Niedriger Blutdruck und Alzheimer: Stärkster Risikofaktor entdeckt

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Dr. Amalia Michailov, Veröffentlicht am: 10.06.2026, Lesezeit: 7 Minuten

Eine am 10. Juni 2026 im Journal of the American Heart Association veröffentlichte Analyse von Gesundheitsdaten nahezu 800.000 Erwachsener aus Großbritannien und den USA zeigt, dass mehrere Formen der Herz-Kreislauf-Erkrankung mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko verbunden sind — wobei niedrigem Blutdruck (Hypotonie) unter allen untersuchten kardiovaskulären Faktoren die stärkste Assoziation zukommt.

Was die Studie untersucht hat

Forschende der Michigan Technological University in Houghton, Michigan, werteten Gesundheitsdaten aus zwei umfangreichen Datenbanken aus: der UK Biobank mit mehr als 502.000 Erwachsenen überwiegend europäischer Herkunft sowie dem All of Us Research Program des US-amerikanischen National Institutes of Health mit mehr als 287.000 Erwachsenen aus den Vereinigten Staaten.

Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug in der UK Biobank rund 57 Jahre, im All of Us-Programm rund 58 Jahre. In der UK Biobank identifizierten sich 94 Prozent der Teilnehmenden als weiß; das All of Us-Programm umfasste einen deutlich vielfältigeren Datensatz: etwa 53 Prozent weiße, rund 20 Prozent schwarze und knapp 17 Prozent hispanische Erwachsene.

Die Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Alzheimer-Diagnose und zehn verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Risikofaktoren — darunter Bluthochdruck, Hypotonie, Brustschmerzen, Herzinfarkt, Lungenembolie, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz, chronische rheumatische Herzerkrankung, chronische ischämische Herzerkrankung und Schlaganfall.

Kernergebnisse im Überblick

Die zentralen Befunde der Analyse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Hypotonie (niedriger Blutdruck): Erwachsene mit Hypotonie in der UK Biobank wiesen ein etwa dreifach erhöhtes Alzheimer-Risiko auf; im All of Us-Datensatz war das Risiko nahezu doppelt so hoch wie bei Personen ohne Hypotonie.
  • Hypertonie (hoher Blutdruck): Über beide Datensätze hinweg hatten Personen mit Bluthochdruck ein 1,6-fach erhöhtes Alzheimer-Risiko im Vergleich zu Personen ohne Hypertonie.
  • Schlaganfall: Teilnehmende mit einem vorangegangenen Schlaganfall hatten in der UK Biobank ein 1,5-fach, im All of Us-Programm ein 1,85-fach erhöhtes Alzheimer-Risiko.
  • Vorhofflimmern (AFib): Teilnehmende der UK Biobank mit Vorhofflimmern waren etwa 1,5-mal häufiger von Alzheimer betroffen als jene ohne diese Herzrhythmusstörung.
  • Herzinfarkt: Als einziger untersuchter Faktor zeigte der Herzinfarkt in keinem der beiden Datensätze eine statistisch signifikante Assoziation mit Alzheimer.
  • Ethnische Unterschiede: Bei schwarzen und hispanischen Teilnehmenden war die Assoziation zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimer bis zu dreimal stärker ausgeprägt als bei weißen Teilnehmenden — besonders deutlich beim Bluthochdruck.

Warum niedriger Blutdruck das Gehirn gefährdet

Der Mechanismus: Sauerstoffmangel im Gehirn

Wenn der Blutdruck dauerhaft zu niedrig ist, erreicht das Gehirn nicht ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe. Dieser Versorgungsmangel schafft biochemische Bedingungen, unter denen sich Alzheimer-assoziierte Proteine — insbesondere Amyloid-beta und Tau — im Hirngewebe ansammeln können.

Elisabeth Marsh, M.D., FAHA, Neurologieprofessorin an der Johns Hopkins University School of Medicine und Vorsitzende des AHA Scientific Statement Brain Health Across the Lifespan 2026, erläutert: Das Gehirn ist auf eine konstante Blutversorgung angewiesen, um seine Funktion aufrechtzuerhalten. Fällt der Druck dauerhaft ab, fehlt dem Gehirn schlicht das, was es zum Überleben braucht.

