Ein Verlust des Geruchssinns gilt seit Langem als frühes Warnsignal für die Parkinson-Krankheit, doch bislang konnten herkömmliche Riechtests nicht zwischen Parkinson und anderen, harmloseren Ursachen von Geruchsstörungen unterscheiden; eine neue, in der Fachzeitschrift npj Parkinson’s Disease veröffentlichte Studie liefert nun einen differenzierteren Test, der genau diese Lücke schließt, indem er nicht nur die Riechleistung misst, sondern auch, wie Betroffene Gerüche subjektiv bewerten und wie sie physisch daran schnuppern.
Warum der Geruchssinn bei Parkinson eine zentrale Rolle spielt
Eine eingeschränkte Fähigkeit, Gerüche zu erkennen und zu identifizieren, tritt bei vielen Parkinson-Patienten Jahre oder sogar Jahrzehnte vor den ersten motorischen Symptomen auf. Aus diesem Grund werden Riechtests bereits heute in der klinischen Praxis eingesetzt, um eine Verdachtsdiagnose zu untermauern.
Das Problem: Ein allgemeiner Geruchsverlust ist ein weit verbreitetes Phänomen. Er kann durch natürliche Alterungsprozesse, virale Infekte oder chronische Nasennebenhöhlenprobleme ausgelöst werden. Ein schlechtes Testergebnis allein sagt daher wenig darüber aus, ob tatsächlich eine neurodegenerative Erkrankung vorliegt.
Genau hier setzte die Forscherin Michal Andelman-Gur an, Medizinerin und Wissenschaftlerin, die die Studie im Rahmen der Weizmann Olfaction Research Group von Noam Sobel am Weizmann Institute of Science durchführte. Vor ihrer Forschungstätigkeit arbeitete sie in der neurologischen Abteilung des Tel Aviv Medical Center, wo sie die Auswirkungen neurologischer Erkrankungen auf Patienten und Familien unmittelbar miterlebte.
Der Studienaufbau: 94 Teilnehmende, drei Gruppen
Für die Untersuchung rekrutierten Andelman-Gur und ihr Team insgesamt 94 Probandinnen und Probanden, aufgeteilt in drei Gruppen:
- 33 Personen mit diagnostizierter Parkinson-Krankheit
- 33 gesunde Kontrollpersonen, nach Alter und Geschlecht angeglichen
- 28 Personen mit Geruchsverlust aus anderen, nicht mit Parkinson verbundenen Ursachen
Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag je nach Gruppe zwischen etwa 58 und 66 Jahren.
Der klassische Riechtest zeigt Grenzen
Zunächst absolvierten alle Teilnehmenden einen standardisierten klinischen Riechtest, der Erkennung, Unterscheidung und Identifikation von Gerüchen auf einer 48-Punkte-Skala erfasst. Dieser Test bestätigte zwar zuverlässig einen Geruchsverlust, konnte aber dessen Ursache nicht bestimmen.
Gesunde Kontrollpersonen erreichten im Median 30,5 von 48 möglichen Punkten. Die Parkinson-Gruppe kam auf einen Medianwert von 16,5, die Gruppe mit anderweitigem Geruchsverlust auf 12,4 Punkte. Selbst nach statistischer Kontrolle von Alter, Geschlecht und Parkinson-Medikation ließen sich die beiden Gruppen mit Riechstörungen anhand dieses Tests nicht voneinander unterscheiden.
Gleiche Intensität, andere Bewertung: der entscheidende Unterschied
Im nächsten Schritt ließen die Forschenden die Teilnehmenden an Gläsern mit einem angenehmen Zitronenduft, einem unangenehmen Fäkalgeruch oder ganz ohne Geruch riechen. Die Probanden bewerteten Intensität und Angenehmheit auf einer Skala von 1 bis 100.
Personen mit nicht-Parkinson-bedingtem Geruchsverlust bewerteten die Intensität des angenehmen Duftes im Median mit nur 16 Punkten, ein deutlicher Abfall gegenüber den gesunden Kontrollpersonen, die 78 Punkte vergaben.
