Vitamin-B12-Mangel und Frakturrisiko ab 50: Was die Studie zeigt

Gesundheitsnews, Medizin und Forschung

M.A. Dirk de Pol, aktualisiert am 3. Oktober 2026, Lesezeit: 9 Minuten

Ein Mangel an Vitamin B12 geht bei Erwachsenen ab 50 Jahren mit einem höheren Risiko für spätere Knochenbrüche einher, wie eine im September 2026 in Scientific Reports veröffentlichte Kohortenstudie aus Taiwan zeigt. Das Forschungsteam verglich anhand von Krankenakten jeweils 115.735 Menschen mit B12-Mangel und mit normalen B12-Werten, und in der Mangelgruppe traten im Beobachtungszeitraum häufiger Frakturen auf. Das Autorenteam betont jedoch ausdrücklich, dass die Daten keinen ursächlichen Zusammenhang belegen und ein B12-Mangel nicht als verlässlicher Vorhersagemarker für Knochenbrüche gelten kann.

Was die Studie untersucht hat

Es handelt sich um eine retrospektive Kohortenstudie. Die Daten stammen aus dem TriNetX Global Collaborative Network, einem Verbund elektronischer Patientenakten mehrerer Gesundheitseinrichtungen. Einbezogen wurden Erwachsene ab 50 Jahren, bei denen ein B12-Test durchgeführt worden war.

Laut dem Bericint von News-Medical fielen diese Tests in die Jahre 2016 bis 2023.

Gruppen und Vergleich

Die Teilnehmenden wurden anhand ihres B12-Blutspiegels eingeteilt. Für die Hauptanalyse wurden zwei Gruppen verglichen:

  • Mangel: 199 pg/mL oder weniger
  • Normalbereich: 300 bis 900 pg/mL

Nach Angaben des News-Medical-Berichts wurden zusätzlich Grenzwerte (200 bis 299 pg/mL) und hohe Werte (über 900 pg/mL) betrachtet.

Um die Gruppen vergleichbar zu machen, nutzten die Forschenden ein Propensity-Score-Matching. Dabei werden Personen mit ähnlichen Merkmalen, etwa bei Alter, Vorerkrankungen und Medikamenten, einander zugeordnet. Nach diesem Schritt blieben in jeder Gruppe 115.735 Personen.

Das Landmark-Design

Die Nachbeobachtung begann erst ein Jahr nach der B12-Messung. Wer bis dahin eine Fraktur erlitten hatte oder bei wem Osteoporose festgestellt worden war, wurde nicht berücksichtigt. So sollte vermieden werden, dass eine bereits bestehende Knochenerkrankung die Ergebnisse verzerrt.

Die wichtigsten Ergebnisse

Über den gesamten Analysezeitraum war der B12-Mangel mit einer höheren Hazard-Rate für Frakturen verbunden. Die Hazard Ratio (HR) betrug 1,33 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,29 bis 1,38). Das entspricht einer um 33 Prozent höheren Rate neuer Frakturen im Zeitverlauf.

Eine Hazard Ratio ist nicht dasselbe wie ein absolutes Risiko. Nach Angaben von News-Medical erlitten 7,2 Prozent der Menschen mit Mangel (8.362 Personen) eine Fraktur, in der Vergleichsgruppe waren es 6,0 Prozent (6.962 Personen).

Die statistische Annahme gleichbleibender Hazards war über die gesamte Zeit nicht erfüllt. Deshalb führte das Team eine Sensitivitätsanalyse für die Jahre 1 bis 5 durch, die ein ähnliches Bild ergab (HR 1,37; Konfidenzintervall 1,32 bis 1,42).

Weitere Auswertungen

In explorativen Analysen zeigten sich ähnliche Tendenzen bei Osteoporose, osteoporotischen Frakturen, Frakturen der unteren Extremitäten sowie bei Stürzen und wiederholten Stürzen. Laut News-Medical lag der Anstieg zwischen 22 Prozent (Osteoporose ohne Fraktur) und 50 Prozent (wiederholte Stürze).

