Eine neue Studie aus der Persönlichkeitspsychologie zeigt, dass Menschen, die sich stark auf persönliches Wachstum und Vorankommen ausrichten, dazu neigen, ihre eigene Attraktivität zu überschätzen, was ihnen den Mut verleiht, besonders begehrte romantische Partner aktiv anzusprechen und anzustreben.
Was die Forschung zeigt
Warum streben manche Menschen konsequent nach hochattraktiven Partnern, während andere sich mit weniger anspruchsvollen Zielen zufriedengeben? Eine aktuelle psychologische Studie, veröffentlicht im Journal of Personality im Jahr 2025, liefert eine belastbare Antwort: Es liegt nicht allein an der tatsächlichen eigenen Attraktivität, sondern an der inneren Orientierung, mit der Menschen ihre Lebensziele verfolgen.
Die Studie wurde von Eileen Z. Wu, Daniel C. Molden und Paul W. Eastwick durchgeführt. Sie untersuchte, wie sogenannte selbstregulatorische Orientierungen, also habituelle Muster der Zielsteuerung, die Partnerwahrnehmung und das romantische Verhalten beeinflussen.
Zwei psychologische Grundorientierungen
Promotions-Orientierung: auf Wachstum ausgerichtet
Menschen mit einer ausgeprägten Promotions-Orientierung denken in Kategorien von Chancen, Fortschritt und Möglichkeiten. Sie motivieren sich durch Hoffnungen und Bestrebungen. Diese Haltung lässt sich gut mit einem unternehmerischen Mindset vergleichen: Wer stets nach Verbesserung strebt, überschätzt systematisch die eigene Stärke, was in vielen Kontexten ein funktionaler Vorteil ist.
Im romantischen Bereich äußert sich dies darin, dass Promotions-orientierte Personen ihre eigenen positiven Eigenschaften wie physische Attraktivität, Selbstsicherheit oder Ausstrahlung überdurchschnittlich hoch einschätzen. Diese erhöhte Selbstwahrnehmung führt dazu, dass sie höhere Ansprüche an potenzielle Partner stellen und aktiver begehrte Personen ansprechen.
Präventions-Orientierung: auf Sicherheit ausgerichtet
Menschen mit einer starken Präventions-Orientierung fokussieren sich auf Pflichten, Risikominimierung und die Vermeidung von Verlusten. Sie denken bevorzugt darüber nach, was schiefgehen könnte, und handeln entsprechend vorsichtig.
Im romantischen Kontext führt dies zu einer systematisch negativeren Selbstbewertung: Betroffene schätzen ihre eigene Attraktivität tendenziell niedriger ein, setzen niedrigere Ansprüche an einen idealen Partner und wählen statistisch gesehen weniger begehrte Partner.
Studiendesign und Methodik
Studie 1: Sieben Monate romantische Beobachtung
An der ersten Studie nahmen 208 Studierende einer privaten Universität im Mittleren Westen der USA teil. Alle Teilnehmenden identifizierten sich als heterosexuell; 91 waren Männer. Das Durchschnittsalter lag bei 18 Jahren.
Die Teilnehmenden beantworteten zu Beginn den Regulatory Focus Questionnaire (RFQ), ein wissenschaftlich validiertes Instrument zur Messung selbstregulatorischer Orientierungen. Sie bewerteten außerdem, in welchem Ausmaß sie eine Reihe positiver Eigenschaften, wie physische Attraktivität, Selbstvertrauen und Ausstrahlung, bei sich selbst wahrnahmen, und wie wichtig ihnen diese Eigenschaften bei einem romantischen Partner wären.
Über einen Zeitraum von sieben Monaten, in Abständen von etwa drei Wochen, wurden die Teilnehmenden gebeten, die Personen zu bewerten, für die sie gerade romantisches Interesse empfanden. Im Durchschnitt nannten die Teilnehmenden im Laufe der Studie fünf unterschiedliche Personen.
Studie 2: Speed-Dating unter kontrollierten Bedingungen
An der zweiten Studie nahmen 187 Studierende derselben Universität teil, davon 93 Frauen. Neben den gleichen Eingangsbefragungen wie in Studie 1 nahmen alle Teilnehmenden an einem Speed-Dating-Event teil. Jede Person absolvierte vierminütige Dates mit jeweils 11 oder 12 Personen des anderen Geschlechts.
