Studie: Wie sich die Selbstwahrnehmung mit der Zeit verändert

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Torsten Lorenz, Beitrag vom 14. Dezember 2021

Wenn man zwei Objekte aus der Nähe betrachtet, beispielsweise zwei Blätter, kann man sie leicht auseinanderhalten, aber wenn sie weiter von einem entfernt sind, wird es schwierig, sie zu unterscheiden.

Die beiden Objekte werden „komprimiert“, ein Grundprinzip der Wahrnehmung. Laut einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, funktioniert das Konzept der menschlichen Selbstwahrnehmung auf die gleiche Weise.

Wenn jemand beispielsweise gefragt wird, ob er glaubt, dass er morgen ruhiger sein wird als heute, ist es leicht, die beiden Situationen miteinander zu vergleichen.

Wird man jedoch gefragt, ob man glaubt, dass man in 10 oder 11 Tagen entspannter sein wird, wird es sehr viel schwieriger, zwischen diesen beiden Zeitpunkten zu unterscheiden.

Das Selbstkonzept wird mit der Zeit immer unschärfer, je weiter man sich von der Gegenwart entfernt, erklärt Meghan Meyer, Assistant Professor für Psychologie und Gehirnwissenschaften am Dartmouth College und Hauptautorin der Studie.

Je weiter man in der Vergangenheit oder in der Zukunft über sich selbst nachdenkt, desto weniger unterscheidbar ist die Version, die man von sich selbst hat, so die Forscherin.

Die Untersuchungsergebnisse umfassen insgesamt vier Studien. In drei der Studien bewerteten die Versuchsteilnehmer entweder ihre eigenen Persönlichkeitsmerkmale oder gaben Auskungt über ihre Selbstwahrnehmung zu verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit und Zukunft.

Die Studie ergab, dass die Befragten ihr vergangenes und zukünftiges Selbst im Vergleich zu ihrem gegenwärtigen Selbst komprimierten.

In der vierten Studie wurde den Teilnehmern zwei Persönlichkeitsmerkmale vorgelegt, und sie mussten auswählen, welches Merkmal sie zu einem bestimmten Zeitpunkt besser beschreibt, während sie sich einem funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI-Scan) unterzogen.

Anhand der Hirnbildgebung konnten die Forscher feststellen, wie das Gehirn die Selbstwahrnehmung im Laufe der Zeit organisiert.

Jedes Mal, wenn ein Studienteilnehmer an sich selbst in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft dachte, konnten die Forscher ein bestimmtes Bild davon aufzeichnen, wie sein Gehirn aussah.

Diese Muster waren immer weniger voneinander zu unterscheiden, je weiter die Teilnehmer in der Zukunft über sich selbst nachdachten.

Selbst auf der Ebene der Hirnaktivität sahen die Forscher Hinweise darauf, dass unser vergangenes und zukünftiges Ich weniger unterscheidbar werden, wenn wir uns in der Zukunft sehen.

Die Daten der fMRI-Scans stimmten mit den Ergebnissen der Persönlichkeitsbewertungen der Teilnehmer überein, was die Wissenschaftler als Effekt der „zeitlichen Selbstkompression“ bezeichnen.

In der Psychologie ist allgemein bekannt, dass manche Menschen problematische Verhaltensweisen an den Tag legen, wenn sie über ihre Vergangenheit oder Zukunft nachdenken, zum Beispiel jemand, der nicht genug für die Rente spart, weil er nicht so weit vorausdenken kann.

Den Studienautoren zufolge könnten zukünftige Forschungen über den zeitlichen Selbstkompressionseffekt dabei helfen, diese Art von Verhalten zu erklären. Möglicherweise haben Menschen Schwierigkeiten, gute Entscheidungen für ihr zukünftiges Ich zu treffen oder sich genau an ihre Vergangenheit zu erinnern, weil sie ihr fernes Ich nicht klar vor Augen haben, so die Forscher.

Quellen: Dartmouth College / Sasha Brietzke, Meghan L. Meyer, Temporal self-compression: Behavioral and neural evidence that past and future selves are compressed as they move away from the present, Proceedings of the National Academy of Sciences (2021). DOI: 10.1073/pnas.2101403118

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