Auch grenzwertige und hohe B12-Werte waren dem Bericht zufolge mit einem erhöhten Frakturrisiko verbunden, allerdings schwächer. Dieses Muster spricht gegen eine einfache Beziehung nach dem Prinzip „je weniger B12, desto mehr Brüche“. Der Zusammenhang war zudem bei 50- bis 65-Jährigen stärker als bei Älteren; die Autoren werten das als Hinweis für weitere Forschung, nicht als gesichertes Ergebnis.

Warum Vorsicht geboten ist

Die Studie ist beobachtend. Sie kann zeigen, dass beide Merkmale gemeinsam auftreten, aber nicht, dass der Mangel die Brüche auslöst. Mehrere Punkte schränken die Aussagekraft zusätzlich ein:

  • Getestete Personen: Alle Teilnehmenden hatten aus klinischen Gründen einen B12-Test erhalten. Sie unterscheiden sich womöglich von der Allgemeinbevölkerung, etwa durch Vorerkrankungen oder Gebrechlichkeit.
  • Fehlende Faktoren: Laut News-Medical lagen keine Knochendichtemessungen vor, und Faktoren wie Vitamin D, körperliche Aktivität, Muskelkraft oder Ernährung konnten nicht vollständig berücksichtigt werden.
  • Gemischte Frakturarten: Die Hauptauswertung umfasste Brüche verschiedener Körperregionen, daher ließen sich Fragilitätsfrakturen nicht zuverlässig von Unfallverletzungen trennen.
  • Unveränderte Ausgangswerte: Der B12-Status wurde nur einmal erfasst. Spätere Änderungen, etwa durch Nahrungsergänzung, flossen nicht ein.
  • Unterschiedliche Beobachtungsdauer: Laut Bericht war die Nachbeobachtung in der Mangelgruppe kürzer, die Autoren führen das auf eine höhere Sterblichkeit zurück. Die Ergebnisse beschreiben daher Menschen, die am Leben und unter Beobachtung blieben.

Die Autoren selbst nennen frühere Studien zu dem Thema inkonsistent. Außerdem können abnorme B12-Werte laut Abstract auch den allgemeinen Ernährungszustand, Begleiterkrankungen oder die Inanspruchnahme medizinischer Versorgung widerspiegeln.

Mögliche biologische Erklärungen

Warum B12 und Knochen zusammenhängen könnten, ist nicht geklärt. Der News-Medical-Bericht nennt mehrere Hypothesen: B12 und Folat sind am Stoffwechsel von Homocystein beteiligt, und erhöhte Homocysteinwerte wurden mit veränderter Kollagenvernetzung und geringerer Knochenqualität in Verbindung gebracht. Ein Mangel könnte außerdem Osteoblasten, also knochenbildende Zellen, beeinträchtigen.

Hinzu kommen neurologische Effekte wie Nervenschäden, Muskelschwäche oder Gangunsicherheit, die das Sturzrisiko erhöhen könnten. Diese Mechanismen sind plausibel, wurden in der vorliegenden Studie aber nicht überprüft. Sie bleiben Hypothesen.

Wer häufiger niedrige B12-Werte hat

Nach Daten der US-Gesundheitsbehörde NIH aus der Erhebung NHANES 2007 bis 2018 hatten rund 3,6 Prozent der Erwachsenen einen B12-Mangel, bei den ab 60-Jährigen waren es etwa 3,7 Prozent. Ein Wert unter 300 pg/mL, die sogenannte Insuffizienz, betraf etwa 12,5 Prozent der Erwachsenen. nihnih

Bei älteren Menschen schwanken die Angaben stark. Je nach Definition liegt der Anteil mit Mangel bei zu Hause lebenden Älteren zwischen 3 und 43 Prozent. Zudem können Magensäurehemmer und Metformin die B12-Werte beeinflussen. nihnih

Der NIH zufolge können viele Ältere B12 aus Nahrungsmitteln schlechter aufnehmen, weil weniger Magensäure gebildet wird. Die Behörde rät Menschen über 50 deshalb, den Großteil ihres B12 aus angereicherten Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln zu beziehen. nih

Einordnung

Die Studie liefert einen Hinweis, aber keinen Beweis. Sie hat nicht untersucht, ob eine B12-Gabe das Frakturrisiko senkt; dafür wären laut den Autoren prospektive Studien nötig. Wer Fragen zu seinen eigenen B12-Werten oder zum Knochenbruchrisiko hat, sollte diese mit der Hausärztin oder dem Hausarzt klären.

