritten Grades, das heißt sie hatten einen Body Mass Index (BMI) von 40 oder mehr, oder an Fettleibigkeit zweiten Grades mit zusätzlichen gesundheitlichen Problemen. Sechs Personen hatten sich zuvor bereits einer Adipositaschirurgie unterzogen.

Komplexe Ursachen von Fettleibigkeit

Eik-Nes von der Norwegian University of Science and Technology ist der Ansicht, dass das Verständnis und die entsprechende Behandlung von Fettleibigkeit und übermäßigem Essen bisher zu eng gefasst waren.

Die Ursachen sind wesentlich komplexer als nur ein übermäßiger Appetit, genetische Veranlagung und vermeintliche „Faulheit“. 

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen laut der Wissenschaftlerin, dass 30 bis 50 Prozent der Menschen mit starkem Übergewicht, die sich wegen Fettleibigkeit in Behandlung begeben, psychologische Probleme im Zusammenhang mit dem Kontrollverlust haben, wie beispielsweise ein übermäßiges Essen, das den ganzen Tag anhält.

Übermäßiges essen, um den Schmerz zu betäuben

Der Wissenschaftlerin zufolge ist übermäßiges Essen häufig auf innere und äußere Stressfaktoren zurückzuführen. Die Ursachen können vielfältig und komplex sein: beispielsweise Traumata in der Kindheit, negative Gedanken über sich selbst, Geringschätzung des eigenen Körpers, problematische Beziehungen zu den Eltern und soziale Schwierigkeiten.

Neue Behandlungsmethode bei Fettleibigkeit

Die in der Studie verwendete Behandlungsmethode wurde von Eik-Nes und Kjersti Hognes Berg entwickelt. Ein interdisziplinäres Expertenteam führte die Bewertungen und die Behandlung durch, bei der emotionale Sicherheit und Offenheit im Vordergrund standen.

Die Teilnehmenden kamen über einen Zeitraum von zehn Wochen für insgesamt 30 Stunden zusammen. Nach jeder Unterrichtseinheit teilten sich die Patienten in Kleingruppen auf, um zu üben, ihr eigenes Alltagsleben zu analysieren.

Den Patientinnen und Patienten sollte der Zusammenhang zwischen Gewicht und psychischer Gesundheit vermittelt und bewusst gemacht werden. Das Ziel war, dass sie sich in den zehn Wochen bewusster werden, welchen Herausforderungen sie im Alltag begegnen und welche Strategien ihnen helfen können. Auf diese Weise konnte jeder die für ihn passenden Ziele und Maßnahmen entwickeln, so die Forscherin.

Während der Adipositas-Behandlung wurde den Patientinnen und Patienten bewusster, wie sie reagieren und was der Auslöser für ihr übermäßiges Essen ist. So kann beispielsweise übermäßiges Essen oder ständiges Naschen die Wahrnehmung beruhigen, sich außerhalb der eigenen Komfortzone zu befinden.

Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Auffassung, dass ihr negatives Körperbild und ihre Scham ein Hindernis für körperliche Aktivität und ein soziales Leben darstellten. 

Eik-Nes glaubt, dass dies eine Erklärung dafür sein könnte, warum es für diese Gruppe so schwierig ist, Maßnahmen zur Verbesserung des eigenen Wohlbefindens des Lebensstils in die Praxis umzusetzen.

Weniger Essen und Unruhe, mehr soziales Leben

Am Ende der zehn Wochen konnte eine deutliche Verbesserung gemessen werden: Die Patientinnen und Patienten erlebten den Studienautoren zufolge eine fast 30-prozentige Verringerung der Zahl der Essanfälle und eine deutliche Verringerung ihrer emotionalen Probleme, wie innere Unruhe, Angst, Depression und Reizbarkeit. 

Darüber hinaus berichteten die Patientinnen und Patienten, dass sie sich in ihren sozialen Aktivitäten weit weniger eingeschränkt fühlten.

Im Rahmen der Studie wurde der Gewichtsverlust nicht gemessen, aber man hatte den Eindruck, dass eine große Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer abgenommen hat.

Den Forschern zufolge war es ein wichtiger Punkt der Studie, zu untersuchen, wie eine Behandlung, die sowohl die körperliche als auch die geistige Gesundheit umfasst, funktionieren kann.

Der interdisziplinäre Ansatz hat gut funktioniert. Über die Langzeitwirkung der Adipositas-Behandlung kann noch nichts gesagt werden, so Eik-Nes von der Norwegian University of Science and Technology.

Adipositas – ein persönlicher Erfahrungsbericht von Lea

(Quelle: Stiftung Gesundheitswissen)

Adipositas – Abnehmen, um zu überleben

(Quelle: ARD)

Quellen: Norwegian University of Science and Technology / Trine T. Eik-Nes et al, A Group Intervention for Individuals With Obesity and Comorbid Binge Eating Disorder: Results From a Feasibility Study, Frontiers in Endocrinology (2021). DOI: 10.3389/fendo.2021.738856

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