Überraschenderweise bewerteten Parkinson-Patienten die Intensität desselben Duftes ebenfalls mit 78 Punkten, also genauso wie die Kontrollgruppe. Bei der Angenehmheit des Duftes hingegen glichen die Werte der Parkinson-Gruppe denen der Gruppe mit anderweitigem Geruchsverlust: Während gesunde Kontrollpersonen den Duft im Median mit 81,5 Punkten bewerteten, vergaben sowohl die Parkinson-Gruppe als auch die andere Gruppe mit Riechstörung jeweils nur 50 Punkte.
Diese Trennung der Werte deutet darauf hin, dass Menschen mit Parkinson keine generelle Abstumpfung ihrer Sinneswahrnehmung erfahren, sondern eine spezifische Veränderung darin, wie sie Gerüchen eine emotionale Wertung zuschreiben.
Ein individuelles Geruchsprofil als Fingerabdruck der Krankheit
Um ein detaillierteres Bild zu gewinnen, ließen die Forschenden die Teilnehmenden zehn verschiedene chemische Duftstoffe anhand von elf beschreibenden Kategorien wie süß, würzig oder verbrannt auf einer 100-Punkte-Skala bewerten. Aus diesen Angaben entstand eine mathematische Darstellung davon, wie ähnlich oder unterschiedlich verschiedene Gerüche für jede einzelne Person wahrgenommen werden.
Die Analyse dieser Profile ergab, dass Parkinson-Patienten ein gemeinsames, wiederkehrendes Wahrnehmungsmuster teilen. Ihre Bewertungen korrelierten stärker mit denen anderer Parkinson-Betroffener als mit jenen gesunder Kontrollpersonen oder Menschen mit anderen Ursachen für Geruchsverlust.
Verändertes Schnüffelverhalten als unbewusster Marker
Ein weiterer, besonders aufschlussreicher Baustein der Studie war die Messung des unwillkürlichen Schnüffelverhaltens mittels eines miniaturisierten Nasenflusssensors.
„Ein Aspekt, den ich besonders spannend finde, ist, dass dieser Ansatz ein sehr einfaches, natürliches Verhalten nutzt, nämlich wie wir schnüffeln, um Informationen über das Gehirn offenzulegen“, erklärte Andelman-Gur gegenüber PsyPost. „Ich hoffe, dass dies uns eines Tages helfen kann, Krankheiten deutlich früher zu erkennen als heute.“
Normalerweise atmen Menschen bei angenehmen Gerüchen länger und tiefer ein, während sie bei unangenehmen Gerüchen kürzer schnuppern. Bei den gesunden Kontrollpersonen bestätigte sich dieses erwartete Muster: Sie schnupperten den angenehmen Duft im Schnitt 1,12 normierte Zeiteinheiten lang, den unangenehmen Duft dagegen nur 0,98 Einheiten.
Auch Teilnehmende mit nicht-Parkinson-bedingtem Geruchsverlust zeigten ein ähnliches Muster, mit Werten von 1,32 Einheiten für den angenehmen und 1,17 Einheiten für den unangenehmen Duft.
Bei Parkinson-Patienten zeigte sich hingegen ein auffällig abweichendes Verhalten: Sie schnupperten den angenehmen Duft 1,18 Einheiten lang, den unangenehmen Duft jedoch 1,20 Einheiten, also sogar geringfügig länger. Ihr Schnüffelverhalten passte sich somit nicht an die Angenehmheit des Geruchs an, und sie nahmen häufig auffällig lange Züge des übelriechenden Duftes.
„Zunächst interessierte ich mich vor allem für die Charakterisierung von Schnüffelmustern und die natürliche Tendenz, bei unangenehmen Gerüchen die Atmung zu reduzieren oder kurz anzuhalten“, so Andelman-Gur. „Ich hatte nicht erwartet, dass Parkinson-Patienten bei unangenehmen Gerüchen länger schnuppern würden. Das war völlig kontraintuitiv, und in diesem Moment wurde mir klar, dass wir möglicherweise auf etwas wirklich Bedeutsames gestoßen waren, das Aufschluss über die Krankheit selbst geben könnte.“
Kombiniertes Modell erreicht bis zu 94 Prozent Genauigkeit
Im letzten Schritt verknüpften die Forschenden die subjektiven Geruchsbewertungen mit den physischen Schnüffelmessungen zu einem gemeinsamen statistischen Modell, das jede Testperson allein anhand ihrer Wahrnehmungs- und Verhaltensreaktionen auf Gerüche einordnen sollte.
