Neue Erkenntnisse aus klinischen Studien und Laborversuchen der University of California, Los Angeles (UCLA), veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nutrition Reviews, belegen, dass alltägliche Küchenkräuter und Gewürze wie Zimt, Kurkuma, roter Pfeffer und Oregano weit über ihre kulinarische Funktion hinaus wirken und nachweislich Blutzuckerwerte, Entzündungsmarker, die Zusammensetzung des Darmmikrobioms sowie kognitive Funktionen beeinflussen können.
ÜBERSICHT
- 1 Von der Antike bis zur modernen Ernährungswissenschaft
- 2 Natürlicher Salzersatz mit kardiovaskulärem Nutzen
- 3 Polyphenole und Antioxidantien: Der biochemische Kern der Wirkung
- 4 Methodik: 14 Jahre Forschung am UCLA Center for Human Nutrition
- 5 Zimt: Blutzuckerregulation und Mikrobiom-Modulation
- 6 Roter Pfeffer: Thermogenese und Fettmetabolismus
- 7 Kurkuma und Curcumin: Kognition, Krebsprävention und Cholesterin
- 8 Gewürzmischungen: Synergistische Wirkung auf Darm und Gefäße
- 9 Grenzen der aktuellen Forschung
- 10 Praktische Empfehlungen für den Alltag
Von der Antike bis zur modernen Ernährungswissenschaft
Gewürze und Kräuter werden seit Jahrtausenden nicht nur zum Würzen von Speisen, sondern auch als Heilmittel eingesetzt. Historische Belege reichen bis ins alte Ägypten und Rom zurück; viele Gewürze haben ihren Ursprung im Mittelmeerraum, im Nahen Osten und in Asien.
Der Unterschied zwischen Kräutern und Gewürzen ist botanisch klar definiert: Kräuter stammen aus frischen Blättern und Blüten der Pflanze, während Gewürze aus Wurzeln, Samen, Rinden, Stängeln, Beeren oder Knospen gewonnen und in der Regel getrocknet werden. Diese strukturelle Verschiedenheit spiegelt sich auch in ihren Inhaltsstoffprofilen und gesundheitlichen Wirkungen wider.
Natürlicher Salzersatz mit kardiovaskulärem Nutzen
Nationale Ernährungsrichtlinien, darunter die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) der amerikanischen National Institutes of Health (NIH), empfehlen ausdrücklich den Einsatz von Gewürzen als Ersatz für Speisesalz. Ziel ist die Senkung der Natriumzufuhr zur Prävention von Bluthochdruck.
Aktuelle Forschungsergebnisse stützen diesen Ansatz: Personen, die regelmäßig scharfe Speisen konsumieren, nehmen nachweislich weniger Salz zu sich und weisen im Durchschnitt niedrigere Blutdruckwerte auf. Dieser Zusammenhang eröffnet praxisnahe Ansätze für die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.
Polyphenole und Antioxidantien: Der biochemische Kern der Wirkung
Die gesundheitsfördernden Eigenschaften von Gewürzen beruhen maßgeblich auf ihrem Gehalt an polyphenolischen Verbindungen. Zu diesen zählen Phenolsäuren, Flavonoide und weitere sekundäre Pflanzenstoffe, die freie Radikale neutralisieren und oxidativen Stress reduzieren können.
Oxidativer Stress, verursacht durch überschüssige freie Radikale im Körper, gilt als bedeutsamer Faktor bei der Entstehung chronischer Erkrankungen wie Krebs, metabolischen Störungen und neurodegenerativen Erkrankungen. Gewürzpolyphenole können dieser Schadwirkung auf zellulärer Ebene entgegenwirken.
Methodik: 14 Jahre Forschung am UCLA Center for Human Nutrition
Die zugrundeliegende Übersichtsarbeit, publiziert von Diacova, Heber und Li in Nutrition Reviews (2026), wertet Studien aus, die zwischen 2010 und 2024 am UCLA Center for Human Nutrition durchgeführt wurden. Dabei wurden insgesamt acht klinische Humanstudien und zwölf In-vitro-Experimente analysiert.