Nach jedem Date bewerteten die Teilnehmenden die Attraktivität der jeweiligen Person. Aus den Übereinstimmungen mehrerer unabhängiger Bewertungen der gleichen Person erstellte das Forschungsteam einen konsensualen, objektiven Schätzwert der tatsächlichen Attraktivität jedes Teilnehmenden. Anschließend gaben alle Teilnehmenden in einer Online-Umfrage an, wen sie gerne wiedersehen würden.
Zentrale Ergebnisse
Die Befunde lassen sich in folgende Hauptpunkte zusammenfassen:
- Promotions-Orientierung korreliert mit einer positiv verzerrten Selbstwahrnehmung, höheren Ansprüchen an einen idealen Partner und der tatsächlichen Verfolgung begehrter Partner.
- Präventions-Orientierung korreliert mit einer negativ verzerrten Selbstwahrnehmung, niedrigeren Ansprüchen und der Tendenz, weniger begehrte Partner anzustreben.
- Diese Effekte blieben statistisch stabil, auch nachdem allgemeines Selbstwertgefühl sowie die objektiv gemessene eigene Attraktivität (aus den Konsensurteilen in Studie 2) als Kontrollvariablen einbezogen wurden.
Die Forschenden testeten ein Mediationsmodell, das eine kausale Kette beschreibt: Eine stärkere Promotions-Orientierung erhöht die Bewertung der eigenen positiven Eigenschaften, was wiederum die wahrgenommene Wichtigkeit dieser Eigenschaften beim idealen Partner steigert, was schließlich die aktive Verfolgung begehrter Partner begünstigt. Eine stärkere Präventions-Orientierung bewirkt das Gegenteil.
Die Autoren schreiben: Menschen streben zwar universell nach hochattraktiven romantischen Partnern, doch nicht alle messen diesem Ziel dieselbe Priorität bei oder sind bereit, das Risiko einer Zurückweisung einzugehen.
Einordnung und wissenschaftliche Bedeutung
Selbstregulation als unterschätzter Faktor der Partnersuche
Die Studie ergänzt bestehende Forschung zur Partnerwahl, die sich traditionell auf Faktoren wie physische Attraktivität, sozioökonomischen Status oder Persönlichkeitseigenschaften konzentriert. Sie zeigt, dass motivationale Orientierungen, also die Art und Weise, wie Menschen ihre Ziele verfolgen, einen eigenständigen und messbaren Effekt auf romantisches Verhalten haben.
Das Konzept der regulatorischen Zielorientierung geht auf die Regulatory Focus Theory zurück, die vom Psychologen E. Tory Higgins in den 1990er-Jahren entwickelt wurde. Seitdem wurde sie in zahlreichen Kontexten, von Konsumverhalten über Leistungsmotivation bis hin zu klinischer Psychologie, empirisch untersucht. Die vorliegende Studie überträgt dieses Rahmenwerk erstmals systematisch auf die romantische Partnersuche.
Grenzen der Studie
Die Studie unterliegt einigen Einschränkungen, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen:
- Das Beobachtungsdesign erlaubt keine definitiven Kausalschlüsse. Die beschriebenen Zusammenhänge sind statistischer Natur.
- Die Stichprobe umfasst ausschließlich heterosexuelle Universitätsstudierende im Durchschnittsalter von 18 Jahren an einer einzigen US-amerikanischen Institution; Befunde auf andere Alters-, Bevölkerungs- und sexuelle Orientierungsgruppen sind nicht ohne Weiteres übertragbar.
- Beide Studien wurden an derselben Hochschule durchgeführt, was die externe Validität begrenzt.
Praktische Implikationen
Die Forschungsergebnisse haben über den akademischen Kontext hinaus Relevanz. Sie legen nahe, dass die eigene motivationale Grundhaltung aktiv die Wahrnehmung des eigenen Wertes auf dem Partnermarkt prägt, und zwar unabhängig von der objektiven Realität.
Wer an seiner Promotions-Orientierung arbeitet, also gezielt Wachstumsdenken, Zielstrebigkeit und eine positive Erwartungshaltung kultiviert, könnte dadurch auch in der Partnersuche selbstsicherer und ambitionierter agieren. Dies bedeutet nicht, unrealistische Erwartungen zu entwickeln, sondern vielmehr, die eigenen Stärken differenzierter wahrzunehmen und sich nicht vorab aus dem Spiel zu nehmen.
