Menschen mit Vorhofflimmern weisen messbare Veränderungen in der Netzhaut auf, die bereits Jahre vor der eigentlichen Diagnose auftreten können. Das zeigt eine große Studie des University College London (UCL) und des Moorfields Eye Hospital, die Daten von mehr als 90.000 Personen ausgewertet hat. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Untersuchung, die in Optikerpraxen und Augenkliniken ohnehin routinemäßig stattfindet, künftig helfen könnte, Risikopatienten früher zu identifizieren. Vorhofflimmern bleibt wegen seines oft unregelmäßigen Auftretens häufig lange unentdeckt, obwohl es das Risiko für Schlaganfall und Herzinsuffizienz deutlich erhöht.
Worum es in der Studie geht
Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung und betrifft in Großbritannien nach Angaben der British Heart Foundation mehr als 1,5 Millionen Menschen. Die Diagnose stützt sich in der Regel auf ein Elektrokardiogramm (EKG), das die Herzströme über einen bestimmten Zeitraum aufzeichnet. Da die Rhythmusstörung häufig nur zeitweise auftritt, kann sie bei einer einzelnen EKG-Messung leicht übersehen werden. Viele Betroffene erfahren daher erst durch eine ernste Komplikation wie einen Schlaganfall von ihrer Erkrankung.
Das Forschungsteam um Josef Huemer und Siegfried Wagner untersuchte deshalb, ob bildgebende Verfahren am Auge, die bereits breit verfügbar sind, einen zusätzlichen, nicht invasiven Hinweis auf Vorhofflimmern liefern können. Dafür werteten sie zwei unabhängige Datensätze aus: die Moorfields-Kohorte AlzEye mit 50.651 Personen, davon 5.735 mit Vorhofflimmern, sowie die UK-Biobank-Kohorte mit 39.539 Teilnehmenden, von denen 526 zu Studienbeginn bereits betroffen waren. Analysiert wurden sowohl optische Kohärenztomographie-Aufnahmen (OCT) als auch farbige Netzhautfotos.
Zentrales Ergebnis: eine dünnere Nervenzellschicht
In beiden Kohorten fiel den Forschenden auf, dass Menschen mit Vorhofflimmern im Schnitt eine dünnere sogenannte mGCIPL-Schicht hatten. Diese Schicht aus Ganglienzellen und innerer plexiformer Schicht liegt im Bereich der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens, und besteht aus Nervenzellen, die das Auge mit dem Gehirn verbinden. In der AlzEye-Kohorte war die Schicht bei Betroffenen um etwa zwei Mikrometer dünner, in der UK Biobank um rund 1,2 Mikrometer. Der Unterschied blieb auch bestehen, wenn Personen mit vorangegangenen schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall aus der Analyse ausgeschlossen wurden.
Besonders aufschlussreich ist der longitudinale Teil der Studie: Von den anfangs gesunden Teilnehmenden der UK Biobank entwickelten 838 im Laufe der Nachbeobachtung Vorhofflimmern, im Mittel nach knapp vier Jahren. Personen mit einer dünneren mGCIPL-Schicht zu Studienbeginn hatten dabei ein statistisch signifikant höheres Risiko, später die Diagnose zu erhalten. Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und Alkoholkonsum blieb je Standardabweichung dünnerer Schicht ein etwa 27 Prozent erhöhtes Risiko bestehen.
Wie belastbar ist der Zusammenhang?
Wichtig ist, den Befund richtig einzuordnen. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, keine kontrollierte Studie: Die Forschenden haben einen statistischen Zusammenhang zwischen dünnerer Netzhautschicht und Vorhofflimmern gefunden, jedoch keinen Beweis dafür, dass die eine Veränderung die andere direkt verursacht. Für das bereits bestehende Vorhofflimmern ist die Aussage vor allem eine Assoziation aus Querschnittsdaten. Für das später neu auftretende Vorhofflimmern liegt zwar eine prospektive Kohortenstudie mit einem statistisch abgesicherten Zusammenhang vor, doch auch hier bleibt es bei einer einzelnen Studie mit einem moderaten Effekt.
Eine Einschränkung nennen die Autorinnen und Autoren selbst: Vorhofflimmern wurde über Krankenhauscodes und Selbstangaben erfasst, ein Verfahren, das insbesondere anfallsartiges oder symptomloses Vorhofflimmern nicht zuverlässig erfasst. Das bedeutet, dass ein Teil der als gesund eingestuften Vergleichspersonen tatsächlich unentdecktes Vorhofflimmern gehabt haben könnte, was den gemessenen Zusammenhang eher unterschätzt als überzeichnet. Zudem sind weder die UK-Biobank-Teilnehmenden noch die Patientinnen und Patienten der Moorfields-Klinik repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung.
Ein möglicher, aber unbewiesener Mechanismus
Warum die Netzhaut bei Vorhofflimmern dünner sein könnte, ist bislang nicht abschließend geklärt. Die Studienautoren vermuten, dass die beobachtete Ausdünnung auf kleine, oft unbemerkte Schlaganfälle zurückgehen könnte, die bei Vorhofflimmern gehäuft auftreten und die Durchblutung der Nervenzellen im Auge beeinträchtigen. Diese Erklärung ist bislang eine Hypothese der Forschenden und noch nicht durch bildgebende Untersuchungen des Gehirns direkt belegt. Die Autorinnen und Autoren selbst betonen, dass weitere Studien nötig sind, um diesen Mechanismus zu bestätigen.