Hypotonie im Schatten der Hypertonie

Aili Toyli, B.S., Erstautorin der Studie, weist auf einen blinden Fleck in der bisherigen Forschung hin: Im Vergleich zur Hypertonie erhält Hypotonie in der medizinischen Forschung deutlich weniger Aufmerksamkeit — was zu einem Mangel an Daten und Studienfokus führt. Die Identifikation spezifischer biologischer Mechanismen, die Hypotonie und Alzheimer verbinden, könnte künftig gezielte Interventionen ermöglichen.

Herz-Kreislauf-Gesundheit als Schutzfaktor für das Gehirn

Die kardiovaskuläre Verbindung

Herz-Kreislauf-Erkrankungen umfassen eine Vielzahl von Zuständen, die Herz und Blutgefäße betreffen — einschließlich der zerebralen Blutgefäße. Zu den bekannten unabhängigen Risikofaktoren für sowohl kardiovaskuläre Erkrankungen als auch Alzheimer zählen:

  • Bluthochdruck (Hypertonie)
  • Typ-2-Diabetes
  • Adipositas
  • Rauchen

Vaskuläre Schäden durch diese Faktoren können die zerebrale Perfusion beeinträchtigen und kognitivem Abbau Vorschub leisten.

Gemeinsame genetische Wurzeln

Zusätzlich identifizierten die Forschenden genetische Varianten (sogenannte Einzelnukleotid-Polymorphismen, SNPs), die sowohl mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch mit Alzheimer assoziiert sind. Dies legt nahe, dass beide Krankheitsgruppen möglicherweise gemeinsame biologische Grundlagen teilen — eine Erkenntnis, die zukünftige Präventions- und Therapieansätze grundlegend beeinflussen könnte.

Was Betroffene und Risikogruppen wissen sollten

Herzgesundheit aktiv gestalten

Die American Heart Association empfiehlt zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen den sogenannten Life’s Essential 8-Rahmen, der acht messbare Parameter der Herzgesundheit umfasst:

  1. Körperliche Aktivität
  2. Ernährung
  3. Rauchverhalten
  4. Schlafqualität
  5. Body-Mass-Index (BMI)
  6. Blutdruck
  7. Cholesterinwerte
  8. Blutzucker

Eine regelmäßige ärztliche Überwachung des Blutdrucks — sowohl im Hinblick auf zu hohe als auch auf chronisch zu niedrige Werte — ist nach aktuellem Forschungsstand ein wichtiger Baustein im Schutz der Gehirngesundheit.

Besondere Aufmerksamkeit für bestimmte Bevölkerungsgruppen

Die Studiendaten zeigen eine deutlich stärkere Assoziation zwischen kardiovaskulären Risikofaktoren und Alzheimer bei schwarzen und hispanischen Erwachsenen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit ethnisch sensibler Prävention und gleichberechtigten Zugangs zur medizinischen Versorgung.

Methodische Einschränkungen der Studie

Da die analysierten Daten einem Querschnittsdesign entsprechen — das heißt, alle Diagnosen wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erfasst —, kann die Studie keine Kausalrichtung bestimmen. Es bleibt offen, ob kardiovaskuläre Erkrankungen der Alzheimer-Diagnose vorausgingen oder umgekehrt.

Weitere Limitationen:

  • Diagnosen basieren auf standardisierten Abrechnungscodes (ICD-Codes), die undiagnostizierte oder falsch kodierte Fälle nicht erfassen.
  • Viele Teilnehmende wiesen mehrere kardiovaskuläre Komorbiditäten auf, was eine isolierte Betrachtung einzelner Faktoren erschwert.
  • Die UK Biobank-Kohorte besteht zu 94 Prozent aus Personen europäischer Herkunft, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen einschränkt.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was versteht man medizinisch unter Hypotonie? Hypotonie bezeichnet einen dauerhaft zu niedrigen Blutdruck, üblicherweise definiert als ein systolischer Wert unter 90 mmHg oder ein diastolischer Wert unter 60 mmHg. Symptome können Schwindel, Müdigkeit und in schweren Fällen Ohnmacht umfassen.

