Wie das Gehirn hilft, soziale Unterschiede zu überwinden

Neurobiologie: Wie das menschliche Gehirn auf soziale Unterschiede reagiert

Ein Beitrag der Medizin Doc Redaktion vom 12. Oktober 2020

Neurobiologie und menschliches Verhalten: Eine wissenschaftlichen Studie von Forschern des University College London (UCL) und der Yale University hat ergeben, dass das menschliche Gehirn anders reagiert, wenn sich zwei Menschen unterhalten, die einen unterschiedlichen sozio-ökonomischen Hintergrund haben.

Für die Forschungsarbeit, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Social Cognitive and Affective Neuroscience publiziert wurde, führten 39 teilnehmende Probandenpaare Gespräche miteinander, während dabei ihre Gehirnaktivitäten aufgezeichnet wurden.

Die Forscher fanden heraus, dass unter Gesprächspartnern mit sehr unterschiedlichem sozio-ökonomischem Hintergrund (Familieneinkommen und Bildungsniveau) in einem Bereich des Frontallappens, dem sogenannten linken dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC), ein höheres Aktivitätsniveau zu erkennen war. Dieser Bereich des Gehirns ist mit der Sprachproduktion und regelbasierter Sprache sowie mit der Aufmerksamkeitskontrolle verbunden.

Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse unterstützen frühere Forschungen, die darauf hindeuten, dass die Frontallappensysteme bei der Erkennung von Vorurteilen (Bais) eine Rolle spielen und außerdem dabei helfen, das Verhalten so zu regulieren/steuern, dass keine Vorurteile zum Ausdruck kommen. Die erhöhte Aktivität im linken Frontallappen konnte bei beiden Probanden beobachtet werden und war ähnlicher als die Gehirnreaktionen der Teilnehmer, die sich mit einer Person mit vergleichbarem sozio-ökonomischem Hintergrund unterhielten.

In einem Fragebogen, der im Anschluss an die Gespräche ausgefüllt wurde, berichteten die Teilnehmer der Studie, die mit Personen mit unterschiedlichem Background zusammengebracht wurden, über ein etwas höheres Maß an Anspannung und Anstrengung während ihres Gesprächs als die Teilnehmer, die mit Personen mit einem ähnlichem sozio-ökonomischem Hintergrund zusammengebracht wurden.

Die Hirnaktivität der Testpersonen wurde mit einer neuen Methode namens funktionelle Nah-Infrarot-Spektroskopie (fNIRS) verfolgt und aufgezeichnet, die den Blutfluss und die Sauerstoffversorgung des Blutes im Gehirn durch die Messung von Veränderungen im Nah-Infrarot-Licht überwacht und bei der nur ein kleines Headset getragen werden muss. Bereits in früheren Forschungsstudien wurden MRT-Scans verwendet, bei denen sich die Probanden hinlegen und stillhalten mussten, was die Gespräche erschwerte.

Die Unterhaltungen dauerten jeweils circa zwölf Minuten. Den Studienteilnehmern wurden nach dem Zufallsprinzip vier Gesprächsthemen wie “Was haben Sie letzten Sommer gemacht?” oder “Wie backt man einen Kuchen? vorgegeben.

Nach den Gesprächen wurden die Probanden nach ihrem Bildungsabschluss und dem Jahreseinkommen ihrer Eltern gefragt und erhielten auf der Grundlage dieser Angaben eine Punktzahl. Die Studienteilnehmer wurden je nachdem, wie unterschiedlich ihre Punktzahl war, entweder als “hohe Disparität” oder als “geringe Disparität” eingestuft.

Die beiden Gruppen – Paare mit unterschiedlichem und Paare mit ähnlichem sozio-ökonomischem Hintergrund – wurden in Bezug auf Alter, Herkunft und Geschlecht abgeglichen, wodurch der Einfluss dieser Variablen auf die Ergebnisse minimiert wurde. Die Altersspanne der Studienteilnehmer reichte von 19 bis 44 Jahren und sie hatten unterschiedlichste sozioökonomische Hintergründe.

Die Autoren der Studie wollten wissen, ob das Gehirn unterschiedlich reagiert, wenn sich Menschen mit Personen unterhalten, die einen anderen sozio-ökonomischen Hintergrund haben. Den Forschern zufolge wurde dies mit der Untersuchung belegt und es zeigt, dass der Mensch über ein Nervensystems verfügt, die dabei hilft, soziale Unterschiede zu überwinden.

(Quelle: University College London, UCL / Journal Social Cognitive and Affective Neuroscience)

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Neurobiologie und Verhalten: Ein Video-Beitrag des Ersten Deutschen Fernsehens (ARD) über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns:

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