Bedeutung für die medizinische Praxis
Der leitende Studienautor Siegfried Wagner von der UCL und dem Moorfields Eye Hospital sieht in den Ergebnissen ein Argument für die Netzhautuntersuchung als ergänzendes Instrument. Die bildgebende Untersuchung des Auges sei einfach zugänglich, schnell durchführbar und nicht invasiv. Sie solle das EKG nicht ersetzen, könne aber dabei helfen, Risikopatientinnen und -patienten frühzeitig zu identifizieren, bevor es zu ernsten Komplikationen kommt.
Wie relevant eine frühere Erkennung sein kann, verdeutlicht der Fall des Moorfields-Patienten John Brewer. Bei ihm wurde Vorhofflimmern erst während einer Kataraktoperation entdeckt, als das Operationsteam eine Herzrhythmusstörung bemerkte und ein EKG anschloss. Ein solcher Einzelfall belegt naturgemäß keinen allgemeinen Nutzen der Methode, zeigt aber anschaulich, welches Diagnoseproblem die Forschenden zu lösen versuchen.
Die Studie reiht sich in ein wachsendes Forschungsfeld namens Oculomics ein, das untersucht, inwieweit hochauflösende Aufnahmen des Auges Hinweise auf Erkrankungen andernorts im Körper liefern können. Dieselbe Forschungsgruppe hat in früheren Arbeiten bereits Zusammenhänge zwischen Netzhautveränderungen und Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Schizophrenie sowie weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschrieben. Möglich wird diese Forschung durch den INSIGHT Eye and Oculomics Health Data Research Hub am Moorfields Eye Hospital, der nach eigenen Angaben über mehr als 30 Millionen mit Patientendaten verknüpfte Augenaufnahmen verfügt.
Was als Nächstes folgen muss
Die Autorinnen und Autoren sind selbst zurückhaltend, was die unmittelbaren praktischen Konsequenzen betrifft. Josef Huemer, Erstautor der Studie, formuliert die möglichen Folgen im Konjunktiv: Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Untersuchungen bestätigen, könnten routinemäßige Augenuntersuchungen künftig dabei helfen, Personen zu identifizieren, die von einer genaueren kardiologischen Abklärung profitieren würden. Bevor Netzhautscans in der Praxis zur Risikoeinschätzung für Vorhofflimmern eingesetzt werden können, sind jedoch prospektive Studien nötig, die prüfen, wie gut sich einzelne Personen anhand ihrer Netzhautwerte tatsächlich vorhersagen lassen, und nicht nur, ob auf Gruppenebene ein statistischer Zusammenhang besteht.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Kann eine Netzhautuntersuchung Vorhofflimmern bereits heute diagnostizieren?
Nein. Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen einer dünneren Netzhautschicht und Vorhofflimmern, liefert aber kein einsatzbereites Diagnoseverfahren. Die Diagnose stützt sich weiterhin auf das EKG.
Was genau wurde in der Netzhaut gemessen?
Die Forschenden analysierten mehrere Schichten und Gefäßmerkmale der Netzhaut mittels optischer Kohärenztomographie und Farbfotografie. Der auffälligste und am konsistentesten replizierte Befund betraf die mGCIPL-Schicht, eine Nervenzellschicht im Bereich der Makula.
Bedeutet der Zusammenhang, dass Vorhofflimmern die Netzhaut schädigt?
Die Studienautorinnen und -autoren vermuten dies, können es aber mit den vorliegenden Daten nicht belegen. Sie halten es für möglich, dass unbemerkte kleine Schlaganfälle im Zusammenhang mit Vorhofflimmern die Durchblutung der Netzhaut beeinträchtigen, betonen jedoch selbst, dass dieser Mechanismus noch nicht bestätigt ist.
Wie sicher ist der Befund, dass dünnere Netzhautschichten ein späteres Vorhofflimmern ankündigen?
Der Zusammenhang war in einer großen, prospektiv verfolgten Gruppe statistisch signifikant, auch nach Berücksichtigung anderer Risikofaktoren. Es handelt sich aber um eine einzelne Studie mit einem moderaten Effekt, weshalb weitere Untersuchungen zur Bestätigung nötig sind.
Was ist Oculomics?
Oculomics bezeichnet ein Forschungsfeld, das untersucht, ob sich anhand hochauflösender Netzhautaufnahmen Rückschlüsse auf Erkrankungen in anderen Körperregionen ziehen lassen. Neben Vorhofflimmern wurden mit diesem Ansatz bereits Zusammenhänge mit neurologischen und weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschrieben.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Huemer, J., Stuart, K. V., Zhou, Y., Williamson, D. J., Woodward-Court, P., Mobley, A. R., Chandratheva, A., Berger, F., Aung, N., Petersen, S. E., Khawaja, A. P., Petzold, A., Rahi, J., Denniston, A. K., Kotecha, D., Keane, P. A., Patel, P. J., & Wagner, S. K. (2026). Atrial fibrillation and retinal imaging-based oculomics: A cross-sectional and longitudinal analysis of two large cohorts. PLOS Digital Health, 5(9), e0001661. https://doi.org/10.1371/journal.pdig.0001661
University College London. (2026, September 14). Eye scans detect signs of atrial fibrillation years before diagnosis. UCL News. https://www.ucl.ac.uk/news/2026/sep/atrial-fibrillation-detected-eye-scans-four-years-diagnosis
British Heart Foundation. (2023). Number of people living with atrial fibrillation in the UK passes 1.5 million. British Heart Foundation.