Die Studien umfassten sowohl Untersuchungen zu einzelnen Gewürzen als auch zu Gewürzmischungen. Ergänzend wurden relevante Publikationen über systematische PubMed-Recherchen und manuelle Literaturauswertung identifiziert.
Zimt: Blutzuckerregulation und Mikrobiom-Modulation
Klinische Befunde zur Glukosestoffwechsel
Zwei klinische Studien am UCLA-Zentrum zeigten, dass die Supplementierung mit Zimt sowohl bei normalgewichtigen als auch bei übergewichtigen und adipösen Teilnehmenden die postprandialen Insulin- und Glukagonspiegel senkte. Gleichzeitig wurden niedrigere durchschnittliche Glukosewerte sowie messbare Veränderungen in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms im Vergleich zur Placebogruppe beobachtet.
Dennoch wurden bei einzelnen Teilnehmern zu bestimmten Messzeitpunkten vorübergehende Anstiege der Blutglukose festgestellt, was die Komplexität der metabolischen Wirkungen von Zimt unterstreicht. Die Befunde ergänzen eine breitere Evidenzbasis, die auf einen möglichen Nutzen von Zimt bei der Prävention und Begleittherapie von Typ-2-Diabetes hindeutet.
Weitere Schutzmechanismen
Über die Glukoseregulation hinaus weist Zimt folgende dokumentierte Eigenschaften auf:
- Schutz gegen respiratorische und gastrointestinale Infektionen
- Antientzündliche Wirkung durch Hemmung inflammatorischer Enzyme und Modulation von Genexpressionsmustern
- Antioxidative und leberschützende Eigenschaften
- Neuroprotektive Effekte über Signalwege, die Insulinsensitivität und zelluläre Abwehrmechanismen regulieren
Als zentraler bioaktiver Wirkstoff gilt Zimtaldehyd (Cinnamaldehyd), der für einen Großteil dieser Schutzwirkungen verantwortlich gemacht wird.
Roter Pfeffer: Thermogenese und Fettmetabolismus
Capsaicin und seine nicht-scharfe Alternative
Capsaicin, der Hauptwirkstoff in Chilischoten, stimuliert die Thermogenese, also die körpereigene Wärmeproduktion. Bei therapeutisch wirksamen Dosierungen können jedoch ernsthafte gastrointestinale Nebenwirkungen auftreten.
Als vielversprechende Alternative gelten Capsinoide wie Dihydrocapsiat (DCT), die in der nicht-scharfen CH-19-Paprika vorkommen. DCT aktiviert TRPV1-Rezeptoren im Darm, stimuliert das sympathische Nervensystem und kann so Thermogenese und Fettstoffwechsel fördern, ohne die bei Capsaicin bekannten Nebenwirkungen auszulösen.
Studienergebnisse zu DCT
Eine 2010 an der UCLA durchgeführte Studie ergab, dass übergewichtige und adipöse Probanden auf einer kalorienreduzierten Diät zwar alle Gewicht verloren, jedoch nur die Gruppe, die täglich 9 mg DCT erhielt, einen signifikant erhöhten postprandialen Energieverbrauch zeigte. Spätere Studien lieferten gemischte Ergebnisse hinsichtlich der Auswirkungen auf Energieverbrauch und Fettoxidation im Ruhe- und Belastungszustand, obwohl ein geringer thermischer Effekt nachgewiesen wurde.
Kurkuma und Curcumin: Kognition, Krebsprävention und Cholesterin
Gehirnfunktion und neuroprotektive Wirkung
Eine 2018 am UCLA durchgeführte Studie zeigte, dass die tägliche Einnahme einer bioverfügbaren Curcumin-Form über 18 Monate bei älteren Erwachsenen Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Stimmung verbesserte. Bildgebende Verfahren zeigten zudem Veränderungen, die möglicherweise mit einer veränderten Amyloid- und Tau-Akkumulation in Zusammenhang stehen, zwei Proteinablagerungen, die mit der Alzheimer-Erkrankung assoziiert sind.
Onkologische und metabolische Effekte
Eine 2014 veröffentlichte UCLA-Studie untersuchte die kombinierte Wirkung von Arctigenin, Epigallocatechingallat (EGCG) und Curcumin auf Prostata- und Brustkrebszellen. Die Kombination dieser Verbindungen verstärkte die antikarzinogene Wirkung im Vergleich zu den einzelnen Substanzen und führte zu erhöhtem Zelltod sowie einer stärkeren Suppression krebsfördernder Signalwege.