Einige Ansätze, die mit einer Promotions-Orientierung konsistent sind:
- Eigene Fähigkeiten und Fortschritte aktiv reflektieren und anerkennen.
- Persönliche Ziele als Chancen statt als Pflichten formulieren.
- Rückschläge als Lernmöglichkeiten interpretieren, statt als Bestätigung eigener Unzulänglichkeit.
- Soziale Situationen mit einer offenen, neugierigen Haltung begegnen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was ist der Unterschied zwischen Promotions- und Präventions-Orientierung? Die Promotions-Orientierung ist auf Wachstum, Chancen und Fortschritt ausgerichtet; sie motiviert durch positive Erwartungen. Die Präventions-Orientierung ist auf Sicherheit und Fehlervermeidung ausgerichtet; sie motiviert durch Pflichtgefühl und Risikoabwehr. Beide Orientierungen können situationsabhängig nützlich sein.
Kann man seine selbstregulatorische Orientierung verändern? Forschungen deuten darauf hin, dass diese Orientierungen zwar habituelle Muster darstellen, aber nicht unveränderlich sind. Kognitiv-behaviorale Ansätze sowie bewusste Zielsetzungsstrategien können helfen, die eigene Grundorientierung langfristig zu verschieben. Allerdings ist dies ein Prozess, der Bewusstsein und Übung erfordert.
Ist es schädlich, eine starke Präventions-Orientierung zu haben? Nicht generell. Eine Präventions-Orientierung ist in vielen Lebensbereichen adaptiv, etwa in sicherheitskritischen Berufen oder bei komplexer Planung. Im Kontext der Partnersuche kann sie jedoch dazu führen, dass Menschen sich selbst unterschätzen und auf attraktivere Optionen verzichten, ohne dies bewusst zu entscheiden.
Gilt die Studie nur für junge Erwachsene? Die vorliegende Stichprobe bestand ausschließlich aus Studierenden mit einem Durchschnittsalter von 18 Jahren. Ob die Befunde auf ältere Altersgruppen, andere Kulturen oder nicht-heterosexuelle Personen übertragbar sind, wurde nicht untersucht und bleibt eine offene Forschungsfrage.
Beeinflusst die objektive Attraktivität das Ergebnis nicht stärker als die Orientierung? Die Studie kontrollierte statistisch für objektiv gemessene Attraktivität (auf Basis von Konsensurteilen anderer Teilnehmender) und fand, dass die selbstregulatorische Orientierung auch unabhängig davon einen eigenständigen Effekt hatte. Das deutet darauf hin, dass die psychologische Grundhaltung über die bloße Attraktivität hinaus eine bedeutsame Rolle spielt.
Bedeutet eine Promotions-Orientierung, dass man arrogant oder unrealistisch wird? Nicht zwangsläufig. Die Studie zeigt eine systematische positive Verzerrung der Selbstwahrnehmung, nicht eine pathologische Überhöhung. Im romantischen Kontext äußert sich diese Verzerrung als funktionale Selbstsicherheit, die konkrete Verhaltenskonsequenzen hat. Der Unterschied zu Narzissmus liegt in der Verbindung mit echten Wachstumsmotiven und sozialer Offenheit.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Wu, E. Z., Molden, D. C., & Eastwick, P. W. (2025). Promotion- or prevention-focused self-evaluation and the preferential pursuit of more desirable romantic partners. Journal of Personality. https://doi.org/10.1111/jopy.70043
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Higgins, E. T. (1998). Promotion and prevention: Regulatory focus as a motivational principle. Advances in Experimental Social Psychology, 30, 1–46. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(08)60381-0
Molden, D. C., & Higgins, E. T. (2008). How preferences for eager versus vigilant judgment strategies affect self-serving conclusions. Journal of Experimental Social Psychology, 44(5), 1219–1228. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2008.03.009
Eastwick, P. W., & Finkel, E. J. (2008). Sex differences in mate preferences revisited: Do people know what they initially desire in a romantic partner? Journal of Personality and Social Psychology, 94(2), 245–264. https://doi.org/10.1037/0022-3514.94.2.245
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