Ist Hypotonie grundsätzlich behandlungsbedürftig? Nicht jeder niedrige Blutdruck erfordert eine medikamentöse Behandlung. Bei Sportlerinnen und Sportlern oder schlanken Personen kann ein niedriger Blutdruck physiologisch normal sein. Chronisch niedriger Blutdruck mit Symptomen oder möglichen Auswirkungen auf die Organversorgung sollte jedoch ärztlich abgeklärt werden.

Bedeutet diese Studie, dass Hypotonie Alzheimer verursacht? Nein. Die Studie zeigt eine statistische Assoziation, keine Kausalität. Ob Hypotonie Alzheimer auslöst, ob Alzheimer den Blutdruck senkt oder ob beide Zustände gemeinsame Ursachen haben, ist noch nicht abschließend geklärt.

Welche Altersgruppen sind am stärksten betroffen? Die Studienpopulation umfasste Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 57 bis 58 Jahren. Alzheimer tritt überwiegend jenseits des 65. Lebensjahres auf, weshalb kardiovaskuläre Prävention im mittleren Lebensalter besondere Bedeutung hat.

Gibt es genetische Risikofaktoren, die Herz und Gehirn gleichzeitig betreffen? Die Studie fand Hinweise auf gemeinsame genetische Varianten, die sowohl mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch mit Alzheimer assoziiert sind. Welche Gene konkret beteiligt sind und wie sie wirken, bedarf weiterer Forschung.

Wie unterscheidet sich das Alzheimer-Risiko bei verschiedenen ethnischen Gruppen? Schwarze und hispanische Erwachsene in der All of Us-Kohorte zeigten eine bis zu dreimal stärkere Assoziation zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und Alzheimer im Vergleich zu weißen Teilnehmenden. Ursachen könnten sozioökonomische Faktoren, unterschiedliche Versorgungsqualität und genetische Prädispositionen umfassen.

Was kann ich konkret tun, um mein Risiko zu senken? Regelmäßige Blutdruckmessungen, ausreichend körperliche Bewegung, ausgewogene Ernährung, Nichtrauchen und die Behandlung von Grunderkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck gelten als evidenzbasierte Maßnahmen zur Förderung von Herz- und Gehirngesundheit.

Quellen

American Heart Association. (2026, 10. Juni). Several CVD conditions, risk factors linked to Alzheimer’s risk, notably low blood pressure [Pressemitteilung]. https://newsroom.heart.org/news/several-cvd-conditions-risk-factors-linked-to-alzheimer-s-risk-notably-low-blood-pressure

Toyli, A., et al. (2026). Cardiovascular disease subtypes and Alzheimer’s disease risk: Analysis of UK Biobank and All of Us cohorts. Journal of the American Heart Association. https://doi.org/10.1161/JAHA.125.047893

Marsh, E. B. (Vorsitzende). (2026). Brain health across the lifespan [AHA Scientific Statement]. American Heart Association. https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/STR.0000000000000518

American Heart Association. (2022). Life’s Essential 8: How to improve your heart health score. https://www.heart.org/en/healthy-living/healthy-lifestyle/lifes-essential-8

UK Biobank. (o. D.). About UK Biobank. https://www.ukbiobank.ac.uk/learn-more-about-uk-biobank/about-us

National Institutes of Health. (o. D.). All of Us Research Program. https://allofus.nih.gov

Alzheimer’s Association. (2023). 2023 Alzheimer’s disease facts and figures. Alzheimer’s & Dementia, 19(4), 1598–1695. https://doi.org/10.1002/alz.13016

Iadecola, C., Yaffe, K., Biller, J., Bratzke, L. C., Faraci, F. M., Gorelick, P. B., … & Seshadri, S. (2016). Impact of hypertension on cognitive function: A scientific statement from the American Heart Association. Hypertension, 68(6), e67–e94. https://doi.org/10.1161/HYP.0000000000000053

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