Darüber hinaus lindert Curcumin nachweislich Knieschmerzen bei Patienten mit Osteoarthritis und verbessert das Cholesterinprofil bei Personen mit metabolischem Syndrom durch Erhöhung des HDL-Cholesterins (High-Density-Lipoprotein) bei gleichzeitiger Senkung des LDL-Cholesterins (Low-Density-Lipoprotein).
Wirkmechanismen von Curcumin
Curcumin wirkt auf mehreren Ebenen:
- Neutralisierung freier Radikale und Aktivierung körpereigener antioxidativer Enzyme
- Hemmung zentraler entzündlicher Signalwege
- Induktion von Zellzyklusarrest und Apoptose in Krebszellen
- Modulation metabolischer Regulationspfade
Gewürzmischungen: Synergistische Wirkung auf Darm und Gefäße
Präbiotische Effekte auf das Mikrobiom
In-vitro-Studien und klinische Untersuchungen belegen, dass Polyphenol-reiche Gewürzmischungen, darunter Schwarzer Pfeffer, Cayennepfeffer, Zimt, Ingwer, Oregano, Rosmarin und Kurkuma, das Wachstum nützlicher Darmbakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien fördern, während sie bestimmte potenziell pathogene Bakterienstämme hemmen können.
Diese präbiotischen Eigenschaften unterstreichen den engen Zusammenhang zwischen Gewürzkonsum, Darmmikrobiom und dem sogenannten Darm-Hirn-Zusammenhang (Gut-Brain-Axis).
Schutz vor Lipidperoxidation beim Kochen
UCLA-Forschungen zeigen, dass die Zugabe polyphenolreicher Gewürze zu Fleisch vor dem Garen die Konzentration von Malondialdehyd (MDA), einem Marker für Lipidperoxidation, signifikant senkt. Damit können Gewürze dazu beitragen, die Entstehung oxidativ-schädigender Verbindungen beim Kochprozess zu reduzieren.
Besonders hervorzuheben ist die antioxidative Hierarchie: Oregano weist die höchste antioxidative Kapazität unter den untersuchten Gewürzen auf. Curcumin aus Kurkuma bleibt auch nach dem Kochen wirksam; die Kombination mit schwarzem Pfeffer, der Piperin enthält, verstärkt die antioxidative Wirkung auf die Lipidperoxidation, obwohl Piperin allein keine antioxidativen Eigenschaften besitzt.
Grenzen der aktuellen Forschung
Die Autoren der Übersichtsarbeit betonen wesentliche Einschränkungen der vorhandenen Evidenz:
- Viele Laborstudien verwenden Dosierungen, die deutlich über den im Alltag konsumierten Mengen liegen.
- Zubereitungsart, Verdauung, Metabolisierung und Wechselwirkungen mit anderen Nahrungsmitteln können die Bioverfügbarkeit und Wirksamkeit der bioaktiven Verbindungen erheblich beeinflussen.
- Für robuste Ernährungsempfehlungen sind weitere, methodisch hochwertige klinische Studien erforderlich.
Die Wissenschaft ist sich einig: Gewürze sind keine Medikamente, können jedoch als Teil einer ausgewogenen Ernährung einen messbaren Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten.
Praktische Empfehlungen für den Alltag
Die Integration dieser Gewürze in die tägliche Ernährung ist einfach und kosteneffektiv:
- Zimt in Haferflocken, Joghurt oder Kaffee einrühren
- Kurkuma in Suppen, Eintöpfen oder als sogenannte „Goldene Milch“ verwenden; stets mit schwarzem Pfeffer kombinieren, um die Bioverfügbarkeit zu erhöhen
- Oregano großzügig auf Gemüsegerichte, Hülsenfrüchte und Vollkornpasta streuen
- Ingwer frisch gerieben in Tees, Smoothies oder Salatdressings einsetzen
- Gewürzmischungen beim Marinieren von Fleisch und Fisch verwenden, um Lipidperoxidation beim Kochen zu mindern
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
Quellen
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