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem medizinischen Thema, einem Gesundheitsthema oder einem oder mehreren Krankheitsbildern. Dieser Artikel dient nicht der Selbst-Diagnose und ersetzt auch keine Diagnose durch einen Arzt oder Facharzt. Bitte lesen und beachten Sie hier auch den Hinweis zu Gesundheitsthemen!

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was bedeutet eine Hazard Ratio von 1,33 konkret?

Die Hazard Ratio (HR) vergleicht, wie schnell in zwei Gruppen ein Ereignis eintritt, hier eine neue Fraktur. Ein Wert von 1,33 heißt, dass die Rate neuer Frakturen in der Mangelgruppe im Beobachtungszeitraum um 33 Prozent höher lag als in der Vergleichsgruppe. Das ist keine Aussage über das persönliche Risiko eines einzelnen Menschen. Nach Angaben von News-Medical erlitten 7,2 Prozent der Mangelgruppe und 6,0 Prozent der Vergleichsgruppe eine Fraktur, der Unterschied in den rohen Anteilen beträgt also rund 1,2 Prozentpunkte.

Verursacht ein Vitamin-B12-Mangel Knochenbrüche?

Das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Beobachtet wurde ein Zusammenhang, doch das Autorenteam schreibt ausdrücklich, dass die Ergebnisse keinen kausalen oder prädiktiven Zusammenhang belegen. Trotz umfangreicher Anpassung können nicht erfasste Faktoren das Ergebnis beeinflusst haben.

Wie versuchten die Forschenden, Verzerrungen zu verringern?

Sie kombinierten mehrere Methoden. Beim Propensity-Score-Matching wurden Personen mit ähnlichen Merkmalen wie Alter, Vorerkrankungen und Medikamenten einander zugeordnet. Das Landmark-Design stellte sicher, dass zu Beginn der Nachbeobachtung weder eine Fraktur noch Osteoporose noch wiederholte Stürze vorlagen. Zusätzlich dienten Kontrollergebnisse der Plausibilitätsprüfung: Laut News-Medical war ein erhöhter Homocysteinwert (positive Kontrolle, hier ein Zusammenhang erwartet) mit einer um 41 Prozent höheren Hazard-Rate verbunden, ein Lipom (negative Kontrolle, hier kein Zusammenhang erwartet) dagegen nicht. Diese Befunde sind explorativ und schließen eine verbleibende Verzerrung nicht aus.

Hat der B12-Mangel vor allem Brüche durch Osteoporose begünstigt?

Das lässt sich nicht sagen. Die Hauptauswertung umfasste Brüche verschiedener Körperregionen und konnte laut Bericht nicht zuverlässig zwischen Fragilitätsfrakturen und Unfallverletzungen unterscheiden. Auch bei Osteoporose, osteoporotischen Frakturen, Stürzen und wiederholten Stürzen zeigten sich in explorativen Analysen ähnliche Tendenzen. Dem Bericht zufolge reichte der Anstieg von 22 Prozent (Osteoporose ohne Fraktur) bis 50 Prozent (wiederholte Stürze). Ein genauer Mechanismus lässt sich daraus nicht ableiten.

Gab es Unterschiede zwischen Altersgruppen oder Untergruppen?

Laut News-Medical war der Zusammenhang bei 50- bis 65-Jährigen stärker als bei Menschen über 65. In anderen Untergruppen (Geschlecht, Adipositas, Einnahme von Protonenpumpenhemmern oder Metformin) zeigte sich kein solcher Unterschied. Das Autorenteam wertet diese Beobachtung als explorativ und hypothesengenerierend, also als Anstoß für weitere Studien, nicht als gesichertes Ergebnis.

Senken B12-Präparate das Frakturrisiko?