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
- Unterscheidung Parkinson versus gesunde Kontrollgruppe: 89 Prozent Gesamtgenauigkeit
- Korrekte Erkennung tatsächlicher Parkinson-Fälle: 83 Prozent
- Korrekte Erkennung gesunder Personen: 94 Prozent
- Unterscheidung Parkinson versus andere Ursachen für Geruchsverlust: 88 Prozent Genauigkeit
- Nach Analyse einer kleineren, streng nach Alter und Geschlecht abgeglichenen Untergruppe von je 16 Personen pro Bedingung: Genauigkeit von 94 Prozent
Grenzen der Studie und nächste Schritte
Die getesteten Teilnehmenden hatten zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits eine bestätigte Parkinson-Diagnose. Da der Geruchsverlust in der Regel lange vor den motorischen Symptomen einsetzt, müssen künftige Studien klären, ob dieser Test die Krankheit auch in ihrem frühesten, symptomfreien Stadium erkennen kann. Um das Verfahren als vorausschauendes Screening-Instrument zu bewerten, wäre eine langjährige Beobachtung gesunder Personen erforderlich.
„Die Hauptlimitation unserer Studie liegt darin, dass die Kohorten noch relativ klein sind, sodass die Befunde in größeren und diverseren Gruppen repliziert werden müssen“, räumte Andelman-Gur ein.
Als nächsten Schritt planen die Forschenden, Personen mit spezifischen genetischen Risikofaktoren für Parkinson zu untersuchen, etwa Träger einer Mutation im LRRK2-Gen, die das Erkrankungsrisiko deutlich erhöht.
„Unser nächster Schritt ist es, die Methode in Gruppen mit erhöhtem Parkinson-Risiko zu testen, etwa bei LRRK2-Mutationsträgern“, so Andelman-Gur. „Langfristig hoffen wir, daraus ein einfaches Screening-Instrument zu entwickeln, das breiter in der Allgemeinbevölkerung eingesetzt werden könnte.“
Zu beachten ist zudem, dass die Studienstichprobe deutlich mehr Männer als Frauen umfasste, was teilweise die höhere Parkinson-Prävalenz bei Männern widerspiegelt. Eine Überprüfung des Verfahrens in einer ausgewogeneren demografischen Stichprobe würde helfen sicherzustellen, dass die Ergebnisse gleichermaßen für alle Bevölkerungsgruppen gelten. Abschließend regen die Autorinnen und Autoren an, den Zusammenhang zwischen verändertem Atemverhalten und Veränderungen im Gehirn genauer zu untersuchen, und werfen die Frage auf, ob ungewöhnliches Schnüffelverhalten selbst zum sensorischen Abbau im Krankheitsverlauf beitragen könnte.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
Andelman-Gur, M. M., Shushan, S., Snitz, K., Pinchasof, G., Honigstein, D., Gorodisky, L., Ravia, A., Ezra, A., Hezi, N., Gurevich, T., & Sobel, N. (2026). The world smells different in Parkinson’s disease. npj Parkinson’s Disease. https://doi.org/10.1038/s41531-026-01484-8
Dolan, E. W. (2026, August 11). A surprising shift in sniffing and odor perception could be a key sign of Parkinson’s disease. PsyPost. https://www.psypost.org/a-surprising-shift-in-sniffing-and-odor-perception-could-be-a-key-sign-of-parkinsons-disease/
Weizmann Institute of Science, Department of Brain Sciences. (n.d.). Weizmann Olfaction Research Group (WORG). Abgerufen am 11. August 2026, von https://www.weizmann.ac.il/brain-sciences/worg/