Das wurde in dieser Studie nicht geprüft, und ich kann es auf Grundlage der vorliegenden Daten nicht bestätigen. Die Autoren halten dafür weitere prospektive Studien für nötig. Solche Studien würden eine B12-Gabe gezielt mit Frakturen als Ergebnis untersuchen.

Warum waren auch hohe B12-Werte mit mehr Frakturen verbunden?

Laut News-Medical zeigten sich auch bei grenzwertigen und hohen Werten erhöhte Hazards, aber schwächer als beim Mangel. Dieses Muster spricht gegen eine einfache Dosis-Wirkungs-Beziehung. Als mögliche Gründe nennt der Bericht zugrunde liegende Erkrankungen, Supplementierung oder häufigere Arztkontakte. Belegt ist keine dieser Erklärungen.

Gelten die Ergebnisse für alle Menschen über 50?

Nein. Sie betreffen Personen, bei denen ein B12-Test durchgeführt wurde und die bis zum Beginn der Nachbeobachtung frei von Fraktur, Osteoporose und wiederholten Stürzen waren. Menschen, die nie getestet wurden, können sich in Ernährung, Gesundheitszustand und Gebrechlichkeit unterscheiden. Zudem schlossen die Forschenden Personen mit mehreren knochenrelevanten Erkrankungen und mit kürzlich überstandener schwerer Krankheit aus.

Quellen

Hung, K.-C., Yang, C.-P., Chang, L.-C., Pang, Y.-L., & Chen, J.-Y. (2026). Vitamin B12 status and long-term fracture risk in a multicenter propensity score–matched cohort. Scientific Reports. https://doi.org/10.1038/s41598-026-74010-8

National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements. (o. J.). Vitamin B12: Fact sheet for health professionals. https://ods.od.nih.gov/factsheets/VitaminB12-HealthProfessional/

National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements. (o. J.). Vitamin B12: Fact sheet for consumers. https://ods.od.nih.gov/factsheets/VitaminB12-Consumer/

Thomas, L. (2026, 2. Oktober). Vitamin B12 deficiency was linked to higher fracture hazard after 50. News-Medical. https://www.news-medical.net/news/20261002/Vitamin-B12-deficiency-was-linked-to-higher-fracture-hazard-after-50.aspx

Darmbakterien und psychopathische Persönlichkeitszüge Mikrobiota-Studie zur Darm-Hirn-Achse

Darmbakterien und psychopathische Züge: Was eine neue Studie zeigt

Psychopathische Züge und ihre Verbindung zu Darmbakterien: Eine spannende Studie und ihre Ergebnisse im Fokus....

Rizinusöl in Glasflasche mit Rizinussamen Wirkung, Nebenwirkungen und Studienlage

Rizinusöl: Was die Studien zu Wirkung, Haaren und Risiken zeigen

Rizinusöl: Was die Studien zu Wirkung Haaren und Risiken zeigen und welche gesundheitlichen Vorteile belegt sind....

Herzgesunde Ernährung: Mediterrane Kost mit Gemüse, Obst, Vollkorn, Nüssen und Olivenöl für die Herzgesundheit

Herzgesunde Ernährung: Das Gesamtmuster zählt mehr als Nährstoffe

Schützen Sie Ihr Herz mit herzgesunder Ernährung. Finden Sie heraus, wie Ernährungsmuster wichtiger sind als Nährstoffanteile....

Frisches ganzes Obst und ein Glas Fruchtsaft auf einem Tisch als Symbol für Ernährung und Herz-Kreislauf-Gesundheit

Weniger Obst bei Herzerkrankungen: Was die US-Umfrage wirklich zeigt

Die US-Umfrage zeigt weniger Obstkonsum bei Herzerkrankungen. Lesen Sie mehr über die Ergebnisse und deren Bedeutung....

Vererbte EGFR-Variante T790M und Lungenkrebs bei Nichtrauchern Genetik, Häufigkeit und Herkunft

Lungenkrebs bei Nichtrauchern: Vererbte EGFR-Variante im Fokus

Lungenkrebs bei Nichtrauchern: Die vererbte EGFR-Variante T790M zeigt interessante Zusammenhänge laut aktueller Forschung....